Gegenstand dieser Arbeit sind ausgewählte Werkbeispiele der deutsch-sprachigen Migrationsliteratur seit 1980 von Autorinnen türkischer Herkunft. Der Schwerpunkt liegt auf der literaturwissenschaftlichen Analyse der Bücher im Hinblick auf die Darstellung türkischer Frauenfiguren. Werke, die den LeserInnen ein differenziertes Bild von ihren Protagonistinnen vermitteln, sollen von Texten abgegrenzt werden, durch die Vorurteile entstehen beziehungsweise stabilisiert werden können. Ziel ist herauszustellen, wie die zentralen Themen Identitätsfindung und Fremderfahrung in den Werken bearbeitet werden, wobei der Konstruktion von Kultur und Identität kritisch nachgegangen wird.
Die Arbeit gliedert sich in einen Theorie- und Analyseteil. Im Theorieteil wird zunächst über die Situation von Migrantinnen türkischer Herkunft in Deutschland aus sozialwissenschaftlicher Perspektive informiert. Es soll deutlich werden, wie sich die Darstellungen früher Studien von denen neuerer unterscheiden.
Die zu beschreibende Entwicklung ist vor dem Hintergrund eines veränderten Kultur- und Identitätsverständnisses zu sehen, welches weiterführend thematisiert wird.
Anschließend interessieren unterschiedliche Modi des Fremderlebens, die den Umgang mit Fremdheit beschreiben.
Die weiteren Überlegungen setzen sich mit dem Gegenstand der Arbeit näher auseinander. Diverse Bezeichnungsversuche, Phasen und das Potential des Gegenstandes sollen an dieser Stelle vorgestellt werden. Trotz anhaltender Diskussionen über eine passende Begrifflichkeit zur Bezeichnung des Genres, wird letztendlich für die Verwendung des Begriffs der Migrationsliteratur plädiert.
Der anschließende Analyseteil bildet den Schwerpunkt der Arbeit. Er beginnt mit der Vorstellung und kurzen Begründung der Buchauswahl und setzt, nach Formulierung zentraler Fragestellungen an die Texte, mit der literaturwissenschaftlichen Analyse der ausgewählten Migrationsliteratur fort. Analysiert werden die Werke "Drei Zypressen" (Saliha Scheinhardt, 1984), „Die Leidenschaft der Anderen“ (Aysel Özakin, 1983) und „Die Brücke vom goldenen Horn“ (Emine Sevgi Özdamar, 1998).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Migration und deutsch-türkische Migrationsliteratur
A. Zur Situation von Migrantinnen türkischer Herkunft in Deutschland
B. Theoretische Überlegungen zu den Begriffen Kultur, Identität und den Modi des Fremderlebens
1. Zum Wandel des Kultur- und Identitätsverständnisses im Zuge weltweiter Migrationen
2. Deutungsmuster im Umgang mit Fremdheit
C. Migrationsliteratur – Begriffsbestimmung, Phasen und Potential des Gegenstandes
II. Analyse ausgewählter deutschsprachiger Migrationsliteratur
A. Saliha Scheinhardt „Drei Zypressen“ (1984)
1. Zur Autorin und dem Inhalt und Aufbau des Werkes
2. ‚Orientalismus’, demonstriert an der Erzählung über das Schicksal von Gülnaz K.
3. Kritik an der Kolportageliteratur Scheinhardts
B. Aysel Özakin „Die Leidenschaft der Anderen“ (1983)
1. Aysel Özakin – eine herausragende Autorin auf dem Weg kultureller Grenzüberschreitung
2. Die Protagonistin und ihre Auseinandersetzung mit Fremd- und Selbstzuschreibungen
3. Zum Wirkungspotential der Erzählung
C. Emine Sevgi Özdamar „Die Brücke vom goldenen Horn“ (1998)
1. Vita und Werk der Autorin Emine Sevgi Özdamar
2. Inhalt und zeitliche Konstruktion des Romans
3. Überlegungen zur Erzählstruktur, -strategie und Sprache
3.1. Die spezifische Architektur des Romans
3.2. Das Ineinander von Spiel und Ernst
4. Zum Identitäts- und Integritätsbildungsprozess der Protagonistin
4.1. Abnabelung von der ‚Heimat’, ausgelöst durch die Sehnsucht nach der Schauspielerei
4.2. Das ‚Wonaym’, Telefunken und die Großstadt Berlin - neue Lebensräume der Protagonistin und ihr Umgang mit Fremderfahrungen
4.3. Erwachen als Frau, politischer Aufbruch und die Theaterarbeit als Lebensprojekt der Romanheldin
5. Abschließende Überlegungen und Vergleich des Romans mit den Werken Scheinhardts und Özakins
Schlusskapitel
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert ausgewählte Werke der deutschsprachigen Migrationsliteratur von Autorinnen türkischer Herkunft seit 1980, wobei der Schwerpunkt auf der literaturwissenschaftlichen Darstellung türkischer Frauenfiguren liegt. Das Ziel besteht darin, die Konstruktion von Identität und die Erfahrung von Fremdheit kritisch zu untersuchen und zu erörtern, wie sich die Darstellung dieser Figuren im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.
- Literaturwissenschaftliche Analyse türkischer Frauenfiguren
- Konstruktion von Kultur und Identität in der Migrationsliteratur
- Entwicklung und Phasen der deutsch-türkischen Migrationsliteratur
- Theoretische Auseinandersetzung mit Fremderfahrung und Hybridität
- Kritik an stereotypisierenden Darstellungen und dem „Orientalismus“
Auszug aus dem Buch
Die spezifische Architektur des Romans
„Der beleidigte Bahnhof“ – die Umschreibung für den Anhalter Bahnhof in Berlin – und „Die Brücke vom Goldenen Horn“ sind geschichtlich bekannte Bauwerke, die mit ihrem historischen Symbolcharakter den Grad der Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie im Leben einzelner Menschen eine Rolle gespielt haben oder spielen können. Die Technik, dass besondere Orte in literarische Texte eingebunden werden bewirkt, dass persönlich Erlebtes umso historischer und Fiktionalität umso authentischer wirken.
Die Überschrift ‚Der beleidigte Bahnhof’ verweist auf Özdamars bildhafte Sprache, die den Berliner Anhalter Bahnhof in einer modifizierten Form erscheinen lässt: „Wir nannten ihn den zerbrochenen Bahnhof. Das türkische Wort für ‚zerbrochen’ bedeutet gleichzeitig auch beleidigt. So heißt er auch ‚der beleidigte Bahnhof’.“ (S. 25) Durch die unmittelbare Übersetzung des türkisch Gedachten ins Deutsche reduziert die Protagonistin das wahrgenommene ‚Fremde’, um es sich auf diese Weise besser anzueignen. Reduktion und Abstraktion der Sprache bewirken, dass das Wahrgenommene verfremdet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Gegenstands der Arbeit, die sich auf die Analyse türkischer Frauenfiguren in der Migrationsliteratur seit 1980 konzentriert, sowie die theoretische Verortung.
I. Migration und deutsch-türkische Migrationsliteratur: Theoretische Grundlagen zu Migration, Kulturverständnis, Fremdheitsdeutungsmustern und der Definition von Migrationsliteratur.
II. Analyse ausgewählter deutschsprachiger Migrationsliteratur: Literaturwissenschaftliche Untersuchung der Werke von Saliha Scheinhardt, Aysel Özakin und Emine Sevgi Özdamar hinsichtlich Identitätsbildung und Darstellung türkischer Frauen.
Schlusskapitel: Zusammenfassende Darstellung der Entwicklung von essentialisierenden Opferrollen hin zu hybriden Identitätskonzepten in der modernen Migrationsliteratur.
Schlüsselwörter
Migrationsliteratur, türkische Frauenfiguren, Identitätsbildung, Fremderfahrung, Hybridität, Orientalismus, Deutsch-türkische Literatur, Saliha Scheinhardt, Aysel Özakin, Emine Sevgi Özdamar, Kultur, Selbstreflexion, Integrationsprozesse, literarische Analyse, Stereotypisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Werken deutschsprachiger Autorinnen türkischer Herkunft, wobei der Fokus auf der Darstellung türkischer Frauenfiguren und deren Identitätsfindungsprozessen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Konstruktion von Identität, die Auseinandersetzung mit Fremdheit, die Rolle kultureller Zuschreibungen sowie die kritische Reflexion des „Orientalismus“ und stereotypisierender Opferdarstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, herauszustellen, wie die Themen Identitätsfindung und Fremderfahrung in den ausgewählten Werken bearbeitet werden und wie sich die Darstellung der Frauenfiguren von den 80er Jahren bis heute gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze zu Hybridität und Fremdheit (u.a. nach Said und Bhabha) mit einer textnahen Untersuchung der ausgewählten Romane verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Werke von Saliha Scheinhardt, Aysel Özakin und Emine Sevgi Özdamar detailliert analysiert, um die Entwicklung der Migrationsliteratur und der darin entworfenen Frauenbilder aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Migrationsliteratur, Identitätsbildung, Hybridität, Fremderfahrung, Cultural Studies und die Analyse türkischer Frauenfiguren charakterisiert.
Warum wird Emine Sevgi Özdamars Roman als aktuell bezeichnet?
Der Roman „Die Brücke vom goldenen Horn“ wird als aktuell eingestuft, da er über die ältere Phase der „Betroffenheitsliteratur“ hinausgeht und den Prozess der Identitätsbildung auf eine Weise reflektiert, die aktuellen Rezeptionsgewohnheiten entspricht.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in Scheinhardts Werk von der Özdamars?
Während Scheinhardt ihre Figuren oft einseitig in der Opferrolle darstellt und stereotype „Suleika“-Bilder reproduziert, gestaltet Özdamar ihre Protagonistin als waches, hybrides Individuum und nutzt ironische sowie satirische Mittel zur Infragestellung starrer Normsysteme.
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- Inga Pohlmeier (Author), 2006, Türkische Frauenfiguren in der deutschsprachigen Migrationsliteratur seit 1980, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77464