Die Bedeutung der Stadt in der Philosophie Paul Virilios


Seminararbeit, 2006
18 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stadt des Krieges

3. Die Stadt des Verschwindens

4. Die Telepolis: ein Gegenentwurf zu Virilio

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Paul Virilio ist der Begründer der Dromologie, der Wissenschaft von der Geschwindigkeit, in die unterschiedlichste Disziplinen wie Mediengeschichte, Militärwissenschaft, Urbanistik, Physik und Metaphysik einfließen. Die Dromologie - von griechisch dromos, der Lauf – macht den Versuch, die gesellschaftlichen Verhältnisse aus einer transhistorischen und transpolitischen Sichtweise heraus zu analysieren. Die Geschwindigkeit ist für Virilio der zentrale Entwicklungsfaktor der Menschheitsgeschichte, ihre Kontrolle bildet die Grundlage von Reichtum und politischer Macht.

Obwohl er hauptsächlich durch seine theoretische Arbeit hervorgetreten ist, versteht er sich selbst nicht als Philosoph.

„Ich sage es immer wieder: ich bin kein Philosoph. Ich bin lediglich Urbanist und ich denke, Urbanisten sind ebenso wichtig wie Philosophen. Ich will mich damit nicht herabsetzen, sondern gleichstellen, will uns Urbanisten zu Ende dieses Jahrhunderts auf eine Stufe stellen mit den Philosophen.“[1]

Diese Aussage drängt die Frage auf, welche Rolle die Urbanistik im theoretischen Werk Virilios spielt. Die vorliegende Arbeit versucht diese Frage zu beantworten, indem sie Virilios thematisch sehr breit gefächerte Philosophie bewusst unter dem singulären Aspekt der Urbanistik analysiert und die verschiedenen Bedeutungsebenen des Begriffes 'Stadt' aufzeigt. Zunächst wird Virilios These von der Entstehung der Stadt aus dem Krieg vorgestellt und die Verflechtungen der Stadt mit politischer Macht und Militär dargestellt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt jedoch auf der Frage nach der Zukunft der Stadt angesichts der Beschleunigung der menschlichen Lebenswelt im Zeitalter moderner Kommunikationsmedien. Da Virilios Thesen nicht unumstritten sind, werden an geeigneter Stelle Gegenpositionen dargestellt. Besonders im Hinblick auf die Folgen der jüngsten technologischen Entwicklungen für die Zukunft der Stadt wird in einem etwas längeren Exkurs über Florian Rötzers Entwurf der Telepolis ein Gegenmodell zu Virilio vorgestellt, das eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglichen soll.

2. Die Stadt des Krieges

Für Virilio haben alle gesellschaftlichen Entwicklungen letztlich eine gemeinsame Ursache: den Krieg. Er ist für ihn die Grundlage seiner gesamten theoretischen Arbeit.[2] Sein exzessives Interesse am Krieg sieht er selbst in seiner Biographie begründet: als Zehnjähriger erlebt er die Zerstörung der Stadt Nantes. Fortan beginnt er sich für die Architektur des Krieges zu interessieren. 1958 entdeckt er die Bunker an der Atlantikküste und inventarisiert diese acht Jahre lang. Seine Ergebnisse zeigt er 1976 in der Ausstellung 'Bunker Archéologie' im Pariser Centre Georges Pompidou. Virilio fasziniert die räumliche Dimension des Krieges als „Raum im geographischen, ja mehr als geographischen [nämlich mythischen] Sinne“. Die Monumente des Krieges sind für ihn „Anhalts- oder Markierungspunkte für das Totalitäre des Kriegs im Raum und im Mythos“. Städte begreift er dementsprechend als „außergewöhnliche Zeugnisse für das Vermögen der menschlichen Gattung zur Konzentration im Raum“.[3]

Der Ursprung der Stadt wird meistens mit dem Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit angesetzt, der vor ungefähr 10000 Jahren an den Flussufern im Nahen Osten stattgefunden hat.[4] Bevölkerungskonzentration und arbeitsteilige Differenzierung befreien den Menschen vom Zwang der Nahrungsbeschaffung und ermöglichen die Erfindung neuer Techniken und des Handels.

Entgegen dieser traditionellen Theorie, der Ursprung der Stadt liege im Handel, hat sich für Virilio die Stadt aus dem Krieg entwickelt, besser gesagt aus seiner Vorbereitung, was er folgendermaßen begründet:

„Sobald sich ein Staat gebildet hatte, entwickelte er den Krieg als Organisation und Ökonomie des Territoriums, als Ökonomie von Geld und Technologie. All das hat schließlich die befestigte Stadt und den Krieg mit Wurfwaffen ermöglicht“[5].

Die Errichtung von Mauern und Wällen dient der Verzögerung des gegnerischen Angriffs. Die militärische Ausstattung mit Hindernissen garantiert den Fortbestand der Stadt.[6]

Die Funktion der Stadt ist somit von Anfang an keine zivile, sondern eine militärische. Virilio weist darauf hin, dass Städte immer an schnellen Verkehrswegen wie z.B. Flüssen oder Straßen entstanden. Die militärische Funktion der Stadt wird dadurch noch unterstrichen, dass die Bedingungen für die Entstehung von Städten die gleichen wie für die Bildung von Stützpunkten sind, nämlich ihre geographische Lage im Raum.

„Die strategische Bedeutung einer Stellung resultiert nicht aus mehr oder weniger hypothetischen Kombinationen, sondern aus der Gestalt des Landes selber: sei es ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, ein Kreuzungspunkt zahlreicher Straßen oder die Vereinigung von Tälern.“[7]

Die Stadt ist lediglich eine Unterbrechung eines Verkehrsweges.

„Entgegen dem, was die Stadtpläne zeigen, ist die Stadt hauptsächlich nicht als eine menschliche Wohnstätte geplant worden, die von einem schnellen Verkehrsweg (Fluss, Fernstraße, Küste, Eisenbahn,...) durchkreuzt wird; anscheinend hat man vergessen, dass die Straße nur eine Fernstraße ist, die eine Zusammenballung durchquert“.[8]

Sie unterbricht den Verkehrsfluss und dient somit der Regulierung der Geschwindigkeit. Virilio prägt dafür den Begriff der „Geschwindigkeitsbox“.[9] Während z.B. die arabische Medina durch ihre labyrinthische Struktur eine Stadt der Verlangsamung ist, wird Paris durch die Reformen des Barons Haussmann zu einer Stadt der Beschleunigung: der Ausbau der engen Straßen zu breiten Boulevards ermöglicht es, diese wesentlich schneller zu durchqueren. Gleichzeitig ermöglicht er eine bessere Kontrolle derselben.[10] Da für Virilio politische Macht wesentlich auf der Beherrschung der Geschwindigkeit basiert, liegt in der Beherrschung der Straße der Schlüssel zur Beherrschung des Staates. Der Ausgangspunkt jeder Revolution liegt auf der Straße. Virilio bemerkt, dass es in allen Revolutionen „ein paradoxes Vorhandensein von Verkehr (Zirkulation)“[11] gibt. Am Beispiel des Nationalsozialismus zeigt er, dass die Kontrolle der Zirkulation der Massen ausschlaggebend für den Erfolg der Revolution ist. So notiert Joseph Goebbels in seinem Tagebuch:

„Der ideale Militante ist ein Kämpfer in der braunen Armee als Bewegung ..., der einem Gesetz gehorcht, das er manchmal selber nicht kennt, aber das er im Traum aufsagen kann... so haben wir fanatische Wesen in Marsch gesetzt...“.[12]

Umgekehrt beruht die Staatsgewalt ebenfalls auf der Kontrolle der Straße. War sie für Karl Marx noch die „die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen“, hat sie für Virilio eine wesentlich materielle Funktion, nämlich als „polis, Polizei, das heißt Verwaltung der Verkehrswege“.[13] Entsprechend variiert Virilio auch die marxistische Gesellschaftsanalyse aus dromologischer Sicht. Der Klassenunterschied zwischen Herrschenden und Unterdrückten besteht nicht mehr zwischen besitzendem Bourgeois und besitzlosem Proletarier, sondern zwischen Dromokrat, also Beherrscher der Geschwindigkeit, und Dromomanen[14], dem von der Geschwindigkeit Getriebenen. Der Gegensatz Stadt/Land wird zum Gegenstand Stillstand/Verkehr.[15] Der Bürger, im Besitz von Wohnstätten, Im-mobilien, also Unbeweglichem, steht dem besitzlosen Proletarier, der ständig zur Wanderung gezwungen wird, gegenüber. Um sich dem Ansturm der immerzu in Bewegung befindlichen proletarischen Massen zu erwehren, wird die Stadt durch Mauern und Tore befestigt, die als „Staudämme und Filter gegen die Fluidität der Massen und das Eindringen der wandernden Meuten“[16] dienen. Die Stadtgrenze ist eine Art osmotische Membran zwischen zwei Durchgangsgeschwindigkeiten.[17] An ihnen wird der Verkehrsfluss des Proletariers zum Stillstand gebracht, der sein Dasein an den Grenzen der Stadt in der Vorstadt fristet und lediglich provisorische Orte bewohnen kann.[18]

Die Herrschaft der dromokratischen Klasse stützt sich also auf die Regulierung der Geschwindigkeit. Für Virilio besteht jedoch immer eine enge Verbindung von politisch herrschender Klasse und der Klasse des Militärs. Diese Verbindung zeigt er besonders an der Entwicklung der mittelalterlichen Burg auf.

Die antike Stadt diente hauptsächlich als Durchgangsort für Karawanen.[19] Ihre Befestigung mit Palisaden und Erdwällen richtete sich noch gegen alle möglichen Gefährdungen menschlicher oder natürlicher Art. Die im Mittelalter entwickelte Burg jedoch trägt nur noch rein militärischen Charakter, ihre einzige Ausrichtung ist auf den Feind, den gegnerischen „Kriegsmann“[20]. Die Architektur der Burg ermöglicht es, einen feindlichen Angriff in eine Belagerung umzuwandeln und somit den Kampf unendlich fortzusetzen. Diese Funktion der Regulierung der gegnerischen Geschwindigkeit lässt sich jedoch nicht nur auf den äußeren Feind anwenden, sondern ebenso auf den inneren Feind, das Proletariat, indem sie es ermöglicht, „die sozialen Auseinandersetzungen unendlich zu verlängern“[21]. Virilio sieht die moderne Stadtverwaltung in Analogie zur mittelalterlichen Burg:

„(...) dieser ganze Apparat ist nur eine Rekonstruktion verschiedener Teile des Motors der Festung mit ihren Zinnen, Ziehbrücken, Fallgruben, gewundenen Wegen, dem Auf- und Zuschnappen ihrer Tore, eine Rekonstruktion der anfänglichen Kontrolle der Masse durch die Organe der städtischen Verteidigung.“[22]

[...]


[1] Interview mit Paul Virilio in: Florian Rötzer: Französische Philosophen im Gespräch, München 1986, 147

[2] Interview mit Paul Virilio in: Florian Rötzer: Französische Philosophen im Gespräch, München 1986, 151

[3] Paul Virilio: Der reine Krieg, Berlin 1984, 8f.

[4] Vilém Flusser: Ende der Geschichte, Ende der Stadt?, Wien 1992, 41

[5] Paul Virilio: Der reine Krieg, Berlin 1984, 9

[6] Vgl. ebd., 10

[7] Paul Virilio: Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1980, 19

[8] Ebd., 12

[9] Paul Virilio: Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin 1993, 24

[10] Vgl. ebd., 24

[11] Paul Virilio: Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1980, 9

[12] Ebd., 10

[13] Ebd., 22

[14] Vgl. Paul Virilio: Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1980, 11. Dromomanie oder auch Poriomanie bezeichnet die Manie des Umherwanderns, ein zwanghaftes Weglaufen ohne ersichtlichen Grund und Ziel.

[15] Vgl. Ebd., 12

[16] Ebd., 14

[17] Vgl. Ebd., 14f, 26

[18] Vgl. Ebd., 16

[19] Vgl. Paul Virilio: Fahren, fahren, fahren..., Berlin 1978, 32

[20] Paul Virilio: Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1980, 17

[21] Ebd., 18

[22] Ebd., 23

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Stadt in der Philosophie Paul Virilios
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Das Bild des Menschen in der Antike und der Gegenwart
Note
1.0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V77797
ISBN (eBook)
9783638823258
ISBN (Buch)
9783638824866
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Stadt, Philosophie, Paul, Virilios, Bild, Menschen, Antike, Gegenwart
Arbeit zitieren
Thomas Neumann (Autor), 2006, Die Bedeutung der Stadt in der Philosophie Paul Virilios, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77797

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