Die zwei literarischen Figuren Faust und Mephistopheles sind, unabhängig davon welche der zahlreichen Faustgeschichten man betrachtet, so unlöslich miteinander verquickt , dass es meines Erachtens nach verwundern muss, dass die Faustforschung sich sehr viel interessierter mit dem Schwarzkünstler beschäftigt hat, als mit dem von ihm beschworenen Teufel. Günther Mahal macht in wenigen, äußerst kurzen Absätzen deutlich, warum der eine ohne den anderen nicht funktioniert: „Faust allein – er bliebe ein wenig interessanter Einzelfall […], ein Möchte-gern-Großer, dem zur Umsetzung seiner Pläne, Theorien und Wünsche die Macht fehlt […].“ , wohingegen Mephistopheles ohne Faust „ein Dutzendteufel […] unter der Millionenzahl der infernalischen Truppe, ein Anonymus des widergöttlichen Regiments, einer der namenlosen Teufel […]“ wäre, die keinen Zugriff auf den Menschen haben, wenn der es nicht zulässt, wie es Faust tut.
Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass zumindest die Quantität der Forschung zu Mephistopheles von Faustdichtung zu Faustdichtung zunimmt. Während zum Beispiel über den Geist der „Historia von D. Johann Fausten“ und über den Teufel des Marloweschen Faustdramas nur wenig Material zu finden ist, ist die Fülle an Arbeiten über Goethes Mephisto enorm .
In meiner Arbeit werde ich mich auf eine Untersuchung der Teufelsfigur in der Historia und in der Tragical History of Doctor Faustus beschränken, weil die Auseinandersetzung mit der Historia sowie der ersten dramatischen Adaption des Fauststoffes von Marlowe, die rezeptionsbedingte Grundlage für die Beschäftigung mit Goethes Faust sein muss.
Vor dem Hintergrund einer Analyse der Darstellungsform der Teufelsfigur und des Machtverhältnisses zwischen Faust und Mephostophiles in der Historia von 1587 in Kapitel 3, werde ich im 4. Kapitel Darstellungsform und Macht des Marloweschen Mephistopheles aus dem Faustdrama von 1588/89 herausarbeiten. In einer vergleichenden Abschlussbetrachtung sollen wesentliche Unterschiede in Konzeption, Figurenkonstellation und Funktion der beiden Werke herausgearbeitet werden.
Aufgrund der Figurenpaarkonstellation Faust – Mephistopheles ist es notwendig, neben den Teufelsfiguren auch den Teufelsbündler in die Analyse einzubeziehen, wobei es nicht Ziel dieser Arbeit ist, eine umfassende Interpretation der jeweiligen Faustfigur mitzuliefern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Themeneingrenzung
2 Das Teufelsbild in der christlichen Tradition und der Einfluss Luthers
3 Die Historia von D. Johann Fausten
3.1 Vorbemerkung
3.2 Der Geist Mephostophiles – Fausts Bündnispartner im Volksbuch
3.3 Die Darstellungsform des Teufelsapparats und ihre Funktion
3.4 Das Machtverhältnis zwischen Faustus und Mephostophiles
4 Christopher Marlowe: Die tragische Historie vom Doktor Faustus
4.1 Vorbemerkung
4.2 Mephistopheles im ältesten überlieferten Faustdrama
4.3 Die Darstellungsform des Teufelsapparats und ihre Funktion
4.4 Machtverhältnis zwischen Faust und Mephistopheles
5 Vergleichende Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gestaltung der Teufelsfigur sowie das Machtverhältnis zwischen dem Teufelsbündner Faust und seinem Partner in der Historia von D. Johann Fausten (1587) und Christopher Marlowes Tragical History of Doctor Faustus (1592/93), um Unterschiede in Konzeption, Figurenkonstellation und Funktion der Werke im Kontext der Frühen Neuzeit herauszuarbeiten.
- Analyse des mittelalterlichen und lutherisch geprägten Teufelsbildes.
- Untersuchung der Darstellungsformen und Funktionen des Teufelsapparats.
- Vergleichende Betrachtung des Machtverhältnisses zwischen Faust und dem Teufel.
- Einordnung der Werke in den zeitgeschichtlichen Kontext (Renaissance vs. Reformation).
- Gegenüberstellung von didaktischer Warnschrift und literarischem Drama.
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Darstellungsform des Teufelsapparats und ihre Funktion
Das Aussehen Mephostophiles wird fast ausschließlich bei dessen Auftreten beschrieben, wobei diese phantasievollen Berichte nicht aus der Bibel übernommen sein können, weil sich in ihr keine Beschreibungen des Aussehens vom Teufel finden lassen. Die in der Historia gewählte Darstellungsform hat ihren Ursprung im Volksglauben und kam vor allem dem Publikumsgeschmack des Spätmittelalters sehr entgegen.
Neben der im Faustbuch beschriebenen Hierarchie der Teufel, die, das kommt noch hinzu, als „ziemlich verwirrt bezeichnet“ werden kann, wird auch eine Beschreibung der Hölle vorgenommen, die hier nicht näher untersucht werden soll. An dieser Stelle muss der Hinweis ausreichen, dass die „Aussagen über die Hölle […] durchaus in der durch die Bibel begründeten Tradition stehen, bis hinein in die Namengebung für das Reich der Teufel“ (vgl. 13,13-22).
Anders als Günther Mahal werde ich die verschiedenen Teufelsgestalten, die in der Historia auftreten, nicht differenziert charakterisieren, da sich meines Erachtens ihr Auftrag in Bezug auf Faustus und den Teufelspakt nicht unterscheidet. Alle auftretenden Mitglieder des Höllenreiches haben die Funktion, Faustus an den Pakt zu binden, ihn zu verblenden und seine Umkehr zu Gott durch bühnenreife Vorstellungen zu verhindern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Themeneingrenzung: Die Einleitung begründet die Relevanz der Teufelsfigur für die Faustforschung und legt den methodischen Rahmen für den Vergleich zwischen der Historia und Marlowes Drama fest.
2 Das Teufelsbild in der christlichen Tradition und der Einfluss Luthers: Dieses Kapitel erläutert das neutestamentarische Teufelsbild und den maßgeblichen Einfluss lutherischer Lehren auf das mittelalterliche Verständnis von Teufelsmacht und Sündhaftigkeit.
3 Die Historia von D. Johann Fausten: Untersuchung der Quellen und Intentionen der Historia als protestantische Warnschrift sowie Analyse der Teufelserscheinungen und Machtdynamiken im deutschen Faustbuch.
4 Christopher Marlowe: Die tragische Historie vom Doktor Faustus: Analyse von Marlowes Drama unter Berücksichtigung des renaissancezeitlichen Menschenbildes und der spezifischen dramaturgischen Gestaltung der Teufelsfigur.
5 Vergleichende Abschlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, die zeigt, wie das unterschiedliche Weltverständnis der Autoren die Entwicklung vom schrecklichen Teufel zur tragischen oder komischen Figur beeinflusst.
Schlüsselwörter
Faust, Mephistopheles, Teufelspakt, Frühe Neuzeit, Historia von D. Johann Fausten, Christopher Marlowe, Teufelsbild, Machtverhältnis, Renaissancemensch, Reformation, Literaturgeschichte, Teufelsgestaltung, Gottferne, Didaktik, Höllenangst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Belegarbeit vergleicht die Gestaltung und die Funktion der Teufelsfigur in zwei zentralen Werken der frühen Faust-Tradition: dem anonymen deutschen Volksbuch von 1587 und dem Drama von Christopher Marlowe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit thematisiert den Teufelsglauben der Frühen Neuzeit, den literarischen Wandel des Fauststoffes, die Bedeutung des Teufelspaktes und die sich wandelnde Machtdynamik zwischen dem Menschen Faust und seinem dämonischen Bündnispartner.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Teufelsfigur von einer schreckenerregenden Instanz im konfessionellen Kontext hin zu einem dramaturgisch komplexeren Gegenspieler im Drama der Renaissance aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die auf bestehenden Forschungsarbeiten (insbesondere von Günther Mahal) aufbaut, um die Darstellungsformen des Teufels und die Machtverhältnisse in den Werken vergleichend zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Zunächst wird die Historia als didaktische Warnschrift analysiert, anschließend das englische Faustdrama im Hinblick auf den Renaissance-Kontext und die spezifische Charakterisierung des Mephistopheles untersucht.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Teufelsbild", "Renaissancemensch", "Machtverhältnis", "Teufelspakt" und "Konfessionelle Warnschrift".
Wie unterscheidet sich die Macht des Teufels in beiden Werken?
Während der Teufel im deutschen Volksbuch als machtvolle, gottgegebene Bedrohung fungiert, tritt er bei Marlowe als "entmystifizierte" und teilweise sogar tragisch-komische Figur auf, da der Protagonist Faust hier ein stärkeres, freidenkerisches Selbstbewusstsein besitzt.
Welche Rolle spielt die Figur der Helena?
Helena dient sowohl im Volksbuch als auch bei Marlowe primär dazu, Faust an den Teufelspakt zu binden, wird aber bei Marlowe zusätzlich als Ausdruck der Wiedergeburt antiker Ideale und des renaissancezeitlichen Strebens interpretiert.
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- Katja Erben (Author), 2006, Fausts Bündnispartner im deutschen Volksbuch und im englischen Faustdrama von Christopher Marlowe - Teufelsgestaltung in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78060