Selbsterleben in psychischen Krisen - zwischen suizidaler Resignation und Krisenbewältigung in der Sozialpädagogischen Beziehungsarbeit


Diplomarbeit, 2007

103 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Suizidtheorien in der Psychoanalyse
1.1. Melancholie und Suizidalität nach Freud
1.2. Der Suizid als narzisstische Krise
1.3. Narzissmus – kurze Begriffsklärung
1.4. Das narzisstische Regulationssystem (nach Henseler)

2. Suizidalität – letzte Flucht aus dem unerträglichen Leben
2.1. Mögliche psychosoziale Einflussgrößen für Suizidalität in der Kindheit
2.2. Mögliche biografische Sozialisationsbedingungen, die eine Entwicklung späterer suizidaler Verhaltens- und Reaktionsweisen begünstigen können
2.2.1. Erfahrungen von falscher Liebe in der Kindheit
2.2.2. Erfahrungen ungünstig-übertriebener Liebe in der Kindheit
2.3. Identitätsbewusstsein und Selbsterleben in der Kindheit

3. Selbsterleben in der Zweierbeziehung - der Liebesbeziehung
3.1. Der Partner als Spiegel für die eigene Identität
3.2. Exkurs: Symbiotische Sehnsucht aufgrund ungelöster, frühkindlicher Trennungserfahrungen
3.3. Symbiotische Liebesbeziehungen

4. Das schmerzhafte Selbsterleben
4.1. Der Verlust des Selbstwertgefühls aufgrund eines gestörten Dialoges mit der sozialen Welt?
4.2. Das Selbstwertgefühl zwischen Liebesbeziehung und sozialer Werte

5. Die Trennung der Liebenden (des geliebten Objekts)
5.1. Trennung als katastrophales Verlusterlebnis narzisstisch labiler Menschen
5.2. Der Tod im Selbst als Folge der Liebestrennung

6. Suizidalität als Folge einer Trennung
6.1. Trennung als Auslöser einer suizidalen Trauer
6.2. Suizidale Trauer

7. Pathologisierendes Diagnostizieren von suizidalen Erlebniswelten und Suizidhandlungen oder: der von Betroffenen gebrauchte Umgang vs. der praktizierte Umgang mit Suizidalität
7.1. Das Selbsterleben von Suizidenten in der Begegnung mit Anderen
7.2. Anwendbarkeit und Brauchbarkeit von Suizidalitätstheorien in Hinblick auf den ihr innewohnenden Verstehensansatz für suizidale Erlebnisweisen
7.3. Zwischen Diagnostizieren und Verstehen

8. Das „Beziehungsangebot“ im Rahmen der Krisenintervention bei Menschen in suizidalen Lebenskrisen

Schlussbemerkung: Gefühlte Trauer vs. „erlaubte“ Trauer

Literaturverzeichnis

Einleitung

Keine Lebenslage oder Situation im menschlichen Leben trägt als einzig unabdingbare Konsequenz den Suizid als Folge in sich[1]. Obgleich - richtet man seinen Blick auf all das Falsche, Negative in der Welt - wir nicht in einer harmonischen, gerechten Welt leben[2], so ist es doch nicht so, dass sich die Mehrzahl der Menschen aufgrund persönlicher und kollektiver Krisen das Leben nimmt. Wohnt die Tendenz, aufgrund subjektiv erlebter Unerträglichkeit einer Lebenssituation aus dem Leben zu gehen, jedem Menschen inne? Scobel bejaht diese Überlegung.[3]

Man denke nur an Lebensgeschichten verschiedener Menschen, die objektiv durch die „Hölle“ gingen, Grausames erlebt, undenkbar Schreckliches in ihrem Lebenslauf erfahren haben, aber nicht ihren Lebensmut verloren, nicht von einer Ausweglosigkeit ihrer Situation überzeugt waren und „Schluss“ machten. Was sind das für Erlebens – und Verhaltenstendenzen die innerhalb einer Krise auf den Betroffenen wirken? Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens unterschiedliche Krisen durch, sie sind notwendiger Bestandteil des Reifens für den persönlichen Entwicklungsweg als auch den lebenslang andauernden Identitätsprozess.

Man kennt sich aus mit Beschreibungen und „Handlungsanleitungen“ innerhalb einer Krise, oft kann man sich in einem von der Gesellschaft vorgefertigten „Krisentyp“ wiederfinden bzw. zuordnen ( Entwicklungs-, Verlustkrisen; Reifungskrisen; Liebeskummer, Trauer, Niedergeschlagenheit bei Nichteintreten einer gehofften Erwartung etc.), was nicht zuletzt an all den durch die Medien vermittelten gesellschaftstauglichen Vorschlägen im Umgang mit Alltagssorgen liegt. Das Bewusstsein der Allgegenwärtigkeit und Allzumenschlichkeit von Krisensituation hilft sicherlich der Mehrzahl von Menschen in Krisen nicht unterzugehen. Aber gleichzeitig wird ein Muster gezeichnet, ein Muster von „Krisentypen“, Krisenphasen als auch einer Normdauer dieser. Ich vertrete die Meinung, dass Menschen in suizidalen Krisen mit all diesen allgemeinen Ratschlägen nicht sonderlich viel anfangen können, zudem es höchstes Gebot sein sollte, dem Betroffenen in der Einzigartigkeit seiner Empfindungen zu stützen und nicht in vorgefertigte „Rettungsschablonen“ hineinzupressen.

Krisen nicht „nur“ als Reifungsprozess zu erleben, sondern als existenzielle Bedrohung der eigenen Identität in einem so beträchtlichen Maße, dass ein Ausweg nur in suizidalen Handlungen gesucht wird, zieht die Frage, wodurch das Selbsterleben von Menschen in Lebenskrisen geprägt ist, nach sich. Wie ist das Selbstempfinden, Selbsterleben in suizidalen Krisen? „Der Zwischenfall, der euch belanglos erscheint, mag es ja für euch sein, das leugne ich nicht; für mich aber ist er ein entscheidendes Lebensereignis, entscheidend genug, daß ich mir seinetwegen den Tod gebe.“[4] Dieses Zitat von Amery macht die subjektive Bedeutsamkeit und Bewertung von Ereignissen deutlich und zeigt gleichzeitig eine Bewertungsdynamik von Geschehnissen die subjektiv den Tod bedeuteten können. Ich möchte das Zitat insofern deuten, als dass im Suizid keine krankhafte Bewertung von Geschehnissen liegt, sondern vielmehr eine „Unfähigkeit“ der Integrierbarkeit der jeweiligen Lebenssituation in das eigene Selbstkonzept, bzw. dass dem suizidalen Menschen keine adäquaten Erklärungs-, Verarbeitungs-, Deutungs- und Bewertungsmuster zugänglich sind, um einem endgültigen, im Suizid endenden, Entschluss auszuweichen. Dementsprechend wäre eine wichtige Haltung hierbei das Eintreten in die geschlossene Welt des Suizidanten anstelle des schnellen Abstempelns zum „Halbirren“[5] - der Klassifizierung suizidaler Verhaltensweisen als psychopathologische Akte, wie es in unserer Gesellschaft verbreitet getan wird, denn das wirkt einer konstruktiv-akzeptierenden Auseinandersetzung entgegen und verstärkt die gesellschaftliche Tabuisierung des Suizids.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich eine Sichtweise darstellen, die Menschen in suizidalen Krisen als nicht zwangsläufig psychisch krank und Suizidalität nicht primär als etwas krankhaftes, psychiatrisch Diagnostizierbares oder als „Abschluss einer krankhaften Entwicklung“[6] versteht. In der geläufigen Suizidforschung, welche überwiegend einem medizinisch-nosologischen Modell folgt, wird Suizidalität hauptsächlich im Kontext von Suizidraten, Geschlechts- und Altersverteilung, Risikofaktoren und Risikogruppen dargestellt und untersucht.

Die Perspektive innerhalb meiner Arbeit und meine Annäherung an das Thema soll keinen gegenübergestellten Vergleich bzw. Zusammenhang von Suizidalität und expliziten psychischen Krankheiten darstellen, sondern sich fern von dem meist psychiatrischen Rahmen bewegen, innerhalb dessen die Abschätzung von Suizidalität wenig mit individuellen und soziobiographischen Erhebungen verbunden wird. Suizidalität gilt in medizinisch- psychiatrischer Sichtweise als ein ernstes, aber gegenüber der Primärdiagnose Psychose oder Sucht als sekundäres Phänomen. In akuter Suizidalität ist es nicht die Psychose oder Sucht, die handelt, sondern der Mensch ist es. Michel[7] macht diese Perspektive deutlich, wenn er sagt, Suizid sei eine Handlung. Suizidversuche nicht als Krankheit zu verstehen, bedeutet für mich, das Interesse an einer Differenzierung zwischen krankheitsbegleitender oder nicht krankheitsbegleitender Suizidalität zweitrangig werden zu lassen und dem Finden von Gemeinsamkeiten im suizidalen Selbsterleben (aller Gruppen) Priorität einzuräumen. Durch statistische Verfahren konnten gesicherte Aussagen über Suizid und suizidale Menschen allgemein nachgewiesen werden. Diese Untersuchungen verweisen darauf, dass „die individuellen Unterschiede der einzelnen Menschen weniger gewichtig sind als ihre Gemeinsamkeiten und dass auch Suizidhandlungen neben ihrer individuellen Motivationen gleichartigen Bedingungen unterliegen.“[8] Entscheidend für ein Verständnis der Suizidalität und suizidaler Menschen ist, ob ein Zugang gefunden werden kann zu dem, was sie empfinden, erleben und durchmachen. Tatsache ist, dass es der Suizidant selbst ist, der mit Blick auf seine gesamte bisherige Entwicklung den Entschluss fasst, dass sich das Leben nicht (mehr) lohnt. Diese Möglichkeit, zum eigenen Leben wertend eine Stellung zu beziehen, gehört zu den konstitutiven Merkmalen des Menschseins, nicht des Verrücktsseins.

Meine Herangehensweise wird maßgeblich bestimmt von der Annahme, dass jede „Ver(r)ücktheit“ das Allzumenschliche spiegelt, eine psychische Funktionsleistung aufgrund ungünstiger frühkindlicher psychosozialer Entwicklungsbedingungen, also „eine extreme Ausprägung ‚normalen’ psychischen Funktionierens“[9] ist. Hier soll Suizidalität nicht als etwas außerhalb des Alltäglichen liegendes, Pathologisches und somit Fremdes und Fernes begriffen werden, sondern sich als etwas offenbaren, was in einem selbst als auch im Anderen gefunden werden kann. Würde man suizidales Verhalten mit neurotischer Konfliktverarbeitung gleichsetzen wollen, dann sollte man das nur unter der Auffassung, „daß das Neurotische nur ein (unter ungünstigen Bedingungen fast zwangsläufig) abgewandeltes ‚Normales’ ist; daß neurotische Abwehrvorgänge, neurotische Symptome und Charaktere also zwar verfehlte, aber trotz allem oft respektable Ich-Leistungen sind. Weder die neurotisch verfestigten Konflikte noch die neurotischen Modi ihrer Verarbeitung sind ‚vom Himmel gefallen’.“[10] Dementsprechend ist meine Sichtweise eine an der Gesundheit orientierte, welche im Suizid als auch in psychischen Störungen keine Defekte oder psychische Mängel sieht, sondern sie als Lösungsversuche begreift. Damit wäre auch das Stichwort für den Umgang mit suizidalen Menschen gegeben: Alternative Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, neue Verhaltensweisen aufbauen, um neue Möglichkeiten des Erlebens und somit des Lebens zu eröffnen.

Die Komplexität jeder psychosozialen Entwicklung liegt u. a. darin begründet, dass es nie nur ein Mensch ist, der an diesem Entwicklungsprozess beteiligt ist: Intrapsychische Konflikte und psychisches Leiden[11] des Einzelnen hängen nicht nur mit Ursachen zusammen, die in ihm selbst angelegt sind. So wie Sachse zu einer nichtpsychiatrischen Sicht plädiert, wenn er Persönlichkeitsstörungen als solche zu bezeichnen ablehnt und daran appelliert sie doch als das zu Erkennen was sie eigentlich sind: Störungen der Beziehung, der Interaktion, und nicht tief greifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit. Somit finde ich in seinem Ansatz meinen Zugang zur Suizidalität wieder: dass, wenn Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich zahlenmäßig an erster Stelle rangieren[12], Suizidalität immer im Kontext mit dem sozialen Umfeld und Beziehungssystem zu betrachten und bewerten ist. Bei Suizidalität ist es von besonderer Bedeutung dass der Betroffene mit seiner persönlichen Geschichte, seinem individuellen Erleben des eigenen Lebens, mit all seinen Interaktionspartner und in besonderer Weise sein Selbstbild, nicht hinter Beschreibungen einer „suizidalen Persönlichkeit“ verschwindet. Dieses Bewusstsein im Blick auf mögliche Ursachen für suizidales Handeln möchte ich schärfen, indem ich Suizidalität immer im Licht zwischenmenschlicher Interaktionen, Beziehungen und den dazugehörigen Selbst- und Fremdbildern die immer mit in die Bewertung der eigenen Identität einfließen, zu beleuchten versuche. Den zwischenmenschlichen Beziehungsaspekt als Kern der Suizidaltität zu begreifen wird in den meisten Untersuchungen bestätigt, insbesondere wenn man psychoanalytische Objektbeziehungstheorien zum Verständnis des Selbsterlebens der Betroffenen heranzieht. Diese tiefenpsychologischen Konzepte sind insofern brauchbar, als dass sie da ansetzen wo die normal-psychologischen Ableitungen (der so genannte gesunde Menschenverstand), insbesondere bei der Problematik Suizidalität Grenzen erreicht.[13]

Die Nützlichkeit des, aus der neueren psychoanalytischen Narzissmustheorie abgeleiteten psychodynamischen Modells von Henseler liegt in ihrer Möglichkeit, dass die Besonderheiten und scheinbaren Widersprüche des idealtypischen Suizidanten in einen Sinnzusammenhang gebracht werden können.

Bezogen auf einen Narzissmusbegriff, unter dem die verschiedenen Zustände des Selbstwertgefühls und die affektiven Einstellungen von Menschen zu sich selbst verstanden werden, leitet sich das narzisstische Regulationssystem der Psyche ab, worunter die Aufrechterhaltung des affektiven Gleichgewichts bezüglich der Emotionen von innerer Sicherheit, Wohlbehagen, Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit verstanden wird. Aus dieser psychoanalytischen Perspektive kann eine allgemeine suizidale Psychodynamik zum Verständnis des Prozesses, der zur Suizidalität führt, nachvollziehbar werden.

Damit möchte ich Suizidalität als das sichtbar machen, was es meiner Meinung nach in erster Linie ist: eine existenzielle Lebenskrise besonders sensibler Menschen.

Der Verstehenszugang dieser Arbeit soll hauptsächlich ein anthropologischer und nicht ein nosologischer sein, ohne jedoch dabei die Gefahr, die ein hoffnungsloses, auswegsloses Selbsterleben in sich birgt, zu bagatellisieren oder auszublenden. Das Selbsterleben, geprägt durch starke Insuffizienz-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle: „Ich bin nichts, ich kann niemanden etwas geben, niemanden etwas bedeuten“, ist eine bedenkliche Entwicklungsvorstufe zum Suizid hin. Auch wenn der Suizid keineswegs pathologisch ist, so ist er aber auch nicht das, was Jean Amery unter Freitod bezeichnet.

Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die jeweiligen psychodynamischen Prozesse, die zu einem stark verunsicherten Selbstwertgefühl und einer verzweifelten, suizidalen Lebenseinstellung geführt, haben zu beleuchten. Hierzu möchte ich psychoanalytische Konzepte und selbstpsychologische Ansätze diskutieren. Außerdem sollen kritische Lebensereignisse und psychische Krisen im Allgemeinen als auch in ihrer Bedeutung für den Einzelnen näher betrachtet werden. Ferner sollen meine angeführten Überlegungen eine Perspektive darstellen, in der die Suizidalität eine Folge einer nicht mehr aushaltbaren Kränkung des Selbstgefühls ist und selbstheilende Kräfte, autotherapeutische Ressourcen nicht mehr greifbar bzw. verfügbar sind. Dieser Mangel an zur Verfügung stehenden Copingstrategien soll die Notwendigkeit der Unterstützung von Außen, wie sie auch aus Erwin Ringels Formulierung: „Selbstmord - Appell an die Anderen“[14] hervorgeht, verdeutlichen. Wenn die Gleichgültigkeit und Ahnungslosigkeit über das, was in Mitmenschen vorgeht, überwindbar wäre, könnte wohl so mancher Suizid verhindert werden, indem er frühzeitig in seiner Andeutungsvielfalt erkannt wird.[15] Es verlangt eine besondere Sensibilität im Umgang bzw. der Begegnung mit suizidalen Menschen, vielleicht sogar eine andere Sprache als die sonst immer so schnell abrufbare, schemenhafte Bewertungssprache. Kennzeichnend hierfür soll ein Grundverständnis sein, innerhalb dessen suizidales Verhalten als etwas subjektiv sinnvolles und nachvollziehbares verstanden wird. Es geht nicht („nur“) darum, einem Menschen in einer suizidalen Krise davon zu überzeugen, sich nicht das Leben zu nehmen. Vielmehr geht es doch darum, dem betroffenen Menschen eine Beziehung „anzubieten“, innerhalb derer es ihm möglich ist sich selbst und sein Leben neu zu bewerten: einen Weg aufzuzeigen gegenüber dem oft von suizidalen Menschen geäußerten Ausspruch: „Ich sehe einfach keinen Ausweg mehr“. Dem suizidalen Menschen wieder die Möglichkeiten seines Lebens, die er grundsätzlich hat, zu eröffnen, ist ein wichtiger Schritt im Umgang mit Menschen in suizidalen Krisen, denn ist er gewillt wieder zu wählen, so wählt er zunächst eines: sein Leben!

Anlehnend an einer Perspektive, die Suizidalität nie im einzelnen Menschen ansiedelt, sondern immer im Zusammenhang mit einem „signifikanten Anderen“[16] betrachtet und suizidale Krisen als Reaktion auf einen realen oder psychischen Verlust einer als lebensnotwendig erlebten Bezugsperson durch Enttäuschung oder Kränkung, sollte professionelle Krisenintervention immer damit beginnen eine „emotionale Beziehung“ anzubieten. „Das Beziehungsangebot des Helfers kompensiert die verlorengegangenen Beziehungen und wirkt gerade deshalb antisuizidal“.[17] Wie ein professionelles Beziehungsangebot in der Krisenintervention mit suizidalen Menschen umsetzbar ist, möchte ich im letzten Teil dieser Arbeit darstellen. Mit Giddens (1992) könnte die sozialpädagogische Aufgabe auch als „Projekt des Selbst“ beschrieben werden: die soziale Konstruktion eines persönlichen Sinns durch die Entwicklung von Selbstidentität im Verlauf der aktuellen Lebensbewältigung.

1. Suizidtheorien in der Psychoanalyse

Wie schon eingangs erwähnt, schließe ich mich einer Sichtweise von Suizidalität an, die sie nicht als etwas Pathologisches per se betrachtet, sondern als einen komplexen Reorganisationsvorgang, welcher auf einen problematischen Umgang mit den bewussten und unbewussten Fremd- und Selbstbildern bei der betroffenen Person hinweist. Problematisch insofern, als dass konflikthafte Beziehungen zu inneren Objekten und Selbstaspekten bestehen, welche in den frühkindlichen Entwicklungsphasen festgelegt wurden bzw. ihren Ursprung haben.

Ausgehend davon, dass bei der Mehrzahl der Suizidanten eine von unbewussten Konflikten bestimmte Beziehungsproblematik vorliegt, möchte ich psychoanalytische Theorien fragmentarisch heranziehen, um diesen Beziehungsaspekt näher aufzudecken. Erkenntnisleitende Fragestellung soll hierbei sein, in welcher Weise Beziehungen erlebt werden und wie sie in ihrer Gestaltung motiviert sind. Suizidhandlungen als Ereignisse innerhalb eines, von Beziehungen bestimmten Bedeutungsrahmens zu entschlüsseln, heißt; die Verhältnisse zwischen dem Selbst und seinen Objekten zu untersuchen.

Einer der ersten tiefenpsychologisch orientierten Ansätze zur Suizidalität findet sich bei Freud, auf dessen grundlegenden Erkenntnissen nahezu alle weiteren psychologischen und psychoanalytischen Theorien aufbauen, so dass bis heute vielfältige Theorien existieren, die sich teilweise in ihren Aussagen ergänzen. Das findet man bestätigt bei der Narzissmustheorie als auch bei Ringels Modell der Aggressionsumkehr im Rahmen seines Präsuizidalen Syndrom. Da ich auf genannte Theorien in dieser Arbeit eingehen möchte, lassen sich inhaltliche Überschneidungen nicht vermeiden.

Ich möchte vorab darauf hinweisen, dass der mögliche Eindruck einer „allgemeinen suizidalen Psychodynamik“ nicht als dogmatische Gesetzmäßigkeit zu interpretieren ist, sondern immer daran zu denken ist, dass Suizidalität vielfältig motiviert und unterschiedlichen intrapsychischen und interpersonellen Zielen dienen kann und in diesem Sinne auch immer unterschiedliche Funktionen hat. Wenn eine Objektbeziehung zu ändern als primärer Wunsch in der Suizidalität gilt, so ist dieser immer individuell unterschiedlich ausgeprägt und motiviert, aber als zentraler innerpsychischer Beweggrund für suizidales Verhalten als gesichert zu betrachten.

Erste psychoanalytische Überlegungen über Suizidalität sind in Freuds Aufsatz „Trauer und Melancholie“ (1917 /1992) niedergeschrieben und zusammen mit den Arbeiten Abrahams zählen sie heute zur „klassischen“ psychoanalytischen Theorie der Suizidalität. Um der chronologischen Entwicklung für Suizidtheorien gerecht zu werden, möchte ich kurz auf die Schrift Freuds eingehen und sie fragmentarisch darstellen, um im nachfolgenden andere, aber auf Freuds Erkenntnisse basierende, Erklärungsansätze darzulegen. Nach dem ersten theoretischen Teil dieser Arbeit soll versucht werden, suizidale Erlebniswelten anhand der vorgestellten Modelle zu betrachten.

1.1. Melancholie und Suizidalität nach Freud

Freuds Erkenntnisse über Suizidalität sind in der Auseinandersetzung mit dem Erscheinungsbild der Melancholie entstanden; die Ableitungen die er daraus erkannte, boten seinerzeit erste theoretische Erklärungen suizidaler Handlungen. In seiner bereits genannten Arbeit führt Freud einige Kausalzusammenhänge zwischen Melancholie und Suizidneigungen an. Der Begriff Melancholie würde heute dem der Depression entsprechen[18] und beschreibt einen passiven Zustand der Verstimmung, einhergehend mit Gefühlen von Ohnmacht und Stagnation, Desinteresse an der Außenwelt, was eine soziale Isolation mit Rückzug auf die eigenen Person zur Folge hat, Verlust der libidinösen Energien und ein für die Suizidproblematik entscheidendes Faktum: Herabsetzung des Selbstwertgefühls. Denn im Selbstwertgefühl liegen sowohl konstruktive Kräfte als eben auch die zur Suizidalität führenden destruktiven Kräfte; das Selbstwertgefühl kann sich von latenten Selbstzweifeln, hin zu Selbstkritik und –vorwürfen bis zu einem Minderwertigkeitskomplex entwickeln, und dieser trägt die negative Entwicklung der Selbstverachtung und Selbstbestrafung in sich. Auf die zentrale Frage dieser Arbeit: Was sind es für pathogene, das Selbstwertgefühl erschütternde Einflüsse, die zu einem solchen insuffizienten Selbsterleben führen, möchte ich später näher eingehen.

Vorerst möchte ich die wesentliche Interpretation und Ableitung die Freud anhand einer sich möglichen Entwicklung zur Selbstbestrafung gezogen hat, anführen: Anhand des Prozess der Selbstbestrafung leitet Freud schließlich seine Erkenntnisse über die inneren Aggressionskonflikte beim Melancholiker ab. Die Beobachtung des extremen Divergierens zwischen Selbst und Fremdwahrnehmung machte deutlich, dass die Selbstvorwürfe des Depressiven eigentlich Vorwürfe gegen ein Objekt sind. Hier erkennt er eine untypische Art[19] der Selbstkritik ohne jegliche Scham und mit beinahe aufdringlichem Mitteilungsbedürfnis, als würde der Melancholiker „an der eigenen Bloßstellung Befriedigung finden“.[20] Weiter betont Freud, dass das Fehlen eines Verbergungswunsches eigener Selbstkritik und der vom Melancholiker geäußerten Selbstabwertungen „im Grunde von einem anderen gesagt werden“.[21] Verinnerlichte Objekte sind hier die „sprechenden“ und ihnen gelten die Selbstkritik, Selbstanklagen, Selbstzweifel usw.: Den introjizierten, zum Selbst gewordenen Objekten. Es handelt sich hier also um eine narzisstische Objektbeziehung. Hier wird das geliebte Objekt nicht um seiner selbst willen, sondern wegen seiner Bedeutung für die Aufrechterhaltung des narzisstischen Gleichgewichts (dem Selbstwertgefühls des Subjekts) geliebt und hoch geschätzt.

Ausgangspunkt ist hierbei eine libidinöse Bindung, starke Fixierung an ein Objekt, welche durch eine reale Kränkung, Zurücksetzung oder Enttäuschung von Seiten der geliebten (libidobesetzten) Person erschüttert wird. Folge dieses Verlusts der Objektbeziehung ist aber nicht eine Verschiebung der Libido auf ein anderes, neues Objekt, sondern der Rückzug ins Ich. Dort wird sie (die Libido) verwendet, um eine Identifizierung mit dem aufgegebenen Objekt wieder herzustellen.[22] Auf diesem Weg der Introjizierung des Objekts ist es möglich die Liebesbeziehung, trotz des Konflikts mit der geliebten Person, aufrechtzuerhalten. Diese Identifikation mit dem verlorenen, aufgegebenen Objekt dient sozusagen als ein „Ersatz“ für die Liebesbeziehung.

Diese „Erhaltung“ der Beziehung zum Objekt bewirkt jedoch keine positiven, beruhigenden Folgen, im Sinne einer realen Objektzurückgewinnung, sondern bringt Entwicklung einer melancholischen Persönlichkeit mit sich. Der erwähnte Rückzugsprozess der Libido ins Ich schließt auch die durch die Kränkung zuvor erlebten und auf das Objekt gerichteten Hassgefühle mit ein: Diese wenden sich nun gegen das mit dem Objekt identifizieren Ich. Durch den Prozess der Internalisierung des Objekts im Ich entsteht die autodestruktive Dynamik der Selbstabwertung, Herabsetzung und Kritik. Hier wurden also die „Selbstvorwürfe als Vorwürfe gegen ein Liebesobjekt [erkannt],…die von diesem weg auf das eigenen Ich gewälzt sind.“[23] Weiterhin erklärt Freud: „Der Schatten des Objekts fiel so auf das Ich, welches nun von einer besonderen Instanz [[24] ] wie ein Objekt, wie das verlassende Objekt, beurteilt werden konnte. Auf diese Weise hatte sich der Objektverlust in einen Ichverlust verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der geliebten Person in einen Zwiespalt zwischen Ichkritik und dem durch Identifizierung veränderten Ich.“[25]

An dieser Stelle sei vielleicht noch angemerkt, dass die ursprüngliche Beziehung des melancholischen Menschen zu seinem Liebesobjekt von intensiver Ambivalenz[26] geprägt ist, was sich im Unvermögen das enttäuschende Objekt aufzugeben einerseits und andererseits den Aggressionen die sich nach der Introjektion des Objekts autodestruktiv äußern[27], zeigt.

Was die Ambivalenz angeht, vermutet Freud eine konstitutionell verankerte, räumt aber ein dass es auch möglich wäre, dass durch die für die Auslösung des melancholischen Prozesses zentrale Situation der Kränkung, Zurücksetzung und Enttäuschung erst ein „(…) Gegensatz von Lieben und Hassen in die Beziehung eingetragen oder eine vorhandene Ambivalenz verstärkt werden kann.“[28]

Der Depressive ist durch das Objekt leicht kränkbar und enttäuschbar, ohne es jedoch auf Grund solcher Erfahrungen aufgeben zu können - im Vorgang der Introjektion muss es wiederhergestellt und gesichert werden. „Die Liebe zum Objekt, die nicht aufgegeben werden kann, während das Objekt selbst aufgegeben wird, [hat sich] in die narzisstische Identifikation geflüchtet“[29]

Hier wird deutlich, dass neben der Ambivalenz der Narzissmus eine zentrale Grundlage für die melancholische Introjektion ist. Ein Zusammenhang zum Narzissmus lässt sich finden, wenn Freud in triebtheoretischer Terminologie sagt, das die Libido aus der Objektbesetzung in das Ich zurückgezogen und dort verwendet wird, um „eine Identifzierung des Ichs mit dem aufgegebenen Objekt herzustellen.“[30] In diesem Zusammenhang spricht Freud von einer „Regression der Libido auf den Narzissmus.“[31]

Bezogen auf sein Phasenmodell der Libidoentwicklung zieht Freud den Schluss, dass unter triebdynamischen Aspekten die Melancholie in Zusammenhang mit der oralen Phase steht. Er spricht hier von einer oralen Fixierung der Libido als Bedingung für die depressive Persönlichkeitsentwicklung.[32]

Um ein vollständigeres Bild zu erhalten, möchte ich an dieser Stelle noch einmal näher auf die genannte Entwicklungsphase eingehen: Innerhalb der oralen Phase kann das Kind noch nicht Selbst- und Objektrepräsentanzen voneinander trennen, es erlebt die Beziehung zur Mutter als Dyade - als symbiotische Einheit (hierbei wird auch oft vom primären Narzissmus gesprochen). Die zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelte Fähigkeit des Kindes zwischen Objekten zu differenzieren, trägt dazu bei, all seine natürliche, narzisstische Bedürftigkeit in der Beziehung zum Primärobjekt (im Regelfall, der Mutter) beantwortet und befriedigt zu suchen und zu finden. Diese Entwicklungsphase ist sozusagen bestimmt durch eine emotionale Abhängigkeit; das Kind hat ein ureigenes Bedürfnis, als das, was es ist[33], als „Zentrum der Aktivität“[34] gesehen, beachtet und ernst genommen zu werden - ein narzisstisches Bedürfnis, dessen positive Erfüllung für die Bildung eines gesundes Selbstwertgefühls unerlässlich ist. Hier ist eine Atmosphäre der Achtung und Toleranz für die Gefühle des Kindes von entscheidender Bedeutung. Winnicott spricht hierbei auch von der Notwendigkeit einer „haltenden Umgebung“ als Vorraussetzung für eine gesunde psychische Entwicklung. Sind diese Bedingungen gegeben, kann das Kind in der Trennungsphase (Separations- und Individuationsphase)[35] die Symbiose zum Primärenobjekt aufgeben und die Entwicklungsschritte zur Individuation und Autonomie vollziehen.

Tritt allerdings in dieser symbiotischen (auch: oralen, narzisstischen) Entwicklungsphase eine Kränkung oder Enttäuschung ein, welche einen für das Kind unerträglichen Verlust darstelle, dann kann es nicht umhin, als seine Libido auf sich selbst zurück zu ziehen. Denn die Möglichkeit der Libidoverschiebung auf ein anderes, neues Objekt ist dem Kind in dieser Entwicklungsphase noch nicht möglich, da es noch nicht zur Differenzierung verschiedener Objekte fähig ist. Der Rückzug der Libido (sekundärer Narzissmus) auf das kindliche Selbst resultiert u. a. auch daraus, das der Objektverlust ( ausgelöst durch Trennung, Kränkung oder Enttäuschung u. ä.) vom Unbewusstsein negiert wird- das Objekt existiert auf psychodynamischer Ebene im Kind weiter und hat über die Introjektion des Objekts im Selbst des Kindes auch weiterhin Einfluss.

Die sich dabei vollziehenden psychischen Prozesse wurden bereits an andere Stelle, weiter oben, näher erläutert

Gemäß der oralen Phase beschreibt Freud, dass sich das Kind das geliebte Primärobjekt „einverleiben“[36] möchte- „auf dem Wege des Fressens.“[37] Im Ausspruch: „Ich hab dich zum Fressen gern“ tritt beim Erwachsenen dieser „Einverleibungs-“ oder auch Verschmelzungswunsch besonders deutlich hervor.

Zusammengefasst besagt diese Theorie folgendes: Der zur Depression neigende Mensch reagiert auf einen Objektverlust ( dieser Begriff ist sehr weit gefasst und meint nicht nur den tatsächlichen Verlust einer Bezugsperson, sondern auch Enttäuschungen, Kränkungen über sie, u .ä.) zunächst mit einer „Welle des Hasses“[38], welche dann aber sofort abgewehrt werden muss, weil das Objekt als unverzichtbar erlebt wird. Durch Regression auf orale Erlebnisweisen mit der Phantasie, sich das verlorene Objekt einzuverleiben ist die Abwehr gekennzeichnet.[39] Das Objekt ist durch die Identifikation und der Introjektion Teil des Selbst, - des Subjekts, geworden- ein Selbstobjekt. Als Teil des Ichs wütet nun der Hass, der eigentlich dem verlorenen Objekt gilt.

Abschließend verdichten sich Freuds Erkenntnisse in seinem wohl bekanntesten Zitat zur Suizidalität: „Kein Neurotiker verspürt Selbstmordabsichten, der solche nicht von einem Mordimpuls gegen andere auf sich zurückwendet.“[40]

Die klassische psychoanalytische Theorie sieht also im Suizid vor allem die Lösung eines Aggressionskonflikts: eine Aggressionsumkehr vom geliebten Objekt, durch den Weg der Identifizierung und Internalisierung zum Selbst hin. Denn durch diesen Prozess agiert das introjizierte Objekt wie ein strenges Über-Ich - ein gefährliches, pathologisches Gewissens: das Ich wird herabgesetzt und angeklagt.

„Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich sich nur dann töten kann, wenn es durch die Rückkehr der Objektbesetzung sich selbst wie ein Objekt behandeln kann, wenn es die Feindschaft gegen sich selbst richten darf, die einem Objekt gilt und die die ursprüngliche Reaktion des Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt.“[41]

Eine besondere Bedeutung hat Freuds Ansatz zur Suizidalität, weil erstmalig der Mitmensch für die suizidale Krise ins Zentrum gerückt wird. Des weiteren zeichnet sich die Bedeutung des Narzissmuss im Zusammenhang mit Suizidalität ab. Freuds Gedanken zur Melancholie lassen erste Schlüsse über die Psychodynamik der Suizidalität zu und auf die zentrale Rolle des narzisstischen Regulationssystems. Schließlich geht es doch um den Unterschied der Reaktion auf eine Verlusterfahrung, welche bei den meisten Personen, so postuliert Freud, eine Trauerreaktion ist mit seinen typischen Phasen, jedoch bei besonders verletzlichen Menschen dieser Verlust untragbar ist und einen unerträglichen Ärger bedeutet; eben, weil keine Trennung vollzogen werden kann, weil die geliebte Person zum Teil der Identität dieses sensiblen Menschen geworden ist und sie in ihm auf psychischer Ebene weiter existiert.

Wenn Freud Trauer und Melancholie in einem Zusammenhang gestellt hat, weil sie beide Reaktionen sind auf einen Verlust geliebter Objekte, dann stellt sich mir hier die Frage, inwiefern man urteilen kann, ob die so bezeichnete pathologische Reaktion auf ein Verlusterlebnis nicht eine verdrängte, nicht zugelassene Trauerarbeit ist. Denn schließlich ist das Stichwort, worum sich seine Überlegungen kreisen, nicht zuletzt die Trauerarbeit bzw. Trauerreaktion des Menschen. Liegt die Schwelle des pathologischen einer Trauerreaktion in der Dauer und der Intensität? Wird nicht bei einer sogenannten „normalen“ Trauerreaktion ein baldiges Überwinden dieser als Maßstab gesetzt? Ist es nicht so, dass man darauf vertraut, dass sie nach einem gewissen Zeitraum überwunden sein wird? Fordert dieses „Vertrauen“ oder eher diese Erwartungshaltung gegenüber dem Trauern nicht schon eine gewisse Verhaltensnorm? In dem Sinne, dass ein nicht normativer Trauerprozessverlauf schon als Indiz für eine pathologische Trauerreaktion verstanden werden kann? Mit der Konsequenz einer Suche, nach einer Störung im Trauernden? Offensichtlicherweise liegt in einer solchen Haltung gegenüber Trauer ein Normansatz inne; wenn man bedenkt, dass man in einer Gesellschaft lebt, in der ein schnelles Überwinden von Trauer als Stärke betrachtet wird und nicht selten bewundernde Anerkennung bringt[42].

Unbeachtet scheint bei solch einer Einstellung die Tatsache zu sein, dass eine Trauerverdrängung zu Depression führen kann! Häufig findet man unabgeschlossene Trauerprozesse, verdrängte Trauer usw. im depressiven Zustandsbild. Für Freud ist Trauer eine normale Reaktion auf Verlust, Melancholie eine pathologische. Es ist eigentlich zu bedauern, dass durch das Verweben von Trauer und Melancholie durch Freud, depressive Verstimmungen grundsätzlich als krankhaft angesehen werden und nicht selten in ein Diagnostizieren des Krankheitsbildes Depression münden. Dabei können depressive Stimmungszustände schließlich auch im Rahmen normaler Gestimmtheit entstehen und sind nicht zwangsläufig pathologisch. Depressive Zustände können sich auch aus aufgeladenen Konfliktsituationen ergeben und als Ausdruck einer Konfliktsituation, eines Konflikts mit der Realität, verstanden werden. Derartige Stimmungszustände können in sich pathologisches Potenzial binden, wenn regressive Prozesse in Gang kommen oder wenn eine unbewältigte innere Problematik am Konflikt beteiligt ist. Ein niedergeschlagenes Selbsterleben kann sich unter ungünstigen Umständen zu einer pathologischen Depression entwickeln, aber damit ist nicht gesagt, dass depressives Reagieren an sich zur nosologischen Bewertung zwingt. Wenn aggressive Gefühle dem verlorenem Objekt gegenüber bestanden bzw. bestehen, diese aber nicht zugelassen werden dürfen, und nicht überwindbar sind, dann kann eine Trauer depressiv untermalt sein. An dieser Stelle deutet sich wieder eine besondere Beziehung zwischen dem Trauernden und seinem verlorenen „Anderen“ an. Eine ambivalente Beziehung, welche das Selbsterleben und das Selbstgefühl beim Trauernden entscheidend mit beeinflusst und geprägt hat und in nicht seltenen Fällen auch über den Tod hinaus auf das Selbst des Trauernden wirkt. Es scheint mir nicht falsch zu sagen: mit dem Tod oder Verlust eines geliebten, identitätsrelevanten Menschen stirbt auch ein Teil des Selbst im Zurückgebliebenen mit. Wenn der Verlust eines wichtigen Menschen auch einen Identitätsverlust bedeutet, dann ist depressives, orientierungsloses Reagieren doch nur allzu verständlich und keineswegs nur pathologisch zu begreifen. Es geht also zum einen um die Art der Beziehung zum verlorenen Objekt, und zum anderen um die Bedeutung des geliebten Objekts für das Selbst des Liebenden bzw. nach Verlusterlebnis Trauernden. Sind alle Menschen, die aufgrund eines Verlusts in einem Trauerphase oder Trauerprozess „stecken bleiben“, depressiv und suizidgefährdet? Einer so gravierende Lebensveränderung wie dem Verlust eines geliebten Menschen, folgt entweder ein Trauerprozess mit dem Ziel der Reorganisation oder aber ein Zustand der psychischen Krise, die sich als unerträgliche Lebensenge negativ verfestigen und ein anderes Dasein als Sehnsucht entstehen lassen kann.

Mit dem Toten ist man mitgestorben, mit dem Verlassenwerden wurde auch ein Teil der eigenen Identität brüchig.

Hiermit sollte nur kurz angerissen werden, was ich in Punkt näher Erarbeiten möchte: Inwiefern ist suizidale Entwicklung immer im engen Zusammenhang mit Verlusterlebnissen zu verstehen? Sind die psychischen Lebenskrisen, die bis zur Suizidalität führen können, immer von einem Verlusterlebnis ausgehend? Sind suizidale Tendenzen immer in Umgang mit Trauer zu suchen? Verbirgt sich Suizidalität in einem spezifischen Trauerprozess?

Freud sagt, dass sich die melancholische Trauer mit der „normalen“ Trauer seelisch gleich auszeichnet – „dasselbe ist“,[43] bezüglich einer tiefen schmerzlichen Verstimmung, Interesselosigkeit, Verlust der Liebesfähigkeit. Der signifikante Unterschied liegt im Selbsterleben, – im Selbstgefühl, hier deutet sich der psychodynamische Zusammenhang zwischen Selbsterleben und Verlusterleben an. Dieser psychodynamische Gedankengang Freuds wurde, neben anderen, von Henseler aufgegriffen und findet sich in seinem Modell der narzisstisch labilen Persönlichkeit wieder, welche aufgrund ihrer besonderen Emotionalität sensibler bzw. verletzlicher auf Verluste reagiert bzw. sich durch eine Wahrnehmungs- und Bedeutungssensibilität auszeichnet, die in sich die Gefahr einer suizidalen Trauerreaktion trägt.

Somit möchte ich an dieser Stelle überleiten zur Theorie der Suizidalität bei der narzisstisch-labilen Persönlichkeit, nach Henseler.

1.2. Der Suizid als narzisstische Krise

Viele Theorieansätze zur Suizidproblematik nach Freud zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen Aggressionskonflikt ins Zentrum ihrer Überlegungen bezüglich der Suiziddynamik stellen. Henseler[44] beanstandet diese einseitige Überbetonung der Rolle der Aggression und erinnert, dass es primär nicht um die Bewältigung eines Triebkonfliktes ginge, sondern um „die Rettung eines Objektes, das vom Subjekt deswegen für so unverzichtbar gehalten wird, weil es als Teil des narzisstischen Regulationssystems erlebt wird.“[45] Hierzu verweist Henseler, dass Beobachtungen und Erfahrungen in der Praxis oftmals andere Suizidmotive erkennen lassen. Der Aggressionskonflikt fällt hinter Wünsche wie Rückzuck auf einen harmonischen Zustand, Wiedervereinigung, Symbiosewünsche, Neubeginn, Resignation, Flucht, tiefer Friede, friedvoller Schlaf u. a. zurück.[46] Henseler interpretiert diese Phantasien als den Wunsch nach einer sehr frühen Objektbeziehung, in der Selbst und Objekt weitgehend miteinander verschmelzen. Der Verschmelzungswunsch oder auch Symbiosewunsch[47] steht hier im Vordergrund gegenüber aggressiven Motiven, wie die Tötung des introjizierten Objekts, Sühne, Selbstbestratung, Rache und Vergeltung. Diese waren nur bei einem Teil der Suizide ein entscheidender Aspekt.

Ausgangspunkt bei Henseler ist die besondere Art der Objektbeziehungen von Suizidanten. Hier bot ihm Freud mit seiner Gegenüberstellung verschiedener Typen bei der Objektwahl erste Hinweise.

Bei Objektbeziehungen gibt es nach Freud zwei verschiedenen Typen: den Anlehnungstyp welcher eine Person liebt aufgrund der Bedürfnisbefriedigung, die er durch eine andere Person erfährt, und den Narzisstischen Typ, der eine andere Person liebt, weil sie das eigene Selbstempfinden, Selbstbild bestätigt und stärkt, also weil man sich als gleich erlebt. Beim narzisstischen Typus wird die andere Person nicht seiner selbst wegen geschätzt und geliebt, sondern wegen seiner Funktion sich selbst in ihm zu sehen und auch zu schätzen. Hier wird das Objekt also begehrt, weil es etwas von einem selbst hat oder ist[48]. In diesem Zusammenhang spricht Kohut auch von Selbst-Objekten und Freud nennt diese Art der Objektliebe den narzisstischen Typus der Objektwahl. Festzuhalten wäre noch, dass diese beiden Möglichkeiten jedem Menschen offen stehen und keineswegs pathologisch sind.

Freuds Hinweise zur narzisstischen Dynamik des suizidalen Geschehens sind bei Henselers Überlegungen Anknüpfungspunkt: er setzt das Selbstwertgefühl (Narzissmus) ins Zentrum seines theoretischen Modells.[49]

Henselers verbindet objektbeziehungstheoretische Ansätze mit der Selbstpsychologie von Kohut[50] und hat damit narzisstische Beziehungsformen und -phantasien von Suizidanten anhand seiner Untersuchungen an 200 Probanden herausstellen können. In Anlehnung an Kohut (1971) geht Henseler auch von einer relativen Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit eines narzisstischen Regulationssystems aus, welches neben dem Triebregulationsmodell existiert.

Anhand von Beobachtungen von narzisstischen Objektbeziehungen bei Suizidanten hat Henseler ein Modell entwickelt, innerhalb dessen potentiellen Suizidanten neben einer solchen Objektbeziehung auch an einer allgemeinen narzisstischen Problematik leiden: das Modell der narzisstisch labilen Persönlichkeit. Mit Hilfe dieses Modell war es möglich nicht nur genauere Einschätzungen über die Qualität der Objektbeziehung zu treffen, sondern auch über das Selbstbild der Suizidanten, ihren Idealbildungen, ihren Umgang mit der Realität, mit Triebimpulsen und was entscheidend ist: Aussagen über ihre Bewältigungsmöglichkeiten bei Kränkungserlebnissen. Denn das zentrale Symptom narzisstisch gestörter Persönlichkeiten ist ihre enorme narzisstische Verletzbarkeit.[51] Bevor ich Henselers Sichtweise zur Suizidalität darstelle, soll noch auf den Begriff des Narzissmus eingegangen werden.

1.3. Narzissmus – kurze Begriffsklärung

Der Begriff und das Konzept des Narzissmus wurden von Freud 1914 in der Arbeit „Zur Einführung des Narzissmuss“ in die psychoanalytische Theorie eingeführt und seither uneinheitlich genutzt.[52] Erst seit den 60er und 70er Jahren versteht die Psychoanalyse darunter die verschiedenen Zustände des Selbstwertgefühls, der affektiven Einstellung des Menschen zu sich selbst. Mit diesem neuen Verständnis von Narzissmus, als Bezeichnung des Selbstwertgefühls, begann zwar eine allmähliche Auflösung des abwertend assoziierten Begriffs „Narzissmus“, aber der Bezeichnung „Narziss“ bleibt das negative Bild eines selbstverliebten Egozentrikers anhaften.

Wichtige Einflussperson für diese Veränderung des Verständnisses von Narzissmus war Heinz Kohut, welcher als Erweiterung der Psychoanalyse die Selbstpsychologie begründet, und damit einen Wechsel der Bewertung des Narzissmus als bedeutendes Modell für die psychische Gesundheit eingeleitet hat.

In diesem Sinne bezeichnet Narzissmus ein System von Libidobesetzungen. Hierbei werden aber nicht Eltern oder Liebespartner besetzt, sondern eine eigene innerpsychische Instanz. Also eine Abwendung der Person vom Objekt zum Selbst hin.

Diese innerpsychische Instanz wird sowohl von Kohut als auch von Kernberg (einen weiteren namhaften Vertreter zur Narzissmusproblematik) als Selbst bezeichnet.

Kohut[53] postuliert neben den psychischen Instantzen Ich, Es, Über-Ich, das Selbst als eigene psychische Struktur anzusehen; Kernberg hingegen versteht das Selbst als Teil des Ich und definiert es als intrapsychische Struktur, die sich aus Selbstrepräsentanzen[54] mit ihren affektiven Gehalten konstituiert. Er geht von keiner eigenständigen narzisstischen Entwicklung aus: „Im Gegensatz zu Kohuts Theorie, nach der narzisstische Besetzung und Objektbesetzung an einem gemeinsamen Punkt beginnen, sich dann aber unabhängig voneinander entwickeln, glaube ich, daß die Entwicklung von normalen und pathologischen Narzißmus immer die Beziehung des Selbst zu Objektvorstellungen und äußeren Objekten umfaßt“[55].

Ich möchte an dieser Stelle auf eine Auseinandersetzung der unterschiedlichen Positionen bezüglich der Genese des Narzissmus verzichten und lediglich verdeutlichen, dass Narzissmus in zwei unterschiedlichen Kontexten und Bedeutungen gebraucht wird: Narzissmuss als Schutz- bzw. Abwehrvorhang (Rückzug vom Objekt weg und Zuwendung zum Selbst hin - Selbstliebe) und Narzissmus als System des Selbst. Hier steht das Narzisstische im Gegensatz zum Objektbezogenen. Die zweite Bedeutung spielt für diese Arbeit insofern eine wesentliche Rolle, als dass, sie die Wichtigkeit und den Einfluss von Objektbeziehungen, die zur Erhöhung des Selbstwertgefühls oder Selbstidentität beitragen anzeigt. Hier ist dem Narzisstischen, das Triebbezogene entgegenzusetzen, denn es ist hier oft objektbezogen, da die narzisstische Homöostase sehr stark von der narzisstischen Zufuhr, also von Objekten, abhängig ist.[56]

Im Rahmen der Definition, innerhalb der unter Narzissmus die verschiedenen Zustände des Selbstwertgefühls verstanden werden, umfasst der Narzissmus alle ,,Bedürfnisse, Befriedigungen, Affekte, Mechanismen usw., die bei der Selbstkonstituierung, Selbstentfaltung und insbesondere der Regulation dieses Selbstgefühls beteiligt sind“[57]. Handelt es sich bei diesem um eine realitätsgerechte Einstellung, dann spricht man vom gesunden Narzissmus. Eine narzisstische Störung äußert sich in einem übertriebenen Selbstbild („einsame Größe“) oder übertriebenem Minderwertigkeitsgefühl (Wertlosigkeit). Das Selbstwertgefühl schwankt dabei zwischen den Extremen, etwas ganz Besonders oder aber etwas völlig Nichtiges zu sein.[58] Henseler betont in diesem Zusammenhang, dass festgehalten werden muss, dass „das Schwanken des Selbstgefühl nicht etwa zwischen einem realistischen Selbstbild und Zweifeln an ihm, sondern zwischen den Polen von Wertlosigkeit und einsamer Größe geschieht.“[59] Beide Überzeugungen sind realitätsfern und stellen Größenphantasien dar und übertragen sich auch im Umgang und in der Einschätzung nahestehender Bezugspersonen. Henseler vermutet, dass diese Größenvorstellungen es sind, die „paradoxerweise lebenserhaltende Wirkung“[60] haben. Denn das Wissen um die Möglichkeit, sich umbringen zu können, wirkt beruhigend. Beruhigend in dem Sinne, dass Befürchtetes aktiv vorweggenommen werden kann und darin sich wieder ein Machtgefühl sichern lässt.

Ringel hat zum Werterleben nachgewiesen, dass bei der „suizidalen Persönlichkeit“ objektive Werte an Bedeutung verlieren, realitätsfremde, subjektive Wertvorstellungen dagegen wuchern und bestimmend werden.[61] Diese Erhebung von Ringel findet im Zusammenhang der von Freud herrührenden Feststellung, dass der suizidgefährdete Mensch unter einem hochgespannten, strengen und rigiden Über-Ich stehe, Bestätigung. Beide Überlegungen deuten auf ein sehr hohes, unrealistisches Idealselbst, welches als Folge des strengen Über-Ichs zur Irritierbarkeit des Selbstwerterlebens führt.[62]

Ein neben dem der Triebregelung wichtiges System in der Psyche des Menschen ist also das narzisstische Regulationssystem, worunter die Aufrechterhaltung eines affektiven Gleichgewichts bezüglich der Gefühle von innerer Sicherheit, Wohlbehagen, Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit verstanden wird.

Henseler ist der Meinung, dass es sich als nützlich erweist, wenn man in Konfliktsituationen, wie z.B. in suizidalen Krisen, genau unterscheidet, um welche Art Konflikt es sich handelt: um einen Triebkonflikt (Aggressionsbewältigung) oder um eine narzisstischen Konflikt (Kränkungsbewältigung). Wenn es sich um einen narzisstischen Konflikt handelt, so Henseler, dann handelt es sich gleichzeitig um eine narzisstische Beziehung, also um solche, in denen der Zweck darin besteht das Selbstwertgefühl durch diese Objektbeziehung zu erhöhen.

Wie entstehen diese primärnarzisstischen Phantasien und wie kommt es zu einer Funktionsstörung des narzisstischen Regulationssystems, so dass ein Mensch von der Selbstentfaltung zur Selbstvernichtung getrieben wird? Dieser Frage möchte ich im nächsten Punkt, in dem ich Henselers Theorie wiedergebe, nachkommen.

1.4. Das narzisstische Regulationssystem (nach Henseler)

Ausgangspunkt der Narzissmustheorie ist der frühe psychophysiologische Zustand des Kindes nach dem Modell der intrauterinen Einheit von Mutter und Kind. Dieser Zustand wird auch Primär- oder Urzustand genannt und mit einem Empfindungserleben von Harmonie, Behagen, Spannungsfreiheit, fragloser Sicherheit und Geborgenheit in Verbindung gebracht .An diese Mutter-Kind-Dualunion kann man sich nicht erinnern, aber man kann sie sich aus dem Verhalten des Säuglings erschließen. Sehnsüchte danach stecken in jedem Menschen, und äußern sich im Erwachsenenalter in den verschiedenen Beziehungsmustern als auch Bindungsstilen mit denen der Mensch engere Beziehungen sucht und sich in ihnen bewegt. Spezifische Überlegungen zu narzisstischen Beziehungsverhalten möchte ich in Punkt 3.3. dieser Arbeit vorstellen

Eine in jedem Menschen angesiedelte Sehnsucht nach diesem harmonischen Zustand wird auch hier wieder bei Freud deutlich gemacht: „Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom primären Narzissmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wiederzugewinnen.“[63]

Im Folgenden möchte ich diesen Vorgang näher skizzieren: Nach der symbiotischen Phase, also ungefähr ab dem sechsten Lebensmonat (n. M. Mahler) folgt die Phase der Individuation und Seperation[64],ein wichtiger Entwicklungsschritt und notwendiger Bestandteil jeden menschlichen Lebens: der Prozess der Subjektwerdung. Diese Phase geht mit einer Urverunsicherung einher: der Trennung von Selbst und Objekten.

Besondere Bedeutung hat hier die mit zunehmender Wahrnehmungsfähigkeit (das Kind beginnt sich immer mehr für seine Umwelt zu interessieren) wachsenden Bedürfnissen des Kindes als auch die nun unvermeidlichen Frustrationen des extrauterinen Lebens. Das Selbst entsteht sozusagen durch Unlusterfahrungen, diese Erfahrungen sind es, die das Kind zwingen, Objekte wahrzunehmen und anzuerkennen. Damit wird der harmonische Primärzustand zunehmend in Frage gestellt und erschüttert. Es erfolgt eine Abwendung von der Mutter mit dem wichtigen Versuch, die Erinnerung an sie bei Abwesenheit aufrechtzuerhalten. Wie wichtig eine schützende, haltende Atmosphäre in der symbiotischen Phase ist, habe ich bereits an anderer Stelle erläutert. Hier sei noch einmal erwähnt dass eine positive Atmosphäre deshalb von so großer Bedeutung ist, weil eben erst dadurch ein erfahrbarer Halt - eine Sicherheit entsteht, um loslassen zu können.

Die Erschütterung des Primärzustands zieht zwei wesentliche Folgen nach sich:

Zum einen stellt sie einen enormen Anreiz für die Ich-Entwicklung dar. Das Kind entnimmt aus den Unlusterfahrungen, dass außer ihm etwas existiert - etwas Anderes, Nichtidentisches mit ihm. Es erkennt, dass es auch inneres Erleben hinter äußerem Verhalten gibt. Über verschiedene Vorstufen entstehen nach und nach erste innere Bilder der eigenen Person (Subjektrepräsentanzen) als auch der Objekte (Objektrepräsentanzen), welche als getrennte Einheiten erlebt werden können. Zum anderen stellt die Trennung aus der Symbiose eine unerträgliche Enttäuschung und Verunsicherung dar, welche Gefühle von Angst und Ärger nach sich ziehen. Diese Erfahrungen stellen traumatische Erfahrungen dar, denen sich kein Mensch entziehen kann, und als „Urverunsicherung“ bezeichnet werden könnten. Entscheidend für eine konfliktfreie, gesunde Entwicklung des Selbst ist es, wie gut in diesem Prozess der Urverunsicherung bzw. des Urmisstrauens, nahe Bezugspersonen befähigt sind, diese traumatischen Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ohnmacht auszugleichen. Wie katastrophal diese Urverunsicherung erlebt wird, wird u. a. in den Anstrengungen vor einem Wiedererleben dieser Verunsicherung zu flüchten, deutlich.[65]

[...]


[1] Ausnahmen könnten hier „lediglich“ die Flucht vor absehbaren Misshandlungen oder Foltersituationen sein wie z.B. in Konzentrationslagern.

[2] Vgl. hierzu auch Durkheim, 1990, S. 32, welcher attestiert, dass „jede[r] Gesellschaft… eine bestimmte Neigung zum Selbstmord“ innewohnt. Hier sei nur auf Schlagbegriffe wie Leistungsgesellschaft, Zunahme der Normierung erinnert oder an die Kehrseite des der leistungsorientierten Gesellschaft innewohnenden Prinzips: „Jeder ist seines Glückes Schmied“, dass innerhalb einer solchen Ideologie der Aufstiegsmöglichkeiten jedes Einzelnen das Problem der Erfolglosigkeit kaum oder überhaupt nicht integriert ist.

[3] Vgl. Scobel in: Henseler/Reimer,1981,S.100. Scobel vertritt die Meinung dass jeder Mensch suizidale Phantasien bis hin zu suizidalen Phasen entwickeln und erleben kann. Schwere Formen der Lebensunzufriedenheit nennt er in diesem Zusammenhang als die Bedingungen dafür.

[4] Amery, 1976, S. 54

[5] Amery, 1976, S. 52

[6] Ringel, 2002

[7] vgl. Michel,2002, S.732

[8] vgl. Bakan 1968, zitiert nach Henseler, 1974, S.21

[9] Sachse, 2001, S.13

[10] Mentzos, 1981, S.19

[11] Hier sollen die problematischen Begriffe der „Krankheit“ und der „pathologischen Symptome“ umgangen werden, obgleich diese medizinisch-gesellschaftlichen Konstruktionen eine Kategorisierung und somit auch Verständigung vereinfachen, jedoch nichts objektiv-meßbares sind, aber immer eine ideologische Diskussion über psychische Krankheiten bzw. was unter gesellschaftlicher Normalität gilt- wann ist das Krisenerleben „krankhaft“ in sich trägt.

[12] Henseler,1774, S. 33.; Haenel,1989, S. 88

[13] Mentzos, 1991, S. 16

[14] Ringel, 1980

[15] vgl. Haenel, 1990, S.7f

[16] Haenel, 2001, S.9

[17] Giernalczyk 1997, zitiert nach ders.,2001, S.133

[18] In der Literatur wird das Krankheitsbild der Depression zu oft in einm Zusammenhang gestellt. Obgleich depressiv erkrankte Menschen mehr gefährdet sind, so ergibt sich aber kein nachweisbarer Ursachenzusammenhang von Suizidalität und Depression. Suizidalität kann letzter Schritt einer depressiven Dynamik sein.

Depressive müssen sich nicht zwangsläufig suizidieren und nicht alle Menschen die Suizid begehen sind depressiv. Beide Phänomene sollen daher nicht als Gleichung, etwa im Sinne eines ursächlichen Zusammenhangs betrachtet werden. Obgleich im DSM IV Suizidalität als eines der neun Symptome depressiver Schübe steht, möchte ich hier noch einmal darauf hinweisen, das Suizidalität nicht „nur“ als Auswirkung einer depressiven Störung zu verstehen ist. Schließlich soll diese Erwähnung noch einmal die Einstellung, man müsse „nur die Depression erfolgreich behandeln und damit wäre auch die Suizidalität vorüber“ in ein kritisches Licht stellen. Abgesehen davon: wenn Depression diagnostiziert wird, wenn mind. fünf von neun Symptomen zutreffen, dann stellt sich doch die Frage nach der Wilkür; denn es kann genauso gut sein, das eins schon unangenehm genug sein kann oder auch dass alle neun Symptome in eher milderer Form auftreten und weniger schlimm erlebt werden.

[19] Siehe hierzu: „Endlich muss uns auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz so benimmt wie ein normalerweise von Reue und Selbstvorwurf Zerknirschter. Es fehlt das Schämen vor anderen, welches diesen letzteren Zustand vor allem charakterisieren würde.“ Freud, 1992, S. 177

[20] ebd.

[21] Freud, 1992, S.178

[22] vgl., ebd. S. 179

[23] Freud, 1992, S.178

[24] Mit der „besondere Instanz“ ist das Konzept des Über-Ichs gemeint, was Freud unter dieser Bezeichnung jedoch erst 1923 genauer untersucht hat und seinen gültigen Namen erhält.

[25] Freud,1992, S. 179

[26] „Die Ambivalenz ist das normale Charakteristikum jeglicher menschlichen Existenz, da das Realitätsprinzip außerstande ist, uns absolute Lust, noch absolute Unlust zu bescheren. Das Sowohl-Als auch ist das Grundgesetz- zumindest in optimaler Mischung- eines normalen Menschenlebens“(Caruso, 1974, S.61)

[27] vgl. Freud. S. 181 f

[28] Freud, 1992, S.181

[29] ebd.

[30] Freud, 1992, S. 179

[31] Nach Freud unterscheidet man den primären und sekundären Narzissmus. Beim primären Narzissmus richtet das Kleinkind seine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst. Beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen (Regression).

(vgl. Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Narzissmus)

[32] ebd., S.180

[33] Hier möchte ich auf M. Mahler (1972, S.17) hinweisen: „Die inneren (!) Empfindungen des Säuglings und Kleinkindes bilden den Kern des Selbst. Sie scheinen der Mittel-, der Kristallisationspunkt des Selbstgefühls zu bleiben, um das herum das Identitätsgefühl errichtet wird.“ (zitiert nach Miller, 1983, S.22)

[34] Miller, 1983, S. 21

[35] Mahler, 1972, S. 79

[36] Freud, 1992, S. 180

[37] ebd.

[38] Abraham 1924, zitiert nach Henseler, 1974, S.61

[39] vgl. Henseler, 1974, S.61

[40] Freud, 1992, S.182

[41] Freud, 1992, S. 182

[42] „Menschen, die bewusste Trauer vermissen lassen, werden immer als selbstbewusste Menschen beschrieben, die stolz sind auf ihre Unabhängigkeit und ihre Kontrolliertheit, die Gefühlsäußerungen gegenüber abgeneigt sind, die Tränen als unangebrachte Weichheit auffassen und die nach einem Verlust weiterleben, als wenn nichts passiert wäre.“ (Kast, 1982, S.85 )Obgleich mehrere Gründe für solch ein Abspalten der Trauer führen können, scheint belegt zu sein, dass besonders dieser „tapfere“ Mensch es ist, der die Trauer verdrängt und dann von ihr eingeholt wird, in Form einer Depression. (Vgl. ebd., S.86)

[43] Freud, 1992, S.174

[44] Auch andere Autoren schränken die Bedeutung der Aggressionsproblematik ein und kritisieren eine Überbetonung derselben in der Suizidliteratur oder erheben kritische Einwände, Suizid primär als Wendung von Aggression zu bewerten. Dieser Einwand wird damit begründet, dass eine einseitige Charakterisierung der Suizidhandlung als autoaggressiver Akt das subjektive Erleben nicht berücksichtigt. Gleichzeitig sei aber neben dieser nachvollziehbaren Einwands bzw. dieser Kritik auch daran erinnert, dass sich der aggressive Impuls- die Wendung gegen die eigne Person innerhalb von Suizidalität immer wieder bestätigt und in Tests belegt sei. Henseler verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Aggressionsproblematik nicht als generell zu betrachten ist, sondern sich immer auf spezifische Situationen (z.B. aggressive Auseinandersetzungen, Machtkämpfe innerhalb Interaktionen) bezieht. (vgl. Henseler, 1974, S.44 -46)

Auch Pohlmeier (Pohlmeier, S: 44) stimmt dahingehend zu, das Aggression überschätzt und zu oberflächig zur Erklärung der Selbstzerstörung herangezogen wurde und räumt ihr eine nebengeordnete Rolle ein. Allerdings sagt er auch, dass es nicht bestreitbar ist, dass ohne Aggression kein Suizid möglich ist, denn „sie gehört zum Ausweg aus dem narzisstischen Konflikt unbedingt mit dazu.“ ( ebd. S.44)

[45] Henseler in: Henseler/Reimer, 1981, S.117

[46] vgl. Henseler/Reimer, 1981, S.118- 119

[47] An dieser Stelle wäre vielleicht, anlehnend an Küchenhoff (2001), zu fragen, ob diese Beschreibung Suizidalität als symbiotische Phantasie zu deuten nicht zu einseitig ist. Anmerkungen macht er insofern, als dass er feststellt, dass symbiotische Phantasien zwar wichtig und richtig aber nicht ubiquität sind. Kritikabel scheint ihm auch, dass diese Phantasien um Neubeginn in ihrer Bezeichnung als symbiotisch zu sehr in ein regressives Muster gedrückt werden, denn für ihn ist es fragwürdig, ob die begleitete Objektphantasie wirklich darauf abzielt symbiotische Wünsche zu erfüllen. Er stellt zur Diskussion, ob nicht auch das ersehnte primäre Objekt das ist, was Erfahrungen aufnimmt und aushält, und weiter: ob das Objekt es ist, welches Destruktivität erträgt. Seiner Meinung nach, wird in diesen Suizidphantasien auch ein Objekt gesucht, welches Repräsentationen von Erfahrungen überhaupt erst ermöglicht. Er ist der Ansicht, dass der Suizid(versuch) einen verzweifelten und oft scheiternden Versuch darstellt, „etwas zur Sprache zu bringen, das bislang nicht ausgedrückt werden konnte. (…) Suizidversuch ist ein Repräsentationsversuch, und zwar in einem Doppelsinn; es soll eine unaussprechliche oder undenkbare Erfahrung denkbar werden, oder es sollen Voraussetzungen geschaffen werden, das Undenkbare schließlich denken zu können. Der Suizidant ringt um die Möglichkeiten, Erfahrungen verarbeiten zu können, und er ringt nur zum Teil mit inneren Objekten, er ringt auch mit den Anderen, den Mitmenschen.“ (ebd. S, 70)

[48] vgl. Henseler in: Henseler/Reimer, 1981, S.119

[49] „Setzt man die Akzente etwas anders, läßt sich schon Freud (1916) so interpretieren, daß die beschriebene Lösung des Aggressionskonflikts eine narzißtisch gestörte Persönlichkeit voraussetzt und daß für die Auslösung des Konflikts das Versagen eines nazißtischen Objekts maßgeblich ist. Konsequent weitergedacht wäre die Aggressionsumkehr etwas Sekundäres, die Beeinträchtigung des Narzißmus das Primäre.“ (Henseler,1974, S. 70 – 71)

[50] Heinz Kohut begründete als Weiterführung der Psychoanalyse Freuds in den 60er Jahren die Selbstpsychologie. Wie sich das Selbst des Menschen (von seinen Ursprüngen über die Interaktion mit frühen Bezugspersonen) entwickelt, steht im Mittelpunkt des Interesses. Die Entwicklung des Selbst im Zusammenhang zwischenmenschlicher, intersubjektiver Ebene ist hierbei zentraler psychoanalytischer Untersuchungschwerpunkt.

[51] vgl. Henseler in: Henseler/Reimer, 1981, S.121- 122

[52] vgl. Narzissmus als: psychosexuelle Entwicklungsstufe, als Charakteristika einer besonderen Form von Objektbeziehungen, als Bezeichnung verschiedener Arten von Selbstwertgefühl und Selbstwertregulationsprinzipien

[53] vgl. Fiedler, 1994, S. 61 f

[54] „Selbstrepräsentanzen sind affektiv-kognitive Strukturen, die die Selbstwahrnehmung einer Person in ihren realen Interaktionen mit bedeutsamen Bezugspersonen und in phantasierten Interaktionen mit inneren Repräsentanzen dieser anderen Personen, den so genannten Objektrepräsentanzen, widerspiegeln“ (Kernberg, 1975, S. 358). Synonym zu Selbstrepräsentanzen sind auch Selbstbilder oder Selbstvorstellungen.

[55] Kernberg, 1989, S.116

[56] Dies gilt im Übrigen auch für den psychologisch gesunden Erwachsenen, der „weiterhin die Spiegelung des Selbst durch Selbstobjekte [um genau zu sein: durch die Selbstobjekt-Aspekte seiner Liebesobjekte] braucht.“ (Kohut, 1979, S. 163)

[57] Mentzos, 1982, S.52

[58] vgl. Henser, 1974, S.46- 50

[59] Henseler,1974, S. 47

[60] ebd. S. 49

[61] Ringel, 2002, S.117-127

[62] vgl.ebd.

[63] Freud, 1914, zitiert nach Henseler, 1974, S. 74

[64] Vgl. hierzu Mahler et al. (1975) und Winnicott (1971), welche beschrieben haben, mit welchen Schritten und mit welchen Störungsmöglichkeiten die langsame Trennung von Selbst- und Objektrepräsentanzen, der Individuationsprozess, vor sich geht, bis ein kohärentes, kontinuierliches und zunehmend realitätsgerechtes inneres Bild von der eigenen Person und von den umgebenen Objekten entsteht.

[65] Vgl. Henseler, 1974, S. 75

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Selbsterleben in psychischen Krisen - zwischen suizidaler Resignation und Krisenbewältigung in der Sozialpädagogischen Beziehungsarbeit
Hochschule
Hochschule Hannover  (ev. Fachhochschule Hannover)
Note
1,1
Autor
Jahr
2007
Seiten
103
Katalognummer
V78158
ISBN (eBook)
9783638836371
Dateigröße
1009 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbsterleben, Krisen, Resignation, Krisenbewältigung, Sozialpädagogischen, Beziehungsarbeit
Arbeit zitieren
Angelique Bär (Autor), 2007, Selbsterleben in psychischen Krisen - zwischen suizidaler Resignation und Krisenbewältigung in der Sozialpädagogischen Beziehungsarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78158

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