In Brecht einzigem „Volksstück“ werden hinter Schwank und burlesker Leichtigkeit der starke Gegensatz zwischen einem finnischen Gutsbesitzer und seinem Chauffeur und Knecht kritisch dargestellt.
Nach einer Darstellung der komplexen Enstehungsumstände wird ein Vergleich zwischen der Titelfigur des Brecht’schen Dramas, dem „Knecht Matti“ und zwei vermeintlichen Vorlagenfiguren in früheren Volksstücken gezogen. Inwiefern waren diese Figuren Wegweiser, Vorbilder oder Gegenbilder zu Brechts Konzept der Knechtfigur Matti?
Als Grundlage für die weiteren Darstellungen soll zunächst die Figur Matti untersucht werden. Dabei soll mit der zentralen Herr-Knecht-Beziehung begonnen werden. Inwieweit stehen Puntila und Matti in Abhängigkeit zueinander? Wie wird dieses Verhältnis gezeichnet?
Daraufhin sollen Mattis Charakterzüge gesondert betrachtet und schließlich sein Verhältnis zu Puntilas Tochter Eva untersucht werden.
Auf Grundlage der Darstellung Mattis soll in Zuckmayers Volksstück „Der fröhliche Weinberg“ das vermeintliche Pendant zu Matti, der Rheinschiffer Jochen, innerhalb der entsprechenden Figurenkonstellation betrachtet werden. Dass die Figur Jochen wirklich als Vorlage diente, ist genauso umstritten wie auch, ob es sich bei diesem Stück um die wirkliche Vorlage für Brechts Puntila handelte und soll anschließend anhand des Forschungsdiskurses dargestellt werden.
Das zweite zu untersuchende Volksstück, die „Sahanpuruprinsessa“, (auf Deutsch: „Die Sägemehlprinzessin“) von Hella Wuolijoki, die Brecht als Vorlage für seinen „Puntila“ diente, liegt für diese Arbeit in einer deutsch übersetzten Filmfassung vor. Interessant ist in diesem Stück die mögliche Vorlagenfigur für Matti, der Anwalt Dr. Sellmann.
Abschließend wird eine vergleichende Betrachtung der beiden Volksstücke vorgenommen und das Brecht’sche Volksstückskonzept heraus- und vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Entwicklung von „Herr Puntila und sein Knecht Matti“
3. Matti in „Herr Puntila und sein Knecht Matti“
3.1 Matti in dem Verhältnis zu seinem Herrn
3.2 Wesensmerkmale Mattis
3.3 Matti in dem Verhältnis zu Eva
3.4 Mattis Niederlage
3.5 Matti in der Theaterpraxis
4. Mattis Gegenfiguren in den Brechtschen Vorlagen
4.1 Jochen Most in „Der fröhliche Weinberg“
4.1.1 „Der fröhliche Weinberg“ – Eine umstrittene Vorlage für Brecht?
4.2 Kalle in „Die Sägemehlprinzessin“ (Manuskript für den Film)
5. Das Volksstück bei Brecht
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Figur des Matti in Bertolt Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ unter Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte sowie zweier möglicher Vorlagen. Ziel ist es, Mattis Charakter als komplexen Mischcharakter zu analysieren und ihn von den simpleren Gegenfiguren Jochen Most und Kalle abzugrenzen, um Brechts spezifische Neuentwicklung und Intention innerhalb des Genres Volksstück zu verdeutlichen.
- Vergleich der Knechtfiguren in verschiedenen Volksstücken
- Analyse der Herr-Knecht-Beziehung und Klassenkonflikte
- Untersuchung der Entstehungsgeschichte und Vorlagen
- Evaluation von Brechts Volksstückkonzept
- Reflektion der theaterpraktischen Darstellung Mattis
Auszug aus dem Buch
3.1 Matti in dem Verhältnis zu seinem Herrn
Brecht stellt in seinem Stück den Klassenantagonismus zwischen Puntila und Matti ins Zentrum. Um diesen Gegensatz zu erreichen, entwickelte er neben dem zwischen Rausch und Nüchternheit gespaltenen Gutsbesitzer Puntila eine ihm ebenbürtig erscheinende Figur des Matti – auch wenn angesichts der verbalen Dominanz und beherrschenden Vitalität Puntilas eine Gleichheit zwischen beiden nicht direkt deutlich wird. Der Klassengegensatz wird durch die wechselhafte Darstellung des Puntila in berauschtem und nüchternem Zustand hervorgehoben. „Gut“ und wohltätig ist Puntila nur in betrunkenem Zustand. Nun erkennt er in seinem Chauffeur einen Menschen. Der Kapitalist und reiche Gutsbesitzer kann sich jedoch ein wirkliches Gut-Sein nicht leisten, da er sonst seine eigenen Lebensgrundlagen beschneiden würde. Deswegen wird Puntila zum schamlosen Ausbeuter und Kapitalisten, sobald er nüchtern ist.
Mit diesen Grundeigenschaften seines Herrn muss sich Matti arrangieren. Das Stück ist so angelegt, dass Matti hauptsächlich in den von seinem Herrn gesteckten Grenzen agieren kann.
Er ist gezwungen, sich Puntila unterzuordnen – gemäß den hierarchischen Verhältnissen. Während Puntila das Stück als äußerst lebhafter Gutsherr zu dominieren scheint, besitzt Matti „geistige Überlegenheit“, die in seinen zweideutig-ironischen Kommentaren insbesondere in Bezug auf seinen Herrn, deutlich wird. Brechts Ziel ist, dass innerhalb des Stückes eine „Balance“ zwischen beiden Figuren erkennbar ist. Das Verhältnis zwischen Puntila und seinem Knecht, neben den ‚beiden Puntilas’ der zentrale Aspekt des Volksstücks, ist von dem funktionalen Bewusstsein des Gutsherrn geprägt. Er reduziert, auch in betrunkenem Zustand, die Menschen seiner Umgebung auf ihre Funktion, auf ihre Tätigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und des Vergleichs zwischen Matti und zwei vermeintlichen Vorlagenfiguren.
2. Zur Entwicklung von „Herr Puntila und sein Knecht Matti“: Darstellung der Entstehungsgeschichte in Finnland und der Zusammenarbeit mit Hella Wuolijoki.
3. Matti in „Herr Puntila und sein Knecht Matti“: Detaillierte Charakteranalyse Mattis in Bezug auf seinen Herrn, Eva, seine Wesensmerkmale sowie theaterpraktische Aspekte.
4. Mattis Gegenfiguren in den Brechtschen Vorlagen: Analyse von Jochen Most und Kalle als potentielle Vorbilder oder Gegenbilder zur Figur Matti.
5. Das Volksstück bei Brecht: Einordnung von Brechts Puntila in die Tradition und Erneuerung der Gattung Volksstück.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung der Knechtfigur und Brechts Intention.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Herr Puntila und sein Knecht Matti, Bertolt Brecht, Matti, Klassengegensatz, Volksstück, Hella Wuolijoki, Jochen Most, Kalle, Herr-Knecht-Beziehung, Episches Theater, Theaterpraxis, Literarische Vorlagen, Klassenkonflikt, Materialismus, Entstehungsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Figur des Matti in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ und setzt sie in Beziehung zu deren Entstehungsgeschichte sowie zu ähnlichen Figuren aus Werken von Carl Zuckmayer und Hella Wuolijoki.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Klassengegensätze, das Herr-Knecht-Verhältnis, die Transformation der Volksstück-Gattung durch Brecht sowie eine vergleichende Analyse literarischer Vorlagenfiguren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie sich die Knechtfigur vom naiven oder romantischen Vorbild (Jochen, Kalle) zum komplexen, widersprüchlichen Charakter bei Brecht entwickelt und was dies für das Verständnis von Klassengesellschaft und Volksstück bedeutet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine vergleichende Literaturanalyse, kombiniert mit der Untersuchung historischer Entstehungsdokumente (Arbeitsjournal, Manuskripte) und theaterwissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Rolle und das Verhalten Mattis gegenüber Puntila und Eva, prüft Jochen Most und Kalle als Gegenfiguren und kontextualisiert Brechts Neukonzeption des Volksstücks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Klassengegensatz, Herr-Knecht-Beziehung, Episches Theater, Brecht, Volksstück und die Analyse von Matti im Vergleich zu Jochen und Kalle.
Warum erscheint Matti im Vergleich zu den anderen Figuren weniger sympathisch?
Die Arbeit stellt heraus, dass Matti im Gegensatz zu den einfacheren, emotionalen Figuren wie Jochen oder Kalle als rationaler, fast liebesunfähiger und ironisch-distanzierter Charakter angelegt ist, was Identifikation erschwert.
Welche Bedeutung kommt der „Gesindemarktszene“ zu?
Diese Szene verdeutlicht Mattis zwiespältige Rolle, in der er sich einerseits für seine Klassengenossen einsetzt, andererseits aber in einem hierarchischen System gefangen ist, das seine Handlungsfähigkeit begrenzt.
- Quote paper
- David Wieblitz (Author), 2006, Die Darstellung der Figur des Matti in Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78429