Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Fachlicher Ansatz oder politische Einsparmaßnahme?


Seminararbeit, 2007

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Gesellschaftliche Entwicklungen

3. Achter Kinder- und Jugendbericht
3.1 Lebensweltorientierung – Strukturmaxime der Jugendhilfe

4. Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG)

5. Sozialraumorientierung
5.1 Der Sozialraum
5.2 Begriff der Sozialraumorientierung
5.3 Wurzeln und Geschichte der Sozialraumorientierung
5.4 Methoden der Sozialraumorientierung

6. SRO in der Kinder- und Jugendhilfe
6.1 Paradigmenwechsel: Vom Fall zum Feld

7. Umsetzung von SRO Konzepten in BaWü
7.1 Sozialraumkonzeption im Landkreis Rems-Murr
7.1.1 Ausgangslage
7.1.2 Zielsetzung
7.1.3 Umsetzung
7.1.4 Finanzierung und Laufzeit
7.1.5 Ergebnisse

8. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang

1.Einleitung

Das Thema „Sozialraumorientierung“ ist seit einigen Jahren in aller Munde. Vergleicht man die Zahl der Veröffentlichungen und die der Seminare im Bereich der Sozialen Arbeit verstärkt sich dieser Eindruck. Besonders die Jugendämter und Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) schreiben sich oftmals sozialräumliche Konzepte auf die Fahnen. Von Hilfen aus einer Hand und „Maßanzüge statt Massenware“ ist dort die Rede. Angesichts angespannter kommunaler Haushalte können sich Politiker gut mit dieser auf lange Sichte gesehen kostengünstigen Variante anfreunden und unterstreichen ihrerseits die neuen fachlichen Anforderungen an eine moderne und bessere Jugendhilfe.

Das hinter der Arbeit im Sozialraum ein sinnvolle Methode steckt ist in der Sozialen Fachwelt unbestritten. Doch werden diese Konzepte wegen der fachlichen Überzeugung umgesetzt oder handelt es sich dabei vielmehr um eine kommunalpolitische Einsparmaßnahme, um die hohen Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe in einem erträglichen Rahmen zu halten?

In der vorliegenden Seminararbeit „ Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugend-hilfe. Fachlicher Ansatz oder politische Einsparmaßnahme ? werde ich versuchen dieser Fragestellung nachzugehen. Wie ein Sozialraumkonzept aussehen kann habe ich in meiner Zeit als Fremdpraktikant im Kreisjugendamt in Backnang erfahren (vgl. Kapitel 7.1). Dieses Fremdpraktikum und die Feststellung, dass stationäre Erziehungshilfen vorrausichtlich in den nächsten Jahren einen Belegungszahlenrückgang verzeichnen werden, haben mich dazu bewogen mich mit diesem vieldiskutierten Aspekt der Erziehungshilfen bzw. der Sozialen Arbeit intensiv und kritisch auseinander zu setzen, da dieses Thema zwangsläufig meine berufliche Zukunft beeinflussen wird.

Zu Beginn meiner Seminararbeit werde ich im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen auf den 1990 erschienen Achten Kinder- und Jugendbericht eingehen, der maßgeblichen Einfluss auf die Soziale Arbeit der letzten Jahre ausgeübt hat. Eine ebenfalls einschneidende Änderung in der Jugendhilfe war das im gleichen Jahr in Kraft getretene Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). Im nächsten Kapitel werde ich zunächst den Begriff der Sozialraumorientierung erläutern, die speziellen Methoden und Rahmen-bedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe erläutern und der Frage nach den Gründen nachgehen. Anhand von einem sozialräumlichen Beispiel, wird die Arbeit des ASD im Rems-Murr-Kreis im darauf folgenden Kapitel genau beleuchtet bevor ich am Ende meiner Arbeit die Ausgangsfrage nochmals aufgreifen werde.

2. Gesellschaftliche Entwicklungen

Familien und Kinder bilden den Grundstock für eine gesicherte Zukunft jedes Landes.

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich die Familie an die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen angepasst und damit arrangiert. Im Familienverbund be-kommen die Kinder und Jugendliche Werte wie Solidarität, Fürsorge und Vertrauen vermittelt. Sie erhalten Liebe und das Gefühl von Geborgenheit. Im geschützten Rahmen der Familie wird ihnen die Möglichkeit gegeben ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und sich zu entfalten. Daher haben Kinder und deren Familien einen besonderen Anspruch auf Förderung durch den Staat. Dieser Aspekt wird in der Gegenwart durch die staatliche Einführung des Elterngelds beispielhaft verdeutlicht, welches eine Reaktion auf den kontinuierlichen Geburtenrückgang darstellt.

In der heutigen Zeit zeichnet sich ein stark verändertes Bild innerhalb unserer Gesellschaft ab. Die Lebenslagen der Heranwachsenden sind geprägt von Individua-lismus, Egoismus, Rücksichtslosigkeit und dem Rückgang von sozialem Denken. In einer „Ellbogengesellschaft“ müssen sich die Jugendlichen den hohen Leistungs-anforderungen stellen und sind gleichzeitig durch den Verlust von stabilen familiären Stützen zunehmender Risiken ausgesetzt. Das Anspruchs- und Konsumdenken vieler Jugendlicher, welches mittels Medien unterstützt wird, stimmt nicht mehr mit der realen Lebenswelt überein. Die nahezu unendlich erscheinenden Möglichkeiten führen zur Überforderung und Ziellosigkeit vieler jungen Menschen. Mit der Vergrößerung der Entscheidungsspielräume kommt ein Großteil der Kinder und Jugendliche nicht klar.

Zudem ruft der hohe Leistungsdruck Versagensängste hervor, mit denen die Heranwachsenden nicht umgehen können, da sie es im behüteten Rahmen der Familie nie erlernt haben. Kritische Lebensereignisse werden nicht wie in der Vergangenheit mit Unterstützung der Familie bewältigt, sondern haben Einsamkeit und das Gefühl des Alleinseins zur Folge. In einer immer schnelllebigeren Zeit stellt sich für viele junge Menschen die Frage nach Orientierung, welche früher von Vater, Mutter oder anderen Angehörigen vermittelt wurde. Die Hilfeleistungen, welche ehemals durch den Familienverbund erbracht wurden brechen zunehmend weg. Steigende Scheidungs-raten, Patchworkfamilien und die Tendenz zur Ein-Kind-Familie verstärkt diese negative Entwicklung. Etwa ein Viertel der Kinder in Deutschland leben mittlerweile schon in einem Umfeld, das nicht ihren kindlichen Bedürfnissen gerecht wird. „18 Prozent aller Kinder im Vorschulalter weisen diagnostizierbare Verhaltensauffälligkeiten auf.“[1]

Aufgrund von Veränderungen in der sozialen Struktur unserer Gesellschaft und der damit zusammenhängenden Veränderung innerhalb der Familien zeichnet sich daher eine Verschlechterung der Lebenslagen der jungen Menschen ab. Diese Tendenz wird verschärft durch die Verbreitung einer Zweidrittelgesellschaft, die eine „ Neue Armut“[2] speziell unter Kinder hervorruft, obgleich der Gesamtwohlstand der Volkswirtschaft steigt.[3] Nicht ohne Grund entbrannte vor nicht allzu langer Zeit in der Politikszene die Diskussion um die Bezeichnung der neuen „Klassengesellschaft“ in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist nachgewiesen, dass zwischen sozialer Armut und Inanspruch-nahme von Leistungen der Jugendhilfe ein Zusammenhang besteht. Vor diesem Hintergrund wird die Zunahme von Scheidungsfamilien, Arbeitslosen, Alleinerziehenden und Armen eine fortschreitende Verschlechterung der Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen mit sich bringen.[4]

Diese kritischen Entwicklungen prägen das heutige Erleben und Empfinden der jungen Menschen. Rechnet man all diese Fakten zusammen, muss davon ausgegangen werden, dass trotz Bevölkerungsrückgang der jungen Generation ein Bedarf an Hilfen zur Erziehung auch in Zukunft bestehen wird, der durch eine moderne Kinder- und Jugendhilfe abgedeckt werden muss.

Angesichts des Wandels der Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen verändern sich auch die Erwartungen und die Ansprüche an eine leistungsfähige und moderne Kinder- und Jugendhilfe. Wie bisher geschehen ist eine moderne Kinder- und Jugendhilfe auch weiterhin zuständig für die Behebung von sozialen Ungleichheiten. Zudem ist es ein weiteres Ziel den Kindern und Jugendlichen eine gesicherte Ent-wicklung zu gewährleisten, die innerhalb der eigenen Familie oft nicht mehr ohne Unterstützung von Außen erbracht werden kann. Diese gesicherte Entwicklung soll durch ein aktives Mitgestalten eines kinder- und familienfreundlichen Umfelds erreicht werden.[5] Hiermit ergibt sich für die moderne Jugendhilfe nicht nur der Auftrag in kritischen Lebenslagen einzugreifen, sondern soziale Benachteiligungen präventiv und durch strukturelle (sozialräumliche) Maßnahmen zu verhindern.

3. Achter Kinder- und Jugendbericht

Der Kinder- und Jugendbericht, welcher von der Bundesregierung in jeder Legislaturperiode angefertigt werden muss, hat die Aufgabe einen grundlegenden Beitrag zur Diskussion in der Jugendhilfe zu erbringen, indem er die Entwicklungen und Perspektiven der Jugendhilfe aufzeigt.

Die Lebensverhältnisse der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien ist derzeit ge-kennzeichnet durch die Konzepte der Pluralisierung von Lebenslagen und Individuali-sierung von Lebensverhältnissen. Die Individualisierung von Lebensverhältnissen meint wie im vorherigen Kapitel Gesellschaftliche Veränderungen bereits beschrieben, die vielfältigen Möglichkeiten z.B. im Bereich der Berufswahl und die damit verbundene Problematik der Orientierung. Spricht man von der Pluralisierung sind die ver-schiedenen Lebensbedingungen von Jugendlichen anzuführen, die sich beispielsweise in den Zugangsmöglichkeiten in Bezug auf den Lebensort (Stadt und Land), Geschlecht, Alter oder auch die Bildungssituationen unterscheiden. Diese beiden Konzepte sind immer in Verbindung zu verstehen, da sowohl gesellschaftliche Aspekte als auch individuelle Formen darin enthalten sind.[6]

3.1 Lebensweltorientierung – Strukturmaxime der Jugendhilfe

Eine lebensweltorientierte Jugendhilfe orientiert sich an der aktuellen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, welche bestimmt ist durch die Brüchigkeit von traditionellen Werten und beeinflusst wird durch die Schwierigkeiten der verschiedenen Lebens-situationen. Lebensweltorientierung als Konzept der Sozialen Arbeit stellt den Versuch dar, die Aufgaben einer modernen Jugendhilfe im Zusammenhang heutiger gesell-schaftlicher Entwicklungen zu sehen. Jedoch dürfen diese Aufgaben nicht als all-gemeingültig angesehen werden, sondern müssen der aktuellen Lebenswelt der Klienten angepasst werden.[7]

„Im Kern meint Lebensweltorientierung als Konzept der Sozialen Arbeit, dass Probleme der Sozialen Arbeit verstanden werden müssen von den heutigen, konkreten Bewältigungsaufgaben, wie sich Menschen in ihrer Lebenswelt den Ressourcen und den Problemen dieser Lebenswelt stellen. Lebensweltorientierung also meint die radikale Bestimmung der Aufgaben und Dienstleistungsangebote der Sozialen Arbeit von den AdressatInnen, von ihren Erfahrungen, von ihrem Verständnis, von den Stärken und Belastungen in der Lebenswelt her.“[8]

4. Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG)

Die Grundlage für die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfelandschaft bildet das Kinder und Jugendhilfegesetz, welches am 3. Oktober 1990 in den neuen und am 1. Januar 1991 in den alten Bundesländern in Kraft getreten ist.[9]

Als Leitnorm für die gesamte Kinder- und Jugendhilfe gilt § 1 Abs. 1 KJHG: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“[10]

[...]


[1] RHEIN-NECKAR-ZEITUNG, 5.3.2007.

[2] FISCHER, 2005, S.73.

[3] Vgl. BÜRGER 1999, S.14.

[4] Vgl. BÜRGER 1999, S.14f.

[5] Vgl. SGB VIII 2005, S.1030f.

[6] Vgl. THIERSCH 2003, S.20f.

[7] Vgl. THIERSCH 2003, S.26.

[8] JORDAN 2001, S.11.

[9] Vgl. MERCHEL 2003, S.11.

[10] SGB VIII 2005, S.1030.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe.
Untertitel
Fachlicher Ansatz oder politische Einsparmaßnahme?
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Veranstaltung
Sozialpolitik
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
30
Katalognummer
V77879
ISBN (eBook)
9783638833523
ISBN (Buch)
9783638833547
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialraumorientierung, Kinder-, Jugendhilfe, Sozialpolitik
Arbeit zitieren
Patrick Wehner (Autor), 2007, Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77879

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