Ludwig Mies van der Rohe. Neue Nationalgalerie in Berlin


Hausarbeit, 2004
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte des Bauauftrags

3 Vorgängerbauten
3.1 Fifty by Fifty Feet House
3.2 Convention Hall Projekt
3.3 Bacardi Bürogebäude
3.4 Georg Schäfer Museum

4 Die Neue Nationalgalerie
4.1 Der Bauvorgang
4.2 Das Dach
4.3 Die Halle als Einraum
4.4 Die Stützen
4.5 Der Sockel
4.6 Das Untergeschoß

5 Städtebaulicher Kontext

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ludwig Mies van der Rohe gilt als einer der namhaftesten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts und Wegbereiter der Modernen Architektur. Wahre Baukunst war für ihn nicht der Mode unterworfen, aber auch nicht gültig bis in alle Ewigkeit. Jedes Gebäude sollte den treibenden Kräften seiner Zeit geschuldet werden: der Massengesellschaft, der Wirtschaftsordnung und der Technologie. Kunst war für ihn nicht das willkürlich Neue, sondern das Ergebnis einer geordneten Struktur.

Konstruktion, Material, Transparenz und Ästhetik bildeten bei seinen Werken stets eine Einheit.[1] Die gesamte architektonische Konstruktion basiert auf einem Rastersystem und dem Goldenen Schnitt. Edle Materialien wurden sorgsam ausgewählt und perfekt verarbeitet.

Dieses wohlüberlegte, nachvollziehbare Bauen und Mies’ Persönlichkeit weckten das Interesse vieler seiner Kollegen. Der große Einfluss, den Mies van der Rohe auf mehrere Architektengenerationen ausübte macht eine Beschäftigung mit seinen Gebäuden besonders interessant.

Obwohl seine Karriere in Deutschland begann, ist er vor allem in den USA bekannt geworden, wo er fünf Jahre nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nach Chicago ins Exil ging. Durch den Bau der Neuen Nationalgalerie kommt er erstmals wieder in sein Heimatland zurück. Mit diesem Bauauftrag wird ihm nun die Anerkennung zuteil, die ihm durch die Machthaber zuvor verwehrt wurde. Die Nationalgalerie beherbergt zu dieser Zeit vor allem die Kunst des 19. Jahrhunderts, der sich Mies verbunden fühlte. Der Name „Neue Nationalgalerie“ unterstreicht sowohl den nationalen, als auch den zukunftsorientierten Anspruch dieses wichtigen öffentlichen Gebäudes. Er ist auch als politisches Signal an den Ostteil Berlins zu sehen, wo die „alte“ Nationalgalerie lag. Die Gründe seines Exils und die Motivation der Auftraggeber ihn nach Deutschland zu holen, beschreibe ich genauer im ersten Kapitel.

Die Nationalgalerie basiert auf der Konstruktion früherer Mies’scher Bauten. Abgesehen vom Einfluss von Friedrich Schinkel und der Antike, lässt sich das Gebäude auf einzelne, von Mies van der Rohe selber konstruierte, Entwürfe zurückführen. Die vier wichtigsten Vorgängerbauten werden in Kapitel zwei vorgestellt. Beeindruckend ist dabei die unglaubliche Stringenz, mit der der Architekt die grundlegenden Ideen zum Bau dieses Gebäudes entwickelt, welches einen End- und Höhepunkt seiner Karriere darstellt.

Als Museum steht das Gebäude nicht dezent im Hintergrund. Es ist im Gegenteil ein stark repräsentatives Gebäude, das sich selber stärker inszeniert, als die Kunstwerke in seinem Inneren. Dies war zwar Anlass zur Kritik, aber die Konstruktion beeindruckte dennoch sehr viele Architekten. Es ist nach grundlegenden Prinzipien gebaut, die für Jeden nachvollziehbar sein sollten. Dabei münden einige Versuche Mies’ das Gebäude schlicht aussehen zu lassen darin, dass die Konstruktion verkompliziert wurde. Das dritte Kapitel widmet sich der genaueren Beschreibung des Gebäudes, wobei auf Hinweise zum Hintergrund der Verwendung bestimmter Bauteile nicht verzichtet wird. Hier wird sowohl auf die grundlegende Konstruktion wie beispielsweise die Inszenierung des „Einraumes“, als auch auf Besonderheiten im Detail, wie etwa das Kugelgelenk an den Stützen, eingegangen und deren kunstgeschichtlicher Hintergrund aufgezeigt. Nach der als Einleitung gedachten Beschreibung des Bauvorgangs habe ich dieses Kapitel der Übersicht halber in Unterkapitel zu bestimmten Bauteilen gegliedert. Dabei fange ich mit der Beschreibung des Daches an und arbeite mich gewissermaßen bis zum Untergeschoß „herunter“.

Um das Phänomen des Gebäudes vollends zu erfassen, ist zu guter letzt auch ein Blick auf die umliegenden Gebäude wichtig. Die Neue Nationalgalerie befindet sich am Kemperplatz in der deutschen Hauptstadt. Sie steht nicht für sich allein, sondern ist Teil des „Kulturforums“, einer Reihe von Gebäuden, die die kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung bedienen sollen. Darüber hinaus sollte ein Viertel geschaffen werden, in dem die Gebäude eine fruchtbare Symbiose eingehen und sich gegenseitig ergänzen. Inwieweit dies gelungen ist und wie sich die Nationalgalerie in diesen Kontext einfügt, soll im letzten Kapitel behandelt werden.

2 Entstehungsgeschichte des Bauauftrags

Schon bevor Mies 1962 den Auftrag zum Bau der Neuen Nationalgalerie bekam, versuchte der damalige Berliner Senator für Bau- und Wohnungswesen, Rolf Schwedler, mehrfach vergeblich ihn für eine Bauaufgabe zu gewinnen. Dabei wurde er seit 1960 von Werner Düttmann, dem neu ernannten Senatsbaudirektor Berlins unterstützt. Gemeinsam wollten sie ein würdiges und repräsentatives Alterswerk von Mies van der Rohe verwirklicht sehen, der schon damals als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts galt.

Im Vordergrund des Auftrages stand also die Person Ludwig Mies van der Rohes und nicht eine spezielle Bauaufgabe, für die ein bestmöglicher Entwurf eines beliebigen Architekten gefunden werden sollte.[2]

Den Auftrag bekam er am Tag seines 75. Geburtstages. Es sollte ein Stück deutsche Wiedergutmachung an den mittlerweile weltberühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe sein, der in Aachen geboren wurde und dessen Karriere in Berlin begann.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 behinderte seine Arbeit erheblich und nach seiner Ausreise 1938 in die Vereinigten Staaten hatte er keinen Bau mehr in Deutschland realisiert.[3]

Schon 1931 kam es zu Störkampagnen gegen das Bauhaus, deren Direktor Mies 1930 auf Empfehlung von Walter Gropius wurde. Die Nationalsozialisten schlossen 1932 die ihnen verhasste Schule in Dessau schließen, weil sie in ihren Augen den Kommunisten nahe stand und noch dazu vom Staat gefördert wurde. Außerdem passte eine Schule wie diese nicht in die Pläne der NSDAP, die eine Gleichschaltung der Bildungseinrichtungen anstrebte. Mies gelang es im Oktober 1932, das Bauhaus als Privatschule in Berlin wieder zu eröffnen. Einige Monate war es ruhig, aber dann wurde die Schule abermals geschlossen. Nach einem Gespräch mit der Gestapo bekam er einen Brief, dass das Bauhaus unter strengen Auflagen wieder eröffnet werden könne. Mies rief die Mitarbeiter der Fakultät zusammen. Sie verfassten ebenfalls einen Brief, in dem es hieß: „Vielen Dank für die Erlaubnis, die Schule wieder zu eröffnen, aber die Fakultät hat entschieden sie zu schließen.“[4] Dann hörten sie auf.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurden bestimmte Personengruppen in ihren Bürgerrechten beschränkt und von einflussreichen Positionen verdrängt. Die Nürnberger Gesetze von 1935 verschärften die Situation noch einmal. Potentielle Arbeitgeber sahen nun davon ab oder wurden offen daran gehindert, Architekten und Designer zu beschäftigen, die wie Mies van der Rohe mit der Moderne identifiziert wurden.

Zwischen 1933 und 1938 erhielt Mies nur vier Aufträge, von denen nur zwei Projekte realisiert wurden. In dieser Zeit lebte er von den Lizenzgebühren für seine Metallmöbel. Seine Wettbewerbsentwürfe für die Reichsbank in Berlin 1933 und den Deutschen Pavillon auf der Internationalen Ausstellung in Brüssel wurden beide verworfen, weil sie mit der Ästhetik des Dritten Reiches nicht zu vereinen waren.

Ihm war bald klar, dass es für ihn in Deutschland keine Zukunft mehr gab. Er wurde in seiner künstlerischen Freiheit beschnitten und es bestand die Möglichkeit einer Verhaftung. 1937 reiste er auf Einladung in die USA. 1938 kam er dorthin zurück und wurde er Leiter der Architekturabteilung im Armour Institute of Technology in Chicago (später umbenannt zu Illinois Institute of Technology). Der Auftrag eines wichtigen öffentlichen Gebäudes schien eine geeignete Entschädigung für Mies als früheren Repräsentanten deutscher Kultur.

Der Wunsch nach einem Bau von Mies hatte noch weitere M M otive. Erstens wollte man an die Zeit der Weimarer Republik anknüpfen und sich betont in deren Tradition stellen. Ein anderes, ebenso wichtiges Motiv war sicherlich Berlins Interesse, einen Anschluss an die zeitgenössische internationale Moderne zu erlangen, die ja von Mies wesentlich mitgeprägt worden war.

Im Frühjahr 1961 gibt Mies dem Drängen Schwedlers und Düttmanns nach. Zu dieser Zeit wurden ihm drei Projekte zur Umsetzung zur freien Wahl gestellt: Die Entwicklung eines forum academicum für die Freie Universität in Berlin-Dahlem, die Museumsplanung im Raum des Schlosses Charlottenburg, und die Entwicklung eines Kulturzentrums in Berlin im Raum Matthäikirchplatz – Kemperplatz. Diese drei bedeutenden Planungsvorhaben standen in ihrer Ausführung jedoch nur teilweise fest und waren Gegenstand öffentlicher Diskussion. Die Pläne des Ausbaus der Freien Universität sowie der Verlegung der Gemälde- und Skulpturengalerie und des Kupferstichkabinetts ins Schloss Charlottenburg kollidierten jeweils mit Meinungen anderer Interessengruppen. Zur Etablierung des Kulturzentrums am Kemperplatz war der erste Schritt jedoch schon 1959 getan worden. Damals hatte der Berliner Senat beschlossen, dort Hans Scharouns Philharmonie zu errichten. Mies entschied sich für den Standort Kemperplatz und die Bauaufgabe Museum.[5]

Die Bauherren erlegten ihm für die „Galerie des 20. Jahrhunderts“, wie sie zu dieser Zeit genannt wurde, nur wenige Planungsvorgaben auf[6], was ihm die Chance bot, frei von äußerer Einmischung, seine Vorstellungen von Architektur in einem bedeutenden Bauwerk umzusetzen. Nur mit dieser Voraussetzung der architektonischen Freiheit konnte Mies seine Ideen verwirklichen. Nämlich das die Gestalt eines Bauwerks nicht aus der speziellen Funktion oder Lage eines Gebäudes heraus zu entwickeln sei, sondern die bestmögliche ästhetische Lösung erstrebt werden müsse. Dabei ist diese Lösung vielmehr der gestaltete Ausdruck objektiver Werte, als das Ergebnis subjektiver Formschöpfung und individualistischen Künstlertums.[7]

Er schaffte so eine Ausgewogenheit seiner Gebäude, die oft mit fernöstlicher Architektur und Lebensweise verglichen wurde.[8]

Mies wollte großen Anteil am Entwurf für die Galerie nehmen. Dies war nicht selbstverständlich, denn er war es längst gewohnt, Aufträge seinen Mitarbeitern zur selbstständigen Bearbeitung zu übertragen. Aber er betrachtete das Berliner Museum als eine seiner interessantesten und bedeutendsten Aufträge. Es war eine Altersaufgabe, und er spürte wohl, dass hier die Möglichkeit bestand, ein großes Finale seines architektonischen Lebenslaufes zu schaffen. Wegen eines mehrwöchigen Krankenhausaufenthaltes musste er die Formulierung der ersten Vorschläge allerdings noch seinem Büro überlassen.[9]

Er bekam einen so starken Arthritisanfall, dass er seinem Büro fast ein ganzes Jahr fernbleiben musste. Trotzdem war seine Entschlossenheit ungebremst und er behielt selbst im Krankenhaus die Entwurfsarbeiten unter genauer Kontrolle.[10]

In dieser Planungsphase entstanden zwei Entwürfe: Der erste Entwurf war am Vorbild der Crown Hall orientiert. Der Gebäudeentwurf zeigte Überfangträger, eine lang gestreckte Glashalle und eine abgehängte Dachscheibe. Es wurde sogar ein detailliertes Modell hergestellt. Die zweite Variante zeigte einen monumentalen Mittelpfeiler, der ein weit auskragendes Dach trägt. Unter ihm eine gläserne Halle. Mies van der Rohe verwarf jedoch beide Entwürfe sofort nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus. Im Frühjahr 1963 wird schließlich der Ausführungsentwurf vorgelegt. In ihm wird eine gläserne Halle mit quadratischem Grundriss vorgeschlagen. Darüber ein flaches Kassettendach, das auf acht Stützen ruht.[11]

Wie es zu diesem Entwurf kam, beschreibt das nächste Kapitel.

3 Vorgängerbauten

Die Entwurfsidee für das Berliner Museum lässt sich im Werk Mies van der Rohes bis Anfang der Fünfziger Jahre zurückverfolgen. Dabei wurde sie im Laufe der Jahre den Planungen für eigene Gebäude mit verschiedenen Zweckbestimmungen zugrunde gelegt, die ich im weiteren Text als „Vorgängerbauten“ bezeichne.[12]

Es war für ihn typisch, nicht bei jedem Bau etwas Neues zu erfinden, sondern auf ältere Ideen oder Gebäude zurückzugreifen, so dass immer eine Entwicklung stattfand.

Für seinen Museumsbau griff Mies van der Rohe direkt auf seine früher zurückliegenden, nicht verwirklichten Entwürfe für das Verwaltungshaus der Bacardi-Rum-Fabrik und das Schäfer-Museum in Schweinfurt zurück.[13]

Seine erste Ausformung fand die Idee im Entwurf für das Fifty by Fifty Feet House, obwohl auch schon beim Haus Farnsworth (1945-1951) die rahmende Konstruktion auf ihre notwendigen Elemente reduziert wird.

[...]


[1] Vgl. Werner Blaser: Mies van der Rohe. Lake Shore Drive Apartments. Birkhäuser Verlag, Basel 2001, S.11

[2] Vgl. Sonja Hildebrand: Entwurf und Bau der Neuen Nationalgalerie. In: Gabriela Wachter (Hrsg.): Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin. Vice Versa Verlag, Berlin 1995, S.7

[3] Vgl. Jürgen Tietz: Berliner Verwandlungen: Hauptstadt, Architektur, Denkmal. Verlag Bauwesen, Berlin 2000, S.58

[4] David Spaeth: Mies van der Rohe. Der Architekt der technischen Perfektion. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1986. S.91

[5] Vgl. Hildebrand 1995, S.10 f.

[6] Vgl. ebenda, S.12 f.

[7] Vgl. ebenda, S.12 f.

[8] Vgl. Werner Blaser: West is East is West. Mies van der Rohe. Vice Versa Verlag, Berlin 2000.

[9] Vgl. ebenda, S.13

[10] Vgl. Franz Schulze: Mies van der Rohe. Leben und Werk. Ernst & Sohn Verlag, Berlin 1986, S.312 ff.

[11] Vgl. Hildebrand 1995, S.13 f.

[12] Vgl. Hildebrand 1995, S.15

[13] Vgl. Tietz 2000, S.58

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ludwig Mies van der Rohe. Neue Nationalgalerie in Berlin
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V77834
ISBN (eBook)
9783638830362
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig, Mies, Rohe, Neue, Nationalgalerie, Berlin, Hauptseminar, Bauhaus
Arbeit zitieren
Ulf Sthamer (Autor), 2004, Ludwig Mies van der Rohe. Neue Nationalgalerie in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77834

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