Thomas Wolfe's Wahrnehmung Deutschlands


Hausarbeit, 2007
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Schau heimwärts! – Grundkenntnisse

3. Thomas Wolfe in Deutschland
3.1 1926 – 1934: Stereotype
3.2 1935 – 1936: Erschütterung

4. Die Entfaltung von Wolfes Deutschlandbild

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Name „Thomas Wolfe“ ist in den Forschungen der Literaturwissenschaften des 20. Jahrhunderts von großer Wichtigkeit. Eine spezielle Rolle nehmen Wolfes Texte im Bezug auf Deutschland ein, da der Romanschriftsteller und Autor vieler Kurzgeschichten sich zwischen 1924 und 1936 auf sieben Reisen nach Europa begab, wovon er sechs Mal in Deutschland zu Besuch war. In dieser Zeit sammelte Wolfe Erfahrungen, wurde, hinsichtlich seiner Schriftstücke, maßgeblich von den Einflüssen der fremden Umgebung beeinflusst und konnte sich ein eigenes Bild von der Situation während der Vorkriegszeit im Deutschen Reich schaffen.

Ich werde in meiner Arbeit demzufolge besonderes Augenmerk auf Thomas Wolfes Deutschlandaufenthalte nehmen und versuchen, die Beziehung Wolfes zu dieser Nation, seine Beobachtungen und seine Wahrnehmung der Geschehnisse im damaligen deutschen Reich zu schildern.

Als Hauptquelle für derartige Untersuchungen dienen einerseits private Schriftstücke, wie persönliche Notizbücher und Briefe an Verwandte und Bekannte, andererseits lässt sich seinen meist autobiographisch geschriebenen Romanen oft sehr gut entnehmen, wie er individuelle Erfahrungen verarbeitete und wie sich somit sein Deutschland-Bild mit Verlauf der Zeit geprägt hat.

2. Schau heimwärts! – Grundkenntnisse

Thomas Clayton Wolfes Wurzeln liegen in Asheville, North Carolina, wo er als achtes und letztes Kind von Oliver William Wolfe und Julia Westall Wolfe im Jahre 1900 geboren wurde. Er zählte als Autor zu der Generation von Ernest Hemingway und Henry Miller, welche unter dem Namen "lost generation"[1] bekannt ist. Im Jahre 1916 spielte er an der North State Fitting School seine erste Theater-Rolle als Henry IV. und gewann mit seinem Essay Shakespeare: the Man die Bronze-Medaille eines lokalen Literaturwettbewerbs. Wolfe sollte einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller werden.[2]

When Wolfe hits it right with his gorgeous style, the effect is tremendously satisfying, emotionally like a symphony at its best When a little of the torment has expended itself, you will have the greatest artist America has ever produced.[3]

Das Thema „Reisen“ spielte schon während Wolfes Jugend eine bedeutende Rolle. Seine Mutter reiste schon in frühen Jahren mit ihm durch den Süden der USA, sowohl aus Gesundheitsgründen, als auch, um ihrem Sohn das Land zu zeigen.[4]

Als Dozent am Washington Square College realisierte Wolfe jedoch bald, dass er nicht genug Ruhe und Muse findet, um seinen literarischen Tätigkeiten nachzugehen. Daher beschloss er, einige Monate nach Europa zu gehen, um sich vom Alltag in den USA zu befreien.

When I am through grading papers, and writing my comments on the back, I don’t feel in the mood for composition of my own. You can’t serve two masters; I have elected to serve one. […]

I shall go down to the South of England, where, I am told, it is beautiful, and bury myself in a little village there; […] I can write there for two months-away from the world I know. Anywhere, anywhere-out of this world.[5]

Auf eben dieser Reise lernte er Aline Bernstein, eine Bühnenbildnerin aus New York, kennen und begann mit ihr eine Affäre. Sie bot ihm finanzielle Unterstützung und Wolfe entschied sich, das Schreiben von Theaterstücken aufzugeben und einen autobiographischen Roman zu verfassen. Aline Bernstein wurde dabei zu einem bedeutenden Einfluss auf sämtliche seiner literarischen Werke, denn die Liebe und sein Verhältnis zu Bernstein bestimmten einen Großteil seines Lebens.

Love is the only triumph over life and death and living.[6]

Wolfe nahm sich vor, täglich 1500 Wörter zu schreiben und verlängerte seinen ursprünglich für zwei Monate geplanten Aufenthalt auf insgesamt zehn Monate. Dabei schrieb er erste Inhalte des Skriptes zu seinem Debut-Roman Look Homeward, Angel. Die Reise erstreckte sich von Oktober 1924 bis August 1925, wobei sich Wolfe vor allem in Frankreich und England aufhielt. Schon im Januar 1925 hegte er den Wunsch, München zu besuchen – „mal eine Zeitlang Bier und üppige Blondinen.“[7] – erreichte dies jedoch nicht und beendete seine erste Europa-Reise, ohne die deutsche Grenze überquert zu haben.

3. Thomas Wolfe in Deutschland

Den Erfahrungen und Erfolgen seiner ersten Reise zugrunde liegend, folgte Wolfe 1926 seinen eigenen Spuren und wählte erneut den Weg nach Europa, um sich von den fremdländischen Inspirationen hinsichtlich seiner Arbeit an dem Roman, den er 1924 begann, leiten zu lassen. Die künftigen sechs Europa-Reisen führten ihn alle nach Deutschland, einer Nation, zu der er mit Verlauf der Zeit eine immer inniger werdende Beziehung aufbaute, ein Land, in dem er jedoch auch einschneidende negative Erlebnisse zu verzeichnen hatte.

Die Inspiration von Übersee lieferte Wolfe die Inhalte zu vier kompletten Romanen und sämtlichen Kurzgeschichten, welche posthum als Sammelbände zusammenhängender Kurzgeschichten veröffentlicht wurden; der Einfluss der deutschen Nation auf ihn offenbart sich vor allem in seinen Werken The Web and the Rock und You Can’t Go Home Again. Vergleicht man diese Niederschriften mit den Inhalten privater Briefe und seiner Aufzeichnungen aus Notizbüchern, so wird deutlich, dass Wolfe meist autobiographisch Erlebnisse seiner Reisen und Empfindungen verarbeitete, indem er sie in seinen Romanen verpackte, denn Wolfe „transmutes his own experiences into his novels.“[8]

3.1 1926 – 1934: Stereotype

Nachdem Wolfe auf seiner ersten Reise im Jahre 1924 Deutschland nicht besuchte, passierte er 1926 im Dezember von Straßburg aus kommend den Rhein und ließ sich erstmalig in Stuttgart nieder. In einem seiner Notizbücher findet man am 9. Dezember den Eintrag: „another country added“[9].

Sein Interesse an Deutschland wurde schon früh, sowohl aufgrund seiner Freude am Lesen deutscher Erzählungen, als auch durch Goethe und Beethoven geweckt, welche in seiner Jugend ein gewisses Leitbild mit Vorbildfunktion darstellten. Während seiner ersten vier Deutschlandaufenthalte beging der kulturinteressierte Thomas Wolfe etliche Museen und Ausstellungen und las sehr viel Literatur. So war er während seines Besuchs in München 1926 in der Alten Pinakothek, Münchens größtem Kunstmuseum, im Deutschen Museum, in der Frauenkirche, im Maximilianeum und im deutschen Schauspielhaus zu Gast. Er war begeistert vom Kunstverständnis und der Kunstrezeption der deutschen Bevölkerung und fühlte sich in dem Volk, aus dem seine Vorbilder hervorgingen, überaus wohl und heimatlich.

Wolfe war anfänglich darauf bedacht, möglichst vieles an Erfahrungen, Informationen, Bildern und Einflüssen aufzusaugen, um Inhalte für seine Werke zu sammeln. Daher achtete er hauptsächlich auf optische Stereotype und hielt seine Beobachtungen in Notizbüchern fest.

Die Bevölkerung präsentierte sich ihm mächtig und brutal. Er war beeindruckt von der Größe des Kopfes und formulierte seine Beobachtungen als „small compact above a full large face—seems to be something to batter to smash to drive with.“[10] Vom Körperbau allgemein schien Wolfe sehr beeindruckt und er fühlte sich bestätigt, als er in einem Bierkeller feststellte, dass die meisten Leute „groß und schwer gebaut“[11] und von „tremendous massivity“[12] waren.

Die prächtige Architektur deutscher Großstädte imponierte Wolfe sehr. In The Web and the Rock beschreibt sein Hauptcharakter George Webber das herrliche Bauwesen Münchens als eine „inevitable massiveness“[13] und von „formidable ponderosity“[14], welcher er nicht widerstehen konnte. In kleineren Städten hingegen, fand er den von ihm benannten „Nuremberg style“ großartig. Unter diesem verstand er Bauwerke mit hohen, spitzen Giebeln, im Stile von Fachwerkhäusern[15]. Im September 1928 stellte er in Frankfurt verallgemeinernd fest: „this is a fine city – all German cities are“[16]

Auch im Bezug auf Essen und Getränke bemerkte Wolfe einige Unterschiede zu den Gewohnheiten, die man in seiner Heimat pflegte.

In ganz Deutschland trinken sie Bier und essen große Scheiben Schweine- und Kalbsbraten, die in dicker Sauce schwimmen. Die Märkte sind voll von den schönsten frischen Gemüsen und Früchten – riesengroße Gurken, Berge von Weintrauben, Pfirsichen, Pflaumen und so weiter –, aber so etwas steht nie auf der Speisekarte.[17]

Einerseits war er erschrocken über die „enorme[n] Fleischmengen“[18], die, so erschien es ihm, „direkt vom Schlachthof bluttriefend auf [seinen] Teller“[19] gelangten. Diese scheußlichen Erfahrungen ließen ihn beinahe zum Vegetarier werden, er fühlte sich unwohl, denn „die Luft ist erfüllt vom Todesgequietsch der abgestochenen Schweine.“[20] Andererseits konnte er den Feinkost-Läden „[that] made his mouth water“[21] kaum aus dem Weg gehen. Er war fasziniert von der Qualität der „culinary delicacies“[22] und verfiel dieser Art der deutschen Esskultur förmlich. Aber auch anderweitig war Wolfe begeistert vom Essen in Deutschland. Während seines München-Aufenthaltes 1928 schwärmte er von „delicious sausages, fairly bursting in their oil-tight skins“[23], welche er morgens in seiner Pension genießen durfte. Des Weiteren empfahl er seinem Freund Henry Volkening im Jahre 1929: „Munich – Vier Jahreszeiten – don’t fail to eat there if you go to Munich—Best food in Europe“[24]

[...]


[1] Getrude Stein kennzeichnete die „lost generation“ als eine Gruppe von Autoren, die während und nach dem ersten Weltkrieg Europa bereisten.

[2] Vgl. Mitchel, S. 3ff.

[3] eNotes.com; Zitat von Marjorie Kinnan Rawlings

[4] Vgl. Mitchell, S. 36

[5] Mitchell, S. 84

[6] Mitchell, S. 146

[7] Nowell, S. 77

[8] Mitchell, S. xvi

[9] Notebooks S. 88

[10] Kennedy / Reeves, vol. I, S. 88

[11] Nowell, S. 135

[12] The Web and The Rock, S. 664

[13] The Web and The Rock, S. 653

[14] The Web and The Rock, S. 653

[15] Vgl. Wilson, S. 2

[16] Kennedy / Reeves, vol. I, S. 173

[17] Nowell, S. 135

[18] Nowell, S. 136

[19] Nowell, S. 136

[20] Nowell, S. 136

[21] The Web and The Rock, S. 659

[22] Wilson, S. 2

[23] The Web and The Rock, S. 658

[24] Kennedy / Reeves, vol. I, S. 318

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Thomas Wolfe's Wahrnehmung Deutschlands
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Nordamerikanische Literatur über Hitlerdeutschland
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V77936
ISBN (eBook)
9783638827614
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Wolfe, Wahrnehmung, Deutschlands, Nordamerikanische, Literatur, Hitlerdeutschland
Arbeit zitieren
Nicolai Specht (Autor), 2007, Thomas Wolfe's Wahrnehmung Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77936

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