Die Zunahme der Gewalt an Schulen ist ein Anzeichen dafür, dass die Schule zwar ihrem Lehrauftrag nachkommt (wenn auch dies seit der PISA-Studie in Frage gestellt wird), dass sie aber in der ethischen Erziehung ihrer Schützlinge stellenweise extrem versagt hat. Im Hinblick auf die heutigen Probleme, mit denen sich nicht nur das Unterrichtswesen, sondern auch unsere Gesellschaft konfrontiert sieht, mangelt es dem über zwei Jahrtausende alten Werk von Aristoteles nicht an Aktualität. In der Nikomachischen Ethik wird die Notwendigkeit einer Erziehung zur sittlichen Trefflichkeit immer wieder betont. Die vorliegende Arbeit behandelt die pädagogische Relevanz der Nikomachischen Ethik von Aristoteles.
Zunächst werde ich den Gegenstand dieses Werkes skizzieren (Kapitel 2). Im dritten Kapitel erläutere ich die Anthropologie des Menschen und den Aufbau der menschlichen Seele nach Aristoteles. Diese Darstellung ist wichtig für das Verständnis der ethischen und dianoëtischen Trefflichkeit. Bevor ich diese jedoch behandle, gehe ich auf die zwei Wege des Lernens ein (Kapitel 4). Das fünfte und das sechste Kapitel haben jeweils die ethische und die dianoëtische Trefflichkeit zum Inhalt. In beiden Kapiteln verweise ich immer wieder auf die pädagogische Bedeutung der aristotelischen Thesen. Mit einer kurzen Zusammenfassung, in der ich nochmals gesondert die pädagogisch relevanten Punkte aufzähle, schließe ich diese Arbeit (Kapitel 7).
Inhaltsangabe
1. Einleitung
2. Der Gegenstand der Nikomachischen Ethik
2.1. Der Gegenstand der Untersuchung
2.2. Das Wesen des Glücks
3. Die Anthropologie des Menschen
3.1. Die Aufteilung der Seele
3.2. Die Trefflichkeit des Menschen
4. Die zwei Wege des Lernens
4.1. Der wissenschaftliche Weg
4.2. Der pädagogische Weg
5. Die ethische Trefflichkeit: Erziehung zu einem tugendhaften Leben
5.1. Das Mittlere
5.2. Lust und Unlust: Bedeutung für die Erziehung
5.3. Die Bedeutung der Strafe
5.4. Handeln: Praxis lernt man nur durch Praxis
5.5. Die Rolle der Gesetzgebung
5.6. Die Bedeutung der Einzelerziehung
6. Die dianoëtischen Tüchtigkeiten: Unterricht und Erziehung
6.1. Das Lehr- und Lernbare: Episteme und techne
6.2. Unterschied zwischen areté und techne
6.3. Die Bedeutung der phronesis für die menschliche Lebensführung
6.4. Die Bedeutung der nous für die Erkenntnis der Prinzipien
7. Zusammenfassung und Kritik
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die pädagogische Relevanz der Nikomachischen Ethik von Aristoteles im Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei, wie Aristoteles' Konzepte der ethischen und dianoëtischen Trefflichkeit genutzt werden können, um eine fundierte erzieherische Praxis zur Entwicklung eines tugendhaften Charakters zu begründen.
- Die Analyse des aristotelischen Begriffs der Trefflichkeit (areté) und des Glücks (eudaimonia).
- Die Bedeutung von Gewöhnung, Übung und Strafe im pädagogischen Kontext der ethischen Erziehung.
- Die Gegenüberstellung des wissenschaftlichen Weges und des pädagogischen Weges des Lernens.
- Die Rolle der Gesetzgebung und Einzelerziehung bei der Formung des menschlichen Charakters.
- Die Untersuchung der dianoëtischen Tüchtigkeiten und ihre Anwendung im schulischen Unterricht.
Auszug aus dem Buch
2.2. Das Wesen des Glücks
Je nach Handlung und praktischen Können gibt es ein unterschiedliches Gut (ebd. 14). Es gibt aber auch ein Gut, das jeder Mensch verfolgt und um dessen Willen alles andere unternommen wird: das oberste Gut oder das Endziel (ebd.: 14f.). Was ist nun das höchste aller Ziele? Nach Aristoteles ist es das Glück bzw. das geglückte Leben (eudaimonia) (ebd.: 15). Dieses ist vollkommen, da es um seiner selbst willen erstrebt wird, und nicht Mittel zum Zweck ist. Es ist kein Mittel um andere Güter zu erlangen (ebd.). Somit ist es „für sich allein genügend“ (ebd.: 16).
Doch worin genau besteht dieses Glück? Um darauf eine Antwort zu bekommen, fragt Aristoteles nach der eigenen Leistung des Menschen, nach der Tätigkeit, die den Menschen ausmacht, sein Wesen bestimmt (ebd.). Dieses ist das Leben als Wirken des rationalen Seelenteiles, denn gerade der Gebrauch der Vernunft unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen (ebd.: 17). Genauer definiert Aristoteles das Glück als „ein Tätigsein der Seele gemäß dem rationalen Element oder jedenfalls nicht ohne dieses“ (ebd.). Da das rationale Element das Wesen der menschlichen Seele ausmacht, lässt sich das Glück auch folgendermaßen beschreiben:
„Das oberste dem Menschen erreichbare Gut stellt sich dar als ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die mangelnde ethische Erziehung in heutigen Schulen und stellt die Relevanz von Aristoteles' Werk für aktuelle pädagogische Problemstellungen dar.
2. Der Gegenstand der Nikomachischen Ethik: Dieses Kapitel definiert das höchste Ziel menschlichen Handelns als das Glück und ordnet die Pädagogik unter die übergeordnete Staatskunst ein.
3. Die Anthropologie des Menschen: Aristoteles' Einteilung der Seele in rationale und irrationale Anteile wird als Grundlage für das Verständnis von ethischer und dianoëtischer Trefflichkeit dargelegt.
4. Die zwei Wege des Lernens: Es werden der deduktive wissenschaftliche Weg sowie der empirische pädagogische Weg des Lernens unterschieden, wobei letzterer für den Bildungserfolg hervorgehoben wird.
5. Die ethische Trefflichkeit: Erziehung zu einem tugendhaften Leben: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung von Gewöhnung, dem Finden des „Mittleren“, sowie die Rolle von Lust, Strafe und Gesetzgebung in der Erziehung.
6. Die dianoëtischen Tüchtigkeiten: Unterricht und Erziehung: Die fünf Tüchtigkeiten des vernünftigen Strebens werden auf ihre pädagogische Relevanz und Anwendbarkeit im schulischen Kontext hin untersucht.
7. Zusammenfassung und Kritik: Die Arbeit resümiert die Notwendigkeit, Erziehung nicht nur als theoretische Wissensvermittlung, sondern als umfassende Charakterbildung zu verstehen, wobei Teile von Aristoteles' Forderungen kritisch hinterfragt werden.
Schlüsselwörter
Nikomachische Ethik, Aristoteles, Pädagogik, Trefflichkeit, areté, ethische Erziehung, Glück, eudaimonia, Gewöhnung, dianoëtische Tüchtigkeit, phronesis, Charakterbildung, Staatskunst, Handeln, Tugend.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die pädagogische Bedeutung und Anwendbarkeit der philosophischen Grundsätze aus Aristoteles' "Nikomachischer Ethik" für die heutige Erziehungspraxis.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Zentrale Themen sind die menschliche Anthropologie, die zwei Arten des Lernens, die methodische Erziehung zum tugendhaften Leben sowie die Rolle von Gesetzgebung und Verstand für die Charakterbildung.
Was ist das primäre Ziel der wissenschaftlichen Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie aristotelische Prinzipien helfen können, die ethische Erziehung von Schülern zu verbessern und die Schule über rein fachwissenschaftliche Ziele hinaus als Ort der Charakterbildung zu begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textnahen philosophischen Analyse des Werkes von Aristoteles, welche in den pädagogischen Kontext übertragen und mit aktuellen erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen verknüpft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Seele, die Gegenüberstellung von wissenschaftlichem und pädagogischem Lernen sowie die detaillierte Analyse ethischer und dianoëtischer Tüchtigkeiten hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Lehrer.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie areté (Trefflichkeit), eudaimonia (Glück), Gewöhnung, phronesis (sittliche Einsicht) und das "Mittlere" (mesotes) geprägt.
Wie unterscheidet Aristoteles den wissenschaftlichen vom pädagogischen Weg?
Während der wissenschaftliche Weg deduktiv von allgemeinen Prinzipien auf das Einzelne schließt, geht der pädagogische Weg induktiv vom Bekannten, also dem empirisch Wahrnehmbaren, aus, um zum Verständnis der allgemeinen Grundlagen zu gelangen.
Warum spielt das Alter für den Pädagogen laut Aristoteles eine Rolle?
Da die Entwicklung des intuitiven Verstandes (nous) für das Verständnis der Prinzipien maßgeblich auf Erfahrung basiert, setzt eine fundierte pädagogische Tätigkeit eine gewisse Reife bzw. Lebenserfahrung voraus, die jungen Menschen noch fehlt.
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- Tania Götze (Author), 2007, Die pädagogische Bedeutung der Nikomachischen Ethik von Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77478