"B(arthes)/K(leist): Geisterscheinung" ist ein spielerisch nachvollziehender Essay eines Umgangs mit literarischen Texten, den der französische Literaturtheoretiker und -kritiker Roland Barthes "écriture-lecture" genannt hat. Das damit benannte Vorgehen, das die Beschreibung einer Art reflektierten Lesens darstellt und keine Methode konstituiert, wird anhand von Heinrich Kleists kurzer Anekdote "Geistererscheinung" erprobt und kritisch auf seine bleibende methodische Nutzbarkeit hin befragt. Stil und Sprache sind durch und durch poststrukturalistisch gefärbt, während der Wertmaßstab der Arbeit das Spiel ist, ihr Ziel hingegen eine Ideologiekritik literaturtheoretischen Arbeitens schlechthin.
Inhaltsverzeichnis
I. Vorbemerkung
II. Textbegriff I: Intertextualität
Heinrich von Kleist – Geistererscheinung:
Kommentierung der Lexien 1 bis 4
III. Die Codes: Ideologische Stimmen
Kommentierung der Lexien 5 bis 16
IV. Textbegriff II: Tausch und Ware
Kommentierung der Lexien 17 bis 20
V. Grenzen der Entscheidbarkeit: Zwischen lesbar u. schreibbar
Kommentierung der Lexien 21 bis 24
VI. Textbegriff III: Notwendige Einschränkungen der Textwahl
Kommentierung der Lexien 25 bis 30
VII. Keine Interpretation? – Das Spiel mit den Bedeutungen
Kommentierung der Lexien 31 bis 48
VIII. Die „Deformation der Methode“ und ihr Nutzen
IX. Anhang:
Kleist: Geistererscheinung mit Lexieneinteilung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, Roland Barthes’ Methode der "écriture-lecture", wie er sie in seinem Werk "S/Z" und der Textanalyse zu Edgar Allan Poe darlegte, kritisch auf Heinrich von Kleists Anekdote "Geistererscheinung" anzuwenden. Ziel ist es, die methodische Nutzbarkeit dieses poststrukturalistischen Ansatzes zu erproben, die zugrunde liegenden ideologischen Prämissen offenzulegen und das Spannungsfeld zwischen der (theoretischen) Forderung nach Offenheit und der (praktischen) Notwendigkeit der Interpretation zu untersuchen.
- Anwendung und kritische Reflexion der "écriture-lecture" nach Barthes
- Analyse des Textgefüges mittels der sechs von Barthes postulierten Codes
- Untersuchung des Textes im Kontext ökonomischer Verhältnisse (Tausch/Ware)
- Dekonstruktion des Spannungsfeldes zwischen lesbarem und schreibbarem Text
- Hinterfragung der ideologischen Vereinnahmung durch literaturwissenschaftliche Methoden
Auszug aus dem Buch
II. TEXTBEGRIFF I: INTERTEXTUALITÄT
„Ein Geflecht verschiedener Stimmen, mannigfaltiger, gleichzeitig verschlungener und unvollendeter Codes“ ist für Barthes ein erzählender Text: „ein Volumen, eine Stereophonie“ (Poe, 296) von Zitaten, durch die dieser „mit der Gesellschaft, mit der Geschichte verzahnt ist“ (Poe, 266). Damit bedient sich Barthes offensichtlich des (poststrukturalistischen) Intertextualitätsbegriffs Julia Kristevas, die – dem russischen Literaturtheoretiker Bachtin folgend – nicht nur Literatur, sondern auch Geschichte und Gesellschaft (jegliche Kulturäußerung) als „Text“ versteht und jeden (literarischen) Text „als Mosaik von Zitaten“, als „Absorption und Transformation eines anderen Textes“ unter dem „Begriff der Intertextualität“ zu erfassen vermag. Aus diesem Textbegriff, der als ein Gesellschafts- und Kulturbegriff gesehen werden darf, ergeben sich die meisten Konsequenzen der Barthes’schen Vorgehensweise – seiner „operatorischen Dispositionen“ (Poe, 267). Der Text wird als Ergebnis und zugleich (im Leser) als Quelle einer (kulturellen) Kombinatorik in ihrer unendlichen Potentialität gesehen, die aufzudecken und in all ihrer Vielfalt zu determinieren das „Schritt für Schritt“ (S/Z, 16 f.) des Kommentars sich zur Aufgabe nimmt.
Der Text, den die vorliegende Arbeit auslegen – das aber heißt: „entfalten“ (Poe, 269) will –, ist Heinrich von Kleists Geistererscheinung. Es handelt sich dabei um keinen kanonischen Text, und doch entspricht diese wenige Seiten umfassende Anekdote in vielerlei Hinsicht der Schreibweise Kleists, der in zahlreichen anderen Texten, die sich ihres Umfangs wegen hier nicht angeboten haben, in vergleichbarer Weise einander fremde Codes – sehr zur Irritation des Lesers – aufeinander treffen lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorbemerkung: Einführung in das Vorhaben, Roland Barthes’ poststrukturalistische "écriture-lecture" kritisch auf Kleists Anekdote anzuwenden.
II. Textbegriff I: Intertextualität: Erläuterung des Intertextualitätsbegriffs nach Kristeva und erste methodische Schritte an den Anfangs-Lexien der Erzählung.
III. Die Codes: Ideologische Stimmen: Detaillierte Untersuchung der sechs Codes nach Barthes und deren Funktion im erzählenden Textgefüge.
IV. Textbegriff II: Tausch und Ware: Betrachtung der Erzählung als ökonomisches Vertragsobjekt und Untersuchung der Rolle des Lesers in diesem Austauschprozess.
V. Grenzen der Entscheidbarkeit: Zwischen lesbar u. schreibbar: Reflexion über Barthes’ Unterscheidung zwischen dem klassischen "lesbaren" und dem modernen "schreibbaren" Text.
VI. Textbegriff III: Notwendige Einschränkungen der Textwahl: Diskussion der Voraussetzungen für die Anwendbarkeit der "écriture-lecture" und der notwendigen Kompetenzen des Kommentators.
VII. Keine Interpretation? – Das Spiel mit den Bedeutungen: Kritische Auseinandersetzung mit dem theoretischen Anspruch, nicht zu interpretieren, gegenüber der faktischen Praxis.
VIII. Die „Deformation der Methode“ und ihr Nutzen: Fazit über die methodische Nutzbarkeit, den Erkenntnisgewinn und die Grenzen von Barthes’ Ansatz in einem wissenschaftlichen Kontext.
Schlüsselwörter
écriture-lecture, Roland Barthes, Intertextualität, Heinrich von Kleist, Geistererscheinung, Poststrukturalismus, Textanalyse, Ideologie, Code, Interpretation, lesbarer Text, schreibbarer Text, Narratologie, Diskurs, Transgression
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung von Heinrich von Kleists Anekdote "Geistererscheinung" unter Verwendung des methodischen Ansatzes der "écriture-lecture" von Roland Barthes.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der poststrukturalistischen Textanalyse, die Anwendung von Barthes’ Codesystem (hermeneutischer, symbolischer, proaïretischer Code etc.) und die Untersuchung von Texten als ökonomische Ware.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das primäre Ziel ist es, die Methode der "écriture-lecture" nicht nur anzuwenden, sondern diese "Deformation der Methode" kritisch zu reflektieren und ihren bleibenden methodischen Nutzen sowie ihre wissenschaftliche Tragfähigkeit zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die von Roland Barthes entwickelte Technik der Lektüre-Schrift (écriture-lecture), die darauf abzielt, Texte in "Lexien" (Leseeinheiten) zu zerlegen und diese durch die Verknüpfung von Codes "entfaltet".
Was ist der Schwerpunkt im Hauptteil?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte, fortlaufende Kommentierung und Analyse von Kleists Erzählung, wobei jede Textstelle auf ihre intertextuellen Bezüge und die darin wirkenden ideologischen Stimmen hin untersucht wird.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Analyse wird maßgeblich durch Begriffe wie "Intertextualität", "Pluralität", "Unentscheidbarkeit", "Transgression" und die Unterscheidung zwischen "lesbaren" und "schreibbaren" Texten geprägt.
Wie geht die Autorin bzw. der Autor mit der "Lügner-Frage" um?
Die Arbeit arbeitet die Uneindeutigkeit der erzählerischen Instanzen heraus und zeigt auf, dass der Text den Leser bewusst im Unklaren lässt, ob die Figur Joseph tatsächlich Zeuge eines Geistes wird oder ob dies eine Konstruktion ist, die der Diskurs ironisch überlagert.
Welche Rolle spielt das Motiv der Belohnung in der Erzählung?
Das Motiv wird als zentrales hermeneutisches Rätsel ("Rätsel 3") identifiziert, dessen "Lösung" (die Berühmtheit des Jungen statt eines realen Schatzes) vom Diskurs erst am Ende enthüllt wird, was den Text wiederum in eine klassisch geschlossene Form überführt.
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- Magister Artium Andree Michaelis (Author), 2003, Eine Analyse von Kleists "Geistererscheinung" unter Zuhilfenahme von Roland Barthes' Konzept der "écriture-lecture", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77615