Zum Verhalten des Wigalois in unterschiedlichen sozialen Räumen


Seminararbeit, 2007
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlage: Die Zivilisationstheorie des Norbert Elias

3. Zum Verhalten des Wigalois in unterschiedlichen sozialen Räumen
3.1. „sîn herze was âne mein / und ledic aller bôsheit“ - Wigalois in höfischer Gesellschaft
3.2. „ez geschach ein teil ân sînen danc / daz er in alsô hêt erslagen“ - Wigalois in der Wildnis

4. Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit seinem um 1210 entstandenen1 „Wigalois“ hat Wirnt von Grafenberg2 einen höfischen Roman in Versform geschaffen, der in der Tradition der deutschen Artusromane3 steht. Darin werden die Abenteuer des Ritters Wigalois nachgezeichnet, der zahlreiche Aventîuren zu bestehen hat, in denen er nicht nur ausgedehnte Besitztümer erwirbt, sondern mit Larie auch eine standesgemäße Ehefrau erringt. Ausgangs- wie Endpunkt des höfischen Romans bildet mit der Burg Karridol der Hof des Königs Artus, zu dessen sagenumwobener Tafelrunde sich der Romanheld ebenfalls zählen darf. Zwischen diesen Ereignissen befindet sich Wigalois stets auf ausgedehnten Reisen, die ihn zu den Schauplätzen seiner Abenteuer führen. Dabei wechseln oft Aufenthalte am Hof mit Kämpfen in bedrohlicher Wildnis, dunklen Wäldern oder nebligen Sümpfen ab.

Vor diesem Hintergrund soll in vorliegender Arbeit4 der Frage nachgegangen werden, inwiefern die unterschiedlichen sozialen Räume5, in denen der Romanheld verkehrt, sich auf dessen Verhalten auswirken. Als Erklärungsmodell soll hierfür zunächst die Zivilisationstheorie des Norbert Elias herangezogen werden, in der grundlegende Gedanken zu den sozialen Verhaltensweisen des mittelalterlichen Kriegers formuliert sind (2.), um anschließend das Verhalten des Wigalois am Hofe (3.1.) seinem Auftreten in der Wildnis (3.2.) gegenüberzustellen. In einem letzten Schritt gilt es, die gewonnen Ergebnisse kurz zusammenzufassen.

2. Theoretische Grundlage: Die Zivilisationstheorie des Norbert Elias

Bereits während der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelte der Soziologe und Kulturphilosoph Norbert Elias erste theoretische Ansätze, die sich in seinem Ende der dreißiger Jahre erstmals erschienenen Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“6 verdichteten. Darin untersucht er die Veränderung der menschlichen Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen über einen Zeitraum, der sich von der Feudalgesellschaft des achten Jahrhunderts bis zur Industriegesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts erstreckt. Insbesondere richtet er seine Aufmerksamkeit auf die „Verhaltensweisen, die man als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht“7, um zu untersuchen, wie die Veränderung der abendländischen Zivilisation vor sich ging, worin sie bestand und welches ihre „Ursachen oder Motoren“8 waren.

Im Zuge der Untersuchung dieser Fragen, die in einer umfassenden Zivilisationstheorie mündet, beschäftigt sich Elias auch mit den Strukturen der mittelalterlichen Feudalgesellschaft und den Verhaltensweisen der darin lebenden Oberschicht. Hierbei kommt er unter anderem zu dem Ergebnis, dass im Verlauf wachsender sozioökonomischer Ausdifferenzierung und gesellschaftlicher Abhängigkeit (insbesondere zwischen dem Adel und dem aufwärts strebenden Bürgertum) die eher ungedämpfte Aggressivität des mittelalterlichen Menschen zurückgedrängt worden sei. Angehörige der frühneuzeitlichen Oberschicht zeichneten sich demzufolge durch zunehmende Triebsublimation und Unterdrückung persönlicher Affekte aus. So hätten beispielsweise im Mittelalter die Ritter ihre Konflikte - beispielsweise in blutigen Fehden - noch offen ausgetragen, während sich Differenzen zwischen den Adligen am absolutistischen Hof der Frühen Neuzeit dagegen nur noch in verdeckt stattfindenden Intrigen zeigten.

Ausgehend von diesem fundamentalen Gedanken seiner Theorie, spricht Elias von einer „Verhöflichung der Krieger“9, die sich „ganz allmählich vom 11. oder 12. Jahrhundert an [vollzieht, M.S.], bis sie schließlich im 17. und 18. Jahrhundert langsam ihren Abschluss findet“10. Dabei zwinge an den Territorialhöfen des Mittelalters das Beieinander einer Reihe von Menschen, deren Handlungen beständig ineinandergreifen, auch die Krieger, die in diese Verflechtungen geraten, zu einem gewissen Maß von beständiger Rücksicht und Langsicht, zu einer stärkeren Regelung des Verhaltens und […] zu einer größeren Zurückhaltung der Affekte, zu einer Umformung des Triebhaushaltes11.

Gleichsam räumt Elias allerdings ein, dass jenes Netz aus sozialen Verflechtungen, in das der Ritter gerät, im Mittelalter „noch nicht sehr weitreichend und geschlossen“12 sei. Obwohl sich der mittelalterliche Krieger am Hof bereits an eine gewisse Zurückhaltung zu gewöhnen habe, biete die mittelalterliche Welt „noch unzählige Menschen und Situationen, denen gegenüber man sich keinen sonderlichen Zwang aufzuerlegen braucht“13. Dies verdeutlicht er an einem Beispiel:

Die Landstraße ist voll von gesuchten und ungesuchten Begegnungen, die keine sehr große Regelung des Verhaltens erfordern. Am Hofe, im Verkehr mit der Herrin mag man sich Gewalttaten und Affektausbrüche untersagen; aber auch der courtoise Ritter ist in erster Reihe noch ein Krieger und sein Leben eine kaum abreißende Kette von Kriegen, Fehden und Gewalttaten.14

Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, gilt es nun folgende Fragen zu beantworten: Lassen sich die von Elias beschriebenen Verhaltensweisen des mittelalterlichen Kriegers auch an Wigalois aufzeigen? Oder konkreter: Welche Verhaltensweisen hat Wirnt von Grafenberg seinem Romanhelden eingeschrieben? Wie ändern sich diese in den verschiedenen sozialen Räumen, durch die der Romanheld während seiner Abenteuer reist?15

3. Zum Verhalten des Wigalois in unterschiedlichen sozialen Räumen

3.1. „sîn herze was âne mein / und ledic aller bôsheit“ - Wigalois in höfischer Gesellschaft

Im höfischen Kontext offenbart sich der bereits in jungen Jahren mit courtoisen Umgangsformen vertraut gemachte16 Wigalois dem Leser als diszipliniert, tugendhaft und ritterlich. Gemäß den höfischen Verhaltensnormen hat er seine Triebe und Affekte weitestgehend unter Kontrolle. Als Zeichen dieser Makellosigkeit besteht der Held so bereits unmittelbar nach Ankunft am Artushof die Tugendprobe, womit er sofort die Aufmerksamkeit der höfischen Gesellschaft auf sich zieht, denn: „sîn herze was âne mein / und ledic aller bôsheit; / sîn muot ie nach dem besten streit“17. Dass es am Hofe auf ritterliche Umgangsformen und Kontrolle der eigenen Affekte ankommt, zeigt auch das Verhalten des Wigalois gegenüber König Artus. Nicht von ungefähr beschreibt Wirnt von Grafenberg genau, wie sich der Neuankömmling am Artushof verhält, als ihm der König entgegentritt.

Hier offenbart die ausführlich beschriebene Körpersprache des Neuankömmlings gegenüber König Artus, wie sehr es am Hofe auf die Beherrschung der entsprechenden Umgangsformen ankommt, denn sofort erhebt sich Wigalois von seinem Stein, als Artus ihm näher kommt.18 Weiterhin berichtet der Dichter über seinen Helden: „sîn gebærde diu was sæliclich: / die hende habte er vür sich/ vil harte gezogenlîche“19. Offensichtlich beherrscht Wigalois die höfischen Verhaltenscodes, deren Semantik der Hofgesellschaft wohl vertraut sind, wie aus den beschriebenen Reaktionen hervorgeht, denn „si nâmen an im beider war / lîbes unde muotes: / dône vundes niht van guotes, / wand er was alles valsches blôz“20. Auch wenn wenig später berichtet wird, wie Wigalois im Kreise der Tafelrunde plötzlich aufsteht, so geschieht dies nicht, ohne ausdrücklich zu erwähnen, dass dies „mit urloube wart […] getân“21, was ebenfalls auf eine gesteigerte Selbstbeherrschung des Helden sowie dessen Einordnung in das System höfischer Verhaltensnormen hinweist.

Nach Kampf und Verwundung durch den Drachen Pfetan zur Genesung am Hofe des Königs Joraphas eingekehrt, zeigt Wigalois ebenfalls jenes besondere höfische Verhalten. Obwohl sich seine Gastgeber, die ihm, wie im Falle des Königs Joraphas, unter anderem Leib und Leben zu verdanken haben, als äußerst gastfreundlich erweisen22, benimmt sich der Held auffällig zurückhaltend, was auch hier vom höfischen Publikum wohlwollend zur Kenntnis genommen wird: „ouch was er sô bescheiden daz / er niht gerte vürbaz / noch von niemen niht des nam / des im ze nemen niht gezam; / des was geprîset ie sî nam“23. Damit lässt sich gleichsam an Joraphas’ Hofe ebenso wie im Umkreis des Königs Artus eine gesteigerte Zurückhaltung im Verhalten des Romanhelden ausmachen, die stark an die von Elias beschriebenen Phänomene der Affektdisziplinierung und Triebdämpfung in höfischer Gesellschaft erinnern.

Aber nicht nur im gesellschaftlichen Verkehr fallen die beschriebenen Verhaltensanpassungen des Wigalios dem Leser ins Auge, sondern vor allem treten sie in den zahlreichen Kämpfen, die der Ritter im Laufe seiner Aventîuren zu bestehen hat, hervor. Hierbei kommt der Disziplinierung von Affekten und Trieben in starker Abhängigkeit vom jeweiligen sozialen Raum als Gewalt regulierendes Moment eine entscheidende Bedeutung zu. Dies zeigt bereits die Auseinandersetzung mit dem Roten Ritter.

[...]


1 Vgl. diese Einordnung u.a. bei Schiewer, H.-J.: s.v. Wirnt v. Grafenberg, in: Angermann, N. u.a. (Hgg.): Lexikon des Mittelalters, Bd. 9, München 1998, Sp. 250-251, Sp. 251; dagegen ordnet Mertens, V.: Der deutsche Artusroman, Stuttgart 2005, S. 177 die Entstehung des Wigalois zwischen 1215 und 1220 ein.

2 Leider ist über den Dichter und dessen Lebensumstände bislang sehr wenig bekannt, vgl. dazu ebd., wo überdies eingeräumt wird, dass Wirnt von Grafenberg „außerliterarisch nicht bezeugt ist“.

3 Zu diesem Thema berichtet ausführlich Mertens 2005.

4 Grundlegender Primärtext ist v. Grafenberg, W.: Wigalois, Text der Ausg. v. J.M.N. Kapteyn, übersetzt, erläutert u. mit einem Nachwort versehen von S. u. U. Seelbach, Berlin 2005 (im Folgenden wird diese Ausgabe durch „Wigalois“ abgekürzt).

5 Der von mir verwendete Terminus „sozialer Raum“ bezeichnet zunächst einen physischen Raum, der im „Wigalois“ jedoch immer auch mit bestimmten sozialen Konstellationen, d.h. mit einer bestimmten Gesellschaft, die diesen Raum einnimmt, verbunden ist. Deutlich wird dies wenn man etwa die höfische Gesellschaft des Artushofes den in der Wildnis lebenden Kreaturen gegenüberstellt.

6 Elias, N.: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band. Wandlungen des Verhaltens in den westlichen Oberschichten des Abendlandes, Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1997, bzw. Ders.: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf einer Theorie der Zivilisation, Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1997.

7 Elias 1997, Erster Band, S. 75.

8 Ebd., S. 76.

9 Elias 1997, Zweiter Band, S. 365.

10 Ebd.

11 Ebd., S. 365f.

12 Ebd., S. 366.

13 Ebd.

14 Ebd., [Hervorhebungen von mir, M.S.].

15 Wigalois, V. 1492f.

16 Vgl. ebd., V. 1234-1243.

17 Ebd., V. 1492-1494.

18 Vgl. ebd., V. 1549f.

19 Ebd., V. 1551-1553.

20 Ebd., V. 1558-1561.

21 Ebd., V. 1772.

22 Im Hinblick auf die Herrin des Hofes heißt es in ebd., V. 5983f. sogar: „wan si in mit wilen werte/ swes er an si gerte“.

23 Ebd., V. 5985-5989.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zum Verhalten des Wigalois in unterschiedlichen sozialen Räumen
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V77996
ISBN (eBook)
9783638835244
ISBN (Buch)
9783638835336
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhalten, Wigalois, Räumen
Arbeit zitieren
Michael Schadow (Autor), 2007, Zum Verhalten des Wigalois in unterschiedlichen sozialen Räumen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77996

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