Bei einer Beschäftigung mit der Darstellung schulischen Unterrichts und der Ausbildung generell im Mittelalter, stößt man schnell auf das wohl bekannteste Werk Gottfrieds von Straßburg: "Tristan und Isolde". Wie bereits Kurt Ruh feststellte, beschäftigt er sich "ausführlicher als irgendein Erzähler der Zeit mit Erziehung und Bildung seines Helden"1. Gerade aus diesem Grund ist es von Interesse, sich einmal näher anzusehen, wie genau er dies tut.
Um diese Betrachtung nicht nur auf ein einzelnes Werk zu beschränken, befasst sich diese Arbeit ebenfalls mit der Darstellung der Ausbildung des Gregorius im gleichnamigen Werk von Hartmann von Aue. Eine Behandlung dieser beider Werke ist vor allem aufgrund des etwa gleichen Zeitpunktes ihres Erscheinens ("Tristan und Isolde" ist auf ca. 1210 datiert, "Gregorius" auf einen Zeitraum von 1187 bis 1197) interessant, da hier die gleichen geschichtlichen Überlieferungen als Grundlage genutzt werden können.
Nach einer kurzen Inhaltsangabe der beiden untersuchten Werke erfolgt die Beschäftigung mit der ersten Phase der Kindheit, in der die Erziehung noch im Elternhaus stattfindet, um anschließend näher auf die zweite Phase der Kindheit und ihre Darstellung sowie die Erlangung des Rittertums durch die beiden Hauptcharaktere in den vorliegenden Werken einzugehen. Abschließend folgt noch eine Betrachtung der Situation, in der Tristan, der zuvor selber eine breitgefächerte Ausbildung genossen hat, selbst zum Lehrer wird. Um den geschichtlichen Kontext dieser Erzählungen zu definieren, werden die Ausführungen durch Ergänzungen aus der Geschichtswissenschaft zur Ausbildungssituation der betreffenden Zeit ergänzt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Werke
1.1 Inhaltsangabe Gregorius
1.2 Inhaltsangabe Tristan
2. Die erste Phase der Kindheit
2.1 Der historische Hintergrund
2.2 Gregorius' Erziehung
2.3 Tristans Erziehung
3. Die zweite Phase der Kindheit
3.1 Der historische Hintergrund
3.1.1 Die Sieben Freien Künste
3.2 Tristans Erziehung
3.3 Gregorius Erziehung
3.3.1 Kindheit im Kloster
3.3.2 Gregorius im Kloster
4. Die Erziehung zum Ritter
4.1 Der historische Hintergrund
4.2 Tristans Weg zum Rittertum
4.3 Gregorius' Weg zum Rittertum
5. Tristan wird zum Lehrer
5.1 Die Erziehung des Adels
5.2 Tristan unterrichtet Isolde
Schluss
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung schulischer und allgemeiner Ausbildung im mittelalterlichen Kontext, basierend auf Gottfried von Straßburgs "Tristan und Isolde" sowie Hartmann von Aues "Gregorius". Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Ausbildungskonzepten der beiden Werke herauszuarbeiten und diese mit geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen zur Ausbildungssituation des 12. und 13. Jahrhunderts zu vergleichen.
- Vergleich der Ausbildung im klösterlichen Umfeld versus höfischer/weltlicher Erziehung
- Analyse der verschiedenen Lebensphasen der Protagonisten Tristan und Gregorius
- Untersuchung der Bedeutung der Sieben Freien Künste und des Rittertums
- Betrachtung von Tristan in der Doppelrolle als Schüler und Lehrer
- Kritische Einordnung literarischer Darstellungen durch historische Quellen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Sieben Freien Künste
Die Sieben Freien Künste (septem Artes Lieberales11) stellten ein wichtiges Element des mittelalterlichen Unterrichts dar, dessen Ursprünge bereits in der Antike liegen12.
Die Sieben Freien Künste waren in zwei Teile aufgeteilt, zum einen das Trivium - drei grundlegende, sprachliche Disziplinen - und das Quadrivium, das vier aufbauende, mathematische Disziplinen beinhaltete. Im besten Fall waren vor Teilnahme am Unterricht dieser Künste Elementarkenntnisse des Schreibens und Lesens erworben worden, meist jedoch mussten die Lehrer ihren Schüler auch dieses beibringen.
Das Trivium, die drei grundlegenden Disziplinen, waren die Grammatik ("die Lehre der regelgerechten Beherrschung der lateinischen Sprache"13), die Dialektik ("die Lehre von den Ordnungen der sprachlichen Argumentation"14) und die Rhetorik ("die Redekunst"15), zu der auch die Moral gehörte16. In vielen Fällen kamen die Schulen jedoch über den Grammatikunterricht kaum hinaus17.
Nach dem Trivium wurde das Quadrivium gelehrt, das, wie der Name bereits verrät, aus vier Disziplinen besteht. Zwar war der Anspruch "sämtliche Sieben Freien Künste in einem lateinischen Unterricht zu lehren18" im Mittelalter "von den kirchlichen Schulträgern programmatisch verteidigt worden19", doch genauso wie beim Trivium wurde meist nur ein kleiner Teil wirklich gelehrt, unter anderem war dies auch auf die bereits erwähnten mangelnden Kenntnisse im Lesen und Schreiben zurückzuführen.
Neben der Arithmetik waren die Astronomie, die Geometrie und die Musik die Disziplinen des Quadriviums, bei denen es sich im mittelalterlichen Verständnis um die vier mathematischen Disziplinen handelte20. Die Fächer des Quadrivium wurden ausschließlich als theoretische Disziplinen gelehrt, sie waren "nicht auf Anwendung bezogen und insofern ausschließlich Bildungswissen"21.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung begründet das Interesse an der Bildungsdarstellung in den Werken von Gottfried von Straßburg und Hartmann von Aue und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
1. Die Werke: Dieses Kapitel liefert eine komprimierte Zusammenfassung der inhaltlichen Handlungsstränge von Gregorius und Tristan als Grundlage für die nachfolgende Analyse.
2. Die erste Phase der Kindheit: Der Fokus liegt hier auf der Erziehung im häuslichen Umfeld während der ersten Lebensjahre der beiden Protagonisten.
3. Die zweite Phase der Kindheit: Es wird die schulische Ausbildung im Alter ab sieben Jahren betrachtet, inklusive historischer Hintergründe zum Trivium und Quadrivium sowie der klösterlichen Erziehung.
4. Die Erziehung zum Ritter: Dieses Kapitel behandelt die spezifische Ausbildung und das Streben nach dem Rittertum bei Tristan und Gregorius im Vergleich mit historischen Normen.
5. Tristan wird zum Lehrer: Der Fokus wechselt auf Tristans Rolle als Lehrender, insbesondere seine Unterweisung der Königstochter Isolde in einer höfisch geprägten Umgebung.
Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die unterschiedlichen Schwerpunkte der Autoren sowie den Wert der Werke als historische Quellen hervor.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Tristan und Isolde, Gregorius, Ausbildung, Erziehung, Rittertum, Klosterschule, Trivium, Quadrivium, Sieben Freie Künste, höfische Erziehung, Literaturwissenschaft, Bildungsgeschichte, Gottfried von Straßburg, Hartmann von Aue.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Ausbildung und schulischer Unterricht im Mittelalter in der Literatur, konkret in Gottfried von Straßburgs "Tristan und Isolde" und Hartmann von Aues "Gregorius", dargestellt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die kindliche Erziehung, die schulische Bildung in Klöstern, die Ritterausbildung sowie die Weitergabe von Wissen durch Privatlehrer im adeligen Umfeld.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist ein vergleichender Überblick über die Ausbildungssituation des 12. und 13. Jahrhunderts, abgeleitet aus literarischen Darstellungen und ergänzt durch geschichtswissenschaftliche Kontexte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert die literarische Analyse ausgewählter Textstellen mit einer kontextuellen Einbettung durch geschichtswissenschaftliche Literatur zur mittelalterlichen Bildungsgeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Erziehung in der frühen Kindheit, die Phase der pueritia (Schulzeit), den Übergang zur Ritterausbildung und die spätere Lehrer-Rolle Tristans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ausbildung, Rittertum, Klosterschule, Trivium, Quadrivium, höfische Erziehung und der Vergleich der beiden epischen Werke.
Wie unterscheidet sich die Ausbildung von Gregorius von der von Tristan?
Während Gregorius vornehmlich eine klösterlich geprägte, auf geistliche Zwecke ausgerichtete Erziehung erfährt, zeichnet sich Tristans Ausbildung durch eine hohe Vielseitigkeit aus, die Reisen, höfische Tugenden und ritterliche Fertigkeiten beinhaltet.
Welche Rolle spielt die "moraliteit" im Tristan-Roman?
Die "moraliteit" steht laut Autorin über allen anderen Inhalten, die Tristan Isolde lehrt, wird jedoch im Text nur vage als allgemeines höfisches Verständnis von richtigem Verhalten definiert.
Inwieweit beeinflussen historische Tatsachen die literarische Darstellung?
Die literarischen Werke dienen als Quelle, um Aspekte wie den Eintritt in das Kloster ("oblate") oder den Lehrplan der Sieben Freien Künste zu illustrieren, wobei die literarischen Darstellungen teilweise lückenhaft oder vage bleiben.
- Quote paper
- Claudia Sieber (Author), 2005, Die mittelalterliche Ausbildung in der Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77407