Das Kloster Hirsau


Seminararbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Die Vor- und Frühgeschichte von Hirsau
2.1 Quellensituation und Forschung
2.2 Das erste Aureliuskloster
2.3 Das zweite Aureliuskloster

3 Gründe der Reformbewegung
3.1 Geschichtliche und politische Gründe der Reform
3.2 Die Reformbewegungen in Cluny und Gorze

4 Abt Wilhelm von Hirsau
4.1 Die Einsetzung zum Abt
4.2 Biographische Angaben

5 Die Reform
5.1 Das Hirsauer Formular und seine Papsturkunde
5.2 Hirsaus Stellungnahme im Investiturstreit
5.3 Die Beziehung Cluny - Hirsau
5.4 Die Constitutiones Hirsaugienses

6 Folgen der Reform
6.1 Reaktionen auf die Reform
6.2 Kloster Hirsau nach 1092

7 Abschlussbemerkung

8 Anhang

1 Einführung

Mönchtum bedeutet durch strenge Regeltreue in konsequenter Nachfolge Christi zu leben. Die exakte Befolgung biblischer Richtlinien bringt dadurch für klösterliche Gemeinschaften oft zwangsläufig ein Leben in isolierter Einsamkeit mit sich. Distanz zum Weltgeschehen steht dem Dasein in der Welt gegenüber.

Abb. 2; Ansicht Hirsau

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Doch auch Mönche sind Menschen und ihre Vergangenheit ist nicht ausschließlich die Geschichte fortlaufender Vervollkommnung. Perfekte Lebensform im biblischen Sinne blieb so manches Mal blanke Theorie. Der durch constitutiones und regula konstruierte Alltag erstickte vielfach in unüberlegter Konvention und ritualisierter Gewohnheit. Im 11. und 12. Jahrhundert brachen Geistliche in ganz Europa mit den eingespielten Gewohnheiten und forderten die Rückkehr zur forma prima[1]. Die Bibel sollte wieder zum Leitfaden klösterlichen Lebens werden. Das Zeitalter der Reform war angebrochen.

In Deutschland präsentierte das Kloster Hirsau die Keimzelle jener Entwicklung. Als monastisches Reformzentrum schrieb das kleine Klösterchen im Nordschwarzwald Kirchengeschichte und erlangte so Weltrum.

Im folgenden werde ich mich mit der Frage beschäftigen, warum gerade in Hirsau dieser, die Kirchengeschicht grundlegend verändernde Gedanke aufkeimen und sich durchsetzen konnte.

Im Anschluss daran werden Ausführungen über Verlauf und Inhalte der Hirsauer Reform erläutert. Abschließend werde ich auf ihre Folgen und die Geschichte des Klosters nach 1092 eingehen.

2 Die Vor- und Frühgeschichte von Hirsau

Reformrichtung und Reformpersönlichkeit sind zweifellos immer sowohl von ihren Trägern, als auch von ihrer historischen Vergangenheit abhängig[2]. Die Bewegung im Kloster Hirsau wurde sicher zumindest im Ansatz von seiner eigenen und eigentümlichen Tradition mitbestimmt.

Um die Frage beantworten zu können, wieso in Deutschland gerade in diesem kleinen Kloster an der Nagold jener Reformgedanke aufkam, erscheint es mir deshalb besonders wichtig, die Geschichte Hirsaus von Anfang an zu betrachten.

2.1 Quellensituation und Forschung

Der wissenschaftlich fundierten Darstellung der Geschichte des Klosters Hirsau, vor der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, steht eine problematische Überlieferungssituation gegenüber. So fehlen zu der im 9. Jahrhundert angenommenen Gründung jegliche zeitgenössische Quellen. Eine erste Erwähnung findet das Kloster 1075 in einem ausführlichen Annaleneintrag Bertholds von Reichenau[3] und dem Hirsauer Formular[4]. Letzteres, eine Urkunde Heinrichs IV. vom 9. Oktober 1075, wurde jedoch von der älteren Forschung, auf Grund zeituntypischer Wortwahl (senator), für gefälscht gehalten[5].

Genaueres über die ältere Geschichte des Klosters erfährt man fast ausschließlich aus Quellen mit zweifelhaftem Ruf. Als Beispiel hierfür ist der „Codex Hirsaugiensis“, von Johannes Trithemius und Johannes Parsimonius, zu nennen[6]. Die angeführte Quelle enthält zwei Gründungsberichte, welche sich bis auf den Zeitpunkt, den beide in das Jahr 830 datieren, drastisch in ihren Darstellungen unterscheiden.

In der Reihe der Werke mit zweifelhaftem Ruf sind außerdem noch zwei weitere Quellen des Johannes Trithemius zu nennen. Beide, „Chronicon Hirsaugiense“ und „Annales Hirsaugiense“, erweitern die Fülle der Informationen über das Bekannte hinaus. Die Erwähnung des Mönches Meginfrid von Fulda aber, der in keiner Weise mit Fulda in Verbindung zu bringen ist, erlaubt ein vernichtendes Unteil über den Wahrheitsgehalt beider Dokumente. Die selbe Einstufung kommt der „Helizena-Legende“ aus den „Annales Suevici“ zu.

Glaubwürdigere, aber wegen ihrer Widersprüchlichkeiten kaum hilfreichere Informationen enthalten die „Lamperti Annales“, die „Annalista Saxo“ und „Bertholdi Chronica“. Während die erstgenannte Quelle nämlich die Gründung des Kloster Hirsau in das Jahr 830 datiert, verweisen die „Annalista Saxo“ auf das Jahr 832. Besonderes Aufsehen erregten „Bertholds Annalen“, da sie die Klostergründung in die Herrschaftsperiode von König Pippin einordnen.

Gesicherte Quellen, wie die „Constitutiones Hirsaugienses“ und die „Vita Wilhelmi[7] zeigen sich für die Gründungsthematik unergiebig. Weder Gründer noch Gründungszeitpunkt scheinen eindeutig belegbar[8].

Abb. 3; Das erste Aureliuskloster

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Das erste Aureliuskloster

Fasst man den Inhalt der glaubwürdigeren Quellen zusammen, erhält man folgende Darstellung der älteren Geschichte des Klosters: Um das Jahr 830 brachte Erlafried, ein wohlhabender Graf aus Calw, die Gebeine des 383 in Mailand verstorbenen heiligen Aurelius nach Hirsau „Quo tempore corpus sancti Aurelii de Italia sit translatum, vel quando Hirsaugia sit fundata[9]. Auf von Erlafried gestifteten Land wurde zu Ehren jenes Heiligen ein Kloster errichtet „monasterium construere in predio suo[10] - das erste Aureliuskloster.

Abb. 4; Der heilige St. Aurelius

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Über die Person des heiligen Aurelius wird angenommen, dass er Bischof in Armenien war. Bekanntheit erlangte er, da er der Überlieferung nach den weiten Weg von Armenien nach Mailand antrat, um die Gebeine des Dionysius zu übergeben. Jener mailändische Bischof war wegen Lehrstreitigkeiten nach Armenien ins Exil geflohen und dort verstorben.Nach seinem Tod wurde St. Aurelius neben Dionysius beerdigt. Das in Mailand befindliche Doppelgrab gilt als gesichert.[11]

Wie viele andere Klöster seiner Zeit konnte Hirsau seinen Bestand nicht wahren und verfiel „ex multo iam tempore destructum et direptum“[12].Um das Jahr 1000 bestand das Kloster nur noch als Ruine.

2.3 Das zweite Aureliuskloster

Im Jahr 1049 besuchte Papst Leo IX seinen Neffen Graf Adalbert von Calw. Über die Herkunft des Grafen ist nur wenig bekannt.

Abb. 5; Der Aurelius - Schrein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Papst Leo IX gilt als einer der bedeutendsten Päpste des Mittelalters, der schon früh Reformgedanken vertrat. Bei seinem Besuch in Calw erfuhr er von der misslichen Lage, in die das Kloster Hirsau geraten war. Bei Androhung der Exkommunikation befahl er Adalbert den Wiederaufbau der Klosterruine.

Wiederwillig leistete dieser erst 1059 dessen Befehl Folge[13]a comite Adalberto, uxore eius Wildruda et filiis eorum in id ipsum consentaneis, iam aliquamdiu restauratum[14]

Adalbert von Calw sah Hirsau als sein Eigenkloster an, behielt die Herrschaft, bestimmte die Abtswahl und übernahm die Vogtrechte. Im Jahre 1065 berief er zwölf Benediktinermönche aus Einsiedeln in der Schweiz in das Kloster, an deren Spitze der er Abt Friedrich setzte. Aufgrund ihres Glaubensgrundsatzes ora et labora verlangten diese die Unabhängigkeit des Klosters, um sich so selbst versorgen zu können. Adalbert war deshalb zur Ausstattung des Klosters mit Grundbesitz gezwungen „divina tactus inspiratione ob amorem celestis patrie decrevit deo cenobiale monasterium construere in predio suo, in loco scilicet ameno qui Hirsaugia nuncupatur, idque Christo annuente feliciter et efficiaciter patravit. Nam et monasterium edificavit quod in honore sancti Aurelii confessoris atque pontificis, cuius etiam corpus sacratissimum ibidem reconditum est, consecrati fecit et fratres secundum regulam sancti Benedicti sommo regi militaturos collegit, quibus et de prediis suis, quantum ad corporalem sustentationem sufficeret, contadidit[15]

Ein Grund für das Aufkommen des Reformgedankens in Hirsau ergibt sich, aus den Konfrontationen um Kirchenbesitz und Eigenkirchenwesen. Auseinandersetzungen mit weltlicher Macht, die sich über geistige erhebt, erlebte Hirsau schon in seinen Kindertagen. So setzte Graf Adalbert von Calw den drei Jahre zuvor gewählten Abt Friedrich kurzerhand ab, da ihm dessen Art das Kloster zu verwalten missfiel.

Die Absetzung einer geistlichen Macht durch eine weltliche - für das benediktinische Kloster die größte Schmach. Die Fronten zwischen Eigenkirchenherr Adalbert und der klösterlichen Gemeinschaft Hirsau hatten sich auf das schärfste verhärtet. Der Ausbruch eines offenen Konfliktes schien unabwendbar[16].

[...]


[1] vgl. K. Schreiner, Hirsau und die Hirsauer Reform. Spiritualität, Lebensform und Sozialprofil einer benediktinischen Erneuerungsbewegung im 11. und 12. Jahrhundert, Hg. K. Schreiner, in Hirsau St. Peter und Paul 1091-1991 Bd. 2, Stuttgart 1991, S. 59f

[2] vgl. , S. K. Schmid, Kloster Hirsau und seine Stifter, Hg. C.Bauer, F.Maurer, G.Ritter, G. Tellerbach, in Forschung zur oberrheinischen Landesgeschichte Bd. 9, Freiburg i. Br. 1959, S.12

[3] vgl. Bertholds und Bernolds Chroniken, I. S. Robinson (Hg.), Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 95ff

[4] Hirsauer Formular, D. v. Gladiss, A.Gawlik, Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser- Die Urkunden Heinrich IV., in MGH, Bd. 6, 1941-1978, S.359- 362

[5] vgl. K. Schmid, Kloster Hirsau und seine Stifter, S.13

[6] Codex Hirsaugiensis, E. Schneider (Hg.), Codex Hirsaugiensis, Württ. Vierteljahrsh. Landesgesch., Bd. 10, 1887, Anh. S. 1-78

[7] Vita Wilhelmi; Vita Wilhelmi abbatis Hirsaugiensis auctore haimone,Hg. W. Wattenbach, in Monumenta Germanica historica, Scriptores 12, Hannover 1856, S.210

[8] vgl. K. Schmid, Kloster Hirsau und seine Stifter, S.13ff

[9] Codex Hirsaugiensis, f 25a; ed. E. Schneider, S.25

[10] ebda.

[11] vgl. J. Köhler und Karl Müller, St. Aurelius Hirsau, in: Kleiner Kunstführer Bd. 705, München und Zürich 1991, S.3 f

[12] Bertholds und Bernolds Chroniken, S. 94

[13] vgl. W. Irtenkauf, Hirsau- Geschichte und Kultur, in Thorbecke Kunstbücherei, Lindau 1959,

S. 17

[14] Bertholds und Bernolds Chroniken, S.94

[15] Codex Hirsaugiensis, f 25 a; ed. E. Schneider, S. 25

[16] vgl. W. Irtenkauf, Hirsau – Geschichte und Kultur, S. 18f

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Kloster Hirsau
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V78380
ISBN (eBook)
9783638830515
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kloster, Hirsau, Proseminar
Arbeit zitieren
Linda Claudia Kohl (Autor), 2005, Das Kloster Hirsau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78380

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