Menschen mit selbstverletzendem Verhalten und die sozialpädagogischen Interventionen im Vergleich zur psychosomatischen Behandlung


Seminararbeit, 2006
32 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Gesellschaftlich anerkanntes Selbstschädigendes Verhalten

4. Selbstverletzendes Verhalten
4.1 Heimliche Selbstbeschädigung
4.1.1 Münchhausen-Syndrom
4.1.2 Münchhausen by proxy-Syndrom
4.2 Anorexia-Nervosa und Bulimie
4.3 Offene Selbstverletzung
4.2.1 Die Selbstverletzungssituation

5. Sozialpädagogische Interventionen
5.1 Therapieansätze
5.2 Grundsätze der sozialpädagogische Arbeit
5.2.1 Grundsätze auf der Ebene der Patientinnen
5.2.2 Auf der Ebene der professionellen Helfer

6. Schlussfolgerungen

7. Ausblick

8. Anmerkung

9. Danksagung

10. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Lichtblicke einer Depression

Wenn die Seele schreit

und es ist soweit,

dass du nicht mehr kannst.

Dann siehst du es,

nimmst es in die Hand,

und weißt: nachher geht es dir besser...

Die Ohnmacht der Seele ist wieder hergestellt !

Du siehst es an,

beobachtest deine Bewegungen,

die dir einen momentlang unendliche

Erfüllung bedeuten.

Du spürst den Schmerz,

den es verursacht, und merkst,

wie Erleichterung deinen Körper durchfließt,

denn endlich, endlich

gibt es einen größeren Schmerz

als den deiner in Scherben liegenden Seele.

Deine Seele verstummt,

Blut fließt.

Das Messer in deiner Hand.

Verfasser: Ahimsa

2. Einleitung

In den Zeitungen liest man immer wieder von Menschen, vermehrt Jugendlichen, die von anderen mit Glasscherben geschnitten, brennenden Zigaretten verbrannt oder gezwungen werden gesundheitsschädliche Flüssigkeiten zu trinken. Das empfinden wir als ausgesprochene Quälerei und können nicht verstehen, wie Menschen anderen gegenüber so grausam sein können. Noch viel weniger ist aber zu verstehen, warum sich Menschen das selbst antun, warum sie sich selbst diese Qualen und Schmerzen bereiten. Es erscheint völlig absurd und widersinnig, seinen eigenen Körper zu verunstalten, wo doch die Gesundheit als das höchste Gut des Menschen gilt. Wie ist dieses Verhalten zu erklären? Da es ja nicht nur die Schmerzen sind, die man erleiden muss, sondern auch die Abweisung, den Ekel, das Unverständnis und oft auch die Verurteilung durch seine Mitmenschen, die durch das Selbstverletzende Verhalten schnell an ihre Empathiegrenzen stoßen. Vor kurzer Zeit bot sich mir jedoch die Möglichkeit, in einer heilpädagogischen Intensivgruppe Einblick in die Arbeit der Heilerziehungspfleger zu bekommen. Während dieser Zeit konnte ich in Ansätzen eine Empathie für Jugendliche mit SVV entwickeln und es erschütterte mich immer wieder, wenn ich erfuhr, was die Jugendlichen zur Selbstverletzung trieb. Sicherlich ist zu unterschieden, ob es sich bei diesen Verletzungen auf der einen Seite um verschiedene kulturelle oder religiöse Momente handelt, wie z.B. Initiationsriten oder ob es sich um Selbstverletzungen in alltägliche Situationen handelt oder ob es sich andererseits um psychotische Selbstver-letzungen handelt oder ob das Verhalten organische Ursachen hat. Im Folgenden möchte ich kurz auf Selbstverletzendes Verhalten im alltäglichen, religiösen und kulturellen Zusammenhang eingehen. Auf SVV aus organischen Gründen werde ich aus zeitlichen Gründen hier verzichten. Da ich in der Gruppe nur, für mich zum Teil sehr schockierende, Berichte über Selbstverletzung mit psychotischem Hintergrund erfahren habe, möchte ich folgende Fragen eingehender betrachten: Was treibt Menschen dazu, den eigenen Körper als Objekt zu benutzen? Sich Wunden zu bereiten, die immer sichtbar sein werden? Warum können sich die Betroffenen nur durch selbst zugefügte Verletzungen spüren oder sich anderen mitteilen? Ab wann verwischen die Grenzen so sehr, dass man nicht mehr von einem normalen, sondern von einem psychotischen Verhalten spricht? Ebenso sollen folgende Fragen Beachtung finden: Wo kann hier die sozialpädagogische Arbeit ansetzen? Wie kann der Sozialpädagoge intervenieren? Und kann sich die Sozialpädagogik auf diesem Feld gegenüber den anderen Disziplinen wie Medizin und Psychologie behaupten? Sollte sie sich klar von den anderen Professionen abgrenzen oder sich als ein „Mischgebilde“ aus verschiedenen Aufgabenfeldern erschließen?

In der Literatur werden dem Ritzen, sich verbrennen, Injizieren von Flüssigkeiten, kurz, dem sich willentlichen Zufügen von Schmerzen und Wunden viele Namen zugewiesen, wie Autoaggression, Automutilation, Autodestruktion, Selbstschädigendes Verhalten und Selbstverletzendes Verhalten. Da ich derselben Ansicht wie Sachsse bin, dass der Begriff Selbstverletzendes Verhalten (SVV) am wenigsten wertend zu verstehen ist und die betroffenen Personen nicht gleich vorverurteilt werden, werde ich ihn auch für meine Arbeit verwenden.

3. Gesellschaftlich anerkanntes Selbstschädigendes Verhalten

Wohl schon seit die Menschheit existiert, gehört Selbstverletzendes Verhalten in irgendeiner Form dazu. In den meisten Fällen und das ist auch noch heute so, besonders zu finden in den Stammesriten primitiver Kulturen, oftmals verbunden mit einem religiösen Hintergrund. Denke man nur an die Märtyrer oder an die sühnende Selbstgeißelung aus dem Christentum.[1] Doch nicht nur im Christentum ist Selbstverletzendes Verhalten zu finden, im Hinduismus sind die Yogi mit ihrer asketischen und selbstkasteienden Lebensweise ein Beispiel dafür. Auf weit größeres Unverständnis stoßen in unserer westlichen Kultur Riten wie: Das Trinken von kochendem Wasser, den Verzehr von stacheligen Kakteen, das Entfernen der weiblichen Brüste oder Selbstverletzungen in tranceartigen Zuständen, wie das Einschneiden der Bauchdecke oder das Durchbohren der Muskulatur mit Holzstäben bei Ritualtänzen. All dies geschieht in dem Glauben, dadurch böse Geister vertreiben zu können, Macht zu erlangen, Zukunftsvisionen zu haben oder um sich zu reinigen und damit Gott näher zu sein, bzw. durch den Schmerz, den sie ertragen, bekommen sie Visionen, die ihnen die eigene oder die Stammeszukunft vorhersagen. Am bekanntesten sind aber wohl die in der Gesellschaft viel diskutierten Beschneidungsrituale an jungen Mädchen in einigen afrikanischen Stämmen.

Bereits in der Antike, gab es Schönheitsideale, die, gerade von den Frauen, erreicht werden wollten, koste es, was es wolle, selbst, wenn man dabei den eigenen Körper verstümmeln musste. So ist aus dem alten Ägypten und Griechenland, aber auch aus Holland und Frankreich des 19. Jahrhunderts bekannt, dass durch bestimmt angelegte Steine und Bänder der Kopf verformt werden sollte. Von afrikanischen Stämmen ist bekannt, dass sie ihre Ohrläppchen durchbohren oder in Streifen schneiden (Ohrlochstechen oder Piercing an anderen Körperteilen, wie Nase, Lippen oder Bauchnabel, ist in der westlichen Kultur durchaus gesellschaftlich anerkannt), der Hals wird durch das dauernde Tragen von Ringen, welche im Laufe der Jahre immer mehr werden in die Länge gezogen. Oder das Anbringen eines Holztellers in der Unterlippe, welcher von Zeit zu Zeit durch einen größeren ersetzt wird, führt über die Jahre zu einer so genannten Tellerlippe. Ebenso viel diskutiert wurden die „Lotus-Füße“ der chinesischen Frauen; ihnen wurden bereits als kleine Mädchen die Füße so umwickelt, dass die Zehen Richtung Fußsohle wuchsen und möglichst viele Knochen brachen, um den Fuß klein zu halten. Auf viele Chinesen hatten die Lotus-Füße eine stark erotische Anziehungskraft, deswegen hatte es schlimme Konsequenzen, wenn eines der Mädchen die Wickel abnahm. Erst 1930 wurde das Bandagieren verboten.

Jedoch nicht nur für unser Verständnis absurde Riten, Bräuche und Angewohnheiten zählen zum Selbstverletzenden Verhalten, auch so „harmlose“ und von der Gesellschaft akzeptierte(re), fast schon alltägliche Dinge, wie Rauchen, Alkoholkonsum, Extrem-sportarten, Spiel-/Aktiensucht uvm. zerstören den Körper auf Dauer. Nur mit dem Unterschied, dass die Auswirkungen nicht ganz so offensichtlich wie beim Ritzen sind.[2]

4. Selbstverletzendes Verhalten

Aufgrund der Aussagen und Beschreibungen der Erzieher im Heim und Ausführungen von verschiedenen Autoren/innen liegt der Schluss sehr nahe, dass es sich um psychodynamische Aspekte handelt, die den auslösenden Moment begleiten, sich selbst zu verletzen. Eher seltener kommt es vor, dass sich die Patientinnen nicht mehr spüren „es fühlt sich an, als wäre mein Geist noch da, aber der Körper, meine Hülle ist wie abgestorben, tot;“[3] und deswegen zum Ritzen neigen. Durch den Schmerz, den sie fühlen und das Blut, welches ihnen die Arme hinunter rinnt, merken sie erst wieder, dass sie noch lebendig sind. Sehr viel öfter kommt es vor, dass sich die Patientinnen in einer seelischen Kalamität befinden, gepaart mit anhaltenden Deprivationserfahrungen und einer emotional labilen Grundhaltung. Werden die Frauen dann noch mit einer für sie auswegslosen Situation konfrontiert (für Außenstehende ist die Ausweglosigkeit und das Bedrohliche an der jeweiligen Situation oft nur schwer nachzuvollziehen) sehen sie keine andere Möglichkeit, als dieser durch Ritzen zu entgehen. Bevor das Selbstverletzende Verhalten genauer erläutert wird, muss zunächst unterschieden werden, zwischen der heimlichen und der offenen Selbstverletzung.

Bei der heimlichen Selbstverletzung ist das Ziel durch simulierte oder künstlich verursachte Krankheitssymptome einen stationären Krankenhausaufenthalt zu bewirken, der sogar bis zu einer Operation führen kann. Andere erfinden Krankheitsgeschichten, lassen sich stationär aufnehmen, verlassen das Krankenhaus aber bereits wieder, bevor überhaupt eine Diagnose gestellt werden kann. Dieses Verhalten wird als Münchhausen-Syndrom bezeichnet oder wie in der ICD-10 zu lesen ist, als hospital-hopping[4]. Als Unterform ist noch das Münchhausen-by-proxy-Syndrom zu nennen, auf welches ich auch nur kurz eingehen werde. Eine andere Richtung ist die Anorexia Nervosa, bei der Nahrung gänzlich verweigert wird oder die Bulimie, bei der sich Ess- und Brechattacken abwechseln.

Die offene Selbstverletzung tritt zu Tage durch sich Ritzen mit scharfen Gegenständen, sich verbrennen oder schlagen usw., um entweder einer inneren Leere zu entgehen, aus Verzweiflung oder Depressionen, um psychischen Druck abzubauen oder um den eigenen Körper zu spüren, ohne einen Suizid bewusst zu beabsichtigen. Einige dieser Erklärungsansätze sollen im Weiteren aufgezeigt werden.

Da sowohl die heimliche wie auch die offene Selbstverletzung, außer dem Münchhausen-Syndrom, hauptsächlich bei Frauen auftreten, verwende ich im Text hauptsächlich die weibliche Form, wenn es um die Betroffenen geht und verzichte darauf, immer beide Formen zu nennen.

4.1 Heimliche Selbstbeschädigung

Bei der heimlichen Selbstbeschädigung ist das oberste Ziel, durch vorgetäuschte oder künstlich erzeugte Symptome in einer Klinik als Patient aufgenommen zu werden. Hierbei handelt es sich eindeutig nicht um Simulanten, deren Ziel es ist, durch die vorgetäuschte Krankheit monetäre oder sonstige Vorteile zu erlangen, daher erscheint das Verhalten der heimlichen SVV noch unverständlicher. Obwohl die Patienten ganz bewusst handeln und sogar die Ärzte zu schwerwiegenden Eingriffen verleiten, können sie ihr Verhalten nicht erklären oder gar kontrollieren, wie eine Frau im folgenden Beispiel beschreibt:

„Es ist wie eine Sucht, man kann gar nicht mehr aufhören, den Ärzten immer neue Symptome vorzuspielen oder alte auszubauen. Ich war sogar stolz auf mich, wenn mir mal wieder jeder geglaubt hat und ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand und im Krankenhaus bleiben konnte. Ich habe mein Blut selbst durch Infusionen verunreinigt, ich bin Arzthelferin, also weiß ich, was ich zu tun habe. Dadurch habe ich immer wieder sehr hohes Fieber bekommen und musste Medikamente nehmen. Ich fand das damals toll. Heute weiß ich gar nicht mehr, warum ich das überhaupt gemacht habe.“

Die Betroffenen nehmen in Kauf, dass ihr Berufs-/Sozialleben darunter leidet, dass sie ihren Körper durch die Eingriffe schwer schädigen und unter Umständen sogar an den Folgen sterben können. Eckardt geht davon aus, dass die Patienten die Selbstbeschädigung verdrängen und selbst davon überzeugt sind, an einer schlimmen Erkrankung zu leiden, sonst könnten sie den Ärzten nicht detailliert ihre Beschwerden schildern, sie dazu bringen sie „falsch“ zu behandeln und erst nach mehrmonatiger oder gar mehrjähriger Krankheit die richtige Diagnose zu stellen.[5] Dazu kommt häufig noch ein auffällig gut ausgebildetes medizinisches Wissen, was es ihnen erleichtert präzise Angaben über ihren Krankheitsverlauf zu machen und Symptome an allen Körperbereichen vorzutäuschen oder zu manipulieren.

[...]


[1] Vgl.: Eckhardt, S.14

[2] Vgl. Eckhardt S.14ff

[3] Siehe Punkt 8 Anmerkung

[4] ICD-10, S. 135

[5] Vgl.: Eckhardt, S. 46

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Menschen mit selbstverletzendem Verhalten und die sozialpädagogischen Interventionen im Vergleich zur psychosomatischen Behandlung
Hochschule
Universität Trier
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
32
Katalognummer
V77568
ISBN (eBook)
9783638819145
ISBN (Buch)
9783638819688
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschen, Verhalten, Interventionen, Vergleich, Behandlung
Arbeit zitieren
Heike Doll (Autor), 2006, Menschen mit selbstverletzendem Verhalten und die sozialpädagogischen Interventionen im Vergleich zur psychosomatischen Behandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77568

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