Die Geschlechterinszenierung im Eneasroman Heinrichs von Veldeke


Seminararbeit, 2005
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Inszenierung von Männlichkeit: Eneas und Turnus
1.1. Eneas
1.2. Turnus
1.3. Vergleich

2. Inszenierung von Weiblichkeit: Dido und Lavinia
2.1. Dido
2.2. Lavinia und ihre Mutter
2.3. Vergleich

3. Camilla
3.1. Darstellung und Bedeutung Camillas: Vereinigung beider Ideale?
3.2. Camilla im Vergleich mit den anderen Figuren

4. Fazit

LITERATUR

Einleitung

Das Mittelalter besaß ein sehr enges und starres Rollenverständnis der Geschlechter. Dies kam natürlich auch in der mittelalterlichen Literatur zum Ausdruck. Und da diese in den allermeisten Fällen auch lehrhafte Literatur war, lassen sich aus den Inszenierungen der Geschlechter in mittelalterlichen Texten häufig Vorbilder und Beispiele dafür erkennen, welche Eigenschaften die Autoren für Männer und Frauen als erstrebenswert oder aber verwerflich ansahen.

Diese Arbeit soll die Inszenierung der Geschlechter im Eneasroman Heinrichs von Veldeke verdeutlichen und ausgehend von dieser Inszenierung die positiv und negativ bewerteten Attribute von Männern und Frauen herausstellen.

Zunächst werde ich auf die männlichen Protagonisten Eneas und Turnus eingehen, im Anschluss daran auf die weiblichen, Dido und Lavinia; auf letztere mit Bezug auf ihre Mutter, die bei der Darstellung der Lavinia eine bedeutende Rolle spielt.

Außerdem soll die in diesem Zusammenhang besonders interessante Figur der Camilla näher betrachtet werden, die offensichtlich im Eneasroman eine Verbindung zwischen den Geschlechtern herstellt.

Im letzten Teil der Arbeit werde ich dann versuchen, ein Gesamtbild der Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit und der daraus resultierenden Empfehlungen an die mittelalterlichen Rezipienten des Eneasromans Heinrichs von Veldeke zu entwerfen.

1. Inszenierung von Männlichkeit: Eneas und Turnus

1.1. Eneas

Eneas dürfte wohl eine mit höfischen Konventionen schwer in Einklang zu bringende Figur gewesen sein. In der ersten Erklärungsnot sah Veldeke sich offensichtlich schon bei der Legitimation seiner Flucht aus Troja, denn gerade zu Beginn des Romans beruft sich Veldeke mehrmals auf seine Quellen, um den Verdacht der Lüge von sich zu weisen. Auf den Rezipienten wirkt Eneas gefühlsmäßig eher wie ein Antiheld, auch wenn Veldeke alles daran setzt, seine positiven Eigenschaften zu betonen und Makel durch das Geheiß der Götter zu erklären. Allerdings ist es fraglich, ob diese Entschuldigung bei dem mittelalterlichen Publikum, dass mit den antiken Göttern nicht viel anfangen konnte, Wirkung zeigte.

In seiner Beziehung zu Dido wird Eneas von Veldeke immer wieder entlastet. Mehrere Textstellen drücken aus, dass Eneas gar nicht weiß, wie sehr Dido ihn liebt, ebenso wenig ist ihm bewusst, welches Leid sein Abschied für sie bringt.[1] Die unehrenhafte Abreise aus Karthago legitimiert Veldeke einmal mehr durch das Göttergebot, jedoch nicht, ohne Eneas dabei noch einmal mit einer positiven Charaktereigenschaft zu behaften, dem Mitgefühl: Auch er leidet unter dem Zwang, Dido verlassen zu müssen, er empfindet Mitleid für die traurige Liebende. Es ist deutlich zu erkennen, dass er gern bei ihr bleiben würde, aber das Göttergebot hat trotz allem oberste Priorität, und er wagt nicht, sich dagegen aufzulehnen.[2] So kann an dieser Stelle Eneas so gut wie keine Schuld zugeschrieben werden, eher ist ihm die Treue zu den Göttern wohl noch positiv anzurechnen.[3]

Vielfach gelobt wird im Roman der Kampfgeist des Eneas, der jedoch immer nur der Verteidigung von Ehre und Recht dient und niemals auf initiativer Aggression beruht.

Auch seine Schönheit und sein prächtiges Auftreten spielen eine große Rolle, ebenso wie seine edle Abstammung. Sowohl Dido als auch Lavinia verlieben sich durch seinen bloßen Anblick in ihn. Bei Eneas selbst bedarf es zusätzlich des Liebesbriefes von Lavinia, damit auch er vom Pfeil der Venus getroffen wird. Dann erleidet er aber die gleichen Minnesymptome wie Dido und Lavinia. In seinem Minnemonolog zeigt sich dann deutlich ein Aspekt des mittelalterlichen Geschlechterverständnisses: Er sieht seine männlichen Eigenschaften Mut (herze) und Verstand (sin) durch die minne gefährdet, und fürchtet, dass sie ihm auch noch seine Kampfkraft und somit seine Ehre rauben könne. Des Weiteren betont Eneas, dass er als Mann stärker sein sollte als eine Frau, und besser in der Lage, die Minnesymptome zu ertragen. Nun zeigt er auch Verständnis für Didos Qual, die als „schwaches Weib“ unter der Last der unerfüllten minne zu Grunde gehen musste. Auch moralisch sieht er die Frauen als schwach an, er beschließt, Lavinia seine Liebe nicht sofort zu offenbaren, da er denkt, dies könne sie hochmütig und stolz werden lassen.[4] Außerdem fürchtet er, sie könne aus der typischen List der Frauen heraus mit ihm spielen, und auch Turnus Hoffnungen machen.[5] Als er sich dann jedoch auf das Vertrauen in die Liebe besinnt, wird dies als „manlîche“ bezeichnet. Und obwohl dies Eneas nicht Recht ist, gehört auch die Unterordnung der persönlichen Interessen unter die Pflichten als Ritter und zukünftiger König und die Geduld zu den gefragten Werten. Daher kann er sich nicht sofort nach seinem Sieg seiner Geliebten widmen, sondern muss die Hochzeitsvorbereitungen abwarten

Besonders hervorgehoben wird auch seine Tüchtigkeit: Kaum in Italien angekommen, beginnt er mit dem Bau einer eindrucksvollen Burg, die der Dichter später als so gut wie uneinnehmbar beschreibt, obwohl Eneas und seine Leute sie innerhalb von nur drei Jahren errichtet haben. Veldeke hebt hier deutlich hervor, dass ein weniger tüchtiger und entschlossener Mann dies nicht geschafft hätte.[6]

Insgesamt bemüht Veldeke sich sehr, Eneas´ Qualitäten hervorzuheben, er schmückt ihn mit sämtlichen Attributen, mit denen sich ein mittelalterlicher Mann rühmen konnte. Die offensichtlichen negativen Eigenschaften, die er an Hand des Handlungsverlaufs aus seiner Vorlage übernehmen musste, relativiert er dabei deutlich.

1.2. Turnus

Ebenso wie Eneas wird auch Turnus größtenteils mit positiven Attributen geschmückt. Er ist ein Edelmann, wie er im Buche steht, und es wird oftmals erwähnt, dass er Lavinia und das Königreich ebenso verdient hätte wie Eneas. Eigentlich ist er diesem sogar überlegen, da Eneas der Makel der Flucht aus Troja anhaftet. Das mittelalterliche Publikum dürfte für die Ausrede des Götterzwangs - wie bereits erwähnt - wenig Ver-ständnis gehabt haben.

Eine Eigenschaft des Turnus, die wohl trotzdem auf das Publikum eine polarisierende Wirkung gehabt haben dürfte, ist sein immer wieder hervorbrechender Jähzorn. Im Kampf war Zorn zwar positiv konnotiert, doch Turnus zeigt sich auch in höfischen Situationen aufbrausend, was ihn stellenweise als Herrscher disqualifizieren, und somit Eneas einen klaren Vorteil einräumen würde. Dieser Zorn ist verbunden mit Rachsucht und oft unbegründeten Aggressionen, und Turnus geht darin sogar so weit, seinem König den Gehorsam zu verweigern und gegen dessen ausdrückliches Geheiß zu handeln.[7] Möglicherweise resultieren Turnus´ Aggressionen aus der Angst, für einen Feigling gehalten zu werden. Denn es gibt für ihn kaum eine verachtenswertere Eigenschaft als Feigheit, Kampfbereitschaft bedeutet für ihn dagegen das sicherste Zeichen von Ehre.

Des Weiteren ist es eher zweifelhaft, ob Turnus Lavinia echte Gefühle entgegen bringt. Eher scheint es, dass er sie nur heiraten will, weil ihm diese Heirat die Zugehörigkeit zur königlichen Familie sichert und ihn somit nach Latinus´ Tod zum rechtmäßigen Herrscher machen wird. Minnesymptome, wie sie bei Eneas auftreten, weist er jedoch über die gesamte Länge des Romans keine auf. Die Liebesbekundung wird ihm nur von Drances und der Königin in den Mund gelegt.

Turnus wird beinahe von Anfang an von Veldeke kritisiert, z. B. als er überstürzt die Burg Montalbane angreift und damit viele Männer sinnlos in den Tod führt. Ihren Höhepunkt findet die Kritik jedoch im Raub des Ringes von der Hand des erschlagenen Pallas, der schließlich seinen Tod zur Folge hat.

Von Gosen bemerkt, dass Turnus ausschließlich weltliches Recht bei der Entscheidung zwischen ihm und Eneas gelten lässt, was sicherlich unbestritten sein dürfte. Daraus leitet sie nun den Schluss ab, dass Turnus sich „der Todsünde des Hochmuts gegen Gott schuldig“ macht. Allerdings ist fraglich, ob man diese Äußerung so stehen lassen darf, denn es ist zwischen den antiken Göttern und dem christlichen Gott zu differenzieren, dessen direkter Einfluss im Eneasroman deutlich zu Gunsten der griechischen Götter zurückgenommen ist. Für Eneas´ Erfolg und somit Turnus´ Niederlage sind die antiken Götter verantwortlich, die sich in der Mythologie der Antike häufig in die Geschicke der Menschen eingemischt haben, und oft von den Menschen dafür gehasst und verflucht wurden.[8] An der von von Gosen angeführten Stelle bezieht sich Turnus zwar eindeutig auf Gott, jedoch ist hier nicht wirklich Hochmut erkennbar, eher ist es eine Bitte um Gottes Gnade, damit er nicht als Feigling angesehen wird.[9] Von diesem Vorwurf wäre Turnus also freizusprechen. Hätte Veldeke hier ein Vergehen gegen Gott gesehen, wäre der rettende Südwind, der Turnus ans Ufer und somit in den Kampf zurückbringt, wohl auch ausgeblieben. Dass Turnus jedoch grundsätzlich hochmütig ist, zeigt sich in seinem Verstoß gegen das Gebot der Gastfreundschaft und in seinem Umgang mit anderen Menschen, die ihm nur dazu dienen, seine Ziele zu erreichen, welche er mit äußerster Beharrlichkeit, ja beinahe mit kindlicher Sturheit verfolgt. Erst, als er im Zweikampf Eneas eindeutig unterlegen ist, sieht Turnus seine Niederlage ein, ergibt sich Eneas und bittet um sein Leben, anstatt den von ihm propagierten ehrenhaften Tod im Kampf auf sich zu nehmen. So verliert er in seiner letzten aktiven Handlung im Roman auch noch die letzte Ehre, indem er von dem Ideal, dass für ihn über den gesamten Handlungs-verlauf die einzige Motivation darstellte, abweicht. Veldeke erspart ihm somit ein Leben in Unehre, indem er ihn schließlich doch noch durch die Hand seines Gegners sterben lässt.

[...]


[1] von Gosen, 1985, S. 258

[2] V. 1970/1971

[3] von Gosen, 1985, S. 133

[4] V. 11300/11301

[5] V. 11241-11245

[6] V. 5560 - 5562

[7] vgl. von Gosen, 1985, S. 171

[8] vgl Odysseus

[9] V. 7718 - 7726

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Geschlechterinszenierung im Eneasroman Heinrichs von Veldeke
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Heinrich von Veldeke
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V77445
ISBN (eBook)
9783638818636
ISBN (Buch)
9783638853958
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechterinszenierung, Eneasroman, Heinrichs, Veldeke, Heinrich
Arbeit zitieren
Kathrin Fehrholz (Autor), 2005, Die Geschlechterinszenierung im Eneasroman Heinrichs von Veldeke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77445

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