Die Staatshymne der Sowjetunion - Repräsentation und Instrumentalisierung


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Als offizielles Repräsentationsmerkmal ist die Nationalhymne Symbol eines unabhängigen Staates und demnach von gleich großer Bedeutung wie die Staatsflagge und das Staatswappen. Insbesondere für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Staatsbürger sind Hymnen – sowohl Musik als auch Text – von großer Bedeutung: „In diesen Musikstücken spiegelt sich das nationale Selbstbewusstsein der Völker“[1] wider. Ähnlich den Kirchenliedern, durch die die Gläubigen in ihrer Kirchengemeinschaft Gott preisen und danken, soll durch das gemeinsame Singen der Nationalhymne die Vaterlandsliebe und die Treue zur Nation zum Ausdruck gebracht werden.

Gründe für die Entstehung neuer Hymnen sind etwa Staatsgründungen, gravierende politische Veränderungen oder historische Ereignisse. Anhand der Staatshymne der Sowjetunion lässt sich gut aufzeigen, inwiefern politische Kursänderungen, neue Staatsoberhäupter und Kriege Einfluss haben können auf Kultur und damit Repräsentationsmittel eines Staates.

Nachdem Josef Stalin aus den innenpolitischen Machtkämpfen, die Lenins Tod folgten, 1927 als Alleinherrscher herausgegangen war, musste er seine Herrschaft stabilisieren. „Säuberungen“ und Schauprozesse eliminierten Gegner und Kritiker und dienten der Abschreckung. Indoktrination und Propaganda sollten zudem mit den Mitteln der Kunst die Diktatur abstützen und im Volk Begeisterung und Engagementwille verbreiten; besonders der Personenkult nahm eine wichtige Stellung ein. 1932 erklärte Stalin, dass die neue Kunst sozialistisch in ihrem Inhalt und nationalistisch in ihrer Form sein müsse. Der sozialistische Inhalt wurde durch den Marschcharakter ausgedrückt, die nationalistische Form durch den Tonfall der bäuerlichen Volksmusik. Die vorherrschende musikalische Form war die des Massenliedes, dessen Hauptmerkmale – Einfachheit, Verständlichkeit und Dynamik – von der Vereinigung Revolutionärer Komponisten und Musikschaffender festgelegt wurde.[2]

Indem die Partei die Künstler in eine einheitliche Organisation zwang, konnten die Bolschewisten ihren Einfluss auf die Musik nahezu uneingeschränkt durchsetzen. Die Partei betrachtete die Musik als einen einfachen Gebrauchsgegenstand[3] ; sie forderte die Komponisten zum Verfassen von Massenliedern und Kantaten auf und gab auch die Richtung der Arbeit vor. Inhaltlich wurden Lenin und Stalin glorifiziert oder die Kolchose und die reiche Ernte besungen. Die Musikwerke wurden so kanonisiert und leisteten einen großen Beitrag zur plastischen Darstellung der Ritualakte des öffentlichen Lebens im Stalinismus.[4] Nach Beginn des „Großen Vaterländischen Kriegs“ im Juni 1941 verschwand nach und nach der Sozialismus aus den Texten und wurde durch den sich im Laufe des Krieges steigernden Patriotismus ersetzt.[5]

Nicht nur Russland war von den kulturellen Veränderungen betroffen: Auch die zur Sowjetunion gehörenden Republiken mussten an der Vereinheitlichung der Musik teilhaben. Traditionelle Instrumente wurden verboten, das Massenlied und die Kantatenliteratur wurden eingeführt und die Musik wurde von Bräuchen und Ritualen getrennt und an das Zeremoniensystem der Sowjetunion gekoppelt.[6]

Die Einführung einer neuen Staatshymne „zeigte symptomatisch (...) in welchem Maße patriotische Appelle den Rest der revolutionären Ideale von einst verdrängten“[7].

Von 1833 bis zum Revolutionsjahr 1917 hieß die Hymne des zaristischen Russlands „Boshe zarja chrani“ (Gott erhalte den Zaren). Etwa um die Jahrhundertwende wurde die von Lenin geschätzte „Internationale“ verbreitet; bereits 1910 entdeckte die „Pravda“ die „Internationale“ für sich und veröffentlichte sie zu Propagandazwecken. Besonders zu Zeiten des Ersten Weltkriegs gewann das Lied an Bedeutung und wurde nach der Oktoberrevolution von Lenin zur Hymne der Sowjetunion erklärt.

[...]


[1] Ragozat, Ulrich: Die Nationalhymnen der Welt. Ein kulturgeschichtliches Lexikon. Freiburg, Basel, Wien 1982. S. 13.

[2] Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. München 1998. S. 658.

[3] Gorzka, Gabriele: Inszenierung der Macht – Kultur im Stalinismus. S. 13-17. In: Gorzka, Gabriele (Hrsg.): Kultur im Stalinismus. Sowjetische Kultur und Kunst der 1930er bis 1950er Jahre. Bremen 1994. S. 13.

[4] Tokaji, András: Musik des öffentlichen Lebens und Volkstümlichkeit in der Stalinzeit. In: György, Péter; Turai, Hedvig (Hrsg.): Staatskunstwerk. Kultur im Stalinismus. Corvina 1992. S. 105-110. S. 108f.

[5] Borjugov, Gennadij: Umorientierung der Staatsideologie und Kulturpolitik in den 30er und 40er Jahren. S. 29-38. In: Gorzka, Gabriele (Hrsg.): Kultur im Stalinismus. Sowjetische Kultur und Kunst der 1930er bis 1950er Jahre. Bremen 1994. S. 30.

[6] Tokaji (wie Anm. 4), S. 109f.

[7] Hildermeier (wie Anm. 2), S. 660.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Staatshymne der Sowjetunion - Repräsentation und Instrumentalisierung
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Geschichte und Musik
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
7
Katalognummer
V77596
ISBN (eBook)
9783638830799
ISBN (Buch)
9783656613619
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Staatshymne, Sowjetunion, Repräsentation, Instrumentalisierung, Geschichte, Musik, Stalinismus, Hymne
Arbeit zitieren
Bakkalaurea Artium Sandra Schmidt (Autor), 2007, Die Staatshymne der Sowjetunion - Repräsentation und Instrumentalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77596

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