"Wahr und treu" malen und "aus seinem Innern selbst hervorbringen", dies sind die Pole, zwischen denen die Ästhetik des grünen Heinrich oszilliert: auf der einen Seite Nachahmung der konkreten Wirklichkeit, Imitation des sinnliche Wahrnehmbaren, auf der anderen Seite Vermittlung von Ideen, Umsetzung innerlich geschauter in allgemein denkwürdige Wahrheiten; hier Mimesis, da Poiesis. In Kellers Roman entfaltet dieser Dualismus eine dialektische Dynamik, die zumindest das Postulat nach einer Synthese in sich birgt. Gewährsmänner der Poiesis sind die subjektivistischen Landschaftsmaler um Samuel Gessner, der Dichter Jean Paul, die Romantiker in ihrer Gesamtheit, während als gedankliches Substrat der Idealismus Hegels durchschimmert. Unter den Romanfiguren ist es Habersaat, der Heinrich in dieser Richtung beeinflusst. Als Vertreter des Mimesis-Pols erscheinen in der Personenkonstellation Wilhelms Oheim und der Graf, in der Malerei Ruisdael, in der Philosophie Feuerbach. Vermittelt wird der ästhetische Dualismus durch Goethe und die Heinrich durch Römer vorgestellte Klassizität Homers. Was Goethe gelingt, muss für Heinrich allerdings Utopie bleiben: Er bleibt Gefangener einer eindimensionalen Todesästhetik, die sein gesamtes Sein und Werden durchdringt.
Inhaltsverzeichnis
A) EINLEITUNG
B) HAUPTTEIL
I. POIESIS: HEINRICH IM BANN EINER SUBJEKTIVISTISCHEN SCHEINWELT
1. Manier und Spiritualismus
2. Variation über Hegels Dictum vom Ende der Kunst
II. MIMESIS: RÜCKKEHR „AUF DIE REALE BAHN“?
1. Einfache Nachahmung der Natur
2. Der Einfluss Feuerbachs
III. MIMETISCHE POESIE
1.Römer
2. Die Goethe-Reflexionen
3. Der Dualismus von Repräsentations- und Produktionsästhetik bei Goethe
C) SCHLUSS
1. Eine Synthese mit ontologisch-gnoseologischer Dimension
2. Heinrichs Scheitern an der Synthese: Ausblick und Rückblick
2.1 Heinrichs Kindheit als „Vorspiel des ganzen Lebens“
3. Individualität und allgemeine Relevanz
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Dialektik in Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“, indem sie die Spannung zwischen den Polen Mimesis (Nachahmung der Wirklichkeit) und Poiesis (schöpferische Subjektivität) analysiert. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Möglichkeit einer Synthese dieser beiden Pole und analysiert die Gründe für Heinrichs Scheitern an dieser ästhetischen Versöhnung.
- Die Spannung zwischen mimetischer Nachahmung und poietischer Erfindung.
- Die Auswirkungen des subjektivistischen Spiritualismus auf Heinrichs künstlerische Entwicklung.
- Die Rolle der Goethe-Reflexionen als mögliches synthetisierendes Agens.
- Der Einfluss des Materialismus von Ludwig Feuerbach auf den künstlerischen Reifungsprozess.
- Die Dialektik des absoluten Geistes nach Hegel im Kontext von Kellers Kunstkonzeption.
Auszug aus dem Buch
I. POIESIS: HEINRICH IM BANN EINER SUBJEKTIVISTISCHEN SCHEINWELT
„Gewöhnlich verdrießt es ihn [den Menschen], der Natur ihre Buchstaben im Zeichnen nur gleichsam nachzubuchstabieren; er erfindet sich selbst eine Weise, macht sich selbst eine Sprache, um das, was er mit der Seele ergriffen, wieder nach seiner Art auszudrücken, einem Gegenstand, den er öfters wiederholt hat, eine eigne bezeichnende Form zu geben, ohne, wenn er ihn wiederholt, die Natur selbst vor sich zu haben noch auch sich geradezu ihrer ganz leibhaft zu erinnern.“
Was Goethe hier beschreibt, lässt sich auf die Formel „dipingere di maniere“ bringen: „aus dem Kopf, nicht unmittelbar nach der Natur malen“. Die Manier ist somit der Inbegriff subjektiver Produktivität und zugleich - in den Augen Goethes - die notwendige Transzendierung der einfachen, dem Detail verpflichteten Nachahmung: Der Maler „sieht eine Übereinstimmung vieler Gegenstände, die er nur in ein Bild bringen kann, indem er das Einzelne aufopfert“.
Schon bei seinen ersten Malversuchen verzichtet Heinrich, zunächst mangels technischen Vermögens, später aus Prinzip, auf die naturgetreue Nachahmung des Details zugunsten des „Gesamteindruck[s]“ (179). Bezeichnenderweise vermittelt sich ihm dieser Gesamteindruck nur indirekt: Nicht die Natur, sondern eine Kopie derselben regt ihn zu seinem ersten Malversuch an. Das gänzliche Fehlen unmittelbarer Wahrhaftigkeit wird ihm aber nicht bewusst: „Noch weniger als ich den Abstand des Originales von der Natur fühlte, störte mich die unendliche Kluft zwischen meinem Werk und seinem Vorbilde“ (179).
Zusammenfassung der Kapitel
I. POIESIS: HEINRICH IM BANN EINER SUBJEKTIVISTISCHEN SCHEINWELT: Dieses Kapitel beleuchtet Heinrichs Flucht in eine subjektivistische Scheinwelt durch den Spiritualismus und analysiert, wie dies eine Loslösung von der Realität bewirkt.
II. MIMESIS: RÜCKKEHR „AUF DIE REALE BAHN“?: Hier wird Heinrichs Bemühen um eine wirklichkeitsgetreue Nachahmung der Natur und der maßgebliche Einfluss von Feuerbachs materialistischer Philosophie untersucht.
III. MIMETISCHE POESIE: Dieses Kapitel analysiert die Rolle von Römer und Goethes Reflexionen als Versuche, einen Mittelweg zwischen den ästhetischen Extremen zu finden.
Schlüsselwörter
Der grüne Heinrich, Mimesis, Poiesis, Spiritualismus, Materialismus, Gottfried Keller, Johann Wolfgang von Goethe, G.W.F. Hegel, Ludwig Feuerbach, ästhetische Dialektik, Kunstauffassung, Subjektivität, Objektivität, Realismus, Idealismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Spannungsfeld zwischen mimetischer Kunstauffassung (Nachahmung) und poietischem Schaffen (subjektive Erfindung) im Roman „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die ästhetischen Theorien von Goethe und Hegel, den Einfluss von Feuerbachs Materialismus sowie die künstlerische Identitätsfindung des Protagonisten Heinrich.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Heinrich an dem Versuch scheitert, eine Synthese zwischen subjektiver künstlerischer Vision und objektiver Naturwahrheit zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philosophische und ästhetiktheoretische Diskurse (insbesondere Hegel und Feuerbach) mit der Textanalyse des Romans verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Heinrichs subjektivistischer Phase, seiner Wendung zum Realismus und der Suche nach einer mimetisch-poetischen Synthese durch das Vorbild Goethes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe Mimesis, Poiesis, Spiritualismus, Realismus und die dialektische Beziehung zwischen Subjekt und Objekt beschreiben.
Inwiefern beeinflusst Hegels Ästhetik den Protagonisten?
Hegels Ästhetik dient als theoretischer Rahmen, um Heinrichs Verstrickung in einen abstrakten Spiritualismus als Form der künstlerischen Stagnation und „Todesästhetik“ zu entlarven.
Warum ist das Duell mit Ferdinand ein Wendepunkt?
Das Duell konkretisiert den inneren Dualismus zwischen Heinrich und seinem alter ego Ferdinand, wobei es den destruktiven Charakter von Heinrichs Einseitigkeit im Vergleich zu Ferdinands Realismus verdeutlicht.
- Citar trabajo
- Sandra Kluwe (Autor), 1996, Zwischen Mimesis und Poiesis: Die ästhetische Dialektik in Kellers Roman 'Der grüne Heinrich', Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77640