Nähesprachliche phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im deutschen, englischen und niederländischen Chat

Am Beispiel des Webchats auf ICQ.com


Hausarbeit, 2007

67 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Chat – Mündlich oder Schriftlich?

2. Die Protokolle

3. Phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im Chat
3.1 Pausen
3.2 Flüstern
3.3 Großschreibung und Iterationen
3.4 Soundwörter
3.5 Tilgungen
3.6 Reduktionen
3.7 Assimilationen
3.8 Dialekt, Soziolekt und Ideolekt
3.9 Alternative Orthographie

Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang
Deutsches Chat-Protokoll
Englisches Chat-Protokoll
Niederländisches Chat-Protokoll

Einleitung

Durch die immer weiter fortschreitende Verbreitung des Internets sind in den letzten Jahren völlig neue Kommunikationsformen entstanden, die sich nicht mehr ohne Weiteres in die gewohnten Kategorien von Mündlichkeit und Schriftlichkeit einordnen lassen. Sie vermischen in mehr oder weniger großem Umfang Elemente der Distanz- mit Aspekten der Nähesprache. Zu diesen Kommunikationsformen zählt auch der Chat, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Auffällig sind hierbei die vielen nähesprachlichen Elemente, die in eine medial schriftliche und somit eigentlich der Distanzsprache nähere Umgebung übernommen werden und bereits Gegenstand einiger wissenschaftlicher Betrachtungen waren.[1]

Bisher jedoch fand diese Beschäftigung hauptsächlich auf der Basis einer einzelnen Sprache statt, zumeist Englisch oder Deutsch. Darauf aufbauend wurden die gewonnenen Erkenntnisse auf den Chat als Kommunikationsmedium zu verallgemeinern versucht, was der Vielfalt der (technischen) Variationen und dem Einfluss durch verschiedene Sprach- und Kulturkreise nur bedingt gerecht werden kann. Im Rahmen des Seminars „Sprachen der Welt“ rückt jedoch gerade dieser Aspekt in den Vordergrund: Unterscheiden sich angewandte Versprachlichungsstrategien je nach Sprache? Falls ja, inwieweit? Und gibt es Parallelen?

Die vorliegende Arbeit strebt anhand von Fallbeispielen der Webseite ICQ.com einen Vergleich der nähesprachlichen Versprachlichungsstrategien in deutschen, englischen und niederländischen Chaträumen an. Der Schwerpunkt soll hierbei auf der phonologisch-graphematischen Ebene liegen, die neben morphosyntaktischen und anderen Elementen einen guten Teil der verwendeten nähesprachlichen Mittel ausmachen. Ziel ist es, einen Überblick über Differenzen und Parallelen der verwendeten Strategien zu finden, wie sie in den einzelnen Chaträumen genutzt werden.

1. Der Chat – Mündlich oder Schriftlich?

Die Grundlage für den Chat wie wir ihn heute kennen wurde mit dem IRC (Internet Relay Chat), einer Entwicklung eines finnischen Studenten, gelegt. Durch die rasche Verbreitung des Internets wurde auch diese Kommunikationsform schnell sehr populär. Inzwischen gibt es eine Vielzahl sogenannter Chaträume; „einige tausend“ laut Haase, Huber, Krumeich und Rehm (Haase, Huber, Krumeich, Rehm 1997: 57), die sich zumeist einfach im Browser aufrufen und bedienen lassen. In ihnen befinden sich etwa „15.000 bis 20.000“ (Haase, Huber, Krumeich, Rehm 1997: 57) Nutzer weltweit gleichzeitig. Die Themenvielfalt ist nahezu unerschöpflich: Vom Projektgruppen- über den Experten-Chat bis hin zum Small Talk sind nahezu alle Themen vertreten. Nach der Auswahl eines Raumes und eines Pseudonyms kann jeder Interessierte an einem Chat teilnehmen. In den letzten Jahren fand diese Art der Kommunikation wachsende Beachtung sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaft.

Letztere befasst sich, wie bereits einführend angerissen, in vielen Fällen mit dem Versuch, diese neue Art der Kommunikation im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit einzuordnen. Die Ergebnisse, die hierbei erzielt wurden, sind relativ eindeutig: Der Chat sei „eine Mischform“, so u.a. Jens Runkehl (Runkehl 1998: 72), „die sowohl der Sprechsprache als auch der Schriftsprache ähnlich“ sei (Runkehl 1998: 72). Yvonne Rittgeroth sieht Chat-Kommunikation ebenfalls als eine nicht ganz einfach einzuordnende Form der Kommunikation, wenngleich sie eine etwas andere Terminologie verwendet: Der Chat, so Rittgeroth, weist „eine auffällige Tendenz zur Orientierung der Textproduktion an offensichtlich nähesprachlichen Produktionsgewohnheiten [auf, obwohl er] zunächst mehr Kriterien der Distanz als [der] Nähe erfüllt“ (Rittgeroth 2002: 9). Somit lässt sich „Chat-Kommunikation [nicht] eindeutig einem der beiden Pole“ zuordnen (Rittgeroth 2002: 9), sondern befindet sich vielmehr auf einem Kontinuum zwischen diesen beiden Punkten.

Wie bereits hier deutlich wurde, erfolgt bei der Einordnung des Chats in der Literatur eine terminologische Gleichsetzung von gesprochener mit Nähesprache und geschriebener mit Distanzsprache. Um die genannten Begriffe jeweils synonym gebrauchen zu können, müssen sie konzeptionell definiert und vom Medium unabhängig verstanden werden (Vgl. Koch und Oesterreicher 1994). Somit liegen bei so definierter gesprochener Sprache (Mündlichkeit) und geschriebener Sprache (Schriftlichkeit) nicht zwangsläufig die allgemein damit assoziierten Medien zugrunde sondern vielmehr eine konzeptionelle Definition dieser beiden Modi der Sprache.

Auf dieser Basis interessiert nun im Folgenden, welche Strategien der Nutzung nähesprachlicher Elemente in das textbasierte Medium auftreten. Grundlage hierfür sind Protokolle, die von Chatsitzungen angefertigt wurden.

2. Die Protokolle

Der erstellte Korpus beinhaltet jeweils 853 Beiträge aus einem deutschen, einem englischen und einem niederländischen Chat der Internetseite ICQ.com. Ausschlaggebend für die Auswahl dieser Seite war die Tatsache, dass hier im gleichen Umfeld - und damit innerhalb einer relativ homogenen Benutzergruppe - Chaträume in den gewünschten Sprachen gegeben waren. Hiermit wird die Abweichung durch zu verschiedene Benutzergruppen und abweichende technische Realisierung so minimal wie möglich gehalten.

Die untersuchten Sprachen gehören allesamt der Sprachfamilie der Indogermanischen und hier der westgermanischen Sprachen an. Diese Nähe macht eine Untersuchung einfacher, da durch sie Unterschiede, die von zu weit voneinander entfernte Sprachen verursacht werden können, ausgeschlossen werden. Aus einem sehr ähnlichen Grund fiel die Wahl auf einen britischen Chatraum statt eines alternativ zur Wahl stehenden amerikanischen. Durch die Einschränkung auf den Kulturraum Europa sollen Einflüsse durch etwaige kulturelle Unterschiede so gering wie möglich gehalten werden.

Die jeweils 853 Beiträge wurden im Rahmen von Protokollen erfasst, die mittels nicht teilnehmender Beobachtung während mehrerer Chatsitzungen der benannten Internseite erstellt wurden. Durch geringere Teilnehmerzahlen bedingt – 203 Teilnehmer im deutschen Chat, dagegen nur 105 im britischen und 41 im niederländischen – ergaben sich unterschiedliche Erfassungszeiträume (im deutschen Chat 30 Min., im britischen 83 Min. und im niederländischen 120 Min.), die jedoch für die zu untersuchenden Aspekte einer eher untergeordnete Rolle spielen.

3. Phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im Chat

In der Literatur existiert eine große Anzahl an nähesprachlichen Versprachlichungsstrategien, die der Chat als Kommunikationsform aufweisen kann. Im Folgenden sollen diejenigen der phonologisch-graphematischen Ebene näher betrachtet werden.

3.1 Pausen

Einer dieser in der Literatur genannten Punkte ist die Übertragung von Pausen in den Chat, dargestellt durch drei (oder mehr) Punkte. Pausen, eigentlich ein typisches Merkmal der Mündlichkeit , verdeutlichen in gesprochener Sprache ein Stocken in der Sprachproduktion oder auch die besondere Betonung dessen, was vor oder nach ihnen geäußert wird. Die erstere dieser Möglichkeiten jedoch kommt in der Chat-Kommunikation so gut wie nie zum Tragen. Wenn ein Benutzer zunächst nachdenken muss, bevor einen Satz tippt, tut er dies, bevor er den Satz an alle sichtbar in den Raum schickt. Die einzige Ausnahme bildet die Gattung der synchronen Chats, bei denen der Rezipient jedes Wort des Produzenten bereits bei der Produktion rezipiert und ihm somit neben Korrekturen auch Pausen nicht verborgen bleiben. Da es sich jedoch bei den hier zugrunde liegenden Protokollen nicht um synchrone Chats handelt, kann diese Besonderheit unbeachtet bleiben. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die Pausen hier mit einer bestimmten Absicht gesetzt werden. Dies kann neben dem Zweck der Betonung auch als nähesprachliche Versprachlichungsstrategie eingesetzt werden, um typisch mündliche Elemente in eine eigentlich schriftsprachliche Situation einzubringen. Die genauen Gründe hierfür können vielfältig sein, sind jedoch für die vorliegende Fragestellung nicht weiter relevant.

Bei den in den vorliegenden Protokollen auftretenden Pausen lässt sich eine Unterscheidung in drei Arten treffen: Pausen am Beginn einer Äußerung, innerhalb einer Äußerung und andere Pausen. Der in allen drei Sprachen am häufigsten auftretende Typus sind Pausen innerhalb einer Äußerung wie in Beispiel (1):

(1) <Gini13> Schon wieder ... da?

Der deutsche und der englische Chat wiesen mit elf und neun Auftreten eine relativ gleichmäßige Verteilung dieser Pausen auf. Die niederländische Variante dagegen zeigte gut die dreifache Anzahl von Pausen in der Äußerungsmitte (28 Fälle). Ein nicht mehr ganz so großer Unterschied trat bei den Pausen am Äußerungsende - wie in Beispiel (2) - auf, doch auch hier beinhaltete das niederländische Protokoll mit vierzehn Stellen mehr Pausen als das deutsche Pendant (elf Vorkommen) und sogar deutlich mehr als das britische Protokoll mit nur vier Treffern.

(2) <Ropi71> wel een mooie naam..

Neben diesen relativ weit verbreiteten Pausenarten gab es noch Typen, die ausschließlich im deutschen Chat zu finden waren. Zu ihnen gehörten die Pause am Äußerungsbeginn, wie Beispiel (3), und eine einzige Äußerung, die allein aus einer Pause bestand, wie in Beispiel (4):

(3) <Sellina_15> .mitsch is da

(4) <Tundra15> ...

Da es sich hier jeweils nur um einzelne Auftreten handelte - die Äußerung, die nur aus einer Pause bestand, war nur vier Mal vertreten – sollen diese beiden Fälle in der Analyse weitestgehend unbeachtet bleiben, da eine Vergleichbarkeit mit den beiden anderen Sprachen entfällt. Es kann jedoch festgehalten werden, dass der deutsche Chat einige wenige Sonderformen aufweist, die in den anderen Sprachen nicht vorhanden sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Pausen, egal ob am Äußerungsende oder in der Mitte einer Äußerung, im niederländischen Chat (deutlich) stärker vorhanden waren als im britischen oder im deutschen Gegenstück. Letztere beide unterscheiden sich bei den Pausen am Äußerungsende nicht signifikant; der Unterschied bei Pausen innerhalb von Äußerungen ist etwas größer, jedoch nicht so groß, dass er das Gesamtergebnis beeinflusst.

3.2 Flüstern

Eine weitere Versprachlichungsstrategie betrifft das Flüstern. In gesprochener Sprache äußert sich diese Art der Kommunikation (bei der andere Teilnehmer ausgeschlossen werden sollen) hauptsächlich durch eine veränderte Lautstärke. Diese Möglichkeit fehlt in der Chat-Kommunikation. In manchen Chats wurden bereits Kompensationsstrategien entwickelt, wie Rüdiger Weingarten beobachtete:

Befindet man sich zusammen mit anderen Personen auf einem IRC-Kanal, so möchte man gelegentlich eine Nachricht an nur eine Person schicken Diesen Befehl machen sich viele IRC-Benutzer zu Nutze, um damit eine Art Flüstern nachzuahmen.

Isegrim: 7msg Groover sag mal, haben die Janosch was in den Kaffee getan?

Zunächst erscheint ein auf den ersten Blick falsch getippter /msg Befehl , der an den Benutzer mit dem Spitznamen Groover gerichtet ist Jedoch handelt es sich hier um eine absichtliche Fehlleitung der "privaten" Nachricht an Groover in den Kanal hinein, um so eine Art Flüstern oder Tuscheln nachzuahmen. (Weingarten 1997: 79f)

Solch eine Art der Emulation des Flüsterns ist zwar nicht nur für den IRC spezifisch, fand jedoch in den vorliegenden Protokollen nicht statt. Hier wurde auf eine direktere und dem Flüstern vielleicht eher entsprechende Art versucht, die gewünschte Situation herzustellen. An dieser Stelle kommt eine Besonderheit des Chats auf der Webseite ICQ zum Tragen. Zum einen können die Teilnehmer anderen Chattern eine private Nachricht zukommen lassen, die in einem kleinen Fenster neben dem eigentlichen Chat-Geschehen erscheint (was einer Art Herüberbeugen und Flüstern, während die normale Kommunikation weiterläuft, gleichkommt). Daneben besteht die Möglichkeit, auf den ICQ-Client umzusteigen; ein Programm, das die direkte Kommunikation zwischen zwei Teilnehmern ermöglicht, ohne dass sie weiter am aktuell Gespräch auf der Webseite teilnehmen. Auf beide Möglichkeiten wird oftmals durch eine Bemerkung in der Art von Beispiel (5) verwiesen:

(5) <bubba> frau hier ab 35 bitte privat melden

Hierbei zeigte sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den einzelnen Sprachen. Während im deutschen Chat ganze 99 Bitten um eine private Unterhaltung auftraten – allesamt Kontaktgesuche wie im obigen Beispiel – war dies im englischen Chat nur 23 Mal der Fall. Im niederländischen Chat trat solch eine Einladung nur ein einziges Mal auf – von einem deutschen Chatter, der sich mehr oder weniger verirrt zu haben schien. Zu erklären wäre dieser große Unterschied durchaus auch durch die unterschiedliche Anzahl an Teilnehmern. Der deutsche Chat, der bei weitem die meisten Besucher hatte, machte es schwierig, Gespräche aufzubauen, ohne dass diese von anderen Chattern unterbrochen wurden. Dies zeigte sich auch darin, dass jeder der über 200 Teilnehmer im Durchschnitt nur etwa 4 Äußerungen tätigte. Der niederländische Chat dagegen fand in einer relativ überschaubaren Runde mit guten 20 Wortmeldungen je Teilnehmer statt. In solch einer Runde ist bereits in der Chatumgebung ein Gespräch möglich, so dass dieses nicht mehr auf einen Punkt außerhalb des Raumes verlegt werden muss. Der britische Chat lag mit der Anzahl der Bitten um ein privates Gespräch (23 Fälle), der durchschnittlichen Anzahl von acht Äußerungen und der Anzahl der Teilnehmern - nur die Hälfte derer seines deutschen Gegenstücks - erwartungsgemäß in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen.

3.3 Großschreibung und Iterationen

Sozusagen das Gegenstück zum leisen Flüstern bildend, gibt es im Chat unter anderem ebenfalls die Möglichkeit, eine nach oben veränderte Lautstärke zu verdeutlichen. Mit Hilfe von Großschreibung und Iterationen gelingt es, den „sprechsprachlichen Parameter Lautstärke“ (Runkehl 1998: 99) sowie darüber hinaus „Dehnungen und Intonationsstrukturen“ (Runkehl 1998: 99) in eine Umgebung zu transferieren, die im Normalfall ohne Intonation auskommen muss. Somit können die Chatteilnehmer „lautes Sprechen bzw. Schreien“ (Bakach 2001: 70) ersetzen oder „starke Verwunderung“ (Bakach 2001: 70) ausdrücken. Beispiel (6) zeigt eine Verbindung von Großschreibung und zwei verschiedenen Arten der Iteration, zum einen die der Buchstaben und zum anderen die des Satzzeichens:

(6) <schlumphiehh> EMOOO?????

Unter den vorliegenden Protokollen zeigt der deutsche Chat den intensivsten Gebrauch der Großschreibung als Mittel zur Anzeige der Anhebung von Lautstärke, ganze 97 Male wird diese Strategie genutzt. Der britische und der niederländische Chat dagegen lagen weit hinter ihrem deutschen Gegenstück, unterschieden sich dann jedoch mit vierzehn und neun Vorkommen nicht signifikant voneinander. Wie bereits beim Flüstern liegt hier die Vermutung nahe, dass dieser massive Unterschied durch die Anzahl der Chatteilnehmer begründet ist. Der deutsche Chat, der die höchste Anzahl an Teilnehmern aufweist, bringt eher die Notwendigkeit mit sich, sich ‚Gehör zu verschaffen’, d.h. durch die Steigerung der Lautstärke – hier ja durch die Großschreibung gekennzeichnet – die anderen Teilnehmer zu übertönen. Hierfür sprechen auch die geringeren Zahlen des britischen und des niederländischen Chats, die entsprechend weniger Teilnehmer aufweisen.

Eine sehr ähnliche Tendenz zeigt sich bei der Iteration von Fragezeichen, die zumeist Verwunderung oder eine mit Dringlichkeit gestellte Frage verdeutlichen sollen. Traten hiervon im deutschen Chat noch ganze 70 Fälle auf (plus zwei, in denen die Äußerung ausschließlich aus Fragezeichen besteht – wahrscheinlich, um Ratlosigkeit o.ä. zu verdeutlichen – siehe Beispiel (7)), waren es im englischen Chat nur zwei, im niederländischen nur drei.

(7) <Holly_523> ???

Nicht anders sieht es bei der Iteration von Ausrufezeichen (zur besonderen Betonung einer Aussage) aus. Der deutsche Chat zeigte wieder ein vermehrtes Auftreten (47 Vorkommen) – wenngleich auch geringer als das der Fragezeichen-Iterationen - im Gegensatz zu seinen englischen (11) und niederländischen (6) Pendants. Auch die Reihenfolge blieb hier gleich, der am schwächsten besuchte niederländische Chat benötigte die wenigsten Mittel, um eine geänderte Lautstärke anzuzeigen.

Ein wiederum vollkommen anderes Bild zeigte sich bei der Iteration von Buchstaben, wie sie bereits in Beispiel (6) zu sehen ist. Hier fanden sich im niederländischen Chat mit 40 Vorkommen bei weitem die meisten Iterationen von Buchstaben – zumeist zur Markierung der Länge einer Äußerung genutzt – währenddessen der deutsche und der englische Chat mit 35 und 14 Vorkommen nicht mehr so signifikant weit auseinander lagen, wie es bisher der Fall war. Eine Erklärung für dieses Phänomen ist ohne weitere, tiefergehende Untersuchungen nur schwer zu finden. Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass dies unter anderem durch die Vertrautheit der Kommunikationspartner bedingt sein kann. Wie die Beispiele (8) und (9) zeigen, tritt diese Iteration zumeist in einem fast schon freundschaftlichen Kontext auf, wie er zwischen einer kleineren Gruppe eher aufkommen kann als in einem Chatraum mit 200 Besuchern, die alle auf einmal reden möchten:

(8) <DOGBear> hey anemieke, knuffsss

(9) <Mister_X> hoi Wolfje kussssssssss

Dies ist natürlich keine Erklärung dafür, dass der deutsche Chat mit den meisten Teilnehmern eine höhere Anzahl an Buchstaben-Iterationen aufweist als der englische, der nur die Hälfte der Besucher beherbergte. Hier könnte das vermehrte Auftreten durch eine andere Art des emotionalen Kontextes (ein überfüllter Raum voller Hektik etc.) bedingt sein, was wieder zu einer Gemeinsamkeit zwischen dem niederländischen und dem deutschen Chat führen würde.

3.4 Soundwörter

Ebenfalls zur Verdeutlichung paraverbaler Eigenschaften dienen die sogenannten Soundwörter die zumeist in Asteriske[2] gesetzt werden. Sie kennzeichnen, „was in einem mündlichen Gespräch durch eine spezielle Emphase des Wortes erfolgen würde“, so Rüdiger Weingarten (Weingarten 1997: 68). Die vorliegenden Protokolle weisen eine verschwindend geringe Anzahl dieser Soundwörter auf, eines des wenigen Vorkommen findet sich in Beispiel (10):

(10) <DerEngel> lala lala lalaaa... *sünging*

Der Teilnehmer <DerEngel> zeigt hiermit, dass die Äußerung „lala lala lalaaa“ als gesungen verstanden werden soll. Außer diesem Beispiel fand sich im deutschen Protokoll nur noch ein weiteres Vorkommen, im englischen und niederländischen sogar gar keines. Verbreiteter waren Soundwörter, die nicht im engeren Sinne die Prosodie verdeutlichen, sondern eher redeerscheinende Elemente beschrieben, wie etwa ein Kichern – Beispiel (11)

(11) <DerEngel> *kicher*

Da dies jedoch nicht im strengen Sinne der phonologisch-graphematischen Ebene zuzuordnen ist, sind diese Beispiele für diese Untersuchung weniger von Interesse. Festzuhalten bleibt hier, dass durch das nahezu vollkommene Fehlen dieser Elemente kein signifikanter Unterschied zwischen den einzelnen Sprachen besteht.

3.5 Tilgungen

Ein weiteres Merkmal gesprochener Sprache sind Tilgungen wie beispielsweise das bei der Aussprache oftmals fehlende e bei Worten wie „habe“ (ausgesprochen „hab“) (Vgl. Bakach 2001: 39). Dieses Phänomen, so Runkehl, ist „typisch für die Sprechsprache“ (Runkehl 1998: 102), auch wenn die Häufigkeit je nach Dialekt ein wenig variiert. Und auch im Chat existieren solche Tilgungen, wie die Beispiele (12), die Tilgung des t von „ist“, (13), die Tilgung des a von „afraid“, und (14), die Tilgung des en des Wortes „gisteren“ zeigen:

(12) <Borusse> Wo is der FCE

(13) <wakefieldman> yeah fraid so

(14) <jos55> kheb niks gezien gister

Bei Tilgungen lassen sich, ähnlich wie bei den Pausen, verschiedene Arten ausfindig machen. In allen drei Sprachen fand sich die Tilgung von Auslauten, wenn auch der deutsche Chat die höchste Anzahl aufweist. Hier treten 43 Tilgungen (der Buchstaben t, l, ch, e, n, d) auf, im englischen Chat dagegen waren es nur acht (mit den Buchstaben e, g, s, y, t, h), im niederländischen gar nur vier (t, en). Die Erklärung für diese Unterschiede könnte in der Struktur der Sprachen begründet liegen, was jedoch eine genauere Untersuchung erforderte, die den vorliegenden Rahmen bei weitem überschreiten würde. Des weiteren trat eine Art der Tilgung auf, die nur im deutschen und englischen Chat aufzufinden war: Die Tilgung von Anfangsbuchstaben. Die deutschsprachigen Teilnehmer neigten dazu, Worte wie „einer“ in „ner“ oder auch „eine“ in „ne“ zu verkürzen (fünf Fälle), die Briten dagegen ließen – wie in Beispiel (13) zu sehen - einmal das a vor „afraid“ weg. Jedoch ist dieser Unterschied nicht signifikant bei einer Anzahl von 497 (im deutschen Chat) zu 288 Phänomenen (im englischen Chat) auf der phonologisch-graphematischen Ebene. Darüber hinaus gab es eine Art der Tilgung wie in Beispiel (15), die nur um englischen Protokoll zu finden war:

(15) <Suzanne_45_215> u just feel n relax

Hierbei wurden bei dem Wort “and” sowohl der Anfangsbuchstabe als auch das Ende getilgt. Diese Art der Tilgung tauchte mit elf Auftreten nicht viel öfter auf als die anderen Arten, doch im deutschen und niederländischen Protokoll findet sich nichts vergleichbares. Trotzdem setzt sich die Tendenz, die sich bereits bei der Tilgung der Endbuchstaben abzeichnete, auch im Gesamtbild fort. Zwar sind die Unterschiede nicht so groß wie bei anderen Formen nähesprachlicher Versprachlichungsstrategien, doch der deutsche Chat weist eine deutlichere Neigung zur Tilgung von Buchstaben auf als es seine englischen und niederländischen Gegenstücke tun.

3.6 Reduktionen

In eine ähnliche Kategorie wie die Tilgungen fallen die in der gesprochenen Nähesprache oft verwendeten Reduktionen. Sie äußern sich in der Auslassung von Lauten, welche im Chat analog durch eine Auslassung von einzelnen Buchstaben vorgenommen wird, wie es auch Beispiel (16) zeigt:

(16) <Tundra15> naja ebn

Statt der korrekten distanzsprachlichen Schreibung „eben“ geschieht hier eine Reduzierung um das zweite e auf „ebn“, was in der gesprochenen Sprache einer Minderung des Sprechaufwandes gleich kommt. Hier zeigte sich zwischen den einzelnen Sprachen kein wirklich großer Unterschied. Im deutschen Chat existieren im vorliegenden Protokoll nur Reduktionen von der Art wie die in Beispiel (16), bei der bei einem abschließenden –en das e wegfällt. Diese traten acht Mal auf, eine vergleichsweise geringe Anzahl. Der britische Chat zeigte eine ähnliche Tendenz zur Tilgung von Buchstaben, hier gab es nur zwei Fälle, in denen, wie in Beispiel (17), ein e in der Wortmitte getilgt wurde:

(17) <^Deep_Spirit^> thatll make a diffrence i should think

Der niederländische Chat wies ebenfalls keine größere Anzahl an Reduktionen auf (vier Fälle), auch wenn hier mit dem Wegfallen von ij und n – beides in Beispiel (18) zu sehen – zwei verschiedene Buchstaben auftraten, die innerhalb eines Wortes reduziert werden können.[3]

(18) <Wolfje> ik heb een aageboren spieraandoening in mn rechter schouder

3.7 Assimilationen

Eine weitere typische Eigenschaft nähesprachlicher Kommunikation sind Assimilationen, bei denen eine „Verschmelzung zweier Wortarten“ (Bakach 2001: 38), „z.B. aufeinander folgender Pronomina und Verben“ (Bakach 2001: 38), stattfindet. Solche Assimilationen treten in einer großen Vielfalt in den vorliegenden Protokollen auf, wie die Beispiele (19), (20) und (21) veranschaulichen:

(19) <Tundra15> und wie gehts dir so?

(20) <SpoogeMcMuffin> were not done

(21) <jos55> kheb niks gezien gister

Hierbei zeigten sich im englischen Chat bei weitem die meisten Assimilationen, die eine Vielfalt an Konstrukten aufwiesen. Besonders häufig waren hier die verschiedenen Formen des Verbs „to be“ einbezogen, wie bereits in Beispiel (20) zu sehen war. Diese Art der Assimilation trat ganze 54 Mal auf. Ebenfalls relativ oft gab es Assimilationen unter Einbeziehung der Negation (15 Fälle). Zu beachten ist hier allerdings, das im Englischen bereits in der Distanzsprache eine gewisse Tendenz zu Assimilationen solcher Art zu beobachten ist, so dass es sich hier nicht um eine ausschließlich nähesprachliche Besonderheit handelt. Vielmehr dient das nicht assimilierte „I am“ oftmals dazu, eine Aussage zu betonen[4]. Ähnlich verhält es sich mit den Assimilationen in die have (drei Fälle), would/could (ein Fall) und will (drei Fälle) einbezogen wurden. „Wanna“ (ein Zusammenschluss aus „want to“, zehn Fälle) und Assimilationen unter Einbeziehung von „to do“ - zwei Auftreten, wie in Beispiel (22) - dagegen lassen sich recht eindeutig der nähesprachlichen Ausprägung des Englischen zuordnen:

(22) whats it mean in the status nick server julie or madcow

Assimilationen im deutschen und niederländischen Chat dagegen beschränkten sich zumeist auf Konstruktionen mit Personalpronomen wie es, du und ik. Beispiele hierfür sind (23) und (24):

(23) <spider-w> wie gehts ?

(24) <jos55> kheb niks gezien gister

Generell traten hier weniger Assimilationen auf als im englischen Chat. Waren es dort noch ganze 88 Fälle, in denen Worte assimiliert wurden, wies der deutsche Chat nur 15 Fälle auf, der niederländische sogar nur den einzelnen Fall aus Beispiel (24).

3.8 Dialekt, Soziolekt und Ideolekt

Die bereits behandelten Tilgungen und Reduktionen stellen einen Teil der Nähesprache dar, der sich besonders in Dialekten äußert. Doch auch andere sowohl dialektale als auch sozio- und ideolektale Elemente finden im Chat Verwendung: „In der [...] elektronisch vermittelten Unterhaltung wird regionale Umgangssprache [...] zum Teil mit phonetischer Orthographie [...] ins Schriftbild gesetzt“ (Schmidt 2000: 69).

Besonders in den Fremdsprachen Englisch und Niederländisch ist eine zuverlässige Trennung von Dialekt, Soziolekt und Ideolekt schwierig. Der Einfachheit halber – und da eine Unterscheidung für die verfolgte Fragestellung nicht relevant ist -, sollen diese Varietäten hier ohne weitere Differenzierung in einem Abschnitt zusammengefasst werden.

Der deutsche Chat wies mit neun Arten des dialektalen Einflusses und insgesamt 37 Fällen die größte Häufigkeit auf. Der englische Chat beinhaltete nur 18 Vorkommen mit sieben verschiedenen Ausprägungen, der niederländische gar nur sieben Fälle mit drei Ausprägungen. Die Beispiele (25) bis (30) veranschaulichen für den deutschen, den englischen und den niederländischen Chat einige der vielfältigen Einflüsse:

(25) <lunar-eclipse> körpergrösse geistige is dann wat anners [Gangster_9342]

(26) <Sellina_15> uuuuf nisch weine

(27) <petite_rose> wheres ma baby?

(28) <hot_brunet> becos u sed i was ur friend

(29) <Rollo_46_M_NL> neuh ben op msn aan het kletsen

(30) <Mel41> 4 weken achtereen ? aawww neej,

3.9 Alternative Orthographie

Eine weitere Besonderheit des Chats ist eine alternative Schreibweise einiger Wörter. Diese Schreibweise steht meist in einem einfacheren, direkteren Zusammenhang mit der Aussprache. Diese bleibt identisch, doch die Orthographie ändert sich, wie die Beispiele (31) und (32) zeigen:

(31) <Harry_Potter> how r u?

(32) <tootsietoes_550> all new madcow i dont no

Dieses Phänomen unterscheidet sich durch die gleichbleibende Aussprache ein wenig von den bisher behandelten Punkten. Durch den direkten Zusammenhang zwischen Aussprache und Schriftform bewegt es sich jedoch auf jeden Fall im Bereich der phonologisch-graphematischen Ebene. Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass die alternative Schreibweise durch Unkenntnis der korrekten entsteht, die Häufigkeit des Auftretens dieser Besonderheit jedoch spricht eher dagegen. Um den genauen Charakter zu erforschen, wäre sicherlich eine weitaus umfangreichere Untersuchung mit einer eigenen Fragestellung angebracht.

Durch das vorwiegende Auftreten dieser Besonderheit im englischen Chat liegt die Vermutung nahe, dass es durch die etymologische Orthographie des Englischen begünstigt wird. Neben einigen Worten mit vielen verschiedenen Aussprachevarianten existieren Homophone, d.h. Lautketten, die auf vielerlei Art vorschriftlicht werden können. Solche Homophone existieren im Deutschen und im Niederländischen ebenfalls, durch die phonetische bzw. sogar phonematische Orthographie jedoch bei weitem nicht in dem Umfang, wie es im Englischen der Fall ist.

[...]


[1] Zu diesen Betrachtungen zählen u.a. die im Literaturverzeichnis genannten Werke von J. Ruhnkehl , R. Weingarten oder auch G. Schmidt.

[2] Ein Asterisk ist das Zeichen *, das wie in *sing* um die Soundwörter gesetzt wird, um diesen vom Rest der Äußerung abzuheben.

[3] Der Buchstabe „ij“ wird im Niederländischen inzwischen in vielen Fällen als Ligatur angesehen, so dass hier, genau wie im deutschen und englischen Chat, jeweils nur ein Buchstabe entfällt und nicht zwei auf einmal.

[4] Ein Beispiel wäre der Satz „I am responsible“, etwa mit „Ich bin sehr wohl verantwortungsbewusst“ zu übersetzen, im Gegensatz zu „I’m responsible“ („Ich bin verantwortungsbewusst.“)

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Details

Titel
Nähesprachliche phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im deutschen, englischen und niederländischen Chat
Untertitel
Am Beispiel des Webchats auf ICQ.com
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Sprachen der Welt
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
67
Katalognummer
V77409
ISBN (eBook)
9783638897679
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nähesprachliche, Versprachlichungsstrategien, Chat, Sprachen, Welt
Arbeit zitieren
Claudia Sieber (Autor), 2007, Nähesprachliche phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im deutschen, englischen und niederländischen Chat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77409

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