Hier sitz ich, forme Worte - Goethes "Prometheus" unter sprachwissenschaftlichen Aspekten


Hausarbeit, 2006

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

I. Einführung

II. Situationsanalyse

III. Sprachliche Oberfläche
1. Beobachtungen zur Semantik
1.1 Semantische Felder
1.2 Semantische Abweichungen
2. Beobachtungen zu Rhetorik und Stilistik
2.1 Rhetorik
2.1.1 Aspekte auf Satzebene
2.1.2 Aspekte auf Lautebene
2.1.3 Die Freien Rhythmen
2.2 Stilististik
2.2.1 Verneinung
2.2.2 Bildlichkeit
3. Beobachtungen zur Syntax
3.1 Satzarten
3.2. Syntaktische Abweichungen

IV. Textstruktur
1. Kohärenz
2. Form

V. Zusammenfassende Interpretation

VI. Literatur

I. Einführung

Die Hymne Prometheus ist einer von Goethes bekanntesten Texten. Sie erregte vom ersten Moment an, als die Öffentlichkeit sie kennen lernte, Aufmerksamkeit. Seitdem haben sich Leser, Kritiker und Literaturwissenschaftler mit ihrer Sprache, ihrer Aussage und dem, was sie wohl über Goethes Gottesbild zu sagen hat, beschäftigt. Vor allem der erste dieser drei Punkte soll hier im Fokus stehen: die Sprache, in die Goethe seinen Prometheus kleidet. Es soll allerdings nicht der literaturwissenschaftliche Fokus im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen, sondern es soll versucht werden, sich hauptsächlich mithilfe sprachwissenschaftlicher Fragestellungen der Hymne anzunähern, dabei soll ebenfalls versucht werden, die Frage nach einem möglichen Zusammenhang von sprachlicher Form und Sinn des Textes zu beantworten.

Unbeantwortet bleiben muss die Frage nach Goethes Gottesbild, deren Beantwortung ein intensives Studium aller zu dieser Zeit entstandenen Goethe-Texte sowie von Korrespondenzen und dem autobiographischen Werk Dichtung und Wahrheit voraussetzen würde.

Die Textvariante, auf die sich diese Arbeit – abgesehen von einer Teilanalyse, in der die Abweichung begründet wird - stützt, ist die, die Hendrik Birus und Karl Eibl in ihrer Gesamtausgabe von Goethes Werk vorlegen, und die im Folgenden – versehen mit Zeilennummerierungen pro Strophe – wiedergegeben ist:

Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
2 Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
4 Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
6 Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
8 Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
10 Um dessen Glut

Du mich beneidest.
Ich kenne nichts ärmers
2 Unter der Sonn' als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
4 Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
6 Eure Majestät,
Und darbtet, wären
8 Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
2 Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt' ich mein verirrtes Auge
4 Zur Sonne, als wenn drüber wär'
Ein Ohr zu hören meine Klage,
6 Ein Herz wie mein's,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
2 Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich
4 Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
6 Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
8 Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
2 Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
4 Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
6 Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeitgleich
8 Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
2 Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
4 Weil nicht alle
Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen nach meinem Bilde,
2 Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
4 Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
6 Wie ich![1]

II. Situationsanalyse

Etwa 25 Jahre alt war Goethe vermutlich, als er die Ode Prometheus aus seinem gleichnamigen, Fragment gebliebenen Drama herausarbeitete. Das Dramenfragment war 1773 entstanden, etwa ein Jahr zuvor. Drama und Ode zählen laut Goethe-Handbuch zu Goethes Sturm und Drang-Phase.[2]

Die enge Verbindung der beiden Prometheus -Werke wird offensichtlich daran, dass Goethe zwei Passagen des Fragments fast wörtlich in die Ode übernommen hat. Gleichfalls ist damit klargestellt, dass die Auffassung von der mythischen Figur des Gottes Prometheus in beiden Werken die gleiche ist. Goethe selbst ließ die Ode später als Eröffnungsmonolog des (nicht vorliegenden) dritten Aktes des Dramas drucken. Nach Auffassung von Wilperts beruht dies aber auf einem Irrtum des Autors; die Ode fasse „als selbständige Dichtung ein Kernthema des Dramas [...] zusammen.“[3]

Goethe veröffentlichte die Ode zunächst nicht und gab sie nur engeren Freunden zu lesen. Ohne Goethes Einverständnis oder Mitwissen veröffentlichte schließlich Friedrich Heinrich Jacobi sie 1785 in seiner Schrift Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Er setzte zwar den Namen des Verfassers nicht unter die Ode, schickte ihr aber unmittelbar ein weiteres Gedicht Goethes voraus, das unterzeichnet war und auf den Verfasser des Prometheus schließen ließ. Zudem ließ er die beiden Goetheschen Texte auf „unpaginierten Vorstoßblättern“[4] heften, damit sie für die Meldebehörden bei eventueller Beanstandung leichter zu entfernen sei.

Goethe selbst beschreibt die unmittelbare Rezeption von Prometheus folgendermaßen: „Es [das Gedicht] diente zum Zündkraut einer Explosion, welche die geheimsten Verhältnisse würdiger Männer aufdeckte und zur Sprache brachte.“[5] Die „Explosion“ die Goethe meint, ist der Spinozismus- oder Pantheismus-Streit, den Jacobi mit Moses Mendelssohn, einem engen Vertrauten des mittlerweile verstorbenen Lessing, führte. Jacobi hatte nämlich Prometheus als 'Beleg' angeführt für seine Behauptung, er habe Lessing die Ode gezeigt und dieser habe sich daraufhin ihm gegenüber zum Spinozismus bekannt.[6] Obwohl Goethe weder über die Publikation noch über deren Form sehr erfreut war[7], nahm er Prometheus 1789 in seine Schriften auf, hier und in allen folgenden Publikationen immer gefolgt von der euphorisch Naturerfahrung und göttliche Hand preisenden Hymne Ganymed, die inhaltlich als ausgleichender Gegenpol rezipiert wurde. Zu diesem Zweck überarbeitete Goethe seinen Prometheus: „Orthographie und Interpunktion wurden normalisiert, syntaktische Härten geglättet.“[8]

In der Tradition des Prometheus-Mythos nimmt Goethes Ode eine interessante Position ein. Friedenthal schreibt: „Hier schafft er sich seinen eignen Mythus, weit ab vom antiken.“[9] Dass Goethes Version des Mythos so weit ab vom antiken (den es in der Form gar nicht zu geben scheint, da der Mythos bereits in der Antike selbst Bearbeitungen erfuhr) nun auch nicht ist, zeigt Lutz Walther, der den Prometheus in der Rezeption und Fortführung des Mythos' platziert. Walther stimmt mit Friedenthal darin überein, dass Goethe den Konflikt, den Aischylos seinem Drama zugrunde legte – der Feuerraub – und dessen negative Konsequenzen für Prometheus – die Fesselung an den Felsen – weitestgehend ignoriert. Das Grundprinzip aber, der Konflikt zwischen Prometheus und Zeus, ebenso wie die Positionierung Prometheus' als Menschenfreund, bleibt erhalten. Prometheus als „Apotheose des Künstlers“[10] ist ebenso wenig eine Neuinterpretation, die Goethe zuerst an dem Mythos vornimmt. Walther zeigt, dass sie auf Graf Shaftesbury zurückgeht und dessen Ausspruch „ein zweiter Schöpfer, ein wahrer Prometheus unter Jupiter“[11]. Er ergänzt, schon in der Antike sei Prometheus in der bildenden Kunst als Töpfer und Bildhauer dargestellt worden. Die Sonderstellung, die Goethes Prometheus in der Geschichte des Mythos' dennoch einnimmt, hat Lämmert formuliert: „So geballt aber [...] ist der Mythos vor ihm nicht genutzt worden, vor allem nicht zur Umsetzung einer Gesellschaftsutopie, die den Künstler zum Bildner von seinesgleichen und zugleich zum Lehrer und Erzieher seiner Geschöpfe macht.“[12]

Was Friedenthal gemeint haben mag wenn er sagt, Goethe schaffe sich seinen eigenen Mythos, könnte die Genealogie der Gestalt sein. Prometheus, eigentlich Sohn des Titanen Iapetos und der Klymene, ist bei Goethe das Kind von Zeus und Hera. Goethe macht den Konflikt zwischen Zeus und ihm selbst also zu einem Vater-Sohn-Konflikt.[13]

III. Sprachliche Oberfläche

1. Beobachtungen zur Semantik

1.1 Semantische Felder

Betrachtet, man die semantischen Felder, in denen die einzelnen Wortarten realisiert werden, sind interessante Beobachtungen zu machen. Ein besonderer Fokus soll bei dieser Untersuchung auf der Fragestellung liegen, welche semantischen Felder welchen Figuren bzw. Figurengruppen in Prometheus zugeordnet sind.

Beginnt man mit den Adjektiven (inklusive solchen adverbialer Funktion), so fällt zunächst auf, dass Goethe beide Wortarten nur sehr eingeschränkt und dezent verwendet. Dies soll zunächst an einigen vergleichenden Zahlenbeispielen verdeutlicht werden: 5 Prozent der Wörter, aus denen Prometheus besteht, sind Adjektive. Bei anderen Gedichten von Goethe sind die Zahlen deutlich höher: Bei An den Mond sind es 8,9 Prozent, bei Willkommen und Abschied 10,3 Prozent, bei Ganymed 11.6 Prozent und bei Wandrers Nachtlied 12,2 Prozent. Dies sind nur einige wenige, willkürlich wegen ihrer Berühmtheit gewählten Gedichte; die Aussagekraft dieser Zählung darf also nicht überbewertet werden. Dennoch kann wegen der deutlichen Unterschiede in den Zahlen Prometheus als von Goethes Norm in Gedichten abweichend bezeichnet werden.

Interessanter als die Anzahl ist jedoch die Frage, wem diese Adjektive zugeordnet werden und wen sie wie charakterisieren. Dabei sollen nicht nur jene Adjektive beachtet werden, die die Figur direkt als Attribut charakterisieren, sondern auch solche, die dies zwar nicht tun, aber dennoch im direkten Kontext mit der entsprechenden Figur stehen.

Der Figur Zeus ist nicht ein einziges Adjektiv zugeordnet, Prometheus selbst nur ein einziges, nämlich das Adjektiv „verirrt[es Auge]“ (Strophe 3, Vers 3). Dieses ist Teil einer eingeschobenen Erzählung (auf die ich zu Beginn von Abschnitt IV näher eingehen werde) und bezieht sich auf den kindlichen, nicht den im Gedicht 'aktuellen' erwachsenen Prometheus. Den Göttern zugehörig ist das Adverb „kümmerlich“ (Str. 2, V. 3). Die Menschen (bzw. ein Teil von ihnen, nämlich Kinder und Bettler) sind „hoffnungsvoll[e] Toren“ (Str. 2, V. 9), die gesamte Menschheit ist „mir [Prometheus] gleich“(Str. 7, V. 3). Die Zeit ist „allmächtig“ (Str. 5, V. 7), das Schicksal „ewig“(Str. 5, V. 8). Übrig bleibt das Herz, dem im Vergleich eine auffällig große Anzahl an Adjektiven zugeordnet ist. Diese finden sich auf sehr engem Raum: „heilig glühend“, „jung“, „gut“, „betrogen“ (Str. 4, V. 6-8).

[...]


[1] Text nach Hendrik Birus, Karl Eibl, Goethe Werke I, Frankfurt a.M. / Leipzig 1998, S. 60ff.

[2] Vgl. Inka Mülder-Bach, Prometheus. In: Bernd Witte u.a., Goethe-Handbuch, Band I, Gedichte in vier Bänden, Stuttgart/Weimar 1996, S. 107-115.

[3] Gero von Wilpert, Goethe-Lexikon, Stuttgart 1998, S. 851.

[4] Mülder-Bach, Prometheus, S. 107.

[5] Zitiert nach Benedikt Jeßing (Hg.), Goethe gibt Auskunft, Stuttgart 1999, S. 151.

[6] Vgl. Mülder-Bach, Prometheus, S. 107f.

[7] Vgl. Ebd, S. 108.

[8] Ebd.

[9] Richard Friedenthal, Goethe, Sein Leben und seine Zeit, München 199912, S. 133.

[10] Eberhart Lämmert, Die Entfesselung des Prometheus, Selbstbehauptung und Kritik der Künstlerautonomie von Goethe bis Gide. In: Werner Wunderlich (Hg.), Literarische Symbolfiguren, Von Prometheus bis Svejk, Beiträge zu Tradition und Wandel, Bern/Stuttgart 1989, S. 22.

[11] Zitiert nach Lutz Walther, Antike Mythen und ihre Rezeption, Ein Lexikon, Leipzig 2003, S. 218.

[12] Lämmert, Entfesselung, S. 22f.

[13] Vgl. Walther, Mythen, S. 219.

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Details

Titel
Hier sitz ich, forme Worte - Goethes "Prometheus" unter sprachwissenschaftlichen Aspekten
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Linguistik und Poetik
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V77748
ISBN (eBook)
9783638822190
ISBN (Buch)
9783638845083
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hier, Worte, Goethes, Prometheus, Aspekten, Linguistik, Poetik, Thema Prometheus
Arbeit zitieren
Desirée Kuthe (Autor), 2006, Hier sitz ich, forme Worte - Goethes "Prometheus" unter sprachwissenschaftlichen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77748

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