Neben der Einordnung der Novelle in den historischen Kontext sowie der Analyse der Nase werde ich mich vor allem mit dem Groteske-Begriff auseinandersetzen. Die Frage, die sich mir während meiner Ausführungen stellte, war, an welchen Episoden der Erzählung man das Groteske als Mittel zur Kritik an der Gesellschaft wieder findet.
Gogol veröffentlichte seine Novelle im Jahre 1836. Mehr als andere Werke war die Nase der Zensur unterworfen. Während Puschkin das Werk lobte und vor der Veröffentlichung die Bemerkung vorausschickte, dass „wir darin soviel Unerwartetes, Phantastisches, Fröhliches und Originelles fanden“, empfanden viele Kritiker das Werk als unangemessen und trivial. Dennoch regte die Nase immer wieder zu den unterschiedlichsten Interpretationen an. Einige werde ich im Folgenden kurz vorstellen.
Um das Stilmittel des Grotesken nun noch auf Gogols Erzählung anwenden zu können, ist es unablässig, sich die Entwicklung des Grotesken-Begriffs anzuschauen. Während zunächst ein kurzer Überblick über die historische Entwicklung des Begriffes gegeben werden soll, folgen dann einige neuzeitliche Erklärungsansätze, die das Groteske als das Phantastische und Ungeheuerliche erklären, welches die Normen der Welt in Frage stellt. Der Leser soll geschockt und verblüfft und dadurch zum Denken angeregt werden, denn „dem Raster, das der Mensch auf die Welt anlegt, wird Schaden zugefügt.“
Gogol schaffte es mit Hilfe des Grotesken, Kritik an der russischen Gesellschaft des 19. Jahrhundert zu üben, die vor allem geprägt war durch Ausbeutung, Korruption und polizeiliche Kontrollen. Mit der Vermischung realistischer und phantastischer Momente erzeugte Gogol ein groteskes Moment, das die eigentliche Normalität, die Realität der Welt als überspitzt darstellt und dadurch auf Missstände aufmerksam macht.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Das Groteske
2. Historischer Kontext
3. Nikolaj Gogol, Die Nase/Nos
4. Das Stilmittel des Grotesken als Kritik an der Gesellschaft am Beispiel von Gogols „Nase“
III. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Stilmittel des Grotesken in Nikolaj Gogols Novelle „Die Nase“ (1836) und analysiert, inwiefern dieses literarische Verfahren als Instrument zur Gesellschafts- und Zeitkritik im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts fungiert.
- Theoretische Fundierung und historische Entwicklung des Groteske-Begriffs.
- Analyse des historischen Hintergrunds: Russland in den 1820er und 1830er Jahren.
- Strukturelle und inhaltliche Untersuchung der Novelle „Die Nase“.
- Die Rolle des Grotesken als Spiegel bürokratischer und sozialer Missstände.
- Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen Realität und Phantastik.
Auszug aus dem Buch
4. Das Stilmittel des Grotesken als Kritik an der Gesellschaft am Beispiel von Gogols „Nase“
Der Erzählung Gogols folgten nach der Publizierung sehr unterschiedliche Interpretationen. Sowohl die fehlende Motivation, wie auch das groteske Sujet und die scheinbare Sinnlosigkeit, die dieser Erzählung zu Grunde liegen, fordern zu Deutungsversuchen geradezu heraus.
So wurde beispielsweise 1951 von V. Setschkareff die Deutung gewagt, dass Gogol, ganz im Sinne von Puschkins Kunstphilosophie des l´art pour l´art auch eine völlig sinnlose Erzählung die Merkmale eines echten Kunstwerks besitzen kann. Während in der Klassik die Vollkommenheit und Einheit in Form und Inhalt im Vordergrund standen und die Literatur als Mittel diente, um die Menschen zu einer „guten Seele“ zu erziehen, sollten nun nicht mehr bestimmte Schemata für die Erschaffung eines literarischen Werkes vorgegeben sein. Weder Form und Inhalt waren nun festgelegt, der Dichter oder Autor galt als freischaffendes Genie. Im Mittelpunkt stand nicht mehr das einheitliche und ´edle´ Kunstwerk, sondern die „Universalpoesie“, die die Grenzen des Verstandes sprengen wollte. Setschkareff titulierte Gogols Novelle als „Scherz, um den Spießern und Moralsuchern zu zeigen, daß die Art und Weise, das Wie des Erzählens, völlig über das Was triumphieren und eine spannende Handlung auch ohne Sinn, geschweige denn Moral, zustande kommen kann, die alle Merkmale eines echten Kunstwerks besitzt.“
Die Deutung N. Oulianoffs aus dem Jahr 1967 führte auf die inhaltliche Ebene. Er lieferte eine religiöse Interpretation, in der er die Erzählung als apokalyptische Darstellung der Welt ansah. Das Volk habe sich von Gott abgewandt und das Böse regiere die Welt, so Oulianoff.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des Grotesken bei Gogol ein und formuliert die leitende Forschungsfrage zur gesellschaftskritischen Funktion des Stilmittels.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, eine historische Einordnung, eine strukturelle Analyse der Erzählung sowie eine spezifische Auswertung der Gesellschaftskritik mittels grotesker Elemente.
III. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und konstatiert, dass Gogol das Groteske als Mittel nutzt, um gesellschaftliche Stagnation und bürokratische Willkür in der Realität aufzudecken.
Schlüsselwörter
Groteske, Nikolaj Gogol, Die Nase, Literaturwissenschaft, russische Gesellschaft, 19. Jahrhundert, Zeitkritik, Phantastik, Realität, Bürokratie, Leibeigenschaft, Sozialkritik, Erzählstruktur, Wolfgang Kayser, Narration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Funktion des Grotesken als literarisches Mittel bei N. V. Gogol, insbesondere in seiner Erzählung „Die Nase“, um soziale und politische Missstände im Russland des 19. Jahrhunderts zu beleuchten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die ästhetische Theorie des Grotesken, die historische Lage Russlands unter Nikolaus I. sowie die literarische Dekonstruktion von Normalität und bürokratischen Hierarchien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Gogol durch das Ineinanderfließen von realistischen und phantastischen Ebenen die starre, von Korruption und Zensur geprägte Gesellschaftsordnung der damaligen Zeit kritisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Auseinandersetzung mit verschiedenen Groteskentheorien (insbesondere von Wolfgang Kayser) und einer strukturellen Untersuchung des Novellentextes basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Begriffsgeschichte des Grotesken, dem politischen Kontext des 19. Jahrhunderts, einer narratologischen Analyse von „Die Nase“ und der Verknüpfung dieser Elemente zu einer Gesellschaftskritik.
Welche Schlüsselbegriffe definieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind das Groteske, die Petersburger Erzählungen, die Ambivalenz des Nasen-Motivs, soziale Hierarchien und die Verschränkung von Realität und Fiktion.
Inwiefern beeinflusste die Zensur Gogols Arbeit?
Gogols Werk unterlag einer harten Zensur, was den satirischen und grotesken Charakter des Werkes verstärkte, da direkte Kritik politisch unmöglich war und in metaphorische, groteske Bilder ausgelagert werden musste.
Warum fungiert die Nase als Symbol für die Gesellschaft?
Die Nase dient als Sinnbild für einen Menschen im gesellschaftlichen Gefüge; ihre Doppelexistenz als lebloser Gegenstand und Staatsrat verdeutlicht die absurde Bedeutung, die äußerem Anschein und Rang in der bürokratischen russischen Gesellschaft beigemessen wurde.
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- Anna Lenkewitz (Author), 2005, "Nos" (1836) - Das Groteske bei N. V. Gogol, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78485