Farbbezeichnungen in ihrer Entwicklung vom Lateinischen zum heutigen Französisch

Mit besonderer Berücksichtigung der altfranzösischen Epoche


Magisterarbeit, 2007

99 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Bedeutung von Farben in unserem täglichen Leben sowie Darstellung der Gliederung meiner Arbeit

2. Sprachhistorischer Teil
2.1 Vorbemerkung: der Übergang vom Lateinischen ins Französische
2.2 Die Farbe Weiß
2.2.1 Die Farbe Weiß im Lateinischen
2.2.2 Die Farbe Weiß im Altfranzösischen
2.2.3 Zusammenfassung
2.3 Die Farbe Schwarz
2.3.1 Die Farbe Schwarz im Lateinischen
2.3.2 Die Farbe Schwarz im Altfranzösischen
2.3.3 Zusammenfassung
2.4 Die Farbe Rot
2.4.1 Die Farbe Rot im Lateinischen
2.4.2 Die Farbe Rot im Altfranzösischen
2.4.3 Zusammenfassung
2.5 Die Farbe Blau
2.5.1 Die Farbe Blau im Lateinischen
2.5.2 Zusammenfassung
2.5.3 Die Farbe Blau im Altfranzösischen
2.5.4 Zusammenfassung
2.6 Die Farbe Gelb
2.6.1 Die Farbe Gelb im Lateinischen
2.6.2 Die Farbe Gelb im Altfranzösischen
2.7 Die Farbe Grün
2.7.1 Die Farbe Grün im Lateinischen
2.7.2 Zusammenfassung
2.7.3 Die Farbe Grün im Altfranzösischen
2.8 Die Farbe Grau
2.8.1 Die Farbe Grau im Lateinischen
2.8.2 Die Farbe Grau im Altfranzösischen
2.9 Die Farbe Braun
2.9.1 Die Farbe Braun im Lateinischen
2.9.2 Die Farbe Braun im Altfranzösischen
2.10 Die Farbe Violett
2.10.1 Die Farbe Violett im Lateinischen
2.10.2 Die Farbe Violett im Altfranzösischen
2.11 Altfranzösische Entlehnungen aus dem Germanischen?
2.12 Farbadjektive in der altfranzösischen Literatur

3. Farbadjektive im heutigen Französisch
3.1 Die Bildung von Farbadjektiven im heutigen Französisch
3.2 Farbadjektive im heutigen Französisch
3.2.1 Die Farbe Weiß
3.2.2 Die Farbe Schwarz
3.2.3 Die Farbe Rot
3.2.4 Die Farbe Blau
3.2.5 Die Farbe Gelb
3.2.6 Die Farbe Grün
3.2.7 Die Farbe Grau
3.2.8 Die Farbe Braun
3.2.9 Die Farbe Violett
3.2.10 Die Farbe Rosa
3.2.11 Die Farbe Orange
3.3 Farbadjektive in zeitgenössischer Literatur
3.4 Beispiel für eine in der Kosmetikindustrie besonders wichtige Farbe: Rot

4. Fazit

Literaturverzeichnis
Wörterbücher und Lexika
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Anhang

Diorific Rouge à lèvres von Dior – Ausgewählte Farbnuancen

Rouge absolu von Lancôme – Ausgewählte Farbnuancen

Rouge Délectation Fard à Lèvres Crème von by Terry – ausgewählte Farbnuancen

Rouge Dior von Dior – Ausgewählte Farbnuancen

Erklärung

1. Die Bedeutung von Farben in unserem täglichen Leben sowie Darstellung der Gliederung meiner Arbeit

In unserem täglichen Leben sind wir permanent von Farben umgeben. Beim Einkaufen fiel mir kürzlich z. B. auf, dass es eine neue Apfelsorte namens „Rubens“ gibt. Zuerst kam mir der bekannte gleichnamige Maler in den Sinn, wobei mir allerdings nicht klar war, was den Maler mit dem Apfel verbinden soll, dann kam mir aber eine andere Idee. Da es sich um einen schönen roten Apfel handelt, könnte der Name eine Anspielung auf das Adjektiv rubens sein, welches eine der Bezeichnungsmöglichkeiten für die rote Farbe im Lateinischen ist. Bei der Benennung neuer Produkte lassen sich mitunter sehr kreative Ideen erkennen, und dabei spielen häufig Farben eine große Rolle.

Bewusst oder unbewusst nehmen Farben nämlich auch Einfluss auf unsere Stimmung oder unser Wohlbefinden. Sie können so beim Menschen indirekt den Wunsch auslösen, ein bestimmtes Produkt zu kaufen. Genauso gilt es als erwiesen, dass ein bunt verpacktes Produkt häufiger verkauft wird als ein vergleichbares Produkt, das in einer unscheinbaren Verpackung angeboten wird.

In der modernen Medizin werden Farblichttherapien eingesetzt. Dabei wird der Körper mit bestimmten Farben bestrahlt, was sich positiv auf das Befinden auswirken kann. Sogar bei Blinden kann die Farbtherapie Erfolge erzielen, da die Farben nicht nur über das Auge, sondern auch über die gesamte Körperoberfläche aufgenommen werden.

Jede Farbe hat eine ganz bestimmte Wirkung auf den Menschen, daher eignen sie sich auch so gut für die Werbung. Dabei ist natürlich zu beachten, dass Farben von jedem Menschen anders aufgenommen werden. Ein kräftiges Rot, das für den Einen als „schön“ erscheint, kann einem Anderen als hässliche Farbe vorkommen. Prinzipiell kann man aber davon ausgehen, dass bestimmte Farben für eine große Allgemeinheit auch mit einer bestimmten Bedeutung verbunden sind. So gilt Rot z. B. als die Farbe der Wärme (oft ist ein kleiner roter Punkt auf dem Warmwasserhahn angebracht), während Weiß als Symbol für Reinheit und Unschuld gilt. Blau hingegen steht für unendliche Weite, usw.

Moderne Computerbildschirme können 16,7 Millionen Farben anzeigen. Diese Zahl ergibt sich aus den drei Grundfarben Rot, Grün und Blau, die jeweils eine Auflösung von 8 bit haben. Das heißt, dass jede der Grundfarben über 28 (also 256) verschiedene Möglichkeiten der Abstufung verfügt. Da aus den drei Grundfarben jede mögliche Farbe durch Mischung angezeigt werden kann, ergeben sich so insgesamt 256³ Möglichkeiten, also 16,7 Mio. Farben. In jüngster Zeit setzen sich sogar schon Monitore mit 32 bit durch, die dann noch mehr verschiedene Farben darstellen könnten. Für das menschliche Auge können diese 16,7 Mio. Farben natürlich nicht unterschieden werden, vielmehr erscheinen sehr viele Farben als ein- und dieselbe. Es wäre auch utopisch, von 16,7 Mio. verschiedenen Farbbezeichnungen auszugehen. Dennoch werde ich im Verlauf meiner Arbeit zeigen, dass es für jede Farbe mehrere verschiedene Bezeichnungsmöglichkeiten gibt. Ich unterscheide dabei meist zwischen Grund- oder Primärfarbwörtern sowie Sekundärfarbwörtern (Hyponyme). Dabei muss ein Grundfarbwort über eine gewisse psychologische Auffälligkeit, eine semantische Eigenständigkeit sowie freie Verwendbarkeit verfügen.[1] Die Grundfarbwörter kommen natürlich auch viel häufiger als die verschiedenen Sekundärfarbwörter vor.

Im sprachhistorischen Teil der Arbeit stelle ich also die verschiedenen Möglichkeiten der Farbenbenennungen für das Lateinische und das Altfranzösische vor. Im zweiten Teil der Arbeit wird sich zeigen, dass sich besonders das heutige Französisch im Bereich von Mode und Kosmetik als äußerst kreativ beim Schaffen neuer Farbbezeichnungen erweist. Dies geschieht zum Teil aus eigenen Mitteln, andererseits spielen auch Entlehnungen aus anderen Sprachen eine Rolle. Für das Altfranzösische und das Gegenwartsfranzösisch untersuche ich auch jeweils Romane der jeweiligen Epochen, um zu sehen, welche Farbbezeichnungen in der Literatur besonders häufig vorkommen. Aufgrund der Fülle des zu untersuchenden Materials werde ich mich ausschließlich auf die Adjektive konzentrieren.

Die beiden Forscher Brent Berlin und Paul Kay haben ein Schema entwickelt, das in sieben Stufen zeigt, wie sich der Farbenbestand in einer Sprache langsam ausweitet:

Stufe 1 Schwarz, Weiß

Stufe 2 Schwarz, Weiß, Rot

Stufe 3 Schwarz, Weiß, Rot, Gelb oder Grün

Stufe 4 Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün

Stufe 5 Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau

Stufe 6 Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau, Braun

Stufe 7 Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau, Braun; dazu eine oder alle der folgenden Farben: Lila, Rosa, Orange, Grau[2]

Man kann anhand dieses Schemas sehr deutlich sehen, wie immer mehr Farbenbezeichnungen dazukommen, je weiter sich eine Sprache (und das dazugehörige Volk) entwickelt. Dass in der ersten Stufe nur Schwarz und Weiß benannt werden, legt nahe, dass anfangs nur zwischen hell und dunkel unterschieden werden kann. Je weiter sich anatomisch das Farbensehen weiterentwickelt, um so mehr Farben können unterschieden werden, und um so mehr Farben müssen daher auch benannt werden. In der siebten Stufe sind maximal elf Grundfarbwörter aufgeführt. Das heutige Französisch kennt alle elf Grundfarben. Barbara Schäfer geht für das Altfranzösische von acht Grundfarbbereichen aus (Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau, Grau und Braun).[3] Auch wenn Lila, Rosa und Orange noch fehlen, hätte das Altfranzösische damit bereits Stufe 7 erreicht. Da Braun aber noch keinen sehr gefestigten Status hat, ist es auch möglich, das Altfranzösische erst der Stufe 6 zuzuordnen. Das Gleiche gilt für das Lateinische, das sich auf jeden Fall erst in Stufe 6 oder gar erst in Stufe 5 befindet, da die lateinischen Farbadjektive aus dem Bereich Braun sehr spärlich sind. Zunächst soll aber geklärt werden, wie man sich den Übergang vom Lateinischen zum Altfranzösischen vorzustellen hat, bevor dann für jede Farbe die jeweiligen Farbbezeichnungen im Lateinischen und Altfranzösischen aufgeführt werden.

2. Sprachhistorischer Teil

2.1 Vorbemerkung: der Übergang vom Lateinischen ins Französische

Auf dem Gebiet des heutigen Frankreich siedeln seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. Gallier, die zum Volksstamm der Kelten gehören. Im ersten Jahrhundert v. Chr. wird Gallien von Caesar unterworfen. Dabei wird die heimische keltische Sprache sehr schnell zugunsten der Sprache der Eroberer aufgegeben, da das Lateinische über ein sehr hohes Prestige verfügt. Das von den Besatzungssoldaten in Gallien verbreitete Latein, also die gesprochene Sprache des römischen Volkes, wird Vulgärlatein genannt. Es unterscheidet sich stark vom klassischen Latein der Philosophen und Poeten, das uns schriftlich in vielen Zeugnissen überliefert wurde. Wie das Vulgärlatein ausgesehen hat, wissen wir hingegen nicht genau, da es sich weitgehend auf die gesprochene Sprache beschränkt.

Genauso wenig wissen wir, wann genau die Menschen aufhörten, Vulgärlatein zu sprechen. Der Übergang fand sicher nicht plötzlich und von einem Tag auf den anderen statt, sondern vollzog sich langsam über mehrere Jahrhunderte. Der Zusammenbruch des Weströmischen Reiches um 400 mit dem einhergehenden Verlust des kulturellen Prestiges hat sicher Anteil daran. Auf dem Gebiet Galliens gibt es bereits im 5. Jhd. keine Rhetorikerschulen mehr. „Zwischen dem 5. und 9. Jh. [hat] jede Generation etwas weniger Lateinisch bzw. etwas mehr Französisch gesprochen (...) als die vorausgehende Generation.“[4] Fassbar wird die Veränderung schließlich in den ersten Texten, die als „französisch“ gelten. Als frühester französischer Text gelten die Straßburger Eide von 842. Dabei handelt es sich um eine Urkunde in lateinischer Sprache mit volkssprachlichen Eidesformeln[5]. Diese frühe romanische Sprache nennt man Rustica romana lingua. Im 9. Jhd. war man sich also der Tatsache bewusst geworden, dass die Volkssprache sich bereits so sehr vom Lateinischen wegentwickelt hat, dass es bereits zu Verständigungsproblemen kommt. Während des Konzils von Tours beschließt man beispielsweise im Jahre 813, dass Predigten von da an nur noch in Volkssprache abgehalten werden sollen. Weitere frühe volkssprachliche Texte sind die Eulaliasequenz (ca. 880), La Vie de Saint-Léger (nach 950) und La Vie de Saint-Aléxis (ca. 1040). Bei all diesen Texten handelt es sich um Heiligenviten. Mit dem Rolandslied setzt ab etwa 1095 die Tradition der Chansons de geste ein, welche die Literatur des 12. und 13. Jhds. dominieren, allesamt in Volkssprache überliefert sind und überwiegend von Ereignissen der Karolingerzeit handeln. Der bedeutendste französische Autor des Mittelalters ist Chrétien de Troyes (ca. 1140 – 1190), der mit seinen Schilderungen vorbildhafter Heldentaten von König Artus und den Rittern der Tafelrunde die gesamte europäische Literatur nachhaltig beeinflusst. Im sprachhistorischen Teil werde ich sowohl das Rolandslied als auch zwei Werke von Chrétien de Troyes in Hinblick auf die verwendeten Farbenbezeichnungen untersuchen. Alle früheren Texte sind teils nur als Fragmente überliefert oder aber nur sehr kurz, weshalb sich eine Untersuchung erst ab dem Rolandslied als ergiebig erweist.

2.2 Die Farbe Weiß

2.2.1 Die Farbe Weiß im Lateinischen

Im Lateinischen gibt es zwei Primärfarbwörter für Weiß: das universell einsetzbare albus sowie candidus, dessen Bedeutung „glänzend weiß“ ist. Die ursprüngliche Bedeutung von candidus ist „in Flammen stehen“, da diese Bedeutung aber nicht ins Vulgärlatein einging, sondern auf das klassische Latein beschränkt bleibt, wird sie in den romanischen Sprachen nicht fortgeführt. Bereits in lateinischer Zeit wird candidus zudem immer mehr von albus verdrängt. In der Poesie bedienen sich die Autoren lieber der Metaphern wie argenteus, lacteus und marmoreus, die ebenfalls die Bedeutung „glänzend“ wiedergeben und sogar noch verstärken. Candidus wird so immer mehr zu einem – selten gebrauchten – Synonym für albus und verliert nach und nach die ursprünglich charakteristische Bedeutung „glänzend“.

Albus wird gebraucht, um beispielsweise das Weiß der Maler zu beschreiben, kommt in Sprichwörtern zum Einsatz, bei Pflanzennamen, etc. und findet Eingang in die Fachsprachen. Auch in der Toponymie wird albus gebraucht, allerdings ist dabei anzumerken, dass „à l’origine, il faut voir non une épithète, mais le substrat pré-indo-européen *alb-/*alp- qui se relève dans la toponymie avec le sens de « hauteur, mont » comme dans les Alpes. Mais les Latins avaient le sentiment d’avoir affaire à l’adjectif, tout comme dans les noms de villes.“[6]

Innerhalb des Bereichs der Farbe Weiß kann albus „sehr hell“, „blaß, bleich“[7] und „grau“ bedeuten. So wird z. B. die Farbe des Fells eines Esels immer mit albus wiedergegeben, aber auch für die prestigeträchtigen weißen Pferde der Könige und Generäle wird albus gebraucht. Im Gegensatz zu candidus kann albus auch gräuliche oder gelbliche Gegenstände bezeichnen.

Da, wie bereits erwähnt, candidus fast vollkommen von albus verdrängt wurde, wenn es um die Beschreibung weißer Gegenstände ging, wird candidus bald fast ausschließlich zur Beschreibung von Dingen verwendet, bei denen es mehr auf den Glanz als auf die weiße Farbe ankommt. Dies ist z. B. der Fall bei Mond und Sternen. Manchmal wird candidus in der Poesie durch nitidus ersetzt, wenn das Versmaß die Verwendung von candidus unmöglich macht. Bei Vergleichen mit Schwarz (niger „glänzendes Schwarz“) wird ausschließlich candidus gebraucht und auch bei der Verwendung im übertragenen Sinn (Reinheit, Unschuld, Glück, etc.) ist es ungleich häufiger als albus, obwohl albus auch im Sinne von „hell“ gebraucht werden kann.

Neben den beiden genannten Primärfarbwörtern gibt es noch einige Sekundärfarbwörter, die hauptsächlich der Sprache der Poesie zuzuordnen sind:

1) Da Weiß schon immer mit Schnee assoziiert wurde, ist niveus, nivalis („schneeweiß“) eine relativ geläufige Metapher. Es bezeichnet ein noch strahlenderes Weiß als jenes, das üblicherweise mit candidus wiedergegeben wurde, und gilt als Symbol für Reinheit.
2) Lacteus („milchweiß“) steht für ein besonders weißes Weiß und wird vorwiegend zur Beschreibung der menschlichen Haut (ohne Einfluss von Emotionen) gebraucht.
3) Die Metapher marmoreus („Marmorweiß“) mutet etwas seltsam an, da Marmor in Wirklichkeit gar nicht weiß ist, sondern immer auch von dunkleren Farben durchzogen ist. Daher kommt auch der Ausdruck „marmoriert“, was bedeutet, dass eine Fläche abwechselnd helle und dunkle Farben aufweist. Allerdings gibt es auch eine sehr kostbare und seltene Art von Marmor, die ausschließlich weiß ist. Es ist wohl diese Marmorart, auf die die Metapher sich bezieht. Sie wird ebenfalls verwendet, um die menschliche Haut zu beschreiben, und dabei v. a. die Schönheit der weiblichen Haut.
4) Argenteus wurde vermutlich in Analogie zu der erfolgreichen Metapher aureus („goldgelb“) gebildet. Es wird verwendet, um ein metallisches Silberweiß auszudrücken.
5) Schließlich ist noch eburneus/eburnus („weiß wie Elfenbein“) zu nennen, das ein Synonym zu marmoreus ist und daher ebenfalls zur Beschreibung der menschlichen Haut verwendet wurde.

Während niveus und lacteus noch relativ häufig vorkommen, spielen die anderen Metaphern eine eher marginale Rolle.

Für den speziellen Kontext „weißes Haar“ können im Lateinischen zwar auch albus und candidus verwendet werden, allerdings gibt es zusätzlich dazu noch das Wort canus / canutus.

2.2.2 Die Farbe Weiß im Altfranzösischen

Wenn man sich das altfranzösische Primärfarbwort blanc ansieht, stellt man auf den ersten Blick fest, dass sich hier beim Übergang in die romanischen Sprachen eine tiefgreifende Veränderung vollzogen haben muss. Weder albus noch candidus spielen im Altfranzösischen eine Rolle und das aus dem Fränkischen stammende blanc gibt „in den altfranzösischen Übersetzungen lateinischer Vorlagen (...) sowohl albus als auch candidus wieder (...). Die Differenzierung, die das Lat. zwischen albus ‚weiß’ und candidus ‚glänzend weiß’ vornimmt, ist im Afr. offenbar völlig aufgehoben.“[8] Reste von albus finden sich nur noch in Toponymen oder Ableitungen, als Farbbezeichnung hat es sich lediglich im Rumänischen oder Rätoromanischen halten können. Dies ist nicht erstaunlich, denn die Randgebiete der Romania erweisen sich prinzipiell als eher konservativ. In den übrigen Gebieten hat sich aufgrund der semantischen Überladung von albus (es gab zahlreiche sekundäre Bedeutungen wie z. B. „blass“, „gelblich“ oder „gräulich“) das fränkische *blank, das v. a. in der Galloromania durch Kontakte mit fränkischen Soldaten bekannt war, sehr schnell als Farbbezeichnung für Weiß etablieren können. Vermutlich war es bereits in Vulgärlatein aufgenommen. Dieses *blank bedeutete ursprünglich soviel wie „blank, poliert“ (im Kontext „Waffen“), wurde aber bald als Bezeichnung für „weiß“ eingesetzt. Man darf nun aber nicht erwarten, dass so eine Entwicklung von heute auf morgen stattfindet. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass der Kampf zwischen albus und *blank mehrere Jahrhunderte andauert, wobei das neuere Wort letztendlich den Sieg davonträgt. Bereits in den ersten literarischen Dokumenten dominieren die Formen von *blank. Daher kann man davon ausgehen, dass der Kampf zwischen albus und *blank noch vor dem Auftreten der ersten Texte entschieden war. Bloch-Wartburg datiert sein erstes Auftreten auf ca. 1080 (Rolandslied). Blanc ist sehr vielseitig einsetzbar. Es kann zur Beschreibung der unterschiedlichsten Gegenstände verwendet werden und sich auch auf die Beschreibung menschlichen Haares beziehen. Das lateinische Wort canus / canutus, das sich auf „weißes Haar“ bezog, existiert im Altfranzösischen unter der Form chenu / chenuel und kann ausschließlich im Kontext „menschliches Haar“ verwendet werden. Eine weitere Möglichkeit zur Beschreibung weißen Haars ist flori („blütenweiß“, abgeleitet vom Wort für „Blume, Blüte“). Während Ott noch der Meinung war, dass flori auch in anderen Kontexten eingesetzt werden kann, ist Schäfer der Ansicht, dass flori einzig und allein für Haare und Bart verwendet werden kann.

Des weiteren hat blanc eine Vielzahl von Ableitungen hervorgebracht:

1) blanchart - „ins Weißliche gehend“
2) blanchastre – „ins Weißliche gehend“
3) blanchaz / -ace – „weißlich“
4) blanchet – „weiß“; Blanchet kommt relativ häufig vor. Auffällig ist, dass es im Kontext „menschliches Haar“ auch bei jungen Frauen vorkommen kann. Vermutlich bedeutet das Wort in diesem Fall „hellblond“.
5) emblanchi – „weiß“
6) sorblanc / sourblanc – „weißlich“
7) sozblanc / souzblanches – „bleich, fahl“

Es ist eine weitverbreitete Vermutung ist, dass das Lateinische albus als Farbadjektiv überhaupt keine Spuren im Altfranzösischen hinterlassen hat, so stellt z. B. Ott fest: „Albus, comme désignation vivante de couleur, a disparu en vieux français. (...) Nous pouvons donc affirmer, sans crainte d’être démenti, que albus comme désignation de la couleur blanche n’existe plus en vieux français.“[9] Dennoch lassen sich laut Schäfer zwei, zwar extrem seltene, aber trotzdem auf albus zurückgehende Sekundärfarbwörter finden. Zum einen aube/albe („weiß“), zum anderen albicant („ins Weiß gehend“).

Im metaphorischen Bereich wären noch cristalin („kristallklar“) und chenevaz („rötliches Weiß“) zu nennen. „Chenevaz tritt offenbar nur im Zusammenhang mit Jagdvögeln auf. Vorlage ist lat. cannavacius (...), eine Ableitung von cannabis ‚Hanf’.“[10]

2.2.3 Zusammenfassung

Wie wir gesehen haben, bestätigt bereits eine nähere Untersuchung der Wörter im Bereich der Farbe Weiß, dass das lateinische Farbsystem im Altfranzösischen kaum wiederzuerkennen ist. Die beiden lateinischen Grundfarbwörter albus und candidus wurden durch das aus dem Fränkischen stammende blanc ersetzt und auch die im Lateinischen noch gegebene Unterscheidung zwischen mattem und glänzendem Weiß wurde aufgegeben. Auch im Bereich der Sekundärfarbwörter bedient sich das Altfranzösische eher neuer Bildungen. Lediglich das lateinische canus / canutus wurde als chenu / chenuel weiter verwendet. Durch die Vielseitigkeit von blanc scheint es insgesamt nicht nötig, viele weitere Farbbezeichnungen zu schaffen.

2.3 Die Farbe Schwarz

2.3.1 Die Farbe Schwarz im Lateinischen

Wie bereits im Bereich der Farbe Weiß festgestellt, unterscheidet das Lateinische auch für das Schwarze zwischen „matt“ und „glänzend“. So bezeichnet niger das glänzende Schwarz, während sich ater auf das matte Schwarz bezieht. Diese beiden Adjektive bilden auch die Grundfarbwörter für Schwarz. André unterstreicht dabei, dass ater im Lateinischen fast als „hässlich“ galt: „(...) ater (...) se présente moins comme une couleur que comme une notion négative: l’absence de couleur et de lumière, par conséquent un « noir mat ».“[11] Ater wird also häufig pejorativ gebraucht. Man spricht z. B. von sanguis ater, schwarzem Blut, welches aus Wunden austritt und beim Gerinnen eine schwarze Färbung annimmt. Auch die Bräunung eines Gesichts unter starker Sonneinwirkung (heute ein Schönheitsideal) wird als lanuvianus ater bezeichnet. Für einen Römer, der in der Regel keine Achtung vor Bauern empfindet und selbst eine blasse Gesichtsfarbe als schön empfindet, erscheint ein gebräuntes Gesicht als Zeichen für jemand, der hart für seinen Lebensunterhalt in der freien Natur arbeiten muss. Des weiteren taucht ater ursprünglich oft als direktes Gegenstück zu albus auf. Später nimmt ater aber immer mehr die Bedeutung „hässlich“ an und wird etwa ab dem 1. Jhd. v. Chr. eher als Gegenstück zu candidus, dem schönen, reinen Weiß, verwendet. Im übertragenen Sinn kann ater daher „traurig, schlecht, böse, unheilvoll, furchteinflößend“ usw. bedeuten. Was die Häufigkeit der beiden Adjektive angeht, so stellt André fest, dass niger weitaus häufiger als ater vorkommt, obwohl im 3. und 2. Jhd. v. Chr. niger noch relativ selten ist und ater anscheinend vollkommen ausreichend zur Beschreibung schwarzer Gegenstände gewesen sein muss. Diese Entwicklung ist parallel zu der von albus und candidus. Auch bei ater und niger lässt sich feststellen, dass einer der beiden Begriffe nur noch eine marginale Rolle einnimmt, während der andere sehr häufig vorkommt. Allerdings ist es im Bereich der Farbe Schwarz so, dass nicht das Wort mit der Bedeutung „matt“ den Sieg davonträgt (so wie albus), sondern es ist das Wort für glänzendes Schwarz, niger, welches ungleich häufiger als ater auftaucht und zudem eine Bedeutungserweiterung erfährt. Von nun an bedeutet niger nicht mehr nur glänzendes Schwarz, sondern kann allgemein zur Bezeichnung schwarzer Dinge verwendet werden. Außerdem wird niger zur Bezeichnung von Augen, Haaren, Edelsteinen etc. sowie auch in der Toponymie gebraucht. Seltener kann niger auch zur Bezeichnung von hässlichen, schrecklichen Dingen, wie z. B. der Hölle gebraucht werden, was unterstreicht, dass die beiden Begriffe semantisch nicht deutlich genug voneinander abgegrenzt sind.

Zudem lassen sich noch fünf Sekundärfarbwörter zur Bezeichnung von „schwarz“ aufführen:

1) Das seltene und archaisch anmutende furvus war bereits gegen Ende der republikanischen Epoche aus der Alltagssprache verschwunden. Es kommt häufig im Zusammenhang mit der unterirdischen Götterwelt vor und kann nahezu synonym zu ater gebraucht werden.
2) Hauptsächlich in der Poesie kommt das von dem Wort für „Pech“ abgeleitete piceus vor. Ähnlich wie niveus bei Weiß, bezeichnet piceus ein besonders schwarzes Schwarz.
3) Das vom Wort für „Wasser“ abgeleitete aquilus kann entweder ein besonders dunkles Schwarzbraun oder Schwarz bezeichnen. Es kann für die Farbe der Augen oder der Haut verwendet werden, ansonsten auch für atmosphärische Erscheinungen, wie Wolken. Dann allerdings eher in der Bedeutung „grau“.
4) Coracinus, „rabenschwarz“, wird verwendet, um ein besonders intensives, glänzendes Blauschwarz wiederzugeben. Das Wort stammt ursprünglich aus dem Griechischen.
5) Pullus bedeutet „von dunkler Farbe, schwärzlich, schwarz“.

Insgesamt spielen die Sekundärfarbwörter im Lateinischen keine sehr große Rolle.

2.3.2 Die Farbe Schwarz im Altfranzösischen

Auch im Bereich der Farbe Schwarz ist im Altfranzösischen die Unterscheidung zwischen glänzendem und mattem Schwarz aufgehoben. Als einziges Grundfarbwort konnte sich noir etablieren, das aus dem lateinischen niger entstand und sehr vielseitig verwendet werden kann. Genauso wie im Lateinischen, wo niger bereits sehr häufig verwendet wurde, kommt noir im Altfranzösischen häufig vor und kann auch in Opposition zu blanc verwendet werden.

Zu den Ableitungen von noir zählen:

1) ennerci – „geschwärzt, schwarz“
2) ennoiré – „geschwärzt“; laut FEW kann hier allerdings auch „en noire“ möglich sein
3) nerci, noirci – „dunkel, schwarz; bleich“; es ist auffällig, dass dieses Wort verwendet werden kann, um blasse Gesichtsfarbe zu beschreiben; ansonsten ist es ein Synonym zu noir. Im übertragenen Sinn kann es auch „schuldig, sündig, traurig“ oder „wütend“ bedeuten.
4) noirastre – „schwärzlich“
5) noirat – „schwärzlich“
6) noiraz, -ace – „schwärzlich“
7) noiret – „schwärzlich“; laut Ott bezeichnet noiret auch ein Geldstück.
8) noiron – „schwärzlich“
9) subnoir, susnoir – „schwärzlich“

Ansonsten gibt es nur eine relativ geringe Anzahl an Sekundärfarbwörtern:

1) mor – „schwarz wie ein Mohr“; dieses Wort wird entweder zur Beschreibung einer dunkelhäutigen Menschenrasse (wobei nicht ganz eindeutig ist, ob es sich dabei um schwarz oder braun handelt; möglich ist beides) oder von Pferdefell verwendet. Das Wort stammt von dem Lateinischen maurus ab, das zur Bezeichnung der Bewohner Mauretaniens diente.
2) morain – „schwarz, dunkel“; da morain anders als mor nicht auf die Beschreibung von Menschen und Pferden beschränkt ist, ist es wahrscheinlich, dass es nicht vom Lateinischen maurus abstammt, sondern von morus („Maulbeere“).
3) moral / moraul – „von dunkler Farbe“; kann zur Beschreibung von Wein verwendet werden.
4) morandin – „mit schwarzem Fell“; kommt nur bei Pferden vor.
5) moré – „braun, schwarz, dunkel, evtl. auch dunkles Rot oder Violett“; „(...) moré wird von den maurus -Ableitungen trotz der lautlichen Ähnlichkeit offenbar sorgfältig getrennt, denn parktisch alle Belege für moré beziehen sich auf Stoffe und Wein (...), alle für mor, morel auf Pferde und Menschen“.[12] Laut Schäfer stammt moré wohl ebenso wie morain von dem Wort morus „Maulbeere“ ab.
6) morel – „schwarz, dunkelbraun“; kommt ausschließlich bei Pferden vor, ebenso wie das dazugehörige Diminutiv morelet.
7) morille – „von schwarzer Farbe“.
8) morois – „schwarz“; wir zur Beschreibung des dunklen Fells von Pferden, aber auch von Katzen verwendet.
9) norrois / noirois ist eine erst im Altfranzösischen entstandene Ableitung von nord und diente der Bezeichnung von aus dem Norden stammenden Gegenständen, hauptsächlich Pferden. Laut Ott entstand die alternativ gebräuchliche Bezeichnung noirois dadurch, dass die Menschen die Nähe zum Wort noir deutlich machen wollten.
10) poleté – „dunkel, schwarz“; bei poleté ist laut Schäfer nicht sicher, ob es sich wirklich um ein Farbwort handelt. Es könnte auf pullus zurückgehen und ein unangenehmes, fast hässliches Schwarz bezeichnen. Im Gegensatz zu Schäfer scheint Ott keinen Zweifel an der Eigenschaft von poleté als Farbbezeichnung zu hegen.

Auf dem Gebiet der übertragenen Bedeutungen ist anzumerken, dass die bereits im Lateinischen vorhandenen Bedeutungen wie „hässlich, furchteinflößend, sündig“ auch im Altfranzösischen beibehalten werden.

2.3.3 Zusammenfassung

Bei den Farben Schwarz und Weiß gab es im Lateinischen jeweils zwei Grundfarbwörter, die zum einen die matte und zum anderen die glänzende Farbe wiedergeben. Auffällig ist dabei, dass eins der beiden Wörter bereits im Lateinischen so selten gebraucht wird, dass der Bestand auf nur ein Grundfarbwort reduziert wurde, wie es auch im heutigen Französisch üblich ist. Vermutlich war man sich schnell dessen bewusst, dass ein Grundfarbwort vollkommen ausreichend ist und weitere Farbnuancen durch Sekundärfarbwörter wiedergegeben werden können. Während sich bei Weiß gegen Ende der lateinischen Periode albus als Bezeichnung der matten Farbe als einzig gebrauchtes Grundfarbwort etablieren kann, ist es im Bereich der Farbe Schwarz niger, welches zur Beschreibung der glänzenden Farbe gebraucht wird. Die häufige Verwendung von niger spricht für eine so tiefe Verwurzlung im Grundwortschatz, sodass dieses Wort auch beim Übergang in die romanischen Sprachen beibehalten wurde und sich auch im Altfranzösischen erhalten hat. Das lateinische Farbsystem ist im Bereich der Farbe Weiß also komplett zusammengebrochen. Zur Bezeichnung der Farbe Schwarz konnte sich niger allerdings als Grundfarbwort im Altfranzösischen etablieren (noir), wo es von nun an zur Beschreibung des matten sowie des glänzenden Schwarz gebraucht wird. Ater wurde aufgegeben[13].

2.4 Die Farbe Rot

2.4.1 Die Farbe Rot im Lateinischen

Im Lateinischen gibt es derart viele Bezeichnungen für „Rot“, dass es schwierig ist, daraus Grundfarbwörter zu isolieren. Es konkurrieren zahlreiche unterschiedliche Farbwörter miteinander, die im Folgenden vorgestellt werden sollen. Zur Vereinfachung habe ich die Farbadjektive, die zum Farbbereich „Rot“ gehören, in „Zentrale Rottöne“, „Purpurne Rottöne“ und „Rosafarbene Rottöne“ aufgeteilt.

2.4.1.1 Zentrale Rottöne

1) Das lateinische Wort ruber und all seine Ableitungen stammen vom Griechischen ab. Wie im Griechischen wurde auch im Lateinischen daraus eine Standardbezeichnung für ein allgemeines, nicht näher bestimmtes Rot. Ruber kann sämtliche Nuancen von sehr blassem bis sehr dunklem Rot umfassen wie z. B. feuerrot (vergleichbar mit igneus), zinnoberrot, scharlachrot, blutrot (vergleichbar mit sanguineus und purpureus), karminrot und orangerot.

Da Formen von ruber sehr häufig auch dafür gebraucht wurden, die Gesichtsfarbe unter Einwirkung bestimmter Emotionen zu beschreiben, wurde ruber bald auch metaphorisch für die Gefühle von Scham, Wut, etc. verwendet.

2) Lateinische Wörter, die auf –cundus enden, haben häufig eine verstärkende Wirkung und daher kann man davon ausgehen, dass rubicundus zur Beschreibung von sehr kräftigem, sattem Rot gebraucht wurde. Einige Autoren wie Seneca verwenden rubicundus gar häufiger als ruber, um eine zinnoberrote Färbung auszudrücken. Des weiteren wird rubicundus auch verwendet, um eine besonders gesunde Gesichtsfarbe lobend zu erwähnen, die v. a. bei den Menschen auftritt, die viel in der freien Natur arbeiten und der Sonne ausgesetzt sind. Da es sich dabei hauptsächlich um Bauern handelt, kommt der Bezeichnung bald eine pejorative Konnotation zu.

3) Rubidus ist relativ selten und wird für besonders dunkle, schwarz-rote Töne verwendet. Wenn es sich um die Beschreibung der Gesichtsfarbe handelt, kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um ein Gesicht mit vielen geplatzten Äderchen handelt, die zum Teil violett durch die Haut schimmern. Etwas problematisch scheint der Gebrauch von rubidus zur Beschreibung eines Brotes. Vermutlich meint er damit ein besonders lange gebackenes Brot, das sehr dunkel ist, aber dennoch ein klein wenig rötlich aussieht.

4) Rufus ist einmal als Ortsbezeichnung belegt (Rufrae, eine Stadt an der Grenze zwischen dem Latium und Kampanien) und darüber hinaus sehr häufig als Eigenname von Personen. Auch zur Beschreibung der Haarfarbe wird oft rufus verwendet, das vor allem gelblich-rote Farbtöne abdeckt, die matt und glanzlos erscheinen. Aufgrund einiger Beschreibungen römischer Dichter liegt es nahe, dass diese Farbe nicht als „schön“ empfunden wurde.[14] Rufus kann synonym mit rutilus gebraucht werden, wenn es sich um die Haarfarbe germanischer „Barbaren“ handelt, wobei rutilus aber nicht zwangsläufig eine matte Farbe sein muss. Ursprünglich stammt rufus aus dem Oskisch-Umbrischen, wo es als allgemeine Farbbezeichnung für Rot fungierte. Da im Lateinischen diesen Platz bereits ruber innehatte, wird die Bedeutung von rufus auf ein mattes Gelbrot eingeschränkt. Rufus wird hauptsächlich in der Volkssprache und in der Prosa verwendet und erfährt später wieder eine Bedeutungserweiterung. Ab dem 2. Jhd. n. Chr. wird rufus wieder als Farbbezeichnung für Rot verwendet, bleibt aber weiterhin im Schatten von ruber und kommt weniger häufig vor.

5) Russus ist im Lateinischen nahezu synonym zu ruber und rufus. Allerdings verwendet Martial es bereits zur Bezeichnung roter Haare, wie es im heutigen Französisch nach wie vor üblich ist (roux, rousse).

6) Robus / robeus ist ein Wort aus der Bauernsprache, das sich auf rötlich schimmerndes Fell von Rindern bezieht. In Analogie zu dem häufiger vorkommenden ruber erfährt robus / robeus im Spätlatein eine Vokalveränderung und erscheint von da an als rubeus.

7) Rutilus bezeichnet ein kräftiges, leuchtendes Rot. André spricht daher von der „ (...) intensité singulière et la luminosité de cette nuance du rouge. (…) Dans 40 % des cas, rutilus qualifie les objets brillants (...).“[15] Häufig wird rutilus auch für die Beschreibung von atmosphärischen Verhältnissen am Himmel wie z. B. die Farbe des Sonnenuntergangs oder des Abendrots, verwendet. Rutilus kann auch ins Gelbliche gehen, büßt dabei aber nicht an Glanz und Leuchtkraft ein. Interessant ist die Tatsache, dass rutilus auch zur Beschreibung blonder bzw. goldblonder Haare verwendet werden kann. Diese Haarfarbe war bei den Römern extrem selten und konnte nur durch Färben erreicht werden. Dennoch unterscheidet sich rutilus von dem allgemein üblichen Wort für „blond“, flavus insofern, dass rutilus eher ins Rötliche geht, während bei flavus eher gelbliche Farbtöne dominieren, aber beide zeichnen sich durch Glanz aus.

8) Puniceus bedeutet ursprünglich „aus Phönizien stammend“ und bezeichnete ursprünglich purpurrote bzw. scharlachrote Farbtöne. In der Antike war Phönizien das wichtigste Erzeugerland des Purpur, das zum Färben verwendet wurde. Dennoch wurde bald deutlich zwischen purpureus und puniceus unterschieden, indem puniceus eher zu einem kräftigen Rot tendierte.

2.4.1.2 Purpurne Rottöne

Purpurfarbene Dinge werden fast ausschließlich durch purpureus wiedergegeben. In der Antike war der aus den Purpurschnecken gewonnene Farbstoff äußerst wertvoll und nur Mitglieder der kaiserlichen Familie und des Adels konnten sich Gewänder leisten, die purpurn gefärbt waren. Diese kräftige Farbe diente also als äußeres Zeichen von Macht und Ansehen. Auch das Kardinalsgewand kann als purpurfarben bezeichnet werden. Charakteristisch für Purpur ist im Gegensatz zu Rot der leicht ins violett gehende Farbton. Unterschiedliche Arten der Purpurschnecken und unterschiedliche Beimischungen beim Gewinnen des Farbstoffs liefern unterschiedliche Purpurtöne. Sie können von einem fast ins rosa gehende Violett bis zu einem bläulichen oder sehr dunklen Violett reichen. Aber eins ist all diesen Farbnuancen gemein: es handelt sich hierbei immer um sehr kräftige und keine blassen Farben, die zuweilen auch glänzend sein können. Zusätzlich zu purpureus gibt es noch einige weitere Möglichkeiten, „purpurfarben“ auszudrücken:

1) Ostrinus stammt von ostrum ab, dem Namen für die Purpurschnecke, aus der purpurne Farbe gewonnen werden kann. Im Fall von ostrinus handelt es sich meist um Farbtöne, die dem Rot sehr nahe stehen, obwohl es auch Beispiele dafür gibt, dass mit ostrinus eher violette Nuancen gemeint sein können. Ostrinus wird hauptsächlich im Kontext „Stoff“ verwendet.
2) Die vier Farbadjektive tyrius, sidonius, assyrius und sarranus haben ihren Namen von dem Ort, von dem das Purpur stammt, aus dem die Farbe gewonnen wurde, die sie bezeichnen. Da, wie bereits erwähnt, jede Art von Purpurschnecke einen anderen Farbton liefert, sind diese vier Farbbezeichnungen keineswegs synonym. Man mag heute geneigt sein, sich zu fragen, wie die Römer bei der Vielzahl ihrer Bezeichnungen für Purpur und bei dem weiten Spektrum, das die einzelnen Farbbezeichnungen abzudecken in der Lage waren, sichergehen konnten, dass in einer Unterhaltung beide Gesprächspartner wirklich von ein- und derselben Sache sprachen. André ist der Meinung, dass dies für den Römer in der Regel keine Probleme bereitete: „Familiarisés avec la pourpre par un long usage et une mode constante (malgré ses variations, dans le choix des nuances seulement) ils associaient toujours à purpureus l’ensemble des coloris donnés par le colorant et déterminaient aisément celui qui convenait suivant la circonstance.“[16] Tyrius und sidonius bezeichnen eher tiefrote Farbtöne, während sarranus eindeutig „violett“ bedeutet.
3) Bei dem sehr selten vorkommenden thalassinus ist es schwierig, zu entscheiden, welche Farbe damit bezeichnet wurde. Während einige Beispiele dafür sprechen, dass es sich um ein dunkles Blau oder Meergrün handelt, gibt es auch Beispiele, in denen thalassinus zur Bezeichnung wertvoller Kleidung verwendet wird. Im alten Rom wäre blaue oder grüne Kleidung nicht als besonders wertvoll erschienen. Goldfarbene oder purpurfarbene Stoffe hingegen schon. André legt die Vermutung nahe, man könne „(...) prendre comme point de départ le sens de « qui a son origine dans la mer », d’où par l’intermédiaire des coquillages, « couleur de pourpre ».“[17]

2.4.1.3 Rosafarbene Rottöne

1) Roseus ist eine Ableitung von rosa, der Rose und kann alle Farbschattierungen, die diese Blume umfassen kann, abdecken, also von sehr hellen bis relativ dunklen Farbtönen. Oftmals ist damit auch eine glänzende Farbe gemeint. Allerdings ist es nicht unüblich, bereits in lateinischer Zeit, roseus so zu gebrauchen, wie wir uns heute des Wortes „rosafarben“ bedienen: zur Bezeichnung blassroter Dinge. Dabei ist roseus auch ein Zeichen jugendlicher Frische und wird häufig im Zusammenhang mit menschlicher, gesunder Haut gebraucht.
2) Coloratus bedeutet ursprünglich einfach nur „farbig, gefärbt, bunt“. Im Zusammenhang mit menschlicher Haut und menschlichem Fleisch kann es aber auch den Sinn „rosafarben, rosig“ annehmen.

2.4.1.4 Weitere Sekundärfarbwörter zur Bezeichnung der roten Farbe im Lateinischen

Die meisten der nun folgenden Farbadjektive sind metaphorische Bildungen, die ursprünglich der poetischen Sprache entstammen und nach und nach mehr oder weniger Zugang in die allgemeine Sprache gefunden haben.

1) Im Lateinischen dienen die Suffixe –ago, -igo, -ugo in erster Linie dazu, Krankheiten zu beschreiben, die sich durch Flecken auf der Haut oder ähnliches auszeichnen. So bezeichnet pruvitiligo die von der Lepra befallenen Hautstellen. Rostflecken auf Metall werden mit den gleichen Suffixen kenntlich gemacht. Ferrugo bezeichnet also „Rostfleck auf Eisen“ und aerugo bedeutet „Rostfleck auf Kupferstücken“. Durch eine Bedeutungserweiterung kann ferrugo bald nicht mehr nur den Rostfleck an sich, sondern auch die für ihn charakteristische Farbe bezeichnen. Wenn für uns Rost auch eindeutig rotbraun erscheint, so sind die Verhältnisse im Lateinischen etwas schwieriger. Ferrugineus kann drei verschiedene Bedeutungen annehmen. Zuerst kann es „dunkelrot, braunrot“ bedeuten, wenn es sich um Stoffe oder die Farbe des Hyazinthsteins handelt. Die zweite Bedeutung von ferrugineus ist „schwarz“. Da der Rost auf einem glänzenden Stück Metall für einen Poeten einen hässlichen dunklen Fleck darstellt, der den Wert des Metalls mindert, wird er in der Dichtung als etwas unangenehmes, also „schwarzes“ dargestellt. Zuweilen wird ferrugineus auch in Zusammenhang mit der Hölle genannt. Die dritte Bedeutung von ferrugineus ist „grün“. Dazu ist es durch den Zusammenfall von ferrugo mit dem grünlich wirkenden Rost auf Kupfer, also aerugo, gekommen. In der Bedeutung „grün“ wird ferrugineus verwendet, um Statuen zu beschreiben, die im Brunnenwasser verwittern und eine grünliche Färbung annehmen. Es ist auch die Farbe von Meeresgottheiten oder auch Stoffen (hauptsächlich die Kleidung von Matrosen).
2) Sanguineus ist vom Wort für „Blut“ abgeleitet und kann daher alle die Farben umfassen, die Blut annehmen kann. Ursprünglich wurde es für den eher tiefroten Traubensaft verwendet, erfuhr später aber eine Bedeutungserweiterung in Richtung kräftigere Rottöne. In der Poesie steht sanguineus auch für die Farbe der Scham.
3) Während sich sanguineus auf das Blut im Innern des Körpers bezieht, beschreibt cruentus das Blut außerhalb des Körpers. Cruentus wurde in Analogie zu sanguineus geschaffen und beschreibt ein schwärzliches, sehr dunkles Rot.
4) Mit igneus wird ursprünglich alles bezeichnet, was dem Feuer ähnlich ist. Bei Plinius wird daraus schließlich eine Farbbezeichnung für ein kräftiges, leuchtendes Orangerot. Igneus kann auch im Zusammenhang mit Sternen und der Sonne oder einem zornesroten Gesicht verwendet werden.
5) Flammeus stammt von dem Wort für Flamme ab, ist aber nicht vollständig synonym zu igneus. Es bezeichnet ein kräftiges Orange. Es muss im alten Rom eine sehr beliebte Farbe gewesen sein, da es sogar Färber gab, die sich auf genau diese Farbnuance spezialisiert haben.
6) Coccinus, coccineus ist ein Terminus technicus aus dem Bereich der Färbekunst. Mit coccum wird der Farbstoff bezeichnet, der aus der weiblichen Schildlaus gewonnen wird. Es handelt sich dabei um ein sehr kräftiges Rot, das in der Antike sehr beliebt war. Coccineus wird ausschließlich zur Beschreibung von Stoffen und Kleidungsstücken verwendet.
7) Unter minium versteht man Bleioxid, das bereits in der Antike in der Malerei benutzt wird und einen sehr wertvollen Farbstoff darstellte. Die dazugehörigen Farbbezeichnungen sind mineus, miniatus bzw. miniaceus. Man kann mit ihnen ein kräftiges Rot beschreiben.
8) Cerasinus „kirschrot“ leitet sich von dem Wort für „Kirschbaum“ ab und ist jüngeren Datums, da der Kirschbaum erst im Jahre 74 in Rom importiert wurde. Es wird fast ausschließlich zur Beschreibung der Kleidung von Frauen verwendet.
9) Testaceus bedeutet ursprünglich „Farbe gebrannter Erde, Rotziegel“. Im Lateinischen ist es relativ selten und wird nur zur Beschreibung von Edelsteinen verwendet.
10) Spadix bezeichnet ein glänzendes Rot. Es ist synonym zu puniceus und rutilus, kann aber nur im Kontext „Pferdefell“ verwendet werden und ist daher extrem selten.
11) Auch badius kann nur im Kontext „Pferdefell“ verwendet werden und bezeichnet ein Braunrot, das auch leicht ins Gelbliche gehen kann.
12) Erythraeus kommt nur im Fachjargon von Schafzüchtern vor und ist ein Synonym zu rutilus. Es bezeichnet das rötliche Fell einer Schafart, die ursprünglich aus Kleinasien stammt.

2.4.1.5 Zusammenfassung

Bei der Vielzahl der lateinischen Möglichkeiten, „Rot“ auszudrücken, erscheint es als schwierig, ein Grundfarbwort zu isolieren. Am ehesten trifft dies auf ruber und, ab etwa dem 2. Jhd. n. Chr., auch rufus zu, wobei rufus allerdings weniger häufig vorkommt. Beide Adjektive können außer dem Bereich von Rosa das ganze Farbspektrum des Bereichs Rot abdecken. Ansonsten gibt es viele Wörter, die sich auf bestimmte Farbnuancen beschränken, wie die folgende Übersicht, in der die bedeutenderen Farbadjektive aufgeführt sind, zeigen soll:

Hellrot / rosa: roseus, coloratus

Kräftiges Rot: purpureus, puniceus, rubicundus, rutilus, russus, coccinus, mineus,

cerasinus

Dunkles Rot : sanguineus, cruentus, purpureus

„Il existe donc, en principe, une distinction assez nette entre les termes, mis à part ruber et, dans son sens général secondaire, rufus. Mais leur utilisation poétique intensive a fait de beaucoup d’entre eux des mots interchangeables dans une certaine mesure.“[18] Sobald die Wörter untereinander beliebig austauschbar sind, ist ein Punkt erreicht, an dem ihnen keine eindeutige Farbe mehr zugewiesen werden kann. Dies kann unter Umständen zu Verwirrung und Uneindeutigkeit sorgen und vermutlich liegt darin ein Grund, warum im Altfranzösischen viele der lateinischen Farbbezeichnungen für Rot nicht fortgeführt werden.

[...]


[1] nach SCHÄFER; S. 26.

[2] nach BENNETT; S. 15.

[3] SCHÄFER; S. 119.

[4] BERSCHIN / FELIXBERGER / GOEBL; S. 179.

[5] Das Lateinische bleibt bis zum Edikt von Villers-Cotterêts im Jahre 1539 offizielle Kanzleisprache in Frankreich und wird daher in Urkunden und offiziellen Dokumenten verwendet.

[6] ANDRÉ; S. 26.

[7] Hier ist anzumerken, dass albus für die Beschreibung der Gesichtshaut von Menschen verwendet wird, die unter dem Einfluss starker Emotionen stehen bzw. krank sind. Candidus hingegen wird zwar ebenfalls für helle Gesichtshaut verwendet, aber nur bei gesunden Menschen.

[8] SCHÄFER; S. 35.

[9] OTT; S. 1.

[10] SCHÄFER; S. 38.

[11] ANDRÉ; S. 44.

[12] SCHÄFER ; S. 43.

[13] Laut OTT findet sich im Altfranzösischen nur ein einziges Wort, das auf ater zurückgeht, und zwar das Wort arrement, „Tinte“ (von lat. atramentum). S. 20.

[14] Diese Haarfarbe wird heute durch das französische Wort roux / rousse wiedergegeben.

[15] ANDRÉ; S. 86.

[16] ANDRÉ ; S. 102.

[17] ANDRÉ ; S. 104.

[18] ANDRÉ ; S. 122.

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Farbbezeichnungen in ihrer Entwicklung vom Lateinischen zum heutigen Französisch
Untertitel
Mit besonderer Berücksichtigung der altfranzösischen Epoche
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
99
Katalognummer
V77513
ISBN (eBook)
9783638891769
ISBN (Buch)
9783638914260
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Farbbezeichnungen, Entwicklung, Lateinischen, Französisch, Berücksichtigung, Epoche
Arbeit zitieren
Monika Scholz (Autor:in), 2007, Farbbezeichnungen in ihrer Entwicklung vom Lateinischen zum heutigen Französisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77513

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Farbbezeichnungen in ihrer Entwicklung vom Lateinischen zum heutigen Französisch



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden