Der Begriff "parasoziale Interaktion" wurde von den amerikanischen Psychiatern Donald Horton und Richard R. Wohl geprägt. Horton und Wohl untersuchten in den 50er Jahren den Umgang des Rezipienten mit den sich rasch verbreitenden Massenmedien Radio, Fernsehen und Kino. Wichtig war ihnen dabei vor allem die Frage, welche psychischen Prozesse bei der Rezeption ablaufen. In ihrem 1956 veröffentlichten Aufsatz ,,Mass communication and parasocial interaction: Observation on intimacy at a distance" (Horton/Wohl, 1956), beschreiben sie das Phänomen, das Zuschauer gegenüber den Personen auf dem Bildschirm in ähnlicher Weise reagieren, wie in zwischenmenschlichen Interaktionsprozessen: Sie verhalten sich so, als ob sie von ihnen persönlich angesprochen seien. Diese simulierte Interaktion nennen sie "parasoziale Interaktion". Mit diesem Konzept lehnten Horton und Wohl die damals verbreitete Vorstellung von Zuhörern bzw. Zuschauern als passive Beobachter des Geschehens ab und verwarfen Rezeptionsmodelle, die die Massenmedien in Analogie zu Träumen und Phantasien interpretieren. 1957 folgte eine Arbeit von Horton und Strauss, in welcher die anfängliche Idee weiter entwickelt und präzisiert wurde. Dennoch blieben einige Aspekte des ursprünglichen Konzepts unklar, was leider dazu führte, daß dieses Konzept in der Vergangenheit häufig mißverstanden wurde und lange Zeit ein "Schattendasein" in der Kommunikationswissenschaft führte (Mikos, 1996, S. 97). Die geringe Beachtung, die dieses Konzept in der Kommunikationswissenschaft erfuhr, kann zudem darauf zurückgeführt werden, daß sich die Forschung zur interpersonalen Kommunikation und die Massenkommunikationsforschung zunächst als zwei mehr oder weniger voneinander getrennte Disziplinen mit unterschiedlich theoretischen Hintergründen und Forschungsschwerpunkten entwickelt haben (Frey, 1996, S. 145). Nachdem aber die Massenkommunikationsforschung sich Jahrzehnte vordergründig mit der Frage beschäftigt hatte, ob Medien Einstellungs- und somit auch Verhaltensänderungen bewirken könnten, rückte in den letzten Jahren immer mehr die Frage in den Vordergrund, wie die Zuschauer mit dem Fernsehen umgehen und welche psychischen, sozialen und emotionalen Prozesse bei der Rezeption ablaufen.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Parasoziale Interaktion
1.1 Die „Illusion“
1.2. „So-tun-als-ob“
1.3. „sich hineinversetzen“
2. Parasoziale Beziehungen
2.1. Der „Medienfreund“
2.2. Empirische Ergebnisse
Schluß
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der parasozialen Interaktion und Beziehung zwischen Zuschauern und Fernsehfiguren. Ziel ist es, das theoretische Konzept zu präzisieren, die Unterschiede zur realen zwischenmenschlichen Kommunikation zu verdeutlichen und empirische Erkenntnisse über die Qualität solcher Bindungen sowie deren potenzielle Ersatzfunktion für reale soziale Beziehungen zu analysieren.
- Grundlegende Definition und theoretische Einordnung der parasozialen Interaktion.
- Analyse der Wahrnehmungspsychologie: Die „Illusion“ des Face-to-Face-Kontakts.
- Untersuchung von parasozialen Beziehungen als dynamische, langfristige Prozesse.
- Vergleich der Beziehungsqualität zwischen parasozialen und realen sozialen Kontakten.
- Diskussion der Hypothese einer Ersatzfunktion bei sozialer Isolation oder Einsamkeit.
Auszug aus dem Buch
1.1. Die „Illusion“
Die amerikanischen Psychiater Horton und Wohl hatten beobachtet, daß sich Zuschauer gegenüber den Personen auf dem Bildschirm nicht nur distanziert beobachtend verhalten, sondern auf sie reagieren: Die Rezeption sei häufig nicht nur von mimischen oder anderen nonverbalen Kommunikationsformen begleitet, sondern auch von verbalen Äußerungen:
„This simulation of conversational give and take may be called parasocial interaction” (Horton/Wohl, 1956, S. 215).
In der Arbeit von Horton und Wohl fehlt allerdings eine genauere Definition des Begriffs „parasoziale Interaktion“. Im allgemeinen weist der Begriff „Interaktion“ auf Prozesse der „Wechselbeziehung bzw. Wechselwirkung zwischen zwei oder mehreren Größen" (Graumann, 1972) hin. „Soziale Interaktionen“ können also als ein wechselseitiges Geschehen zwischen mindestens zwei Personen, die sich gegenseitig wahrnehmen, sich aneinander orientieren und aufeinander reagieren, definiert werden. Diese Definition von Interaktion bezieht sich eindeutig auf die interpersonale Kommunikation. Diese unterscheidet sich jedoch deutlich von der massenmedial vermittelten Kommunikation: Während sich die Individualkommunikation an ein bestimmtes, unmittelbar anwesendes Individuum richtet, richtet sich die Massenkommunikation an ein, tendenziell beliebiges, räumlich entferntes und disperses Publikum. Der wichtigste Unterschied liegt allerdings darin, daß die massenmedial vermittelte Kommunikation, aufgrund der technischen Gegebenheiten, im Gegensatz zu interpersonaler Kommunikation nicht wechselseitig, sondern einseitig ist. Die Zuschauer sind auf eine „Beobachterrolle“ begrenzt und haben nur keine Antwortmöglichkeit und kein Einfluß auf den Ablauf des Geschehens.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Konzept der parasozialen Interaktion und die Zielsetzung der Arbeit zur Klärung bestehender Unklarheiten.
1. Parasoziale Interaktion: Detaillierte Betrachtung der Mechanismen, die den Zuschauer veranlassen, auf Fernsehfiguren wie auf reale Gesprächspartner zu reagieren.
1.1 Die „Illusion“: Erläuterung, warum Fernsehen trotz Einseitigkeit beim Zuschauer das Gefühl eines persönlichen Kontakts erzeugen kann.
1.2. „So-tun-als-ob“: Untersuchung der Rolle direkter Adressierung und der Bereitschaft des Zuschauers, sich aktiv in die mediale Interaktion einzubinden.
1.3. „sich hineinversetzen“: Abgrenzung von Identifikations- und Interpretationsprozessen bei der Rezeption medialer Inhalte.
2. Parasoziale Beziehungen: Analyse der langfristigen Bindungen, die sich aus wiederholter parasozialer Interaktion entwickeln können.
2.1. Der „Medienfreund“: Diskussion des Status von Fernsehfiguren als „gute Freunde“ und die Frage einer möglichen Ersatzfunktion für soziale Defizite.
2.2. Empirische Ergebnisse: Vorstellung wissenschaftlicher Studien, die das Beziehungsgefüge und die wahrgenommene Qualität parasozialer Verbindungen messen.
Schluß: Fazit zum Forschungsstand und Ausblick auf zukünftige Ansätze der Medienforschung.
Schlüsselwörter
Parasoziale Interaktion, Parasoziale Beziehung, Massenmedien, Rezeptionsforschung, Medienfreund, Illusion, Identifikation, Interpretation, Fernsehfiguren, soziale Kommunikation, Gratifikationsansatz, Mediennutzung, Face-to-Face-Kontakt, psychische Prozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die psychologischen und sozialen Prozesse, die bei der Rezeption von Fernsehmedien entstehen, insbesondere die simulierte Interaktion zwischen Zuschauern und Fernsehfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Begriffe der parasozialen Interaktion und parasozialen Beziehung, die Analyse ihrer theoretischen Fundierung sowie ihre Abgrenzung zu realen zwischenmenschlichen Beziehungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Unklarheiten des ursprünglichen Konzepts von Horton und Wohl aufzuklären und zu untersuchen, ob Zuschauer durch parasoziale Beziehungen zu Fernsehfiguren soziale Mangelgefühle kompensieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse basiert und Ergebnisse aus verschiedenen empirischen Studien (z.B. mittels der PSI-Skala) kritisch diskutiert und zusammenführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der „Illusion“ und der „So-tun-als-ob“-Logik bei Interaktionen sowie die Analyse von parasozialen Beziehungen, der Rolle des „Medienfreundes“ und der empirischen Befunde zu diesen Themen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie parasoziale Interaktion, Medienkompetenz, soziale Mangelgefühle und das Konzept der „Illusion“ im Fernsehen definiert.
Ist die parasoziale Interaktion mit einem krankhaften Verhalten gleichzusetzen?
Nein, die Arbeit stellt dar, dass parasoziale Interaktion als eine grundlegende Medienkompetenz verstanden werden muss, die bei den Zuschauern kognitive Fähigkeiten voraussetzt und zur Bereicherung des Rezeptionserlebnisses beitragen kann.
Ersetzen Fernsehfiguren reale soziale Kontakte?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass parasoziale Beziehungen meist eine Ergänzung zu sozialen Beziehungen sind. Ein vollkommener Ersatz für reale soziale Teilnahme kann nicht bestätigt werden und wird oft durch persönliche Lebensumstände begründet.
- Citation du texte
- Aurélie Cahen (Auteur), 2002, Parasoziale Interaktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7783