Vergleich des Romans "Solaris" von Stanisław Łem mit der Adaption Andrej Tarkowskis


Hausarbeit, 2007

22 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Stanisłav Łem und Andrej Tarkowski

2. Vergleich des Romans „Solaris“ von Stanisław Łem mit der Adaption Andrej Tarkowskis
2.1. Unterschiede im Aufbau und Mittel der Realisierung
2.2. Abweichungen in der Gewichtung des Ozeans
2.3. Die Rolle Hareys und der Familie
2.4. Der Stellenwert der Wissenschaft

3. Stanislav Lem über Andrej Tarkowski

4. Quellen

1. Stanisłav Łem und Andrej Tarkowski

Stanisłav Łems erstmals 1961 erschienenes Werk Solaris ist ein, wenn nicht sogar der Klassiker der seriösen Science Fiction. Andrej Tarkowskis 1972 veröffentlichter Film, eine Bearbeitung des Solaris - Stoffes wurde im Westen viel gefeiert als „die Antwort des Ostens auf Stanley Kubrick’s 2001- Odyssee im Weltraum,[1] und erhielt als sowjetischer Beitrag den Großen Preis der Jury in Cannes.

Die Künstler haben einige Gemeinsamkeiten: Sie stammen beide aus Staaten des ehemaligen Ostblocks, Łem wurde 1921 in Lwów (Lemberg) in Polen geboren, Tarkowski 1932 in Sawraschje bei Moskau. Beide mussten sich daher über weite Strecken mit Einschränkungen ihrer persönlichen und künstlerischen Freiheit durch das sowjetische Regime und dessen Bürokratie arrangieren. Darüber hinaus teilten sie eine Abneigung gegen die westliche, „kommerzielle“ Kunst. Weiterhin verstand sich keiner der beiden Autoren[2] als eigentlicher Vertreter und Anhänger des Science Fiction Genres. Łem äußerte sich dementsprechend in seinen Riskante(n) Konzepte(n): „Verlage, die mich in einer mit Sciencefiction etikettierten Schublade eingeschlossen haben, taten dies hauptsächlich aus merkantilen und kommerziellen Gründen, denn ich war ein hausbackener und heimwerkelnder Philosoph, der die künftigen technischen Werke der menschlichen Zivilisation vorauszuerkennen versuchte, bis an die Grenzen des von mir genannten Begriffshorizontes.“[3] Den Großteil der Werke klassischer Sci- Fi- Autoren hält er für „gefälligen, kommerzialisierten, infantilen Schund“, welcher der Science Fiction ihre Chance nehme, tatsächlich durch die Beschreibung des (Un-) Möglichen ihre gesellschaftliche Legitimierung zu finden. Łem bedient sich dennoch des Genres als Rahmen für seine Geschichten, denn eben hier sieht er eine Chance, Dinge zu behaupten, die im realistischen Roman nicht möglich wären. Das Eröffnen einer anderen Welt biete die Möglichkeit, dem Durchschnittsleser die „Kriterien der Glaubhaftigkeit“[4] zu entziehen und diesen so empfänglicher für die dahinter stehenden Botschaften zu machen. “[…][I]n Solaris I attempted to present the problem of an encounter in Space with a form of being that is neither human nor humanoid,”[5] Łem wollte in Solaris das Problem der menschlichen Erkenntnisfähigkeit thematisieren, die Verlegung der Handlung in den Weltraum ermöglicht dabei eine Diskussion des Kernthemas ohne Berücksichtigung (in diesem Falle irrelevanter) realer Gegebenheiten auf der Erde. Über die typischen Science Fiction- Motive hinaus enthält der Roman folglich solche der erlebbaren Realität und abstrakten Themen aus Wissenschaft und Philosophie, die allesamt zu einem homogenen Text verarbeitet werden. In Solaris tritt Stanisław Łems prinzipiell gesellschaftskritische Haltung als Wissenschafts- und Erkenntniskritik in Erscheinung, wobei die Kritik an der Machbarkeit und dem Verstehen der technischen Entwicklung im Kontext philosophischer Diskurse ein zentraler Bestandteil all seiner Werke ist. Łem warnt vor der Selbstüberschätzung der Menschheit und konfrontiert seine Helden im All mit alltäglichen Problemen. Zwar will er, wie jeder andere Autor auch, zunächst den Leser unterhalten, denn Unterhaltung „ist ein Wert an sich“[6], seine humorvollen Erzählungen, Essays und Romane dienen aber darüber hinaus zur Kommunikation seiner philosophischen Überlegungen.

Auch Andrej Tarkowski bekundete nie einschlägiges Interesse am Genre der Science Fiction, in seiner theoretischen Schrift „ Film als Poesie, Poesie als Film“ äußerte er sichfolgendermaßen:„Meine Entscheidung, Stanislaw Łems Solaris zu verfilmen, bedeutet übrigens nicht, dass ich etwa eine Vorliebe für dieses literarische Genre hätte. Wichtig ist vielmehr, dass Łem in Solaris ein mir nahes Thema behandelt hat.[7] Betrachtete man Tarkowskis Solaris- Realisation nun ausschließlich als Romanverfilmung, so müsste man sie als gescheitert ansehen,[8] nicht zuletzt weil sich die Hauptaussagen beider Werke elementar unterscheiden. Unterschiede im und Abweichungen vom Stoff zeigen nicht nur die Methode des Regisseurs im Prozess der Aneignung einer literarischen Vorlage, nämlich sich ein Thema herauszusuchen, es „heranreifen“ zu lassen und schließlich seiner eigenen Person entsprechend umzusetzen, sondern auch wesentliche Elemente seines Denkens. Bei einer vergleichenden Betrachtung, ist es daher unabdingbar, Tarkowskis Kunst- und Arbeitsauffassung, die sich auch in Solaris widerspiegelt in die Interpretation mit einzubeziehen. Mit seiner Arbeit will der Regisseur Kritik an einer „entspiritualisierten, d.h. restlos aufgeklärten Welt üben und sie wieder in das rechte, d.h. metaphysisch- geheimnisvolle Licht rücken.“[9] Er sieht das Kino als Heilmittel für die Menschen, die es nach Spiritualität verlangt, die sich verirrt haben auf den Wegen des so genannten Fortschritts und der Zivilisation, denn beides stellen für ihn keine absoluten Werte dar. Für die empirische oder Alltags-Realität interessiert sich Tarkowski nicht, sondern nur für den Menschen in existentieller Situation, der die Grundfragen des Seins zu lösen hat angesichts des ewigen und fragilen Weltgefüges, das ihn geheimnisvoll umgibt. Dem Künstler kommt seiner Meinung nach eine besondere moralische Verantwortung zu, und so will Tarkowski mit seinem Werk seinen Teil zur Errettung der Welt, die er am Rande einer Katastrophe sieht beitragen, durch seine Filme der Menschheit das Programm zu ihrer Errettung insinuieren.[10] Sinn jeder Kunst ist es für ihn „sich selbst und der Umwelt des Sinn des Lebens und der menschliche Existenz zu erklären.“[11] Wie die literarische Vorlage verwendet Tarkowski, wenn auch weit widerwilliger als der Romanautor, das Science Fiction Genre als Metapher zum Transport der eigentlichen Botschaft. Seine Mission unterscheidet sich jedoch grundlegende von derjenigen Łems, ihm geht es in erster Linie um die moralische Schuld des Menschen bzw. dessen Umgang mit ihr und der eventuellen Läuterung. Tarkowski führt Łems Ideen in gewisser Weise weiter, ergänzt sie allerdings um eine „spirituelle Dimension“, auf die er gleichsam seinen Schwerpunkt setzt. Die tiefe Religiosität bzw. der „religiöse Fundamentalismus“[12] Tarkowskis sind bei der Interpretation seines Werks von zentraler Bedeutung. An verschiedenen Stellen greift er, zum Teil unterschwellig religiöse Motive und Bilder auf, so steht in Kelvins Kabine auf der Station die Dreifaltigkeitsikone des russischen Malers Andrej Rublow. Die Realisation einzelner Schlüsselszenen erfahren eine eindeutig religiöse Aufladung, die in der Vorlage Lems so nicht gegeben ist. Dieser versteht sich als bekennender Atheist, er versteht Religion lediglich als „transzendentalen Anbau“, der die reale Welt ergänzt und „repariert“, die man als „Tröster“ benutzt, wo man sich in der realen Welt nicht absichern kann,[13] ebenso wie er die Welt durch Kultur „wattiert“ sieht. Ebenso dient sie seiner Meinung nach der Gesellschaft als Prothese, die alles Unfreundliche der Welt in relative Freundlichkeit umwandelt.

Stanislav Łem unterbrach die Arbeit an Solaris für mehr als ein Jahr, nachdem er den ersten Teil in einem Zug niedergeschrieben hatte. Seine Bücher schreibt er, „wie die Spinne, die ihr Netz webt“[14] - er beginnt seine Arbeiten ohne ein vorher festgelegtes Konzept, schreibt einfach und „es“ geschieht. Er spricht in diesem Zusammenhang gar von einem „Überraschungseffekt für den Schreiber“.[15] Demgegenüber äußerst sich Tarkowski in seinem theoretischen Werk „Die versiegelte Zeit“ folgendermaßen: „Ein Thema reift in einem Künstler heran […], er sucht die perfekte Gestaltungsform.“[16] Bei der Realisierung all seiner Filme ist der Regisseur Perfektionist und überlässt vom Drehbuch über Filmmusik und Schauspielerdarbietung nichts dem Zufall, sondern plant jeden Schritt genau voraus und nimmt in jeder Phase der Realisation selbst aktiven Einfluss auf die Realisation seiner Visionen. In Solaris schöpft Andrej Tarkowski die Freiheiten des Autorenfilms voll aus und koppelt sich dadurch entschieden von der literarischen Vorlage ab. Beim Vergleich beider Werke ist es daher notwendig, die Verfilmung als eine mögliche Interpretation des Romans zu betrachten.

2. Vergleich des Romans „Solaris“ von Stanisław Łem mit der Adaption Andrej Tarkowskis

Thema Łems Romans ist ein Diskurs über die Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, der sowohl die Unmöglichkeit, etwas unvoreingenommen zu betrachten beinhaltet, als auch das Streben nach der letzten Erkenntnis“. Kernthema Tarkowskis filmischer Realisation ist die Zerrissenheit des Menschen zwischen spiritueller, moralischer Entropie und der Auflösung ethischer Prinzipien auf der einen, und das Streben nach einem moralischen Ideal auf der anderen Seite,[17] er inszeniert eine Predigt über Schuld und Verantwortung, Gewissen und Moral.

2.1. Unterschiede im Aufbau und Mittel der Realisierung

Der Roman Stanislav Łems beginnt mit dem Landeanflug des Psychologen Kris Kelvins von der Prometheus auf die Station Solaris. In Andrej Tarkowskis Bearbeitung ist der eigentlichen Handlung ein 41- minütiger Prolog vorangestellt, der beim Romanautor so keine Entsprechung hat. Der Regisseur benutzt ihn zur Exposition, die Grundkonflikte und Personen des späteren Geschehens, die sich im Werk des polnischen Autors im Verlaufe des Romans erst entwickeln und sich dem Leser nur Schritt für Schritt enthüllen, werden hier gleich zu Anfang eingeführt. Der Film beginnt mit Naturaufnahmen, man sieht Kelvin in der Peripherie der Hütte seines Vaters herumwandern. Ein Freund seines Vaters, Berton, kommt zu Besuch, um mit Kelvin über dessen bevorstehende Reise zu sprechen. Er zeigt ein Video, den so genannten „Berton- Bericht“, eine Aufzeichnung seiner Aussage vor einer Untersuchungskommission. Beim „Rendezvous an der Schaukel“, einem von Berton gewünschten persönlichen Gespräch mit Kelvin, wird er jedoch von diesem schroff zurückgewiesen und beleidigt und reist unverzüglich ab. Noch von der Fahrt meldet er sich jedoch telefonisch, um Kelvin ein wichtiges Detail mitzuteilen. Dieser Unterschied im Aufbau ist von essentieller Bedeutung für den weiteren Verlauf der Ereignisse. Die Intervention Bertons wird von dem Psychologen, der zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den Geschehnissen auf der Station weiß, als Manipulationsversuch begriffen, dem er nicht bereit ist Glauben zu schenken. Der Kris Kelvin in Łems Roman ist in seiner persönlichen Entwicklung zum Zeitpunkt der Konfrontation mit den Informationen des Berton- Berichts schon einen bedeutenden Schritt weiter. Er befindet sich auf der Station und weiß um Giberians Tod, auch wenn ihm die genauen Umstände noch Rätsel aufgeben. Seine ersten Begegnungen mit den „Gästen“ sind ebenfalls bereits erfolgt als er durch eine Notiz Gibarians zum Lesen des Berichts in der „Kleinen Apokryphe“, einem Anhang des Solaristischen Jahrbuchs, aufgefordert wird. Bei der Lektüre handelt es sich letztendlich um einen Auszug aus der Krankenakte des Piloten. Berton selbst tritt in Łems Werk zu keinem Zeitpunkt als Person in Erscheinung, ein Hinweis darauf, dass Tarkowski die Darstellung der menschlichen Komponente deutlich gewichtiger erscheint. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt dass, als eher geringfügiger Unterschied im Aufbau, die Gespräche der Protagonisten im Film meist auf persönlicher Ebene geführt werden, während im Roman Kommunikation fast ausschließlich über Video- Telefone mit meist verhängtem Bildschirm erfolgt.

[...]


[1] Von der sich Tarkowski selbst jedoch ironischerweise entschieden distanzierte, da er Kubrick „Zelebrierung westlichen Technokratentums“ in einem „Heidenspektakel“ vorwarf.

[2] Andrej Tarkowskis Solaris zählt zu den bedeutenden Autorenfilmen

[3] http://www.stanislaw-lem.de/zitate/zitate.shtml

[4]:Beres/Łem: S.71, Z.7f.

[5] http://www.lem.pl/cyberiadinfo/english/main.htm

[6] Beres/Łem: S. 68

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Solaris_%281972%29

[8] Reihe Film: S. 114

[9] Kirsner: S. 220

[10] Diese Tendenz ist in späteren Filmen noch weitaus ausgeprägter.

[11] Tarkowski: S. 42

[12] Reihe Film, S.117

[13] Beres/Łem: S. 383/384

[14] Beres/Łem: S. 54, Z.4f.

[15] Beres/Łem: S. 54

[16] Tarkowski: S. 48

[17] http://www.acs.ucalgary.ca/~tstronds/nostalghia.com/TheTopics/On_Solaris.html

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Details

Titel
Vergleich des Romans "Solaris" von Stanisław Łem mit der Adaption Andrej Tarkowskis
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
HS: Mögliche Welten
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V77437
ISBN (eBook)
9783638828260
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Romans, Solaris, Stanisław, Adaption, Andrej, Tarkowskis, Mögliche, Welten
Arbeit zitieren
Simone Fischer (Autor), 2007, Vergleich des Romans "Solaris" von Stanisław Łem mit der Adaption Andrej Tarkowskis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77437

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