Das Seiende bei Parmenides, Platon und Aristoteles

Ausfahrt ins Denken


Seminararbeit, 2006

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Parmenides (540-470 oder 515-445 v. Chr.)

3 Platon (427 – 348/347 v. Chr.)
3.1 Biographie und Werk
3.2 Was ist das Seiende?
3.2.1 Platons Ideenlehre
3.2.2 Das Sonnengleichnis
3.2.3 Das Liniengleichnis
3.2.4 Das Höhlengleichnis
3.3 Die Erkenntnis des Seienden

4 Aristoteles (384 – 322)

5 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang: Quellenübersetzungen / ergänzende Zitate
1 Thales, Aristoteles = DK 11 A 12
2 Aristoteles, Metaphysik 990 b/1-8
3 Aristoteles, Metaphysik 990 b/12-15
4 Aristoteles, Metaphysik 991 a/12-19
5 Aristoteles, Metaphysik 999 a/8-11

1 Einleitung

Die Frage nach einem umfassenden Prinzip des Seienden stellte in der Geschichte der Philosophie als Erster Thales. Die Bemühung, Werden, Sein, Bestehen und Vergehen zu verstehen und erklären, führt ihn zu der Annahme eines einheitlichen materiellen Grundstoffs. Warum das Wasser als Urstoff alles Seienden angesehen wurde, erklärt Aristoteles in seinen Ausführungen[1] zwar nicht und vollzieht Thales’ Theorie auch nicht nach. Die Annahme des Wassers als alles bewegenden Ursprung ist aber nicht so weit entfernt von der aristotelischen Lehre eines ersten Bewegers. Und es ist in Thales’ Antwort von der Einheit in der Vielheit bereits das zu erkennen, was später als Sein und Seiendes unterschieden wird. Wird das, was Thales mit der Aufspaltung der Wirklichkeit in Wesen der Dinge und Vielheit der Dinge meint, lediglich modifiziert, wenn Platon in seiner Ideenlehre zwischen dem Sichtbaren und dem Erkennbaren[2] unterscheidet?

Während Thales und die nachfolgenden ionischen Naturphilosophen sich der Aufgabe widmeten, die Welt und die Naturzusammenhänge zu erklären, ging es Parmenides als erstem Denker darum, den Begriff des Seins bzw. des Seienden[3] zu erhellen. Diese ersten Schritte zur Ontologie markieren einen Neuanfang, bei dem diese Hausarbeit ansetzen wird.

Parmenides’ Lehre wird hier als Grundlage kurz zusammengefasst. Auf dieser zum Teil aufbauend entwickelt Platon seine Theorie des Seienden (Ideenlehre), die in dieser Hausarbeit in den Grundzügen dargestellt werden soll. Abschließend wird nach einem kurzen Abriss der Aristotelischen Philosophie vom Seienden dessen Kritik an Platons Ideenlehre in Ansätzen skizziert. Im Rahmen dieser Arbeit müssen sich die Ausführungen auf die Beleuchtung einzelner, ausgewählter Aspekte beschränken.

2 Parmenides (540-470 oder 515-445 v. Chr.)

So wie von Parmenides nur Fragmente seines Lehrgedichts Peri physeos überliefert sind, gibt es auch über seine Biographie nur spärliche Nachrichten. Seine Heimatstadt Elea in Unteritalien soll ihm einige ihrer Gesetze verdanken; Diogenes Laertios (IX, 21) berichtet, er stamme aus dem Ärztegeschlecht der Uliaden, aus „glänzendem und reichen Hause“. Ameinias, ein Pythagoreer, und auch Xenophanes werden als seine Lehrer genannt,[5] Zenon als sein Schüler. Zu seinem Zeitgenossen Heraklit vertrat er eine Gegenposition, von Platon wird er respektvoll Vater genannt.[4]

150 Zeilen – die wesentlichen Teile – ließen sich aus seiner Schrift in epischen Hexametern rekonstruieren. In mythologische Formen gekleidet und im Rahmen einer Himmelfahrt legt Parmenides seine Gedanken der Göttin Dikê in den Mund, einer Autorität im Besitz der objektiven Wahrheit, auch in Abgrenzung von altem Gedankengut, von den trügerischen Meinungen der Sterblichen. Der Schlüssel zum Grundgedanken findet sich am Schluss des Proömium im ersten Fragment:

Gleichwohl wirst du auch bezüglich dieser Meinungen verstehen lernen, dass das Gemeinte gültig sein muss, indem es alles ganz und gar durchdringt. (DK 28 B I) [in der Übersetzung von J. Mansfeld: …dass das Gemeinte gültig sein muss, insofern es allgemein ist.]

Was ist das, was alles ganz und gar durchdringt, das Allgemeine? Gemeint ist nicht das Allgemeine, das in der Gegensätzlichkeit zum Besonderen nur durch Weg­lassen und Hinzufügen von Merkmalen erreicht wird. Das ‚Eine’ ist das Seinsgesetz,[6] Wesen des Seienden, insofern es ist. Das Allgemeine, alles Durchdringende ist das Sein selbst, die Einheit in der Vielheit des Seienden. Das eine Sein steht dem vielen Seienden gegensätzlich gegenüber, und zwar einander ausschließend. Parmenides geht nicht wie Heraklit von Gegensätzen aus, die einander bedingen. Das Eine, das Unveränderliche, ist Wahrheit; das Viele, das Veränderliche, ist Trug.

Denn von Seiendem allüberall ist das Sein erfüllt! / Darum in seinem Ganzen hängt völlig mit sich es zusammen… (DK 28 B 8)

So wie es keine verschiedenen Grade des Seins gibt, das Sein nicht nur unteilbar, sondern auch unbewegt ist, bezeichnet Parmenides – und das leitet sich aus dieser Definition zwingend ab – das Sein auch als ungeworden und unvergänglich. Werden und Vergehen werden als dem Sein Widersprechendes ausgeschlossen.

Unbeweglich es ruht in den Schranken gewaltiger Bande[7], / Sein ohne Anfang und End, sind doch Entstehen und Vergehen / weit in die Ferne verscheucht, von Gewissheit und Wahrheit vertrieben. / Selbst sich gleich, verharrt es in sich und ruht in sich selber, / fest an dem nämlichen Platz… (DK 28 B 8)

Nicht auch verstatte ich dir, zu sagen oder zu denken, / dass aus Nichtsein einst Seiendes wäre entsprossen. / Weder darf man sagen noch denken: Nichtseiendes ist. / Denn was zwang, was trieb es dazu, ob eher, ob später, / in dem Nichts zu beginnen, als Sein dem Nichts zu entwachsen? (DK 28 B 7-8)

Es kann kein Werden geben, da etwas, was geworden ist, vorher nicht war. Und so kann es auch kein Vergehen geben, da dem Vergangenen dann ein Nichtsein zukäme.

Eines nur gilt: das Seiende ist, unmöglich ist Nichtsein... (DK 28 B 2)

Parmenides stellt hier dem tautologischen Satz „Das Sein ist.“ [im Prinzip[ den Satz „Das Sein ist nicht.“ gegenüber. Die Vernunft kann aber nur der Tautologie absolute Wahrheit zubilligen, nicht aber dem anderen Urteil. Mit dieser Gegenüberstellung korrespondieren die beiden Wege: „der eine, dass ist (hopôs estin) und dass nicht zu sein, nicht möglich ist“ sowie „der andere, dass nicht ist (hopôs ouk estin) und dass nicht zu sein notwendig ist“ (DK 28 B 2). Später spricht Parmenides noch von einem dritten Weg (DK 28 B 6), der auf einer Verwechslung oder Gleichsetzung von „ist“ und „ist nicht“ beruht. Die Unzulänglichkeit dieser Option ergibt sich jedoch unmittelbar aus der Ablehnung des „ist nicht“, so dass die Ablehnung dieses dritten Weges keiner weiteren Argumentation bedarf.[8]

Alles, was Parmenides entwickelt, bezieht sich auf die maßgeb­liche Einsicht, die ausschließende Disjunktion von „ist“ und „ist nicht“. Parmenides geht über den Gedanken des Widerspruchs hinaus, dass dasselbe nicht zugleich sein und nicht sein bzw. nicht zugleich so-und-so sein und nicht sein bzw. nicht zugleich so-und-so sein kann. Es geht ihm darum, dass sich „ist“ und „ist nicht“ prinzipiell ausschließen.[9]

Das verdeutlicht auch das verwendete Bild der zwei Wege der Forschung: An einer Weggabelung muss sich für einen Weg entschieden werden. Auf dem Weg der Wahrheit und Erkenntnis werden die Eigenschaften des Seienden – ganz, unteilbar und homogen, unbeweglich und kontinuierlich, weder entstanden noch vergänglich – untersucht. In Wahrheit ist alles eins, wie bereits Thales feststellt. Dieses Eine im Vielen zu sehen heißt erkennen, das Verborgene – die Art des Seienden – zu offenbaren.[10]

Der zweite Weg geht dem Nichtsein nach. Dieser Weg ist ganz und gar aussichtslos: Er führt zu nichts, weil nichts in die Sicht gelangt.[11] Warum? „Ein und dasselbe sind Denken und Sein.“ Unlösbar ist die Verbindung von Denken und Sein.[12] Das Denken gehört seinem Wesen nach dem Sein zu. Das Sein ist offenbar und anwesend, das Denken bringt sich dadurch zum Erscheinen, dass es das Sein zur Sprache bringt. Denker und Gedachtes haben somit Anteil am Sein.

Parmenides entwickelt also zwei grundlegende Gedanken: Das, was ist, kann nicht nicht sein, und nur das, was ist, kann gedacht werden. Aus diesem Ansatz leitet er die Unmöglichkeit des Entstehens und Vergehens sowie der Veränderung ab. Das eleatische Philosophieren, das sich an Parmenides’ Vorgabe orientiert, führte zu der monistischen Konsequenz, dass es nur ein einziges, räumlich und zeitlich unbegrenztes Seiendes geben kann.[13]

3 Platon (427 – 348/347 v. Chr.)

Dass dem Menschen das, was ist, auf zweierlei Weise begegnet – einmal durch als individuelle sinnliche Wahrnehmung und zum anderen im Denken als in sich identisches Allgemeines – ist eine Problematik, wie sie sich schon Parmenides stellte und der sich Platon bewusst war.[14] Wenn er der Frage nachgeht, was wahrhaft und eigentlich ist, sucht er Wahrheit als das Allgemeine im Individuellen. Die drei Gleichnisse, in denen Platon seine Philosophie der Ideen entwickelt, sind in der Politeia zu finden. Dieser Dialog beschäftigt sich vor allem mit der Gerechtigkeit und um die bestmögliche Verfassung des Gemeinwesens. Platon bemüht sich um das Wirkliche und wie es erkannt werden kann, damit nach dieser Erkenntnis des Wahren die griechische Stadtgesellschaft eingerichtet werden kann. Dies zeigt vor allem, dass sein Interesse nicht nur rein theoretisch, sondern letztlich auf die Praxis ausgerichtet und von politischer Wirksamkeit geprägt war.

Platons Denken folgt dem Wandel des Wesens der Wahrheit, welcher Wandel zur Geschichte der Metaphysik wird, die in Nietzsches Denken ihre unbedingte Vollendung begonnen hat. Platons Lehre… ist daher nichts Vergangenes. Sie ist geschichtliche ‚Gegenwart’, dies aber nicht nur als historisch nachgerechnete ‚Nachwirkung’ eines Lehrstückes, auch nicht als Wiedererweckung, auch nicht als Nachahmung des Altertums, auch nicht als bloße Bewahrung des Überkommenen. Jeder Wandel des Wesens der Wahrheit ist gegenwärtig als die längst gefestigte und daher noch unverrückte, alles durchherrschende Grundwirklichkeit der in ihre neueste Neuzeit anrollenden Weltgeschichte des Erdballs.“ (M. Heidegger, Lehre, 50)

[...]


[1] vgl. DK 11 A 12, siehe Anhang, Ziff. 1

[2] vgl. Platon, Politeia, 524 c

[3] Bei Parmenides ist noch nicht die Unterscheidung Heideggers zwischen dem Seienden und dem Sein, d. h. zwischen dem Seienden und dessen Bezug zum Sein, zu denken. Das Seiende in seiner Vielzahl ist infolge der Einheit des Seins ausgeschlossen. Darüber hinaus ist bei ihm die Unterscheidung zwischen estin, einai und eón noch recht ungenau.

[4] Es scheiden sich die Geister, ob die klassische Lebensangabe von 540 bis 445 v. Chr. auf fragwürdigen Voraussetzungen beruhen und das im Platonischen Parmenides-Dialog geschilderte große Philosophentreffen im Jahre 450 v. Chr. so stattgefunden haben könnte. Sind die präzisen Angaben – bei dem Treffen sei Parmenides im „recht fortgeschrittenen Alter“ mit ganz weißem Haar etwa 65 Jahre alt gewesen, Zenon sei 40, von „erfreulichem Aussehen“ und sein Geliebter und Sokrates „zu der Zeit noch sehr jung gewesen“ (DK 29 A 11) – chronologische Genauigkeit oder schlicht rhetorisches Mittel im Sinne eines Wahrhaftigkeitsanspruchs?

[5] vgl. Diogenes Laertios IX 21

[6] vgl. Riezler, Kurt, Parmenides. Text, Übersetzung, Einführung und Interpretation. Frankfurt am Main 1970, 12.

[7] Dass Parmenides dem Sein Grenzen zuspricht, erklärt sich daraus, dass im griechischen Denken Unbegrenztes für Unabgeschlossenheit und Unvollkommenheit steht. Das Sinnbild für Vollkommenheit ist hier die Kugelgestalt, deren perfekte Rundung ohne Anfang und Ende Unendlichkeit innerhalb von Grenzen bedeutet. Dass das Seiende von Parmenides nicht nur mit einer Kugel verglichen wird, sondern dieser allem Anschein nach auch eine stoffliche Vorstellung von dieser Kugel hatte, ist heute befremdlich. Vermutlich muss man sich mit dem Hinweis von W. Röd begnügen, das der Begriff des Immateriellen zur Zeit des Parmenides noch nicht zur Verfügung stand.

[8] vgl. Rapp, Christof, Vorsokratiker. München 1997, 107.

[9] vgl. Rapp, a. a. O., 105.

[10] vgl. Riezler, a. a. O., 13.

[11] vgl. Volkmann-Schluck, Karl-Heinz, Die Philosophie der Vorsokratiker. Der Anfang der abendländischen Metaphysik. Würzburg 1992, 71.

[12] „Denn dasselbe sind Denken und Sein“ (DK 28 B 2-3) Dieser Satz des Parmenides sagt nicht – wie Hegel –, Sein bestehe im Gedachten des sich selbst denkenden Denkens. Er sagt auch nicht – wie Plato –, das Sein sei von der Wesensart des Denkens, nämlich übersinnlicher Natur. vgl. Volkmann-Schluck, Philosophie der Vorsokratiker, a. a. O., 71.

[13] vgl. Rapp, a. a. O., 14.

[14] vgl. Mader, Johann, Von Parmenides zu Hegel. Wien 1996, 109.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Seiende bei Parmenides, Platon und Aristoteles
Untertitel
Ausfahrt ins Denken
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Kerntexte der antiken Philosophie von Parmenides bis Boethius
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V77425
ISBN (eBook)
9783638828208
ISBN (Buch)
9783656564669
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seiende, Parmenides, Platon, Aristoteles, Kerntexte, Philosophie, Boethius
Arbeit zitieren
Carola Puhle (Autor), 2006, Das Seiende bei Parmenides, Platon und Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77425

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