Das therapeutische Milieu in der schulischen Erziehungshilfe


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das therapeutische Milieu in der schulischen Erziehungshilfe
2.1 Was versteht man unter einem therapeutischen Milieu?
2.1.1 Der Begriff ‚therapeutisch’
2.1.2 Der Begriff ‚Milieu’
2.2 Das therapeutische Milieu in der Schule
2.3 Möglichkeiten der Intervention bei Verhaltensstörungen
2.3.1 Bewusstes Ignorieren
2.3.2 Umgruppierung
2.3.3 „Antiseptischer“ Hinauswurf

3. Schlusswort

Literatur:

1. Einleitung

Im Unterricht, aber auch im schulischen Miteinander kann es immer wieder zu Verhaltensproblemen oder Disziplinschwierigkeiten bei Schülern kommen. Besonders im Unterrichtsverlauf können Krisensituationen oder chronische Problemsituationen eine enorme Belastung für Lehrer und Schüler darstellen. Welche Ursachen dem Verhalten zugrunde liegen, weiß man oft nicht, da sie sich nur schwer eindeutig festmachen lassen. Auf der Suche nach den Ursachen kann man sich verschiedener Erklärungsmodelle bedienen, die in ihrer Deutung zwar mannigfaltig und gegensätzlich sind, jedoch alle ihre Berechtigung haben. Eindeutige Ursachenzuschreibungen für das Entstehen eines Problemverhaltens bei Kindern und Jugendlichen können nicht gemacht werden. Vielmehr sind es verschiedenste Theorien, die aus ihrem Blickwinkel versuchen, die Gründe für Verhaltensprobleme zu beschreiben und zu erklären. So existieren beispielsweise soziologische, ökologische, verhaltenstheoretische und psychodynamische Modelle, um nur einige zu nennen. Redl (1987) greift in seiner psychodynamischen Konzeption auf einige Erkenntnisse von Freuds Psychoanalyse zurück. Im Gegensatz zu Freud, der die Unterdrückung der Triebe des ‚Es’ als Ursache für Verhaltensschwierigkeiten sieht, geht Redl davon aus, dass das ‚Ich’ in seiner Funktion gestärkt werden muss. Aus dieser Sichtweise bedarf es also bei Kindern mit Verhaltensstörungen der ‚Ich-Unterstützung’. „Ein schwaches Ich bedeutet das Vorhandensein einer starken Triebspannung, die das Ich, als Realitätsinstanz, nicht bewältigen kann“ (Hillenbrand 1999, S.73). Aus diesem Grund müssen dem Kind also bestimmte Möglichkeiten gegeben werden, die zur Ich-Stärkung beitragen und die Lebenssituation des Kindes beachten. Therapeutische Maßnahmen allein, wie zum Beispiel therapeutische Gespräche oder Spieltherapie können aufgrund ihrer zeitlichen Begrenzung nur kurzfristig ihre Wirkung entfalten und deshalb „den komplexen Hilfe- und Erziehungsbedürfnissen von Kindern mit Gefühls- und Verhaltensstörungen nicht gerecht werden“ (Budnik, Unger, Fingerle 2003, S.178). Aus diesem Grund fordert Redl für Kinder mit Ich-Störung, dass ein „von therapeutischen Prinzipien durchdrungene(r) Erziehungsalltag“ (Budnik, Unger, Fingerle 2003, S.178) geschaffen werden muss. Redl beschreibt hierfür die Schaffung eines therapeutischen Milieus, der die gesamte Lebensumwelt des Kindes berücksichtigt und somit immer einen therapeutischen Einfluss auf das Kind ausübt (vgl. Fatke 1987, S.20). Doch was versteht man unter einem therapeutischen Milieu und wie sollte es aufgebaut sein? Da sich Redl in seinen Ausführungen zum therapeutischen Milieu auf die Heimerziehung konzentriert, stellt man sich die Frage, inwiefern man dies auch im schulischen Alltag umsetzen kann. Wie lässt sich demzufolge die pädagogisch-therapeutische Arbeit an der Schule zur Erziehungshilfe gestalten, um solche Bedingungen zu schaffen, die Kindern mit Verhaltensproblemen gerecht werden?

Auch wenn es in der Schule gelingt, mehrere Aspekte zur Schaffung eines therapeutischen Milieus zu beachten und umzusetzen, können Problemsituationen auftreten, in denen der Lehrer sofort handeln muss. Dabei ist es in erster Linie nicht unbedingt relevant, was die Ursache für das Verhalten ist. Vielmehr benötigen Lehrer in einer Krisensituation Handlungsmöglichkeiten, die den Prozess nicht zusätzlich verstärken oder vielleicht sogar das nur mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler schlagartig zerstören. Welche Interventionsstrategien bei Verhaltensproblemen gibt es für die Pädagogen, was ist dabei zu beachten und wie wirken diese? In meinen Ausführungen möchte ich auf diese Fragen eingehen und einige von Redl aufgeführte Interventionen vorstellen. Abschließend möchte ich versuchen, mich kritisch mit den Ausführungen Redls auseinander zu setzen und meine eigene Meinung darzustellen.

2. Das therapeutische Milieu in der schulischen Erziehungshilfe

2.1 Was versteht man unter einem therapeutischen Milieu?

2.1.1 Der Begriff ‚therapeutisch’

In der Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit ‚therapeutisches Milieu’ differenziert Redl zwischen ‚therapeutisch’ und ‚Milieu’. Dies scheint erforderlich, da beide Begriffe mehrere Merkmale beinhalten. Der Begriff ‚therapeutisch’ ist nach Redl durch sieben verschiedene Charakteristika gekennzeichnet. Jede einzelne Bedeutung, die man dieser Begrifflichkeit zuschreibt, ist jedoch unabhängig von den anderen. „Jede kann in diesem oder jenem Fall vorrangig oder unwichtig sein“ (Redl 1987, S.85). So schreibt Redl über den Begriff ‚therapeutisch’, dass es sich hierbei vereinfacht um die Forderung handelt, jegliche schädliche Einflüsse zu vermeiden. In diesem Sinne gestaltet sich die Arbeit mit Kindern als eine Form der therapeutischen Arbeit, in der man die Kinder vor Strafen oder anderen sie missachtenden Behandlungen schützt. An dieser Stelle bleibt aber die Frage noch ungeklärt, welche Faktoren in einer bestimmten Situation für den ‚Patienten’ die besseren wären. Redl kritisiert, dass allein dieses Merkmal in einigen Einrichtungen als ausreichend empfunden wird, um sich „stolz als ‚therapeutisches Heim’ von … anderen zu unterscheiden“ (Redl 1987, S.76). Ein zweites bedeutsames Merkmal, das Redl dem Begriff therapeutisch zuschreibt, ist die Beachtung und Erfüllung der Grundbedürfnisse. Jedes Individuum hat in spezifischen Situationen Grundbedürfnisse, wie beispielsweise nach Essen, Schlaf oder Geborgenheit. Diese zu erkennen und ihnen nachzugehen, ist eine wichtige Voraussetzung, um allen weiteren ‚Maßnahmen’ nicht konträr gegenüber zu stehen. Demzufolge unterscheiden sich die elementaren Bedürfnisse nach „Art der Erkrankung, dem Alter, der Entwicklungsphase, den vorherigen Lebensgewohnheiten und vielen anderen Faktoren“ (Redl 1987, S.77). Zu beachten ist dabei, was für den Einzelnen in einer ganz bestimmten Situation von Bedeutung ist. Ein weiteres Merkmal, das den Begriff ‚therapeutisch’ charakterisiert, ist die Angemessenheit der Maßnahmen und Beziehungsgestaltung. In diesem Sinne ist die Beachtung der jeweiligen Entwicklungsphase ebenso wichtig wie der soziokulturelle Hintergrund einer Person. Redl skizziert dies am Beispiel der Erwachsenen-Kind-Beziehung bei Kindern und Jugendlichen. Je nach Entwicklungsphase gestalten sich also Beziehungen in einer anderen Weise. Was für ein Kind innerhalb dieser Beziehung zum Erwachsenen von Bedeutung ist, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen Jugendlichen erschreckend oder traumatisierend wirken. Die Ansprüche, die ein Jugendlicher an die Beziehung zu einem Erwachsenen hat, unterscheiden sich also mitunter stark von denen eines Kindes. Nicht nur die Beachtung der Entwicklungsphase spielt hierbei eine große Rolle, sondern „subkulturelle, sozioökonomische, ethnische und andere Unterschiede“ (Redl 1987, S.79) sind Faktoren, die bei der Gestaltung von Beziehungen zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden immer mit berücksichtigt werden müssen. Dies verweist auf die Verschiedenheit, durch die jedes Individuum gekennzeichnet ist, bedingt durch die eigene Individualität, die Formung durch und die Anpassung an die Umwelt. Eine Differenzierung zwischen diesen oben genannten persönlichkeitsbildenden Faktoren ist demnach eine wichtige Voraussetzung zur Schaffung eines ‚therapeutischen Milieus’. Der Begriff ‚therapeutisch’ ist durch ein viertes Merkmal, die ‚klinische Elastizität’, gekennzeichnet. In diesem Sinne versteht man unter ‚therapeutisch’ die Flexibilität, sich an verändernde Prozesse anzupassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass „im Laufe dieses Wechsels die Gesamtstruktur (nicht) völlig verloren geht“ (Redl 1987, S.79). Ein therapeutisches Milieu muss demzufolge einen „weiten Spielraum für ‚Ausnahmen’“ und die Möglichkeit bieten, „den Teil pathologischen Verhaltens zu absorbieren, den eine bestimmte Behandlungstechnik oder –strategie erforderlich machen kann, und sicherzustellen, dass solch ‚überschüssiges’ pathologisches Verhalten durch die betreffenden Milieubereiche … richtig gehandhabt wird“ (Redl 1987, S.79). Ein weiteres bedeutsames Merkmal, das den Begriff ‚therapeutisch’ kennzeichnet, ist die „Einbeziehung sekundärer Behandlungsziele“ (Redl 1987, S.80). Ein Milieu kann dann als therapeutisch erachtet werden, wenn man nicht ausschließlich an oder mit dem Hauptproblem des Kindes arbeitet. Es ist also erstrebenswert, verschiedene nicht-therapeutische Zugänge zum Kind zu finden. Das heißt also, die Befriedigung von elementaren Bedürfnissen, die dazu beiträgt, verschiedene „Züge des Patienten, die auch in gewisser Weise krankhaft erscheinen“ (Redl 1987, S.80) zu korrigieren. Ein solcher Einbezug von sekundären Behandlungszielen kann folglich durch verschiedene Methoden und Personen realisiert werden. Dem ‚Patienten’ eröffnen sich dabei neue Möglichkeiten und die Behandlungsziele, welche primär sind, können in dem Fall leichter erreicht werden. Redl verweist auf eine weitere Charakteristik des Begriffes ‚therapeutisch’. Ein therapeutisches Milieu kann allein durch sein Bestehen therapeutisch wirksam sein. Der Lebensraum, in dem ein Kind weder starke Angst noch Schuld erfährt, in dem es Gefühle und Beziehung erlebt und in dem es Werte verinnerlichen kann, trägt unmittelbar dazu bei, einen Heilungsprozess in Gang zu setzen oder die eigentlichen therapeutischen Maßnahmen sinnvoll zu ergänzen. In diesem Sinne gestaltet sich der Lebensraum als ein therapeutisches Milieu. Ein letzter den Begriff ‚therapeutisch’ charakterisierender Aspekt ist die „Vorbereitung auf ‚das Leben’“ (Redl 1987, S.83). Die Bedeutung, die dem Begriff ‚therapeutisch’ an dieser Stelle zugeschrieben wird, verweist darauf, dass ein therapeutisches Milieu in der Lage sein muss, den ‚Patienten’ solche Möglichkeiten zu bieten, die dem ‚wirklichen Leben’ ähnlich sind. Das heißt also, dass das Milieu dann therapeutisch ist, „wenn es versucht, sich überflüssig zu machen, und wenn es (…) genauso viele Lebenserfahrungen einbaut, wie der Patient später wird machen müssen“ (Redl 1987, S.83). Folglich darf ein therapeutisches Milieu dem ‚Patienten’ kommende Herausforderungen des Lebens nicht vorenthalten, vielmehr muss es den ‚Patienten’ dazu anregen, aus dem Milieu „herauszuwachsen“ (Redl 1987, S.83).

2.1.2 Der Begriff ‚Milieu’

In ähnlicher Weise verfährt Redl mit dem Begriff ‚Milieu’. Er verweist darauf, dass es sich bei der Bestimmung der Begrifflichkeit um ein „künstlich geschaffenes Milieu“ (Redl 1987, S.86) handelt, in dem bestimmte Faktoren große Gewichtigkeit haben. Zwölf dieser bedeutsamen Faktoren charakterisieren das Milieu. So ist ein Milieu durch „soziale Struktur(en)“ (Redl 1987, S. 86) gekennzeichnet. Das heißt, dass dem Kind die Möglichkeit geboten werden muss, sich bestimmten erwachsenen Personen anvertrauen zu können. Die soziale Struktur eines Milieus ist folglich dadurch gekennzeichnet, dass die Erwachsenen für die Kinder „ähnliche Rollen wie große Brüder oder Eltern verkörpern, ohne dass jedoch ein Äquivalent zum Familienleben vorgetäuscht wird“ (Redl 1987, S.86). In diesem Sinne können Kinder dann Erfahrungen machen ohne Angst vor Fehlern und den daraus resultierenden Konsequenzen haben zu müssen. Die soziale Struktur eines Milieus zeigt den Kindern auch, wie sich die Rollen unter den Erwachsenen verteilen. Dies ist wichtig, da sie dadurch erkennen können, welche Person innerhalb des Milieus für welche Dinge zuständig ist. Eine klare Rollenverteilung lässt Erwartbarkeit zu, so dass das Kind nicht ständige Enttäuschungen und unerwartete Reaktionen erleben muss. Auch die Kommunikation spielt innerhalb der sozialen Struktur eine beachtenswerte Rolle. So muss es den Kindern möglich sein, die Kommunikationsstrukturen, die innerhalb des Milieus existieren, nachzuvollziehen, denn „es ist schon eine schwierige Aufgabe, herauszufinden, wen man in welcher Angelegenheit wie ansprechen kann“ (Redl 1987, S.87). Es muss also offensichtlich sein, wie das Kommunikationsnetz aufgebaut ist. Das Wissen um die Sozialstruktur in einem Milieu ist eine wichtige Konstante, um förderliche, problemmindernde und hinderliche, problemverstärkende Faktoren aufzudecken. Eine zweite wichtige Besonderheit, die ein Milieu kennzeichnet, ist das Wertesystem. In einem Milieu gelten bestimmte Werte, an denen man sich orientiert. Diese Werte werden den Kindern vorgelebt oder sie sind indirekt in das Handeln der erwachsenen Personen einbezogen. Werthaltung und Werte dürfen dabei nicht inkongruent sein, vielmehr müssen nonverbal vermittelte Werte die geltenden Normen und Regeln unterstützen. Dies bedeutet, dass wenn die Erwachsenen aus ihrer Wertvorstellung heraus handeln, dies für die Kinder auch authentisch und ‚überzeugend’ ist. Es setzt aber voraus, dass ‚verordnete’ Werte den Wertvorstellungen entsprechen, da die Kinder eine Inkongruenz wahrnehmen. Ein dritter Aspekt, der in einem Milieu Bestand haben sollte, überschreibt Redl mit „Gewohnheiten, Rituale und Verhaltensregeln“ (Redl 1987, S.88). Bestimmte Gewohnheiten geben eine Struktur, durch die es den Kindern möglich ist, sich zu orientieren und gewisse Verhaltensweisen regelmäßig zu wiederholen. Jede Gruppe verfügt über eigene Gewohnheiten und Rituale, die die Gruppe kennzeichnen und das Zusammensein oder gar Zusammenleben organisieren und strukturieren. Redl verweist auf ein weiteres Merkmal des Begriffes ‚Milieu’. Die in einem Milieu zusammenlebenden Personen bilden eine Gruppe, in der es zu ganz spezifischen Prozessen kommt, die wiederum Auswirkungen auf die Personen der Gruppe haben. In diesem Zusammenhang schreibt Redl von Begriffen wie: „allgemeine Gruppenatmosphäre, Sündenbock, Maskottchenkult, Untergruppenbildung, gruppenpsychologischer Rollenzwang, gruppenpsychologische Ansteckung, Rivalitäten zwischen ‚Gruppenführern’ usw.“ (Redl 1987, S.88). Diese und andere Prozesse sind innerhalb einer Gruppe existent. Das wiederum heißt, dass Kinder diesen Entwicklungen ausgesetzt sind, sie gehören also zum ‚täglichen Miteinander’. Solche Prozesse und ihre Auswirkungen zu erkennen, ermöglicht ein Eingreifen und Verbessern der Situation für die Kinder. Ein fünfter zu beachtender Aspekt, der ein Milieu charakterisiert, ist das Wirkungsgefüge der Heranwachsenden untereinander. Jedes Kind innerhalb einer Gruppe kennzeichnet sich durch eigene zum Teil äußerst konträr laufende Persönlichkeitsmerkmale. Im Zusammenleben einer Gruppe haben diese immer eine Wirkung auf die anderen Gruppenmitglieder. Ob diese Wirkung positiver oder negativer Art ist, lässt sich meist nur erahnen. Wichtig ist jedoch bei der Schaffung eines therapeutischen Milieus, sich mit der Frage auseinander zu setzen, „welche dieser Charaktersyndrome miteinander existieren sollten und welche sorgfältig getrennt werden müssen“ (Redl 1987, S.90). Damit verweist Redl noch einmal auf förderliche und hinderliche Konstellationen innerhalb eines Milieus, die es zu erkennen gilt. In einem weiteren Punkt, der für die Schaffung eines therapeutischen Milieus bedeutsam ist, beschreibt Redl die „Einstellungen und Gefühle des Personals“ (Redl 1987, S.90). Hiermit deutet er die Wichtigkeit von Gefühlen und Einstellungen der Erwachsenen dem Kind gegenüber an. Diese gelten insofern sie gelebt werden als unabdingbare Größe zur Herstellung von Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, können jedoch durch andere Faktoren innerhalb des Milieus in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Ein therapeutisches Milieu ist des Weiteren durch „das Verhalten der anderen“ (Redl 1987, S.90) gekennzeichnet. Innerhalb des Milieus werden verschiedene Verhaltensweisen sowohl von den Kindern als auch vom Personal gezeigt. Dieses Verhalten nehmen die Heranwachsenden wahr oder erleben es direkt.

Obwohl das Verhalten oder Handeln des Menschen auf Gefühlen basiert, kann man diese in gewissen Situationen außer Acht lassen. Doch häufig ist dies nicht so einfach möglich. Kinder erkennen die Motive bestimmter Verhaltensweisen der erwachsenen Personen nicht in jedem Fall. Die Wirkung, die ein bestimmtes Verhalten haben kann, muss also vom Handelnden selbst bedacht werden. „Das Vorherrschen bestimmter Formen des Verhaltens der anderen, vom einzelnen Kind aus gesehen“ (Redl 1987, S.91), ist folglich wenn auch nur in geringem Maße bedeutsamer als die eigentliche Einstellung dem Kind gegenüber. Weitere charakterisierende Aspekte zur Schaffung eines therapeutischen Milieus sind „Struktur und konstituierende Elemente einer Tätigkeit“ (Redl 1987, S.91). Dabei kommt es darauf an, dass jegliche Tätigkeit von einer gewissen Struktur gekennzeichnet ist. Darüber hinaus hat jede Form der Tätigkeit grundlegende Elemente, die ausgeführt werden müssen oder können – so genannte ‚konstituierende Elemente’. Die Struktur einer Tätigkeit sowie die ‚konstituierenden Elemente’ dieser haben eine große Wirkung auf Kinder, wenn sie bewusst gewählt und entsprechend der Möglichkeiten der Kinder ausgeführt werden können. Tätigkeiten, die eine psychohygienische Wirkung haben, können Spiele sowie „künstlerische und handwerkliche Betätigungen, Ausflüge, Übernachtungen auswärts, gemeinsames Kochen, Diskussionsgruppen, musikalische Abende usw.“ (Redl 1987, S.92) sein. Bedeutsam ist dabei welche Tätigkeit, wo, mit welchen Inhalten durchgeführt wird. In seinen Ausführungen beschreibt Redl ein neuntes Merkmal eines therapeutischen Milieus – „Raum, Zeit, Ausrüstung und andere Requisiten“ (Redl 1987, S. 92). Unter diesem Aspekt kennzeichnet sich ein Milieu durch zeitliche und räumliche Strukturen, welche durch ihren Rahmen Sicherheit vermitteln und die Möglichkeit zur Orientierung bieten. Für Kinder sind solche „Regelungen und Einteilungen“ (Redl 1987, S.92) besonders wichtig. Des Weiteren spielt die Ausrüstung eine bedeutsame Rolle. Mittels welcher Requisiten bestimmte Ziele erreicht werden können und welche Wirkung diese auf die Kinder haben sind Fragen, über die man bei der Schaffung eines Milieus reflektieren muss. Ein zehntes charakteristisches Merkmal eines therapeutischen Milieus beschreibt Redl als „Das Eindringen von einem Stückchen Außenwelt“ (Redl 1987, S.93). Diesem Aspekt kommt eine besondere Bedeutung zu. Das bewusste Einbeziehen von ausgewählten Ereignissen, die außerhalb des Milieus stattfinden, oder das einfache ‚Eindringen’ dieser, schafft eine ‚gesunde Atmosphäre’. Die Wirkung, die man diesem ‚Stückchen Außenwelt’ beimisst, ist groß, denn es bildet „einen äußerst wichtigen Teil des Lebens“ (Redl 1987, S.93) der Kinder. „Qualität und Quantität von Bestandteilen der ‚äußeren Welt’“ (Redl 1987, S.93) zu beachten, ist ein erforderlicher Punkt bei der Schaffung eines Milieus. In einem elften Punkt verweist Redl auf das Vorhandensein von „Schiedsrichterdienst und Verkehrsregelung zwischen Kind und Umgebung“ (Redl, 1987, S.94), welche innerhalb eines Milieus bedeutsam sind. Dabei wird den Erwachsenen die Funktion der Vermittlung zwischen den Kindern übertragen. Wenn es zu Problemen oder Streitigkeiten innerhalb der Gruppe kommt, sollten Erwachsene sich diesen annehmen und zur Klärung beitragen, so dass jedes Kind sich auch in ‚schlimmen Situationen’ sicher, geborgen und akzeptiert fühlen kann. Des Weiteren haben die Erwachsenen die Aufgabe, die sozialen Kontakte der Kinder zu unterstützen und gegebenenfalls an dieser Stelle zu vermitteln. In schwierigen Situationen für die Kinder dazusein, ihnen zuzuhören, Trost zu spenden und zu vermitteln, sind also Aufgaben der Erwachsenen, die innerhalb eines therapeutischen Milieus eine zentrale Stellung einnehmen. Ein letzter charakteristischer Aspekt eines Milieus ist die „Therapeutische Elastizität“ (Redl 1987, S.95). Ein Milieu muss folglich die Eigenschaft besitzen, sich an veränderte Bedürfnisse des ‚Patienten’ und an veränderte Bedingungen anzupassen (vgl. Redl 1987, S.86-95).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das therapeutische Milieu in der schulischen Erziehungshilfe
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V77458
ISBN (eBook)
9783638828321
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Milieu, Erziehungshilfe
Arbeit zitieren
Nancy Heß (Autor), 2007, Das therapeutische Milieu in der schulischen Erziehungshilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77458

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