Diese Hausarbeit ist in drei Teile untergliedert, wobei der erste Teil einen knappen Überblick über die Entstehung der Gewerkschaftsbewegungen liefern soll. Hierbei liegt der Schwerpunkt der Darstellungen auf der Entwicklung der Arbeiterassoziationen in Großbritannien. Dort kam es im Rahmen der Industrialisierung nicht nur zu besonderen ökonomischen Entwicklungen, sondern die besonders prekäre Situation der Arbeiter förderte und forderte die Entwicklung einer neuen Form von Arbeiterassoziationen. In einem zweiten Schritten sollen ökonomische Grundannahmen, namentlich unterschiedliche Vorstellungen der Bestimmung des Lohns, analysiert werden. Diese sollen helfen zu erklären, warum es insbesondere innerhalb der sozialistischen intellektuellen Elite so unterschiedliche Einschätzungen bezüglich der Gewerkschaften gab. Es sollen in diesem Zusammenhang insbesondere die Annahmen Ferdinand Lassalles (diese decken sich in Ansätzen mit denen Proudhons) und Karl Marx herangezogen werden.
Ausgehend von diesen Darstellungen soll in einem dritten Schritt versucht werden, die Rolle der Gewerkschaften innerhalb der Theorien von Karl Marx zu bestimmen.
Als wichtige Quellen dienten insbesondere die Werke „Lohn, Preis und Profit“, „Das Elend der Philosophie“ und Abschnitte aus „Das Kapial (Band 1) von Karl Marx. Weiterhin sind die Werke „Marx und die Gewerkschaften“ von Nelli Auerbach (1922), das Buch „Doppelcharakter der Gewerkschaften“ von Rainer Zoll und die Dissertation von Rudolf Berlinger mit dem Titel „Die Gewerkschaften in der Theorie von Marx und Lenin“ aus dem Jahre 1976 zu nennen. Zur Geschichte der Arbeiter- bzw. Gewerkschaftsbewegung fand insbesondere das Werk „Dictionary of Organized Labor“ von Docherty (2004) Berücksichtigung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Genese der Gewerkschaftsbewegung in Großbritannien
2.1 Arbeiterassoziationen in vorindustrieller Zeit
2.2 Der Einfluss der Industrialisierung auf die Arbeiterbewegung in Großbritannien
3. Ökonomische Grundlagen gewerkschaftlichen Arbeitens
3.1 Das Lohnmodell nach Ferdinand Lassalle
3.2 Die Lohntheorie nach Karl Marx
3.2.1 Der Wert der Waren: Gebrauchs- und Tauschwert
3.2.2 Der Wert der Ware Arbeitskraft
3.2.3 Preis der Ware Arbeitskraft
4. Die Rolle der Gewerkschaften bei Karl Marx
4.1 Gewerkschaften und der „Kampf im Lohnsystem“
4.2 Der Widerspruch der Gewerkschaften und der „Kampf gegen das Lohnsystem“
4.3 Der politische Kampf der Gewerkschaften
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Position von Karl Marx gegenüber Gewerkschaften, um zu klären, wie diese in das marxsche System der ökonomischen und politischen Emanzipation der Arbeiterklasse integriert sind. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und welchen Stellenwert Marx gewerkschaftlichen Organisationen im Kampf gegen das kapitalistische Lohnsystem beimisst.
- Historische Genese der Gewerkschaftsbewegung in Großbritannien
- Gegenüberstellung der Lohntheorien von Ferdinand Lassalle und Karl Marx
- Analyse der Marxschen Lohn- und Werttheorie als Grundlage für gewerkschaftliches Handeln
- Die Funktion der Gewerkschaften als „Schule“ für das Klassenbewusstsein
- Das Verhältnis von ökonomischem Kampf und politischer Bewegung
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Lohnmodell nach Ferdinand Lassalle
Ferdinand Lassalle (1825-1864), ein Sohn aus bürgerlichem Hause, hatte großen Einfluss auf die deutsche Arbeiterschaft. Lassalle war erster Präsident des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) und ist damit als einer der Gründungsväter der deutschen Sozialdemokratie zu sehen. Lassalle vertrat gegenüber den Gewerkschaften eine ablehnende Position. Diese Position versuchte er durch das „eherne Lohngesetz“ zu begründen, „welches unter den heutigen Verhältnissen von Angebot und Nachfrage nach Arbeit, den Arbeitslohn bestimmt.“ Lassalle kommt zu dem Schluss, „[…] dass der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volk gewohnheitsmäßig zur Festigung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist.“ Um diesen Punkt (Existenzminimum) gravitiere der Lohn und könne sich nicht dauerhaft über diesen Durchschnitt erheben. Sollte sich der Lohn steigen und sich über einen Zeitraum über dem Existenzminimum halten, bessere sich die Situation der Arbeiter und es werden mehr Ehen geschlossen und Kinder gezeugt. Daraus folge ein Überschuss an Arbeitern und der Lohn sinke unter den zur Existenzsicherung notwendigen Durchschnittslohn. Verharrt der Durchschnittslohn unterhalb des Existenzminimums hat dies die Verelendung der Arbeiter zur Folge, aus der wiederum ein Rückgang der Geburten resultiert. In der Konsequenz führt dies zur Verknappung der Arbeitskräfte und damit zur langsamen Erhöhung der gezahlten Löhne.
Betrachtet man diese Lohntheorie, so ist es verständlich, warum Lassalle im Lohnkampf der Gewerkschaften wenig Sinn sieht, bzw. den Gewerkschaften als Ganzes ablehnend gegenübersteht. Nach Lassalle lässt sich der Lohn durch die Gewerkschaften langfristig nicht beeinflussen, da der Lohn den oben genannten, scheinbar naturgesetzlichen Regeln unterworfen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Marxismus sowie die Ausgangslage der Arbeiterbewegung und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dem Stellenwert der Gewerkschaften in der Theorie von Karl Marx.
2. Die Genese der Gewerkschaftsbewegung in Großbritannien: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von Arbeiterassoziationen in Großbritannien nach und erläutert, wie die Industrialisierung zur Notwendigkeit organisierter Interessenvertretungen führte.
3. Ökonomische Grundlagen gewerkschaftlichen Arbeitens: Hier werden die ökonomischen Theorien von Ferdinand Lassalle und Karl Marx kontrastiert, um die unterschiedlichen Einschätzungen zur Sinnhaftigkeit des gewerkschaftlichen Lohnkampfes zu erklären.
4. Die Rolle der Gewerkschaften bei Karl Marx: Das Kapitel analysiert die Funktion von Gewerkschaften im marxschen Denken, unterteilt in den täglichen Lohnkampf, die moralische Vorbereitung auf den Klassenkampf und den politischen Kampf.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass Marx Gewerkschaften als unverzichtbares Werkzeug für die Einigung der Arbeiterklasse und die Überwindung des Kapitalismus betrachtet.
Schlüsselwörter
Marxismus, Gewerkschaften, Lohnsystem, Arbeiterklasse, Klassenkampf, Industrialisierung, Kapitalismus, Lohntheorie, Mehrwert, Arbeitskraft, Ferdinand Lassalle, politischer Kampf, ökonomischer Kampf, Arbeiterbewegung, Ausbeutung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Bewertung von Gewerkschaften durch Karl Marx und hinterfragt, ob und wie diese Organisationen in seine emanzipatorische Theorie passen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die historische Entstehung der Gewerkschaften in England, die ökonomischen Grundlagen der Lohnbildung sowie die Abgrenzung marxistischer Ansätze gegenüber anderen sozialistischen Strömungen der Zeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, eine konsistente „Marxsche Gewerkschaftstheorie“ herauszuarbeiten und zu klären, welchen Stellenwert Marx Gewerkschaften bei der Überwindung des kapitalistischen Systems beimisst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine theoretische Analyse unter Rückgriff auf die Primärwerke von Karl Marx (z.B. "Das Kapital", "Lohn, Preis und Profit") sowie eine historische Kontextualisierung durch Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Lohnmodells, die Bedeutung des Kampfes innerhalb des Lohnsystems sowie die Einordnung der Gewerkschaften als Akteure des Klassenkampfes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Klassenkampf, Lohnsystem, Arbeitswerttheorie, Gewerkschaften, Ausbeutung und Emanzipation.
Worin unterschieden sich Lassalles und Marx' Sicht auf Gewerkschaften?
Lassalle sah den Lohn durch eherne Naturgesetze begrenzt und Gewerkschaften daher als wirkungslos an, während Marx den Lohn als verhandelbare Größe begriff, wodurch Gewerkschaften eine wichtige Rolle im Klassenkampf zukommt.
Wie unterscheidet Marx zwischen ökonomischem und politischem Kampf?
Analytisch trennt Marx den ökonomischen Lohnkampf von der politischen Parteiarbeit, betont aber, dass in der Praxis jeder erfolgreiche Kampf gegen das Kapital durch das Erreichen von Forderungen mit allgemeiner, gesellschaftlicher Kraft politisch wird.
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- Philipp Appel (Author), 2006, Wie revolutionär sind Gewerkschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77434