Der Intrigant Marinelli in der Darstellung des Edgar Selge: Eine tragisch-komische Figur?


Hausarbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Die Figur Marinelli
I. Marinelli und der Prinz
1. Zusammengehörigkeit vs. Gegensätzlichkeit
2. Werkzeug vs. Drahtzieher
II. Der Intrigant Marinelli
1. Planung der Intrige vs. Maschinerie der Geschehnisse
2. Steigende Verantwortung vs. Hilflosigkeit
3. Selbstbeherrschung vs. Gefühlsausbruch

C. Die Darstellung von Edgar Selge: Tragik vs. Komik
I. Langhoffs Marinelli: Eine komische Figur?
1. Selbstsicherheit
2. Heuchelei
3. Stress
II. Die Tragik des Komödianten
1. Scheitern
2. Mitleid

D. Resümee

E. Literaturverzeichnis

A. Einleitung

In dieser Arbeit untersuche ich die Figur „Marinelli“ aus dem Drama Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing[1] und deren Darstellung von Edgar Selge aus der Inszenierung der Münchner Kammerspiele von Thomas Langhoff aus dem Jahr 1984[2].

Die Arbeit besteht aus zwei Hauptteilen, in denen ich zum einen die Figur Marinelli, und zum anderen speziell die Darstellung von Edgar Selge unter besonderer Berücksichtigung der tragischen und komischen Aspekte, untersuche.

Im ersten Hauptteil versuche ich, die Figur Marinelli ausführlich darzustellen und damit eine Voraussetzung für die im zweiten Hauptteil behandelten tragischen und komischen Elemente der Darstellung von Edgar Selge, zu schaffen.

Aufgrund der Komplexität des Themas konnten einige Themengebiete nur kurz, bzw. gar nicht behandelt werden, da sich die Charakterisierung der Figur oft mit anderen Figuren und deren Charakterisierung überschneidet und vermischt. Die ausführliche Beachtung und Bearbeitung aller Themengebiete hätten sicherlich den Rahmen dieser Hausarbeit überschritten.

Leider wird die Figur Marinelli und in einem Großteil der Literatur nur kurz oder gar nicht behandelt, da sie in den häufigsten Fällen nur zur Charakterisierung des Prinzen oder zur Beschreibung des Hoflebens an sich dient. Die zur Untersuchung der Thematik ausgewählten Autoren wie Ernest Stahl, Gerhard Bauer, Manfred Durzak und Horst Steinmetz wurden, wo es mir nötig erschien, noch von anderen Autoren ergänzt, um ein möglichst umfassendes Bild von Marinelli liefern zu können.

B. Die Figur Marinelli

I. Marinelli und der Prinz

1. Zusammengehörigkeit vs. Gegensätzlichkeit

Um die Figur des Marinelli ausführlich darzustellen, ist die Betrachtung des Prinzen Hettore Gonzaga und das Verhältnis der beiden Figuren zueinander notwendig. Schon beim ersten Lesen des Dramas fällt auf, dass zwischen den beiden Figuren eine Umkehrung der Positionen stattfindet: Marinelli, der Kammerherr, übt eine ungewöhnlich hohe Macht auf den Prinzen aus, während der Prinz selbst seinem Kammerdiener untergeordnet zu sein scheint. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass beide Figuren in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Marinelli genießt Narrenfreiheit unter der Obhut des Prinzen und kann sich durch seine fast uneingeschränkte Macht als einziger Vertrauter des Prinzen den eigenen sozialen Aufstieg am Hofe sichern. Hierfür benötigt er jedoch den Prinzen und dessen „unschätzbare, nie zu verscherzende Gnade“[3]. Im Gegensatz dazu ist der Prinz auf die Intelligenz und Intriganz seines Höflings angewiesen, da er selbst nicht dazu imstande ist, seine eigenen Wünsche zu realisieren. Er lässt Marinelli die „Drecksarbeit, die moralische wie die physische“[4] machen und gibt ihm hierfür die notwendige, uneingeschränkte Handlungsfreiheit[5]. Somit sind sie aufeinander angewiesen und präsentieren sich als ungleiches und doch zusammengehöriges Paar.

In der Umkehrung des sozialen Ranggefüges zwischen Herr und Diener lässt sich jedoch nicht nur Zusammengehörigkeit, sondern auch die besonders ausgeprägte Gegensätzlichkeit der Figuren erkennen. Schon in einer der wichtigsten (adligen) Eigenschaften, dem Standesbewusstsein, unterscheiden sich beide Charaktere: Während der Prinz unzufrieden mit seiner Position und den damit verbundenen Aufgaben ist[6] und Marinelli ihm sein „Standesbewusstsein gewissermaßen nachschleppen muss“[7], ist sich der Kammerdiener des Prinzen sehr wohl seines Standes, nämlich dem über dem Bürgertum, und der damit verbundenen Macht bewusst. Er weiß, dass er als stiller Machthaber im Hintergrund bleibt, da die Verantwortung für alle Geschehnisse ja trotz allem auf den Prinzen übertragen wird. Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass er sich in Selbstbeherrschung übt: Er weiß, dass es für ihn keine geeignetere Position geben könnte. Somit lehnt er auch Gefühle, Leidenschaft und ganz besonders Liebe ab, die die Gedanken verwirren und keine Berechnung zulassen (und im besonderen Falle des Prinzen diesen vom Herrscheramt und der gesamten höfischen Lebensform entfernen und entfremden). Diese Berechnung stellt eines der Hauptmerkmale in Marinellis Charakter dar, denn durch sie weiß er seine Position und Macht zu halten. Als der Prinz dann aber eben aus Liebe und Verzweiflung handelt, zu Emilia in die Kirche geht und ihr seine Liebe gesteht, gerät Marinellis Macht ins Schwanken: Der Prinz handelt plötzlich eigenmächtig und misstraut Marinelli. Dies soll später zu Marinellis persönlichem Untergang führen.

Doch das „fehlende“ Standesbewusstsein reicht noch weiter; während Marinelli das Bürgertum und insbesondere Personen aus dem Adel, die sich dem Lebensstil des Bürgertums anschließen (Appiani), verachtet, scheint der Prinz keinen großen Wert darauf zu legen, ob die Frau, die er liebt (bzw. die er zu seiner Geliebten machen will), dem Bürgertum oder dem Adel angehört. Der Prinz ist unvoreingenommener als Marinelli, so verurteilt er weder Odoardo noch Appiani aufgrund ihrer Standeszugehörigkeit oder der Verwirklichung ihres Lebensstiles[8], sondern schätzt deren menschliche Qualitäten – jedenfalls so lange, bis er feststellt, dass sowohl Appiani als auch Odoardo in enger Verbindung mit seiner Angebeteten stehen und ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, seine Pläne durchkreuzen.

Doch selbst in dieser Lage vergisst er nicht die Moral und hat Bedenken, die Pläne von Marinelli gutzuheißen. Er selbst hat sich schon damit abgefunden, dass Emilia einem anderen zugesprochen wird, und bereitet sich auf den Verzicht vor, doch Marinelli weiß ihn mit List und Tücke zu überzeugen (nämlich indem er genau diese Leidenschaftlichkeit des Prinzen anspricht, die er so verabscheut), seinen Plänen zu folgen. Im Laufe des Dramas stellt sich heraus, dass Marinelli keinerlei Skrupel hat und weder vor Lügen und Intrigen noch Verbrechen zurückschreckt.

Doch auch der Prinz handelt: Der Besuch in der Kirche mag zwar weitaus harmloser erscheinen als die Intrigen Marinellis, hat jedoch sehr viel weitreichendere Folgen. Denn nur durch den Besuch in der Kirche und das Liebesgeständnis an Emilia weiß Claudia Galotti von den Gefühlen des Prinzen und kann das später folgende „Marinelli!“ des sterbenden Grafen verstehen. Somit misslingt die Intrige und endet in der Katastrophe – auch für Marinelli. Ihn treibt die so verhasste Leidenschaft des Prinzen in den persönlichen Untergang.

Neben zahlreichen anderen Gegensätzlichkeiten, die hier leider nicht alle aufgeführt werden können, möchte ich noch auf ein ganz besonderes Merkmal zwischen Marinelli und dem Prinzen hinweisen: „ … die merkwürdigsten Freiheiten seinem Gebieter gegenüber (…) und offene Kritik an seinen Handlungen (…).“[9]. So darf Marinelli nicht nur in die Pläne des Prinzen eingreifen, sondern ihn auch kritisieren, ihn sogar demütigen:

Der Prinz. Diese Emilia Galotti? – Sprich dein verdammtes „Eben die“ noch einmal, und stoß mir den Dolch ins Herz!“

Marinelli. Eben die.

Der Prinz. Henker! – Diese? – Diese Emilia Galotti wird heute ---

Marinelli. Gräfin Appiani! – (…)“[10]

Es zeigt sich, dass der Prinz ein ausgesprochen schwacher Herrscher ist, der eine Person wie Marinelli nicht nur benötigt um die eigene, scheinbar vorhandene Macht zu erhalten, sondern auch um einen Großteil der tatsächlich vorhandenen Macht auf sie abzuwälzen. Insofern bilden die beiden, trotz aller Gegensätzlichkeiten, eine perfekte Symbiose: Der Prinz könnte ohne Marinelli und Marinelli nicht ohne den Prinzen herrschen.

2. Werkzeug vs. Drahtzieher

Die Frage, ob Marinelli ein Werkzeug des Prinzen oder aber doch Drahtzieher der Intrigen ist, wirft verschiedene Theorien auf. So behauptet beispielsweise Manfred Durzak, „die reibungslos arbeitende Intelligenz Marinellis“ sei für den Prinzen „nur ein Werkzeug (…), das häufig das nur dumpf vom Prinzen Empfundene in effektvolle Aktionen umsetzt“[11]. Auch Paul Michael Lützeler äußert sich ähnlich: „Lessing lässt nämlich den Prinzen die Rolle des Intriganten im Stück übernehmen (…). Das konventionelle Trauerspiel der Zeit weist ja die Charge des Intriganten einem Höfling, dem Herrscher aber die Rolle des letztlich Nicht-Schuldigen oder des Unwissenden zu. In Emilia Galotti aber macht der Prinz die Sache der Intrige zu seiner eigenen und sucht sie dritten gegenüber zu vertuschen.“[12]

Ich denke nicht, dass der Prinz der eigentlich Machthabende ist und werde im Folgenden versuchen, meine These zu begründen. Zunächst einmal glaube ich nicht, dass die Gefühle des Prinzen „nur dumpf“ empfunden werden, wie Durzak sich ausrückt, vielmehr vertrete ich die Auffassung, dass der Prinz sehr intensiv empfindet, nur nicht immer klar und deutlich seinen Willen artikuliert. Bevor der Prinz sich äußern muss greift Marinelli ein und liest dem Prinzen „jedes Wort von den Lippen ab“, noch bevor der Prinz es ausgesprochen hat. Dies ist einfacher, für beide: der Prinz bringt sich in keine peinliche Situation (denn später könnte es sich um einen Befehl von ihm handeln und nicht um ein Missverständnis oder ein Verschulden des Kammerdieners) und Marinelli kann die Wünsche des Prinzen nach eigenen Interessen „formen“. So „bettelt“ der Prinz in I,6 geradezu um Marinellis Eingreifen: „ (…) Retten Sie mich, wenn Sie können. (…)“[13]. Marinelli lässt sich das nicht zweimal sagen: er versichert sich, freie Hand zu haben und plant dann seine Intrige gegen Appiani.

[...]


[1] Für die Arbeit wurde G.E. Lessing, Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Reclam Verlag, Stuttgart, 2001 verwendet.

[2] Für die Analyse der Inszenierung von Thomas Langhoff wurden zum einen der ZDF-Mitschnitt von 1984, zum anderen Kritiken und Artikel aus verschiedenen Zeitungen und Magazinen aus dem Jahr der Inszenierung, unter anderem auch aus der Theater-Fachzeitschrift „theater heute“, verwendet. Die Unterlagen stammen aus dem Münchner Stadtarchiv, welches seit 2002 die Archivierung für die Münchner Kammerspiele betreibt.

[3] Lessing, G.E.: Emilia Galotti. Reclam Verlag, Stuttgart, 2001. S. 56, Z.2f

[4] Bauer, Gerhard: G.E. Lessing: „Emilia Galotti“. Wilhelm Fink Verlag, München, 1987. S.24

[5] vgl. Lessing, G.E.: a.a.O., S. 17, Z.35f und S.18, Z.1f

[6] vgl. Lessing, G.E.: a.a.O., S.5, Z.6f

[7] Bauer, Gerhard: a.a.O.,

[8] vgl. Lessing, G.E.: a.a.O., S.14, Z.22-27

[9] Stahl, Ernest: Lessing, Emilia Galotti. in: Wiese, Benno von (Hrsg.): Das Deutsche Drama. Vom Barock bis zur Gegenwart. August Bagel Verlag, Düsseldorf, 1958. S.104

[10] Lessing, G.E.: a.a.O., S.15, Z.30-35

[11] Durzak, Manfred: Zu Gotthold Ephraim Lessing. Poesie im bürgerlichen Zeitalter. Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1984. S.53

[12] Lützeler, Paul Michael: Lessings Emilia Galotti und Minna von Barnhelm: Der Adel zwischen Aufklärung und Absolutismus. in: Hohendall, Peter Uwe (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaft Band 11, Legitimationskrisen des deutschen Adels 1200 bis 1900. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1979. S.102f

[13] Lessing, G.E.: a.a.O., S.17, Z.11f

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Intrigant Marinelli in der Darstellung des Edgar Selge: Eine tragisch-komische Figur?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Medien und Theater)
Veranstaltung
Einführung in die Dramenanalyse
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V78424
ISBN (eBook)
9783638846301
ISBN (Buch)
9783638843805
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intrigant, Marinelli, Darstellung, Edgar, Selge, Eine, Figur, Einführung, Dramenanalyse, Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Lisa Bitzer (Autor), 2003, Der Intrigant Marinelli in der Darstellung des Edgar Selge: Eine tragisch-komische Figur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78424

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