Neue Wege in der psychosozialen Betreuung von demenzerkrankten Senioren im stationären Bereich


Diplomarbeit, 2005
81 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Demographische Veränderungen aus der Perspektive des Strukturwandels des Alters
2.1. Demographischer Wandel und Lebenserwartung
2.2. Auswirkungen der höheren Lebenserwartung
2.2.1. Veränderungen im Pflegebereich
2.3. Demenz als Hauptursache für Pflegebedürftigkeit
2.4. Demenzerkrankungen in stationären Einrichtungen

3. Definition von Demenz
3.1. Versuch einer Begriffsklärung
3.2. Formen von Demenzen
3.3 Symptomatik
3.4. Folgeerscheinungen der Demenz
3.5. Epidemiologie
3.6. Allgemeine pflegerischen Anforderungen

4. Definition der totalen Institution
4.1. Einführung in die Begrifflichkeit der totalen Institution
4.2. Merkmale der totalen Institution
4.3. Die Welt der Bewohner einer Institution

5. Lebensqualität alter Menschen mit einer Demenz
5.1. Aspekte der Lebensbedingungen
5.2. Lebensqualität im Alter
5.3. Einflussfaktoren auf die Lebensqualität
5.4. Die Lebensqualität von Demenzerkrankten
5.5. Das Krankheitserleben von Demenzerkrankten
5.6. Bedürfnisse Demenzerkrankter als Orientierungsrahmen für eine verbesserte Lebensqualität

6. Die stationäre Versorgung als Teil der Versorgungskette für Demenzerkrankte
6.1. Stationäre Einrichtungen
6.2. Verwirrtheit begünstigende stationäre Faktoren
6.2.1. Bauliche Mängel der stationären Einrichtungen
6.2.2. Ausstattungsmängel im Heim
6.2.3. Pflegemängel in Heimen
6.3. Anforderungen an die Pflege

7. Therapeutische Ansätze und ihre Nutzung im Heim
7.1. Spektrum der Interventionsmöglichkeiten
7.2. Therapeutische Interventionen
7.2.1. Verhaltenstherapeutische Ansätze
7.2.2. Realitätsorientierungstherapie
7.2.3. Kognitives Training und Gedächtnistraining
7.2.4. Erinnerungstherapie
7.2.5. Musik-, Kunst- und Tanztherapie
7.2.6. Ergotherapie
7.2.7. Validation
7.2.8. Selbsterhaltungstherapie
7.2.9. Basale Stimulation

8. Gegenwärtige Rahmenbedingungen mit ihren
Möglichkeiten und Grenzen
8.1. Milieutherapie
8.2. Integrative Betreuung Demenzerkrankter im stationären Bereich
8.2.1. Der Integrative Ansatz
8.2.2. Die Grenzen des integrativen Ansatzes
8.2.3. Funktionspflege
8.2.4. Tagestrukturierung
8.3. Angehörigenarbeit

9. Neue Wege in der psychosozialen Betreuung Demenzerkrankter in Pflegeheimen
9.1. Betreuungserfordernisse unter Berücksichtigung neuer demenzgerechter Ansätze
9.1.1 Forderungen an die stationäre Dementenversorgung
9.1.2. Neue bewohner- und bedürfnisorientierte Ansätze in der Dementenbetreuung
9.2. Betreuung nach dem Normalisierungsprinzip
9.3. Das Bezugspflegesystem
9.4. Betreuung nach dem segregativen Ansatz
9.4.1. Homogenität der Bewohnergruppe
9.4.2. Erfahrungen mit dem segregativen Ansatz
9.5. Milieutherapeutischer Ansatz
9.5.1. Bedeutung der Dimension des therapeutischen Milieus
9.5.2. Pflegeheimarchitektur
9.5.3. Innenraumgestaltung
9.5.4. Wohngemeinschaften
9.6. Eine erweiterte Angehörigenarbeit im Pflegeheim
9.7. Integrative Validation
9.8. Aufgaben der Sozialarbeit in der Dementenbetreuung
9.8.1. Berufliche Identitätsproblematik des Sozialarbeiters
9.8.2. Die soziale Problemlösung
9.8.3. Soziale Problemlösung in der stationären Dementenbetreuung

10. Schlusswort

11. Literaturanhang

12. Internetverzeichnis

1. Einleitung

Immer wieder sind in den Medien Berichte zu verfolgen, in denen von defizitären Zuständen bezüglich der Pflege und Betreuung von Senioren in Altenpflegeheimen berichtet wird. Häufig wird dies auf den allgemeinen Pflegenotstand und der daraus resultierenden Überforderung des Pflegepersonals zurückgeführt. Problematisch zeigt sich auch die pflegerische Ebene mit Demenzkranken. Nicht selten werden diese Menschen entmündigt, was zum Abbau ihrer noch vorhandenen selbständigen Fähigkeiten führt. Als zusätzlich erschwerender Faktor tritt eine häufig auftretende nihilistische Einstellung („Da ist nichts mehr zu machen“) der Pflegenden auf. Einen Eindruck dieser Defizite schildert das folgende Schreiben eines Angehörigen:

An die

Deutsche Alzheimer Gesellschaft

Sehr geehrte Damen und Herren,

voriges Jahr im Mai habe ich Ihnen in einem Brief den Leidensweg meines Vaters geschildert. Ich berichtete z.B. davon, dass er nach Beendigung de Kurzzeitpflege – hier wurde er als Mensch behandelt, hier ging das Personal auf ihn ein – als ständiger Bewohner in dieses Heim aufgenommen wurde.

Aber schon bald änderte sich alles für ihn. Hier gab es dann kein persönliches Wort, keine liebevolle Geste mehr für ihn.

Nach sieben Wochen in einer psychiatrischen Klinik war er dann infolge der Medikamentennebenwirkungen an den Rollstuhl gefesselt. Aber dessen nicht genug. Nun wurde von Seiten des Pflegepersonals versucht, ihn nach und nach ans Bett zu fesseln, mit der Begründung, sein Gesundheitszustand hätte sich zusehends verschlechtert. Da mein Vater nicht mehr sprechen konnte und stattdessen seine Ohnmacht mit Aggressionen äußerte, wurde er einfach nicht mehr beachtet oder mit Medikamenten ruhiggestellt.

Auch dass wir als seine Angehörigen ihn regelmäßig besuchten und das Personal baten, ihn während unserer Anwesenheit in den Rollstuhl zu setzen, damit wir mit ihm an die frische Luft gehen konnten, stieß auf Missbilligung. In den meisten Fällen konnten wir uns durchsetzen. Wir stellten dann fest, dass seine aufgestaute Aggressivität durch unseren gemeinsamen Spaziergang abgebaut wurde.

(vgl. FRETER 2003, S. 23)

Das Geschilderte in diesem Brief ist kein Einzelfall. Demenzerkrankte werden häufig als Störfaktoren des Heimalltags betrachtet.

Noch Mitte der 80er Jahre gab es für Menschen, die an der Alzheimer-Krankheit erkrankten sowie für ihre Angehörigen, so gut wie keine Hilfsangebote oder Informationsmaterial. Heute sind eine bessere Information, eine zunehmende Professionalisierung und eine Verbesserung der Behandlung und Versorgung Demenzerkrankter zu verzeichnen. Jedoch sind hinsichtlich der Diagnose und Therapie, der Unterstützung von Angehörigen und der Versorgung in vielen Heimen Defizite sichtbar (vgl. ALZHEIMER INFO 2004, S. 1)

Über die Lebensqualität von Demenzkranken wurden kaum Untersuchungen erstellt. Die Behandlung der Erkrankten wird teilweise immer noch als Therapie von unerwünschtem Verhalten und nicht so sehr zur Erhaltung oder Steigerung der Lebensqualität betrachtet. Auch wenn das Leiden bis zum Tode fortschreitet und die Verwirrtheit unabänderlich ist, sollte doch zur Lebensqualität jedes Verwirrten beigetragen werden.

Ich möchte in dieser Arbeit die Möglichkeiten einer erlebnis- und bedürfnisorientierten Betreuung von Demenzerkrankten im stationären Bereich aufzeigen, die über die grundlegenden Versorgungsmaßnahmen hinausgehen. In dieser Arbeit wird verdeutlicht, wie die Pflege von Personen mit Demenz zu verbessern und zu professionalisieren ist.

Die demographischen Entwicklungen in Deutschland haben zu veränderten Strukturen des Alters geführt, die im 1. Kapitel aufgezeigt werden.

Da die demographischen Veränderungen eine erhöhte Präfalenz der dementiellen Erkrankungen bedingen, erfährt das Krankheitsbild der Demenz im 2. Kapitel eine nähere Beschreibung.

Eine Vielzahl der demenzerkrankten Personen wird in Pflegeheimen betreut. Eine Betrachtung dieser Einrichtungen, unter der Bezugnahme der Begrifflichkeit der „Totalen Institution“ nach Goffman, erfolgt im 3. Kapitel.

Die Bedürfnisse Demenzerkrankter, deren Erfüllung wesentlich zur Lebensqualität beitragen, werden im 4. Kapitel erläutert, während im 5. Kapitel eine Fokussierung auf die Umwelteinflüsse und Kommunikations- strukturen in Pflegeeinrichtungen erfolgt, die eine angemessene Pflege und Betreuung der Demenzerkrankten verhindern.

Das Handlungsspektrum sowie die pflegerelevanten Rahmenbedingungen in der psychosozialen stationären Dementenbetreuung, erfahren im 6. und 7. Kapitel eine nähere Betrachtung.

In den letzten Jahren fand eine Entwicklung neuer bedürfnis- und bewohnerorientierter Handlungskonzepte statt, die einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität Demenzerkrankter leisten. Diese Neuerungen, sowie potentielle sozialarbeiterische Tätigkeitsbereiche in der stationären Dementenbetreuung, werden in 8. Kapitel vorgestellt.

2. Demographische Veränderungen aus der Perspektive des Strukturwandels des Alters

2.1. Demographischer Wandel und Lebenserwartung

Der Anteil der alten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland wird immer größer und der Anteil der Berufstätigen wird geringer, da sich aufgrund der geringen Geburtenrate die Bevölkerung Deutschlands drastisch reduziert.

Die Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter. Parallel dazu stagniert die Geburtenrate. Ungefähr seit Mitte der Siebziger Jahre werden in Deutschland weniger Kinder geboren als zur zahlenabhängigen Bestandserhaltung der Bevölkerung erforderlich wäre.

Dieser demographische Wandel wird sich auf viele menschliche Lebensbereiche auswirken, wie z.B. die Arbeits- und Familienstruktur. Die einzelnen Konsequenzen sind noch nicht absehbar.

Der demographische Wandel hinsichtlich des erhöhten Lebensalters resultiert aus den verbesserten Lebensbedingungen und einer zunehmenden gesundheitsbewussteren Lebensführung. Die altersbedingten Probleme dieser Altersgeneration gilt es aufzuzeigen und durch politische Handlungsvorschläge einer Lösung zuzuführen (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Im Jahr 2050 wird die statistische Lebenserwartung der Frauen bei etwa 85 Jahren liegen und die der Männer bei ca. 80 Jahren.

Die Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen liegt nach der Sterbetafel 1997/99 des Statistischen Bundesamtes bei 74,4 Jahren, für ein neugeborenes Mädchen bei 80,6 Jahren. Nach der Sterbetafel 1991/93 lag sie für die Jungen bei 72,5 Jahren und für Mädchen bei 79,0 Jahren.

Die allgemeinen Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes sind Periodensterbetafeln, die auf den aktuellen einjährigen Sterbe- bzw. Überlebenswahrscheinlichkeiten aufbauen.

Diese Tafeln geben an, ausgehend von 100 000 weiblichen bzw. männlichen Neugeborenen, wie viele von diesen das Alter von 1, 2, 3,... Jahren, bei Konstanz der Sterbewahrscheinlichkeiten, erreichen. Aus dem daraus resultierenden Ergebnis der Sterbefälle, errechnet sich die Lebenserwartung bei der Geburt bzw. die fernere Lebenserwartung für jedes Alter. Die Periodentafeln stellen somit einen Einblick auf die Momentaufnahme der Sterblichkeitsverhältnisse eines Landes dar (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Auch die fernere Lebenserwartung in höheren Altersgruppen steigt an. So ergibt sich z.B. nach der Sterbetafel 1997/99 für einen 60- jährigen Mann noch eine fernere Lebenserwartung von rund 19 Jahren, für eine gleichaltrige Frau von über 23 Jahren (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Die Verlängerung der Lebenserwartung hat zu einer überproportionalen Anzahl Hochaltriger geführt (vgl. BECHTLER 1999, S. 21).

Das durchschnittliche Alter der deutschen Bevölkerung erhöhte sich zwischen 1950 und 1990 von 34,7 auf 39,7 Jahre, um fünf Jahre. Konkret heißt das, bei Männern erhöht es sich mit vier Jahren, von 33,6 auf 37,6 Jahren, weniger stark als bei den Frauen mit sechs Jahren, von 35,7 auf 41,3 Jahren (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Bevölkerung Deutschlands dabei ist, sich enorm zu verringern. Aufgrund der prognostizierten höheren Lebenserwartung des Einzelnen, befindet sich Deutschland auf dem Weg zu einer alternden Gesellschaft.

Die beiden folgenden Absätze befassen sich aufgrund dessen mit den zu erwartenden Folgen der höheren Lebenserwartung, bedingt durch Veränderungen im Pflegebereich und durch die zukünftigen, im Wandel befindlichen Haushaltsstrukturen.

2.2. Auswirkungen der höheren Lebenserwartung

2.2.1. Veränderungen im Pflegebereich

Vor allem im hohen Alter steigt das Risiko der Pflegebedürftigkeit. Während die Prävalenz in der Bevölkerung unter 64 Jahren weniger als 1% beträgt, sind unter den über 90- jährigen Männern 44% und unter den über 90- jährigen Frauen 60% pflegebedürftig (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Der Anteil der pflegebedürftigen Menschen in der Gruppe der 65- bis 69- jährigen liegt bei 2-3%, während er in der Gruppe der 75- bis 79- jährigen 8-9% beträgt (vgl. 3. ALTENBERICHT 2001).

Es ist davon auszugehen, dass mit der steigenden Anzahl der Älteren auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigt.

Die Pflege von Pflegebedürftigen in Privathaushalten wird von engen Verwandten wie Ehepartner und Ehepartnerinnen, den Kindern und Schwiegerkindern erbracht. Meistens sind es die Frauen, etwa 80%, welche die Pflege der Kranken übernehmen. Es ist fraglich, ob zukünftig die Pflege in Privathaushalten weiterhin gewährleistet werden kann, da ein Strukturwandel in den Familien sichtbar ist (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Zwar stellte die Familie über einen langen Zeitraum hinweg eine zentrale Versorgungsinstitution für die älteren Menschen dar, doch die veränderten Familien- und Partnerschaftsstrukturen, eine vermehrtes Vorhandensein von Erwerbstätigkeit bei Frauen sowie höhere Mobilitätsanforderungen deuten auf eine Reduzierung des familialen Pflegepotentials (vgl. MOTEL-KLINGEBIEL / KONDRATOWITZ / TESCH-RÖMER 2002, S. 202).

Durch Scheidungen und Wiederverheiratungen kommt es zu familiären Mischungen, aufgrund derer es nicht absehbar ist, ob dies Auswirkungen hinsichtlich auf die familiäre Pflegebereitschaft hat (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

2.2.2. Veränderungen der Haushaltsstrukturen

In Zukunft wird die Pflegesituation auch von der Entwicklung der Haushaltsstrukturen beeinflusst. Konkret heißt das, eine zunehmende Singularisierung der Älteren ist tendenziell sichtbar. So sind die häufigsten Haushaltsformen bei den Älteren die Einpersonenhaushalte oder die Zweipersonenhaushalte von Ehepaaren. Vor allem Frauen leben häufiger in Einpersonenhaushalten, so lebten im Jahr 2000 44% der über 60- jährigen Frauen alleine, während es bei den gleichaltrigen Männern nur 15% sind.

Gerade in den höchsten Altersgruppen sind viele alleinstehende Personen zu verzeichnen. So leben 41,3% der 70 bis 85- jährigen in einem Einpersonenhaushalt. Diese Daten lassen darauf schließen, dass die höhere Lebenserwartung und die sinkenden Geburtenraten dafür verantwortlich sind, dass sich die Mehrgenerationshaushalte reduzieren. Längerfristig wird erwartet, dass durch sinkende Heirats- und steigende Scheidungsneigung die Anzahl der Menschen, die ohne Partner oder Partnerin alt werden, zunimmt. So ist nach Modellrechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung mit einer Zunahme der allein lebenden Männer im Alter von 65 bis 79 Jahren, von etwa 17 auf 35% zu rechnen. Bei den Frauen wiederum wird unter Berücksichtigung von Nichtverheiratung und Scheidung mit einem Ausgleich gerechnet, der durch die stark sinkende Anzahl der Witwen entsteht, so dass in der Zukunft damit zu rechnen ist, dass eine recht große Anzahl der über 80-jährigen noch mit einem Partner zusammenlebt. Dies ist auf eine Überlagerung der Singularisierung durch die Pluralisierung der Lebensformen zurückzuführen (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Insgesamt lässt sich aussagen, dass sich durch die Erhöhung der Anzahl der Pflegebedürftigen, die Singularisierung der Älteren und durch die Abnahme der familiären Pflege, die Wahrscheinlichkeit erhöht, immer mehr ältere Pflegebedürftige institutionell pflegen zu müssen. Im Folgenden wird nun auf den Hauptgrund für die Inanspruchnahme von Pflegeleistung eingegangen.

2.3. Demenz als Hauptursache für Pflegebedürftigkeit

Die Inzidenz und Prävalenz von Demenzen nehmen mit dem zunehmenden Alter stark zu. Die dementiellen Erkrankungen nehmen bei der Entstehung von Pflegebedürftigkeit einen hohen Stellenwert ein. Demenzerkrankungen sind bei fast der Hälfte der Pflegebedürftigen in Privathaushalten festzustellen. Jährlich wird bis zu einem Viertel dieser Personen in Pflegeheimen untergebracht. Somit ist die Demenz zu der wichtigsten Einzelursache für die Institutionalisierung von Pflegebedürftigen geworden (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Es gibt Berechnungen, nach denen sich die Anzahl der Demenzerkrankungen, solange es keine wesentlichen Fortschritte in der Prävention und in der Therapie gibt, in den kommenden fünfzig Jahren verdoppeln soll. Die folgende Tabelle soll dies veranschaulichen:

Jahr Demenzerkrankungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. FRETER 2003, S. 21).

Nach BICKEL (2000, S. 213) wird zur Zeit von etwa einer Million an Demenz erkrankten Menschen ausgegangen. Diese Zahl steigt jährlich um ca. 200 000 Erkrankte an.

Zur Zeit ist es schwierig Prognosen zu erstellen, wie sich ein gehäuftes Erkrankungsvorkommen auf den stationären Bereich auswirken könnte. Was jedoch mit großer Sicherheit festzustellen ist, dass mit einer höheren Anzahl alleinstehender Demenzerkrankter zu rechnen ist. Ferner wird es aufgrund der niedrigen Geburtenraten zukünftig weniger potentielle familiäre Pflegepersonen geben, wodurch die Anzahl der demenzerkrank- ten Personen in den stationären Einrichtungen ansteigen wird.

Bisher fand die Gesamtsituation der dementiell Erkrankten im stationären Bereich bei der amtlichen Statistik keine Beachtung. Auch in wissenschaftlichen Studien fanden keine differenzierten und flächendeckenden Untersuchungen statt (vgl. FRETER 2003, S. 21).

Schätzungen, die sich auf die Prävalenz von Demenzerkrankungen beziehen, sind problematisch, da der medizinische Begriff der Demenz ein relativ unspezifisches Syndrom beschreibt. Zu diesem Syndrom gehört einerseits eine Vielzahl verschiedener originärer Erkrankungen an und andererseits muss es klar von anderen psychischen Erkrankungen abgrenzt werden. Aufgrund dessen und wegen defizitärer Kenntnisse, werden dementielle Erkrankungen häufig nicht von den Hausärzten als solche erkannt (vgl. ZWEITER ZWISCHENBERICHT DER ENQUETE-KOMMISSION, 2002).

Abschließend ist zu konstatieren, dass durch eine sehr hohe Anzahl an Älteren die Demenzerkrankungen drastisch zunehmen werden. Gleichzeitig wird sich die Anzahl der alleinstehenden Demenzerkrankten erhöhen. Tendenziell absehbar ist, dass durch die fehlenden familiären Pflegestellen und durch die Singularisierung der Älteren, ein erhöhter institutioneller Pflegeaufwand geleistet werden muss.

Nachstehend wird aufgeführt, wie hoch der Anteil der demenzerkrankten Personen in stationären Einrichtungen ist, da mit der Zunahme demenzerkrankter Bewohner in Pflegeheimen, gleichzeitig eine Neuorientierung der Pflegekonzeption, durch die spezifische Demenzproblematik, erforderlich wird.

2.4. Demenzerkrankungen in stationären Einrichtungen

In Deutschland waren im Jahr 2000 8448 stationäre Alteneinrichtungen wie Altenwohnheime, Altenheime, und Altenpflegeheime zu verzeichnen. In diesen Einrichtungen lebten insgesamt 716.984 Bewohner. Von den insgesamt 14 Millionen Personen der über 65-jährigen, lebten somit 5,1% in stationären Einrichtungen für alte Menschen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2003, S. 484).

Mit fortschreitendem Alter nimmt die Anzahl der alten Menschen in stationären Einrichtungen der Altenpflege zu, so versterben, laut der Todesstatistiken, rund 20% aller über 65-jährigen in Pflegeheimen (vgl. WETTERLING/ SCHÜRMANN 1997, S. 472).

Die Situation der Demenzerkrankten in stationären Einrichtungen wird weder von der amtlichen Statistik noch durch wissenschaftliche Studien differenziert und flächendeckend erfasst. Die umfassendsten aktuellen Studien stammen aus dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. So wurden in Mannheim 15 Heimeinrichtungen mit über 1300 Bewohnern zu den zwei Erhebungszeitpunkten 1995/96 und 1997/98 untersucht. Demnach sind die Demenzen der Hauptgrund für Heimeintritte. Bei über 50% waren sie primär die Ursache für die Neuaufnahmen in Pflegeheimen.

Zwischen den beiden Erhebungen stieg der Anteil der demenzkranken Bewohner von 53,8% auf 58,6%.

Es besteht ferner ein Zusammenhang zwischen Demenzerkrankungen und einer erhöhten Pflegebedürftigkeit. So sind mehr als 75% der dementiell Erkrankten schwerpflegebedürftig, die nicht Dementen allerdings nur zu 30%.

Von den dementen Heimbewohnern zeigten in etwa 40% bis 50% Verhaltensauffälligkeiten.

Den Pflegekräften stand weniger Zeit zur Betreuung der Heimbewohner zu, da die reine Pflegetätigkeit sich von 57% auf 65,6% erhöhte. Gleichzeitig fand zwischen den beiden Erhebungszeiträumen ein Personalabbau von 13,5% statt. Durch die Zunahme der Demenzerkrankten in den Alteneinrichtungen und parallelem Personalabbau, war bei dem Pflegepersonal ein Anstieg der Arbeitsbelastung zu verzeichnen (vgl. ARBEITSGRUPPE PSYCHOGE- RIATRIE 2000, S. 51-52).

Abschließend kann festgehalten werden, dass sich durch die erhöhte Lebenserwartung der Menschen und durch den enormen Geburtenrück- gang, unsere Gesellschaft im Wandel befindet, hin zu einer alternden Gesellschaft. Das Ansteigen des allgemeinen Lebensalters, lässt auf ein gesteigertes Anwachsen der Demenzerkrankungen schließen. Gleichzeitig sind Veränderungen im Pflegebereich zu verzeichnen, die ihre Ursache in der Singularisierung der Älteren finden. Immer mehr Ältere leben in Einpersonenhaushalten und werden im Falle einer Erkrankung nicht von ihren Angehörigen gepflegt.

Somit begründet sich ein wachsender institutioneller Pflegebedarf. Eine adäquate Pflege der Bewohner in Alteneinrichtungen, die dementiell erkrankt sind, ist allerdings nicht gewährleistet, da Personalabbau und hoher Pflegebedarf der Dementiellen nicht vereinbar sind.

Da strukturelle Veränderungen im Bereich der Versorgung in stationären Pflegeheimen absehbar sind, der Zuwachs einer demenzerkrankten und schwerpflegebedürftigen Bewohnerschaft, stellte es sich als unerlässlich dar, die demographische Entwicklung in Deutschland aufzuzeigen.

Um vertiefende Einsichten in den erhöhten Pflegebedarf zu vermitteln und da es sich teilweise als relativ schwierig darstellt, die Demenzerkrankung zu diagnostizieren, wird im Nachstehenden die Begriffsklärung der dementiellen Erkrankung und ihrer Folgeerscheinungen erfolgen.

3. Definition von Demenz

3.1. Versuch einer Begriffsklärung

Demenz kommt aus dem lateinischen „de mens“, übersetzt heißt dies „ent-“ (de) und „Geist, Vernunft, Verstand“ (mens). Entsprechend kann die Demenz mit den Begriffen „Entgeistigung“, „Entvernünftigung“ und „Entverständigung“ übersetzt werden. Der Begriff „Entverständigung“ weist bereits auf eine wesentliche Problematik hin, und zwar auf den Bereich der Kommunikation und Verständigung (vgl. KASTEN/ UTECHT/ WASELEWSKI 2004, S.13).

Nach GROND (1996, S.13) ist Demenz ein Schwinden der Intelligenz oder eine entstandene geistige Behinderung.

Als die umfassendste Definition der Demenz gilt die der Weltgesundheits-

Organisation (WHO) von 1986: „Demenz ist eine erworbene Beeinträchtigung der höheren Hirnfunktion einschließlich des Gedächtnisses, der Fähigkeit, Alltagsprobleme zu lösen, sensomotorische und soziale Fertigkeit der Sprache und Kommunikation, sowie der Kontrolle emotionaler Reaktionen, ohne Bewusstseinsstörungen. Meistens ist der Verlauf progredient (fortschreitend), nicht notwendigerweise irreversibel.“ ( KASTEN/ UTECHT/ WASELEWSKI 2004, S. 17)

In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen der WHO, dem ICD-10, wird Demenz wie folgt beschrieben: Das dementielle Syndrom entsteht durch eine Gehirnerkrankung. Oft hat die Demenz einen chronischen und fortschreitenden Verlauf, bei dem eine Beeinträchtigung vieler höherer kortikaler Funktionen vorhanden ist, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Neben den kognitiven Beeinträchtigungen kommt es meist zu einer Verschlechterung der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation. Die Demenz führt zu einer Reduzierung des intellektuellen Potentials und gehäuft auch zu einer Einschränkung in der Verrichtung der alltäglichen Aktivitäten wie Waschen, Ankleiden, Essen, Körperhygiene und Toilettenbenutzung (vgl. DILLING 1991, S. 54).

Es ist festzuhalten, dass die Demenzerkrankung, durch eine erworbene Beeinträchtigung der Hirnfunktion, zu einer Abnahme der intellektuellen Fähigkeiten führt, welche auch durch Einschränkungen in den Bereichen der Kommunikation, der alltäglichen Aktivitäten sowie des Emotional- und Sozialverhaltens gekennzeichnet ist. Im Weiteren werden die verschiedenen Demenzformen beschrieben.

3.2. Formen von Demenzen

Es werden die primären von den sekundären Demenzen unterschieden. Zu den primären Demenzen zählen die degenerative Demenz wie z.B. Alzheimer und die vaskuläre Demenz wie z.B. die Multi-Infarkt-Demenz (vgl. GROND 1996, S. 13).

Die primären Demenzen sind Krankheiten mit einer Demenz als einzigem Symptom oder mit einem Hauptsymptom, der Demenzerkrankung.

Eine Demenz kann auch sekundär, als Krankheitssyndrom von verschiedenen Erkrankungen auftreten. Zu diesen Krankheiten zählen beispielsweise psychiatrische Erkrankungen wie die affektiven Psychosen, insbesondere die Depressionen, systemische Erkrankungen oder können auch Folge nach einer Medikation sein (vgl. STOPPE 1997, S.17).

Zu den primären Demenzen gehört auch die Demenz vom Typ Alzheimer (vgl. KASTEN/ UTECHT/ WASELEWSKI 2004, S. 18), die in Kapitel 2.5 näher beschrieben wird.

Das heißt, die Demenz ist entweder auf eine Hirnschädigung oder auf eine körperliche Erkrankung mit Beteiligung des Gehirnes (einer organischen oder somatischen Psychose) zurückzuführen (vgl. GROND 1996, S.1 3).

Nach der Differenzierung der primären und der sekundären Demenzen, erfolgt als weiteres die Betrachtung der Symptomatik einer dementiellen Erkrankung.

3.3 Symptomatik

Die Symptome einer Demenzerkrankung werden unterteilt in kognitive und nichtkognitive Störungen.

Störungen im kognitiven Bereich wirken sich je nach dem Krankheitsstadium auf unterschiedliche kognitive Bereiche wie Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit und Sprache aus. Im Folgenden werden die einzelnen Störbilder näher beschrieben.

Die Störungen des Gedächtnisses sind häufig schon im früheren Stadium vorhanden. Vor allem das Kurzzeitgedächtnis ist davon betroffen. Das heißt, dass der Gegenwartsbezug des erkrankten Menschen dadurch enorm belastet ist und er somit sehr auf seiner individuellen Handlungsebene eingeschränkt ist (vgl. RAHN/ MAHNKOPF 2000, S. 191).

GROND (2003, S. 28 ff.) teilt die Gedächtnisstörungen in Frischgedächtnis oder Merkstörungen und Altgedächtnis- oder Erinnerungsstörungen.

Die Frischgedächtnis- oder Merkstörungen stellen sich schon zu Beginn der Erkrankung ein. Die erkrankte Person ist verwirrt, desorientiert und irrt herum. Gegenstände werden verloren oder verlegt. Die Demenzerkrankten fragen oder erzählen immer das dasselbe, es wird nichts Neues mehr gelernt. Die Vergesslichkeit wird häufig abgewehrt, indem sie entweder abgestritten oder eine Fassade aufgebaut wird, oft werden auch Ausweichmanöver herangezogen. Nicht selten führt dies zu misstrauischem, aggressivem Verhalten oder zu depressivem Rückzug.

Im weiteren Verlauf der Erkrankung folgen die sogenannten Altgedächtnis- oder Erinnerungsstörungen.

Die Erkrankten können nicht mehr für ihre alltäglichen Belange wie Wohnung, Wäsche etc. sorgen. Passende Worte fallen ihnen nicht mehr ein, sie erkennen ihre Kinder und den/die Lebenspartner/in nicht mehr. Oft sprechen sie mit Verstorbenen, weil sie den Tod dieser Menschen vergessen haben. Typisch ist auch ein regressives Verhalten.

Anfangs werden die Inhalte der letzten Lebensjahre vergessen. Im Spätstadium fehlt ein großer Teil der Lebensbiographie, allerdings bleiben emotional relevante Erlebnisse in der Erinnerung erhalten. Kennzeichnend dabei ist, dass die Kranken sich noch klar an ihre Kindheit erinnern können.

Orientierungsstörungen werden schon im Frühstadium sichtbar. Die Orientierung bezieht sich auf den zeitlichen, räumlichen und personellen Bereich so z.B.: Welcher Tag ist heute? Wo befinde ich mich? Wer sind die Menschen in meiner Umgebung?

Kennzeichnend für Denkstörungen ist ein verlangsamter, umständlicher und zähflüssiger Gedankenablauf. Ferner sind auch das Urteilsvermögen, das abstrakte Denken und das Vorstellungsvermögen eingeschränkt.

Aphasien und Sprachstörungen sind typisch für den dementiellen Erkrankungsverlauf. Charakteristisch sind Wortfindungsstörungen, dadurch werden häufig Gegenstände, die nicht benannt werden können, umschrieben.

Des Weiteren sind noch die apraktischen und agnostischen Störungen in den späten Phasen der Demenz zu nennen.

Unter Apraxie (apraktischen Störungen) wird die Unfähigkeit verstanden, sinnvolle und zweckmäßige Bewegungen auszuführen.

Bei den agnostischen Störungen wird es für den Demenzkranken zunehmend schwieriger, Aufforderungen und Anweisungen auf kognitiver Ebene zu verstehen.

Die Vigilanz ist noch zu benennen. Schon in der Anfangsphase der De- menz wird diese Aufmerksamkeitsstörung sichtbar.

Die nichtkognitiven Störungen umfassen Antriebsveränderungen (Unruhe oder Antriebsschwäche), aggressives Verhalten, Wahn, Halluzinationen, Schlafstörungen und affektive Störungen, wie z.B. depressive Verstimmungen. Sie treten häufig auf und komplizieren den Verlauf der Krankheit, andererseits sind sie aber relativ gut behandelbar (vgl. RAHN/ MAHNKOPF 2000, S. 191-192).

Die oben beschriebenen kognitiven und nichtkognitiven Störungen sind die charakteristischen Merkmale der Demenz vom Alzheimer-Typ. Häufig machen sich anfangs die nichtkognitiven Störungen schleichend bemerkbar. Symptomatisch sind Passivität, emotionaler Rückzug, emotionale Instabilität sowie das Nachlassen von Sorgfalt und Verlässlichkeit.

Die vaskuläre Demenz zeigt im Vergleich zur Demenz vom Alzheimer-Typ erhebliche Unterschiede bezüglich des Beginns, der klinischen Merkmale und des Verlaufs. Typisch ist ein schubförmiger Verlauf. Die kognitive Störung ist häufig ungleichmäßig, das heißt, es können z.B. Gedächtnisverlust und intellektuelle Beeinträchtigungen auftreten, jedoch kann die Einsichts- und Urteilsfähigkeit noch relativ vorhanden sein (vgl. RAHN, MAHNKOPF 2000, S. 197 ff.)

GROND (2003, S. 29 ff.) bezeichnet die nichtkognitiven Symptome als Verhaltensstörungen oder Sekundärsymptome, die er wie im Folgenden beschreibt:

Zwanghaftes, ängstlich-unruhiges Umherlaufen, vor allem am frühen Abend, ist bei jeder zweiten dementen Person zu beobachten.

Im frühen Stadium der Erkrankung tritt Angst auf, die zu Panikreaktionen führen kann. Bei den Ängsten handelt es sich um die Angst schwer zu erkranken, allein zu sein, sich außerhalb der Wohnung zu verlaufen oder zu verarmen. In der späteren Erkrankungsphase reduzieren sich diese Ängste.

Depressive Verstimmungen sind schon vor der Demenzerkrankung oder auch schon bei leichter Demenz festzustellen. Bezeichnend dafür sind Schlafstörungen, Rückzugstendenzen, Verlangsamung und Unruhezustände.

Für die Schlafstörungen typisch ist z.B. die sogenannte Schlaf-Umkehr, das heißt, tagsüber sind Erkrankten schläfrig und in der Nacht hellwach.

Bei jeder dritten demenzerkrankten Person kommt es im frühen und im mittleren Stadium zu Antriebsstörungen wie Apathie, Interessen- und Ausdrucksverlust.

Aggressives Verhalten wie Wutausbrüche, körperliches Gewalt oder enthemmtes, zerstörerisches Verhalten, sowie Schreien und lautes Klagen, sind typisch für den Erkrankungsverlauf.

Jede dritte demente Person leidet an Paranoia. Ängste sind ursächlich für optische und akustische Halluzinationen bei schwerem Krankheitsverlauf.

Bei jedem vierten erkrankten Menschen kommt es zu den sogenannten Verkennungen. Das besagt, dass Personen im Fernsehen als real angesehen werden, Bekannte werden für Doppelgänger gehalten und irgendwelche nichtanwesenden Menschen werden gesehen. Nicht selten können sie ihren Partner/ihre Partnerin oder sich selbst im Spiegel nicht mehr erkennen.

Symptomatisch ist auch das Weglaufen, Wandern und das Umherirren in der Nacht, begründet z.B. in dem Wunsch nach Hause oder zur Arbeit gehen zu wollen.

Bei einer Demenz handelt es sich um kognitive und nichtkognitive Störungen, wobei die kognitiven Beeinträchtigungen die Erkrankten zunehmend in ihrer täglichen Lebensführung beeinträchtigen und die psychischen Faktoren die Erkrankten stark in ihrem Erleben beeinflussen, sowie die gesamte Symptomatik enorme Verhaltensauffälligkeiten sichtbar macht.

Der anschließende Abriss beinhaltet die Folgen einer Demenzerkrankung für die Betroffenen.

3.4. Folgeerscheinungen der Demenz

Eine Demenzerkrankung hat Folgen auf die Betroffenen. Die Folgen werden in psychische, körperliche und soziale Folgen unterteilt.

Zu den psychischen Folgen zählen der Verlust der Selbstachtung bis hin zur Verwahrlosung, Apathie oder Wahn und die Depressionen mit Suizidgefahr.

Die Auswirkungen auf dem körperlichen Bereich können Austrocknung mit Delir, Infektanfälligkeit, Verstopfung oder Inkontinenz, Fallneigung mit Frakturen, Immobilität mit Dekubitus, Thrombose, Kontrakturen, Muskelatrophie, ungenügende Atmung und vieles mehr sein.

Die sozialen Folgekomponenten sind Kommunikationsverlust bis zur Vereinsamung, eine zunehmende Abhängigkeit, eine Aggressivität, durch die andere die Demenzerkrankten ablehnen (vgl. GROND 2003, S. 42 ff.).

Die Demenzerkrankten leiden unter starken psychischen und körperlichen Belastungen, die einen erhöhten Betreuungs- und Pflegeaufwand implizieren.

Da, wie schon oben erwähnt, das gehäufte Auftreten von Demenzerkrankungen der Hauptgrund für Pflegebedürftigkeit ist, wird im Folgenden ein Überblick der epidemiologischen Erhebungen erfolgen.

3.5. Epidemiologie

Demenz ist laut der Berliner Altersstudie von 1996, nach der Depression die zweithäufigste psychische Erkrankung im Alter. (vgl. GROND 2003, S.13).

Ungefähr 60% der Demenzerkrankungen werden durch die Alzheimer-Krankheit verursacht. Bei der Alzheimer-Erkrankung handelt es sich um einen langsam fortschreitenden Untergang von Nervenzellen. Dabei sind vor allem die Bereiche des Gehirns betroffen, die für das Gedächtnis und die Denkfähigkeit zuständig sind. Da die Ursachen der Alzheimer-Krankheit noch nicht bekannt sind, ist eine ursächliche Therapie nicht möglich. Jedoch kann eine angemessene Betreuungssituation viel zur Lebensqualität der Erkrankten beitragen (vgl. FRETER 2003, S. 11-12).

Die Symptome der Alzheimer-Demenz stellen die Folgen einer Degeneration des Gehirns dar, und treten erst im letzten Drittel des Krankheitsprozesses auf, der schon 10 bis 20 Jahre vorher beginnt (vgl. GROND 2003, S.14).

Die Leitsymptome der Alzheimer-Krankheit sind die, wie in Kapitel 2.3 beschriebenen, kognitiven und nichtkognitiven Beeinträchtigungen. Die Symptome beginnen schleichend mit anfangs dominierenden nichtkognitiven Störungen. Die Verhaltensänderungen verlaufen diskret (vgl. RAHN/ MAHNKOPF 2000, S. 197-198).

Die Prävalenzrate der Demenzerkrankten weist eine starke Altersabhängigkeit auf und schlüsselt sich wie folgt auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Anzahl der frühen Demenzerkrankung, vor dem 65. Lebensjahr, wird auf ca. 20000 geschätzt. Die Anzahl der Erkrankten ist zwar relativ gering, doch gestaltet sich deren Versorgungssituation als schwierig, da es keine adäquaten Versorgungseinrichtungen für diese Gruppe der Betroffenen gibt

(vgl. BICKEL 2000, S. 211-218).

[...]

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Neue Wege in der psychosozialen Betreuung von demenzerkrankten Senioren im stationären Bereich
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
81
Katalognummer
V77781
ISBN (eBook)
9783638722711
ISBN (Buch)
9783638745086
Dateigröße
962 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Wege, Betreuung, Senioren, Bereich
Arbeit zitieren
Petra Woelk (Autor), 2005, Neue Wege in der psychosozialen Betreuung von demenzerkrankten Senioren im stationären Bereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77781

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