Politische Kultur in Italien


Hausarbeit, 2007
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Präambel

2. Politische Kultur – Mensch und Gesellschaft im Fokus der Regierungslehre
2.1 Hintergründe und Forschungsansätze
2.2 Die Politische Kultur und ihre verschiedenen Typen nach Almond und Verba
2.2.1 Parochialkultur
2.2.2 Untertanenkultur
2.2.3 Partizipationskultur
2.3 Die Bedeutung der politischen Kultur für die Stabilität eines politischen Systems
2.3.1 These und Anwendung im Kontext der Geschichte
2.3.2 „Civic Culture“ – Königsweg zur Demokratie?

3. Italiens Kampf gegen die Instabilität – Politische Kultur vs. Demokratie?
3.1 Rahmenbedingungen
3.1.1 Historische Schlüsselerlebnisse
3.1.2 Sozioökonomische Gegebenheiten
3.1.3 Politisches System
3.2 Kennzeichen der politischen Kultur Italiens
3.2.1 Sozialkapital vs. Vertrauensdefizit
3.2.2 Kampf der Ideologien

4. Ebenenwechsel – Neuere Entwicklungen der Politischen Kultur Italiens
4.1 Die Rolle der Regionen bei der Demokratisierung der PK
4.2 Stabilitätsfaktor Europa

5. Schlussbemerkung

6. Literatur

1. Präambel

Den Menschen und die Gesellschaft in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen ist innerhalb der Politischen Wissenschaften lange Zeit eher ein Hauptanliegen der Ideengeschichte als der Systemforschung gewesen. Wer herrscht über wen, wie und warum? – diese Grundfrage zur Struktur des menschlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft versucht die Politische Philosophie zu lösen, indem sie sie auf eine normativ-ontologische Beobachtungsebene stellt und reale wie hypothetische Machtkonstellationen in Bezug auf ihre Vereinbarkeit mit dem Wesen des Menschen zu beurteilen versucht. Im Gegensatz dazu legt die Regierungslehre zunächst den Fokus auf die polity- und politics-Strukturen von Staaten und hat sich meist nur sekundär mit dem empirisch schwer fassbaren ‚Faktor Mensch’ befasst. Was das Forschungsziel angeht, so stellt die Beobachtung von Mechanismen eines politischen Systems und die Beurteilung seiner Funktionsfähigkeit jedoch nur bedingt einen Gegensatz zu den Prämissen der Politischen Theorie dar: Beide Forschungsgebiete suchen entsprechend ihrer Zugehörigkeit zu den Sozialwissenschaften nach ‚tauglichen’ Regierungsformen und betrachten in ihrer Analyse stets auch die Gesellschaft mit den in ihr lebenden Menschen.

Der Zusammenbruch vieler junger europäischer Demokratien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Zweite Weltkrieg als tosender Auftakt für eine Jahrzehnte andauernde Rivalität zwischen den Ideologien verschiedener politischer Systeme hat in den 50er Jahren erstmals auch in der Systemforschung zu einem Umdenken geführt. Wenn bewährte institutionelle Gegebenheiten kein funktionierendes Staatswesen garantierten, so mussten nun die Menschen und ihre Haltung zur Politik als maßgebliche Einflussgrößen für das Gelingen oder Scheitern eines politischen Systems näher in Betracht gezogen werden.

„Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“

Joseph de Maistre[1]

Obwohl bis heute heftig umstritten, hat sich dieser als Politische Kultur (PK) bezeichnete Betrachtungs-gegenstand innerhalb der Politikwissenschaft einen festen Platz gesichert. Deshalb soll an dieser Stelle skizziert werden, welche Hintergründe zur Etablierung jenes Forschungsansatzes geführt haben und welche Hauptkonzepte ihn prägen. Ausgehend von der Bedeutung der PK für die Stabilität eines Staatswesens soll außerdem anhand des Fallbeispiels Italien dargestellt werden, welcher Dynamik sie unterliegt um schließlich die Frage zu beantworten, warum das politische System der Italienischen Republik sich in der Vergangenheit zeitweise als instabil erwiesen hat, obwohl die strukturellen Gegebenheiten des Landes eine ähnlich stringente Entwicklung wie in anderen Nachkriegsdemokratien hätten erwarten lassen. In diesem Sinne sollen auch die Wechselwirkungen zwischen polity, politics und PK Erwähnung finden.

Prinzipiell orientiert sich diese Arbeit am Modell der Sozialwissenschaftler Gabriel Almond und Sydney Verba, die den Begriff der PK maßgeblich geprägt haben. Mit Blick auf die intensive Kritik, gegen die sich ihre Forschungsarbeiten seit jeher behaupten müssen, wird eine objektive Deutung ihrer Erkenntnisse allerdings nur unter Einbeziehung der wichtigsten Gegenargumente und neuerer Erkenntnisse zur PK Italiens möglich sein, wie sie Robert D. Putnam 1993 in seiner entsprechenden Studie „Making Democracy Work“ herausgearbeitet hat.

2. Politische Kultur – Mensch und Gesellschaft im Fokus der Systemlehre

2.1 Hintergründe und Forschungsansätze

Wie jede Sozialwissenschaft befassen sich alle Fachrichtungen der Politologie – wenngleich mit verschiedener Intensität und partiell nur indirekt – immer auch mit dem Menschen und der Gesellschaft. Was die Erforschung politischer Systeme betrifft, so hat man sich jedoch bis in die 30er Jahre hauptsächlich auf deren Institutionen und Entscheidungsstrukturen konzentriert, „ferner auf Eliten (...), jedoch nicht systematisch mit der Bevölkerung“1. Wie der Kollaps einiger zwar junger, aber durchaus leistungsfähiger Demokratien und die vor allem in Deutschland verblüffend effektive Mobilisierung der Massen gegen die Volkssouveränität gezeigt hatte, mussten weitere Faktoren einbezogen werden, wenn man die Entstehung, den Erhalt oder den Sturz irgend eines Staatswesens, vor allem jedoch eines demokratischen Systems, erklären wollte. Modernisierungstheoretische Ansätze erwiesen sich dabei als wenig nützlich, da sie sich meist auf die sozioökonomische Entwicklung von Nationen stützten um deren politische Performanz zu begründen: Diese schien jedoch für die zusammengebrochenen Systeme industrialisierter Staaten Europas ebenso irrelevant wie für die Neu-Entstehung von Demokratien in gesellschaftlich und wirtschaftlich rückständigen Staaten der Dritten Welt nach dem Zweiten Weltkrieg2..

Es lag also nahe, das philosophische Konzept des „Nationalcharakters“3, der bereits in der Antike erkannt worden war4, und Ende des 18. Jahrhunderts von J.G. Herder seinen Namen bekam, zur Lösung dieser Frage heranzuziehen. Der Begriff war jedoch schwer zu definieren, was die Sozialwissenschaftler Gabriel Almond und Sydney Verba dazu veranlasste, ihn insoweit einzugrenzen, als dass in ihren Beobachtungen lediglich die politisch relevanten Werte und Einstellungen berücksichtigt werden sollten um die PK einzelner Völker zu erforschen. Ihr Verständnis von PK als „the particular distribution of patterns of orientation towards political objects among the members of the nation“5 ist bis heute ebenso richtungsweisend in der Politikwissenschaft wie die Methode des Vergleichs zur Analyse ihrer länderspezifischen Eigenschaften.

Just as a botanist might study plant development by measuring the growth of genetically identical seeds sown in different plots,

so a student of government performance might examine the fate of these new organizations, formally identical, in their diverse social and economic and political settings.6

Almonds und Verbas Konzept basiert einerseits auf Daten, die durch repräsentative Bevölkerungsumfragen in den Staaten USA, Mexiko, Großbritannien, Deutschland und Italien erhoben worden sind. Zum anderen greifen die Autoren zur Einordnung der gewonnenen Informationen auf einen systemtheoretischen Forschungsansatz David Eastons zurück, der im Zusammenhang mit dem politischen System erstmals eine Struktur von Input- und Output-Strömen erkannt hat7. Die Erkenntnisgewinnung mittels empirischer soziologischer Methoden und deren Integration in ein bis heute weitgehend anerkanntes Modell politischer Systeme sind – bei aller Kritik – maßgebliche Faktoren für die Bedeutung, die Almonds und Verbas Theorie zur PK zugemessen wird.

2.2 Die Politische Kultur und ihre verschiedenen Typen nach Almond und Verba

Glaubt man den Autoren von „The Civic Culture“, so stellt die PK eines Volkes den Unterbau des Politischen Systems dar, wobei als Beobachtungsgröße stets der Nationalstaat als Ganzes gilt. Sie gehen von einer Struktur aus, der verschiedene politische Objekte innewohnen. Damit ist einerseits der Staat, seine Organe und Entscheidungsstrukturen gemeint und andererseits die Bevölkerung, deren einzelne Individuen wiederum von verschiedenen politischen Orientierungen geprägt sind. Analog zu Easton sehen Almond und Verba, dass die Bevölkerung ihre Erwartungen und Forderungen sowie Legitimationen als Inputs in das politische System einspeist, wo sie in Entscheidungen umgewandelt werden und es schließlich als Outputs wieder verlassen. Das Individuum nimmt diese Outputs wahr und gibt entsprechend seiner Bewertung wieder neue Inputs in das System, wobei die Politische Kultur einem Filter gleichkommt, der die Wahrnehmung der Outputs und die in Konsequenz gesendeten Inputs beeinflusst.8

Dem entsprechend entwickeln Almond und Verba eine Matrix, auf der sie die Dimensionen der politischen Orientierungen den politischen Objekten gegenüberstellen. Namentlich gemeint sind das Wissen, die Emotionen und die Bewertungen des Individuums gegenüber dem Staat, den Input- und Outputstrukturen sowie sich selbst als Akteur innerhalb des politischen Systems9.

“Characterizing the political culture of a nation means, in effect, filling in such a matrix for a valid sample of its population.“10

Ausgehend von ihrem Modell charakterisieren die Autoren nun drei verschiedene Grundprägungen von PK, die jeweils von einer unterschiedlichen Intensität der politischen Orientierungen geprägt sind. Hierbei handelt es sich allerdings um Idealtypen, die in Reinform in kaum einem komplexen politischen System zu finden sind.

2.3 Parochialkultur

Als Parochialkultur bezeichnen Almond und Verba eine PK, bei der keinerlei Orientierungen der Bevölkerung zu den politischen Objekten ihres Systems bestehen. Das bedeutet, das Individuum besitzt weder Wissen, noch Gefühle oder eine wertende Meinung zum Staat, seinen Strukturen und der Bedeutung seiner selbst als Teil des Systems. Als Beispiel werden die Stammeskulturen des afrikanischen Kontinents angeführt: Diese nähmen das politische System nicht als Handlungsgröße wahr – ihre Normen, Werte und Meinungen bezögen sich indes nur auf das direkte soziale Umfeld, also die Familie oder die Dorfgemeinschaft. Auch im Osmanischen Reich soll dieser Typus Bestand gehabt haben, da dessen staatliche Strukturen zwar entwickelt, für den Alltag eines maßgeblichen Teils seiner Einwohner jedoch kaum von Bedeutung gewesen seien.11

2.3.1 Untertanenkultur

In der nächsthöheren Stufe verfügt das politisches System bereits über einen umfassenden Regierungsapparat, dessen sich seine Einwohner gleichwohl bewusst sind. Das Individuum kennt die Outputs und bewertet diese, allerdings ist es von den Beteiligungsstrukturen ausgeschlossen, weiß nichts über sie und hegt ihnen gegenüber weder Meinungen noch Gefühle. Gesellschaften wie dieser attestieren Almond und Verba eine Untertanenkultur12, weil ihre Mitglieder keine politischen Akteure darstellen – ob diese sich nicht an Entscheidungsprozessen wollen oder ob man ihnen keine Möglichkeit dazu gibt, sei dabei zweitrangig. Beispielhaft für diesen Typus der PK ist die Gesellschaft Frankreichs zur Zeit des Absolutismus, die sich der Staatsmacht wohl bewusst gewesen ist, ohne dass ihr jedoch eine Input-Möglichkeit eingeräumt worden wäre.

[...]


[1] Joseph de Maistre (1753 – 1821), Philosoph und Staatstheoretiker, diente im 18./19. Jahrhundert dem Königreich Savoyen als Senatsmitglied und Diplomat. Die Herkunft des angeführten Zitats ist nicht genau zurückzuverfolgen, entstammt aber seinen Lettres et opuscules inédits aus dem Jahr 1811.

(vgl. Online-Archiv der University of Manitoba, Kanada)

1 Westle, S. 319

2 vgl. ebd., S. 320

3 vgl. Herder, S. 385

4 vgl. Eatwell, S. 1

5 Almond/Verba, 1963, S. 13

6 Putnam (1993), S. 28

7 Easton, David: A Systems Analysis of Political Life, Chicago 1979.

8 vgl. Westle, in: Lauth (2002), S. 327

9 Almond/Verba (1963), S. 16f

10 ebd., S. 17

11 ebd., S. 17f

12 ebd., S. 18

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Politische Kultur in Italien
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Übungsseminar "Das politische System Italiens"
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V77577
ISBN (eBook)
9783638819251
ISBN (Buch)
9783638888509
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
sehr dichte Arbeit mit einfachem Zeilenabstand, dennoch sehr übersichtlich (Anm. der Red.)
Schlagworte
Politische, Kultur, Italien, System, Italiens
Arbeit zitieren
Marco De Martino (Autor), 2007, Politische Kultur in Italien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77577

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