Religion und Kirche unter den Bedingungen der Moderne


Hausarbeit, 2002
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Bedingungen der Moderne für Religion und Kirche
1.1. Eine kurze Definition von Religion und Kirche
1.2. Individualisierung
1.2.1. Religiöse Freisetzung
1.2.2. Konfessionelle und soziale Homogenisierung
1.2.3. Religiöse Selbstbestimmung und Subjetktivierung
1.2.4. Alltagssynkretismus
1.3. Religiöse Orientierung in der Lebenswelt
1.4. Pluralismus
1.4.1. Religiöse Vielfalt außerhalb der Kirche
1.4.2. Religiöse Vielfalt der Glaubensvorstellungen innerhalb der Kirche
1.4.2.1. Vier Dimensionen des religiösen Pluralismus
1.4.2.2. Probleme des religiösen Pluralismus
1.5. Fundamentalismus
1.6. Auswirkungen auf die Struktur und Organisation der beiden Großkirchen
1.6.1. Lokale Präsenz der Institutionskirche
1.6.2. Funktionale Differenzierung der Organisationskirche

2. Thesen zur zukünftigen Entwicklung von Religion und Kirche in Deutschland
2.1. Begrenzter Pluralismus
2.2. Bestehen der Organisationskirche
2.3. Christliche hochgeneralisierte Grundstimmung
2.4. Probleme der Zivilreligion

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Ihr Christen habt in eurer Obhut ein Dokument mit genug Dynamit in sich, die gesamte Zivilisation in Stücke zu blasen, die Welt auf den Kopf zu stellen, dieser kriegszerrissenen Welt Frieden zu bringen.“[1], beschrieb Mahatma Gandhi einst die Heilige Schrift der Christen. Angesichts der heutigen Situation in Deutschland geht dem Leser wohl ein Lächeln über die Lippen beim Lesen dieses Zitates. Haben die Christen noch irgendeinen Einfluss auf die Gesellschaft? Ist es nicht eher so, dass die moderne Zivilisation die Religionen mitsamt dem Christentum zu zersprengen droht? Wer glaubt heute überhaupt noch an den Inhalt der Bibel und die Kraft ihrer Worte? Sind Christentum und Moderne nicht zwei ambivalente Begriffe, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen? Oder brauchen wir gerade in der Moderne einen religiösen Halt? Sicher wird jedes Individuum diese Frage anders beantworten, doch so plural unsere Gesellschaft mit ihren individuellen Vorstellungen auch ist, lassen sich doch gesamtgesellschaftliche Tendenzen auf diese Fragen finden.

1. Bedingungen der Moderne für Religion und Kirche

Die fortschreitenden Modernisierungsprozesse beeinflussen nicht nur Wirtschaft, Politik und Wissenschaft in einem hohen Maß, sondern haben auch Auswirkungen auf das private Leben sowie auf Religion und Kirche. Die Folgen lassen sich nicht auf einen Säkularisierungsprozess und ein öffentliches Verschwinden der Religion beschränken. Vielmehr - und das soll im Folgenden deutlich gemacht werden - verlaufen die gesellschaftlichen und religiösen Evolutionsprozesse parallel. Die Kennzeichen der modernen Gesellschaft wie Funktionalisierung, Differenzierung, Rationalisierung, Pluralisierung, Komplexitätserhöhung und Individualisierung prägen auch den religiösen und kirchlichen Bereich. Im diesem ersten Teil meiner Arbeit möchte ich die neuen Bedingungen der Moderne in dem Bereich Religion und Kirche darstellen. Davon ausgehend werden im zweiten Teil Überlegungen zur Entwicklung und zukünftigen Bedeutung von Religion und Kirche in Deutschland, mit der Fragestellung nach der heutigen Sozialgestalt der Kirche, folgen.

1.1. Eine kurze Definition von Religion und Kirche

Bevor ich mit meiner Ausführung beginne möchte ich noch kurz auf den Unterschied der Begriffe Religion und Kirche eingehen. Eine ausführliche Definition des Religionsbegriffes muss ich jedoch weglassen, denn darüber sind sich Religionswissenschaftler bis heute nicht einig. Diese Problemstellung kann im Rahmen dieser Arbeit nicht erörtert werden und ist auch nicht deren Inhalt. Ich werde im Folgenden Religion als übergesellschaftliche, transzentale Symbolisierung gebrauchen. Kirche meint in diesem Zusammenhang die konkrete institutionelle Ausgestaltung von Religion, die in Deutschland auf die beiden großen Kirchen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen zurück geht.

1.2. Individualisierung

Moderne Gesellschaften sind durch eine starke Differenzierung von Persönlichkeit, Kultur und Gesellschaft gekennzeichnet. Anders als der Mensch, der beispielsweise in einer Stammesgesellschaft fest in die Gemeinschaft eingebunden ist, kaum ein individuelles Bewusstsein entwickelt und zu subjektiven Entscheidungen nur in geringem Maße fähig ist, ist der moderne Mensch vom Kollektiv losgebunden. Er steht diesem sogar als Subjekt gegenüber und nimmt sich als außenstehende Persönlichkeit wahr. Die vom Kollektiv getragene institutionelle Religion verliert dadurch an Einfluss, denn die Sinnfragen beschäftigen nicht mehr den Menschen als ein Teil der Gemeinschaft. Vielmehr muss er als einzeln Denkender und Fühlender religiöse Sinnfragen für sich selbst beantworten. Eine vom Kollektiv vorgegebene Antwort befriedigen ihn nicht mehr, da er das Daseinsproblem als Einzelner wahrnimmt, das mittelbar sein Leben, nicht die Existenz des Kollektivs, betrifft. Religion muss also im Subjekt, nicht im Kollektiv wirksam werden.[2] Das Individuum hat dabei die freie und eigenständige Wahl der Lebensorientierung bei einer Vielzahl an Deutungsangeboten.

1.2.1 Religiöse Freisetzung

Die Folgen der Individualisierungsprozesse sind dabei komplex und unterschiedlich. Zunächst verlief die Freisetzung aus sozialen Bindungen parallel mit jener aus religiösen Bindungen, da letztere die Träger und auch sinngebende Elemente der sozialen Beziehungen waren. Die christliche Tradition als Träger der bäuerlichen und klein-handwerklichen Lebens- und Produktionsform verlor mit deren Auflösung stark an Bedeutung. Die religiösen Deutungsmuster erschienen als Erklärungsmodelle der überkommenen sozialen Ordnung nicht mehr plausibel. Die religiösen Welt- und Lebensdeutungen wurden schlichtweg entzaubert. Das Individuum ist nun zur eigenen Reflexion gezwungen. Den Verlust traditioneller Sicherheiten und vorgegebener Orientierung muss es durch eine eigenständige Sinnwahl ersetzen.[3]

1.2.2 Konfessionelle und soziale Homogenisierung

Dies führt zum einen zu einem pluralen Angebot religiöser Lebensorientierungen; zum anderen haben die Individualisierungsprozesse eine homogenisierende Wirkung. Die konfessionellen Unterschiede haben sich stark verringert. In gemeinsamen ökumenischen Aktionen gehen die beiden Kirchen aufeinander zu. Einen Höhepunkt erreichte diese Zusammen im Sommer 2202, als die ersten ökumenischen Kirchentage in Erfurt statt fanden. Ebenso ist die Religiosität nicht mehr sozial gebunden, der Zugang zur praktizierten Religion ist nicht vom sozialen Stand des Individuums abhängig.[4]

1.2.3 Religiöse Selbstbestimmung und Subjektivierung

Nicht mehr die Geburt in eine bestimmte Religion hinein bestimmt die Lebensorientierung eines Menschen, sondern seine freie eigene Entscheidung. Religiöse Freiheit und Autonomie sind die geforderte Norm geworden, an der jedes religiöse Angebot gemessen und bewertet wird. Das religiöse System verliert dadurch an Kontrolle, denn es ist gezwungen, Raum für Entscheidungsoffenheit zu geben, ohne dabei die Teilnahmemotive des Individuums erkennen, geschweige denn regulieren zu können.[5]

1.2.4 Alltagssynkretismus

Oftmals genügt die Übernahme eines einzigen religiösen Systems dem Individuum als Orientierung nicht. Die Identitätsfindung geschieht mit Hilfe unterschiedlicher religiöser Vorstellungen und der Vermischung verschiedener Traditionen. Aus mehreren Deutungsmustern werden vom Individuum bestimmte Elemente herausgepickt, aus denen es dann seine eigene einmalige „Religion“ bastelt. Karl Daiber bezeichnet diesen Alltagssynkretismus als „ Synthese unterschiedlicher religiöser Traditionen, in denen persönliche Orientierung gesucht wird“[6]. Die Identitätsfindung ist dabei in den wenigsten Fällen einheitlich und biografisch durchgängig. Der Mensch definiert sich hingegen immer wieder neu.

Da diese Suche subjektiv ist, ist sie auch sozial nicht erkennbar[7]. Religion ist zur Privatsache geworden, über die kaum mehr geredet wird und die nur dem Individuum selbst was angeht. Durch diese Subjektorientierung ist die einheitliche religiöse Sprache verloren gegangen[8].

1.3 Religiöse Orientierung in der Lebenswelt

In diesem Abschnitt möchte ich mich der Frage widmen, wie relevant Religion und Kirche für die Glaubens- und Lebenswelt der Deutschen ist, bzw. ob sie überhaupt eine Relevanz für die Orientierung des Einzelnen in der Welt hat. Laut einer ALLBUS-Studie von 1992[9] nimmt der Lebensbereich „Religion und Kirche“ in einer Prioritätenliste von acht Lebensbereichen den sechsten Platz ein. Hinter ihm kommen nur noch „Politik und öffentliches Leben“ und „Nachbarschaft“. Dennoch lässt sich in einer Umfrage von 1982 zu „Gottesglauben und Bildung“[10] eine allgemeine Zustimmung eines Transzendenzbezuges feststellen. An die Existenz einer Welt außerhalb der unseren bzw. an ein überirdisches Wesen, welcher Art auch immer, glaubten die meisten Befragten. Eine weitere Befragung zum Thema „Gottesglauben und Lebenssinn“[11] zeigte jedoch, dass wenige der Idee eines persönlichen Gottes zustimmen können. Vielmehr wird Gott als das Wertvolle im Menschen gesehen. Auch an die göttliche Schöpfungsgeschichte will so recht keiner mehr glauben. „Naturgesetze bestimmen das Leben“, meinen eine Vielzahl der Befragten. Findet zwar der Sinn des Lebens eine breite Zustimmung, so denken die meisten, dass man diesen Sinn erst selbst für sich suchen muss. Der Mensch ist aufgefordert zur aktiven Lebensgestaltung, zur Entdeckung seiner eigenen Sinnorientierung. Die Kirchen können dabei zwar hilfreich sein, aber sie können diese Aufgabe nicht vollständig übernehmen. Sehr unterschiedlich äußerten sich Ost- und Westdeutsche auf die Frage nach dem Gottesglauben. 48,8% der Ostdeutschen gaben 1991 an, dass sie nicht an Gott glaubten, im Gegensatz zu 10,2% Westdeutscher[12]. So bezeichnet sich jeder zweite Bürger aus den Neuen Bundesländern als nicht-religiös (51,9%), in den alten Bundesländern trifft das nur auf jeden achten zu (13,1%)[13]. Während sich im Osten der Republik eine nichtreligiöse Grundstimmung behauptet, ist der Westen nach wie vor vom religiösen Muster der beiden Großkirchen dominiert. Dennoch wird auch im Osten das Christentum als ein Element historischer Tradition angesehen und mit dem Erbe Luthers pfleglich umgegangen. Dabei wird die christliche Tradition entmystifiziert und als kulturelles Element relevant.[14]

[...]


[1] Zitat ist dem Artikel von Heinrich, Michael, „Deine Liebe – lieblicher als Wein“, Warum die Bibel der Bestseller aller Bestseller ist, in: Abendzeitung München, Nr.3/1, vom 4./5./6.1.2003, S.6, entnommen.

[2] Vgl. Daiber,1997, S.76

[3] Ausführung nach Gabriel, 1993, S.142f

[4] vgl. Gabriel, 1993, S.144

[5] vgl. Gabriel, 1993, S.145

[6] Daiber, 1997, S.162

[7] vgl. Daiber, 1997, S.162

[8] vgl. Daiber, 1997, S.77

[9] Quelle: Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, 1982/1992, 1992: n = 3577.

[10] Quelle: ALLBUS, 1982, n = 2950

[11] vgl. ALLBUS-Studie, 1992

[12] Quelle: Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung, Codebook: ISSP 1991 – Religion, 83 f.

[13] Quelle: Zentralarchiv... a.a.O. S.125 f

[14] Die Daten und Interpretation der Studien, die in diesem Abschnitt erwähnt sind, sind entnommen aus Daiber, 1995, S.41-63.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Religion und Kirche unter den Bedingungen der Moderne
Hochschule
Universität Bayreuth  (Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V77485
ISBN (eBook)
9783638872102
ISBN (Buch)
9783638872133
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Kirche, Bedingungen, Moderne
Arbeit zitieren
Tania Götze (Autor), 2002, Religion und Kirche unter den Bedingungen der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77485

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