Die Bedeutung des Geschmacks in Pierre Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit


Seminararbeit, 2007
15 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen von Bourdieus Theorie sozialer Ungleichheit
2.1. Sozialer Raum und Feldtheorie
2.2. Kapitalformen
2.3. Der Raum der sozialen Positionen
2.4. Habitus
2.5. Der Raum der Lebensstile

3. Geschmack und soziale Ungleichheit
3.1. Bourdieus antikantianische Ästhetik
3.2. Ästhetik als Legitimationsgrundlage sozialer Ungleichheit
3.3. Herrschender, mittlerer und populärer Geschmack

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Quellen
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Über Geschmack streitet man bekanntlich nicht. So häufig dieser Allgemeinplatz in Alltagsgesprächen verwendet wird, wenn sich zwei Menschen bei der Bewertung eines Musikstückes, eines Gemäldes oder auch nur einer Gaumenfreude uneins sind, so vehement wird seine Richtigkeit von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu bestritten. Sich nicht über Geschmack streiten – das heißt auch anerkennen, dass Geschmack lediglich individuelle Vorlieben ausdrückt und keine gesellschaftliche Relevanz besitzt. Entgegen dieser landläufigen Meinung betont Bourdieu den sozialen Charakter des ästhetischen Urteils: Geschmack wird zum Klassengeschmack, zum Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich zeigen, dass dem Geschmack eine wesentliche Rolle in Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit zukommt. Gleichwohl soll die Darstellung sich nicht auf diesen einzelnen Aspekt beschränken, sondern die Dimension Geschmack in den größeren Rahmen von Bourdieus Theorie stellen, da mir ein Verständnis der Thesen Bourdieus nicht ohne die Klärung einiger Grundlagen seiner Theorie möglich erscheint.

In einem ersten Teil sollen daher die Begriffe Sozialer Raum und Feld und die unterschiedlichen Kapitalformen erklärt werden. Mit diesen Begriffen wird das Bourdieusche Klassenmodell erläutert. Der Begriff des Habitus wird dazu dienen, die Konstruktion von Klassen anhand objektiver Merkmale im Raum der sozialen Positionen mit den unterschiedlichen Geschmacksvarianten im Raum der Lebensstile zusammenzuführen.

In einem zweiten Teil wird dann der eigentliche Zusammenhang zwischen Geschmack und sozialer Ungleichheit aufgezeigt. Bourdieus Programm einer antikantianischen Ästhetik wird entwickelt und kurz auf seine Theorie der Kunstwahrnehmung eingegangen. Weiterhin wird dargestellt, wie die Kantische Ästhetik in der Ideologie der herrschenden Klasse fortwirkt. Anschließend werden überblicksartig die von Bourdieu unterschiedenen Geschmacksvarianten von herrschendem, mittlerem und populären Geschmack beschrieben und gezeigt, wie sie zur Reproduktion der Gesellschaftsstruktur beitragen. Schließlich werden die wichtigsten Thesen noch einmal kurz zusammengefasst.

2. Grundlagen von Bourdieus Theorie sozialer Ungleichheit

2.1. Sozialer Raum und Feldtheorie

Soziales Handeln findet in einem mehrdimensionalen sozialen Raum statt, der sich in verschiedene soziale Felder ausdifferenziert. Ein Feld gibt die äußeren Rahmenbedingungen für das Handeln der Akteure vor. Es existiert als objektive und von den Akteuren unabhängige Struktur (Schwingel 1995: 77). Felder sind somit Teilräume des sozialen Raums, die eine spezifische Gesetzlichkeit aufweisen und durch je eigene Institutionen gekennzeichnet sind. Innerhalb eines Feldes findet ein beständiger Kampf um Kräfteverhältnisse statt. Der Kampf innerhalb eines Feldes ähnelt einem Spiel, in dem mit verschiedenen Kapitalsorten gespielt wird (Fröhlich 1994: 41). Das soziale ‚Spiel’ unterliegt bestimmten Regeln, die feldspezifisch festlegen, was als Handeln möglich bzw. unmöglich ist. Die Spielregeln sind dabei nicht explizit festgelegt, sondern werden in der Praxis der Akteure befolgt, wobei der Einzelne über verschiedene „Strategien“ verfügen kann. Die Regeln dienen als Zwänge, aber auch als Möglichkeitsbedingungen von Handeln. Die Chancen im sozialen Spiel hängen von der Verfügungsgewalt über verschiedene Ressourcen bzw. Kapitalformen ab. Die Kapitalformen lassen sich dabei als Einsätze im Spiel auffassen (Schwingel 1995: 78-81).

Die Struktur eines Feldes definiert sich durch die Verteilungsstruktur der jeweils gültigen Kapitalsorte. Die sozialen Akteure dienen als Strukturelemente des Feldes. Um kapitalstarke Akteure bilden sich Kraft- und Machtzentren. Dieser statischen Beschreibung kommt durch den Kampf innerhalb eines Feldes eine dynamische Dimension zu, da sich durch den Konflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten mit ihren jeweiligen Strategien der Machterhaltung bzw. Machtunterwanderung Verteilungsstruktur und Spielregeln fortwährend wandeln. In jedem Feld herrscht ein spezifisches Interesse vor, das Voraussetzung für jedes Engagement ist und dem sich kein Akteur entziehen kann (ebd.: 90-94).

2.2. Kapitalformen

Für Bourdieu genügt die herkömmliche (marxistische bzw. wirtschaftswissenschaftliche) Definition von Kapital als rein ökonomisches Kapital nicht, um die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen. Zu einem besseren Verständnis der spezifischen Ökonomien der jeweiligen Felder unterscheidet er zwischen mehreren Kapitalformen: ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital (Schwingel 1995: 82f.). Die einzelnen Kapitalformen sind gegenseitig umwandelbar, jedoch mit unterschiedlichem Aufwand. Die Umwandlung erfordert Transformationsarbeit, die in Arbeitszeit gemessen wird (Fröhlich 1994: 37). Da es im Rahmen dieser Untersuchung von besonderem Interesse ist, wird die Darstellung der verschiedenen Formen des kulturellen Kapitals hier einen größeren Platz einnehmen.

Ökonomisches Kapital bezeichnet alle Formen des materiellen Reichtums (Schwingel 1995: 83). Es lässt sich unmittelbar in Geld umwandeln und lässt sich mithilfe des Eigentumsrechts institutionalisieren. Für Bourdieu besteht ein Primat des ökonomischen Kapitals vor den anderen Kapitalformen und somit eine tendenzielle Vorherrschaft des ökonomischen Feldes (Fröhlich 1994: 36). Kulturelles Kapital besitzt eine von der des ökonomischen Kapitals verschiedene Eigenlogik. Es kann in inkorporiertem, objektiviertem oder institutionalisiertem Zustand vorliegen.

In inkorporierter Form bezeichnet es alle durch Bildung und (auch unbewusste) Sozialisationsprozesse erworbenen kulturellen Kompetenzen (Schwingel 1995: 83f.). Es ist grundsätzlich an den individuellen Körper gebunden und somit nicht übertragbar. Es kann nicht, wie beispielsweise ökonomisches Kapital, durch eine schnelle Transformation erworben werden, sondern muss angeeignet werden, was die persönliche Investition von Zeit voraussetzt.

Mit objektiviertem kulturellen Kapital wird der materielle Besitz an Kulturgütern bezeichnet, beispielsweise in Form von Büchern, Kunstwerken oder Musikinstrumenten. Es kann beliebig auf andere Personen übertragen werden. Um angemessen bewertet und angeeignet werden zu können, benötigt man jedoch inkorporiertes Kulturkapital in Form kultureller Kompetenzen. Wie noch gezeigt werden wird, ist unterschiedlich hohes Kulturkapital ein entscheidender Faktor für die unterschiedlichen Geschmacksarten.

In institutionalisierter Form liegt kulturelles Kapital schließlich in Form von (Bildungs-) Titeln vor. Titel werden von Institutionen (z.B. Schule oder Universität) vergeben und besitzen daher eine Rechtsgarantie (Fröhlich 1994: 35). Der Inhaber eines Titels verfügt somit über legitimes kulturelles Kapital, unabhängig von seinen tatsächlich vorhandenen kulturellen Kompetenzen. Im Gegensatz dazu steht der Autodidakt, der lediglich im Besitz von illegitimem kulturellen Kapital ist und seine Kompetenz unablässig aufs Neue beweisen muss (Schwingel 1995: 85f.).

Unter sozialem Kapital versteht Bourdieu das Beziehungsnetz einer Person, eine besondere Form von Ressourcen, die auf Gruppenzugehörigkeit beruhen. Soziales Kapital muss durch permanente Beziehungsarbeit aufgebaut und erhalten werden; richtig eingesetzt, verstärkt es die anderen Kapitalformen und kann die Chancen eines Akteurs im jeweiligen Feld erhöhen (ebd.: 87).

Eng verwandt mit dem sozialen Kapital ist die letzte Kapitalform, das symbolische Kapital. Gleichbedeutend mit Begriffen wie Ruf, Ruhm, Ehre oder Prestige, beruht es wie das Sozialkapital auf Bekanntheit und Anerkennung. Es kommt meistens in Verbindung mit den anderen Kapitalformen vor und kann diese verstärken. Beispielsweise lässt sich das institutionalisierte Kulturkapital in Form von Titeln auch als symbolisches Kapital begreifen (ebd.: 87f., Fröhlich 1994: 37).

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Geschmacks in Pierre Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V77802
ISBN (eBook)
9783638827867
ISBN (Buch)
9783638831833
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Geschmacks, Pierre, Bourdieus, Theorie, Ungleichheit, Kultursoziologie, Distinktion, Lebensstile, Kant, Ästhetik
Arbeit zitieren
Thomas Neumann (Autor), 2007, Die Bedeutung des Geschmacks in Pierre Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77802

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