Publius Ovidius Naso (43. v. Chr. – 17 n. Chr.), der eine offizielle politische Karriere zu Gunsten der Dichtung aufgab, zählt zu den spätaugusteischen Dichtern. Durch seine Neuentwicklung der römischen erotischen Elegie schuf er sich eine Reputation, die er in den „großen“ Gattungen von Tragik, Epik und aitiologischer Elegie weiter konsolidierte. Zu seiner Liebeselegie zählen auch die Heroides, eine Sammlung von insgesamt 21 fiktiven Briefen, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen: In den Briefen 1 – 14 schreiben berühmte mythische Frauen an ihre abwesenden Männer oder Geliebten. Der Stoff für diese Briefe entstammt hauptsächlich der griechischen Epik und Tragik, stützt sich aber auch auf die Werke Catulls und Vergils. Bei den Briefen 16 – 21 handelt es sich um die so genannten Doppelbriefe, in denen ein Mann schreibt und eine Frau antwortet. Die Quellen für diese Briefpaare sind Homer, Euripides und Kallimachos . Eine Sonderstellung nimmt der 15. Brief ein, in dem Ovid die griechische Dichterin Sappho Phaon ihr Liebesleid klagen lässt. Dieser Brief stammt nicht von Ovid. Sind die Briefe 1 – 14 und 16 – 21 noch in einem Corpus erschienen, so ist der 15. Brief separat überliefert. Kenney schreibt in seiner Einleitung zu Heroides XVI – XXI, dass Daniel Heinsius diesen Brief in seiner Edition zwischen die Briefe 14 und 16 eingegliedert hatte, und dieser somit Einzug in die Sammlung gefunden hatte.
Die zu analysierende Textstelle 17, 75 - 90 stammt aus den Doppelbriefen. Hierbei handelt es sich um den Antwortbrief der Helena an Paris. In einem ersten Schritt werde ich die Textstelle übersetzen, anschließend in den Kontext des Doppelbriefes einordnen und sie schließlich in einem Zeilenkommentar inhaltlich, sprachlich und metrisch analysieren.
Meine Ausführungen und Erläuterungen stützen sich auf die maßgeblichen Ausgaben von Kenney, Palmer und Bornecque. Die Bezeichnungen der Handschriften sind in Analogie zu den Siglen dieser drei Ausgaben verwendet worden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Übersetzung der Textstelle Her. 17, 75 – 90
3. Einordnung der Textstelle Her. 17, 75 – 90 in den Kontext
4. Zeilenkommentar der Textstelle Her. 17, 75 – 90
4.1 Verse 75 – 80
4.2 Verse 81-82
4.3 Verse 83-90
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verse 75–90 aus Ovids Heroides 17, einem Antwortbrief der Helena an Paris. Ziel der Untersuchung ist es, durch eine präzise Übersetzung, die kontextuelle Einordnung sowie einen detaillierten Zeilenkommentar aufzuzeigen, dass Helenas vorgebliche Kritik an Paris’ Verhalten bei Tisch eine ironische Unterströmung aufweist und sie ihre Zuneigung nur oberflächlich zu verbergen sucht.
- Literarische Analyse von Ovids Heroides 17
- Untersuchung der ironischen Wortwahl und Semantik
- Interpretation von Verhaltensbeschreibungen und Zeichensprache
- Textkritische Betrachtung der handschriftlichen Überlieferung
- Kulturelle Einordnung und Identifizierung von Anachronismen
Auszug aus dem Buch
improbe, lascive
Was ich bereits oben beschrieben habe, nämlich dass Helenas Kritik vermutlich gar keine ernst gemeinte Kritik ist, äußert sich in ihrer Wortwahl und der damit verbundenen Semantik. Improbe und lascive wurden in meiner Übersetzung mit „Schamloser“ und „Zügelloser“ übersetzt. Es handelt sich bei diesen Wörtern um das Stilmittel der Apostrophe, also der Anrede an eine bestimmte Person, wodurch der Satz und sein Inhalt eine andere Bedeutung erhalten, als wenn die beiden Wörter adjektivisch oder adverbial verwendet worden wären.
Mit einer adverbialen bzw. adjektivischen Verwendung würde es sich bei Helenas Äußerung um eine wirkliche Kritik bzw. einen Tadel handeln. Mit der persönlichen Anrede an Paris, verliert der Aspekt des Kritisierens seine Wirkung und wird in das Gegenteil verwandelt. Helena wird an dieser Stelle ein beinahe kindlicher und verlegener Charakter verliehen. Aus diesem Grund teile ich durchaus Kenneys Meinung, wenn er sagt, dass man fast ein leises Kichern bei diesen vorgeblich tadelnden Worten vernimmt. Folglich kann man den Gehalt der beiden Wörter nicht zu ernst nehmen, da sie hier von Helena eindeutig ironisch verwendet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Person Ovid, die Gattung der Heroides als fiktive Briefe sowie die spezifische Bedeutung der Doppelbriefe (16–21) für die Forschungsarbeit.
2. Übersetzung der Textstelle Her. 17, 75 – 90: Deutsche Wiedergabe des untersuchten Textabschnitts, in dem Helena Paris' Verhalten bei Tisch beschreibt.
3. Einordnung der Textstelle Her. 17, 75 – 90 in den Kontext: Zusammenfassung des bisherigen Briefwechsels zwischen Helena und Paris und Darstellung der aktuellen Situation bei Tisch.
4. Zeilenkommentar der Textstelle Her. 17, 75 – 90: Detaillierte philologische und inhaltliche Analyse der Verse, inklusive textkritischer Diskussionen und Erklärungen zu kulturhistorischen Anachronismen.
5. Bibliographie: Auflistung der für die Hausarbeit verwendeten Fachliteratur und Editionen.
Schlüsselwörter
Ovid, Heroides, Helena, Paris, Liebeselegie, Zeilenkommentar, Ironie, Textkritik, Apostrophe, Anachronismus, Antike Esskultur, Doppelbriefe, Philologie, Metrik, Handschriftenüberlieferung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Verse 75 bis 90 aus dem 17. Brief von Ovids Heroides, in dem Helena auf die Annäherungsversuche des Paris bei einer gemeinsamen Mahlzeit reagiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die philologische Untersuchung der Sprache, die ironische Ausdrucksweise Helenas, die textkritische Analyse der Überlieferung sowie der kulturelle Kontext der antiken Esskultur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll nachgewiesen werden, dass Helena Paris' Verhalten keineswegs ernsthaft kritisiert, sondern durch eine ironische Haltung eine verborgene Zuneigung zu erkennen gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus literaturwissenschaftlicher Textanalyse, philologischem Kommentar und dem Abgleich mit textkritischen Apparaten verschiedener Editionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kontextuelle Einordnung und einen detaillierten Zeilenkommentar, der einzelne Begriffe wie "improbe", "lascive" oder "orbe" untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Heroides, Helena, Ironie, Textkritik, Anachronismus und antike Esskultur.
Warum spielt die Handschriftenüberlieferung eine Rolle bei Begriffen wie "sumis" und "bibis"?
Der Autor zeigt auf, wie Kopisten durch fehlerhafte Abschriften die Bedeutung veränderten und wie moderne Editoren durch textkritische Verfahren die wahrscheinlich ursprüngliche Textfassung wiederherstellen.
Welche Bedeutung hat der Anachronismus in Bezug auf den "runden Tisch"?
Ovid beschreibt ein "monopodium" (einen einfüßigen Tisch), welches in der späten römischen Republik verbreitet war, jedoch in die Zeit des Trojanischen Krieges projiziert wurde, was als literarischer Anachronismus eingeordnet wird.
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- Christian Berwanger (Author), 2006, Zu: Ovid - Heroides 17, 75-90, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77810