Der Wandel unseres Kunstbegriffs


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1996

13 Seiten


Leseprobe

Der Wandel unseres Kunstbegriffs [i]

Man hört gelegentlich den Allgemeinplatz, dass historische Erscheinungen erst dann befriedigend definiert werden, wenn ihre Zeit vorüber ist. In ihrer “vitalen Phase” existieren sie “unbewusst”, erst in der Dekadenz kommen sie zur Reflexion über sich selbst.

Auch in Hinsicht auf die Geschichte der Kunst und Kunsttheorie ist das schon mehrfach behauptet worden. Man hat zwei Phasen unterschieden: eine, in der Kunst schon existiert, jedoch nicht um ihrer selbst Willen, sondern für einen religiösen oder gesellschaftlichen Zweck (zur Bannung von Geistern, “ad majorem deum gloriam” oder zur Verherrlichung eines Fürstenhofes) - und eine zweite, in der sie sich weitgehend von äußeren Zwecken löst (“l’art pour l’art”) und zuerst sich selbst lebt. Die erste Phase wurde im Westen, aufs Ganze gesehen, erst im 19. Jahrhundert von der zweiten abgelöst. Aber selbstverständlich lassen sich Überschneidungen feststellen, die bis in unsere Zeit reichen.

Wichtiger als die Feststellung, für welchen Anlas jeweils Kunst produziert wird (für einen äußeren, wie z.B. noch heute in Kirchenbau und Kirchenmusik, oder um ihrer selbst Willen, wie weitgehend jetzt in Malerei und Dichtung) ist die, in welcher Einstellung dies geschieht. So kann ein Musikwerk zwar in Hinsicht auf eine bestimmte Verwendbarkeit geschaffen werden (z.B. als Oper, Ballettmusik oder Messe); wenn es sich als Kunstwerk ernst nimmt, wird es jedoch zugleich einen gewissen Originalitätsanspruch aufweisen. Der letztere war früheren Epochen (bis etwa zur Renaissance) weitgehend fremd. Qualität (handwerkliches Können) war wohl immer ein Kriterium für die Anerkennung des Künstlers, Originalität dagegen ist ein relativ moderner Begriff[ii]. Er konnte sich erst in einem Individualismus entwickeln, den nur späte Kulturen dulden.

Wer die verzweifelte Bemühung zeitgenössischer Kunst um Originalität beobachtet, die das Kriterium der Qualität fast verdrängt hat, mag geneigt sein, Kulturkritikern zuzustimmen, die in der Emanzipation der Kunst von gesellschaftlichen oder religiösen Zwecken den Beginn ihrer Auflösung sehen. Die Spätphase der Kunstentwicklung, das “Zusichselbstkommen” der Kunst, hat aber einen ästhetischen und einen theoretischen Aspekt: Im ersten werden die mit Kunst Befassten sich des Eigencharakters künstlerischer Gestaltung auf zunächst nur intuitive Weise bewusst. Sie lernen es, das Ästhetische als solches zu würdigen und zu genießen. Im zweiten aber folgt die philosophische Klärung und Definition des Kunstbegriffs. Man lernt nun endlich auszudrücken, was Kunst ist, und nicht nur, wie sie ist. Erst diese Bewusstseinsstufe scheint mir wirklich die letzte zu sein. Ich möchte versuchen zu zeigen, dass wir erst kürzlich in sie eingetreten sind, in einer Zeit, in der es mit der Kunst im bisher geläufigen Sinne mehr oder weniger vorbei ist.

Um das zeigen zu können, muss ich zuerst verdeutlichen, dass 1. alle Kunstarten bis zu einem gewissen Zeitpunkt, der nicht weit zurückliegt, etwas gemeinsam hatten, aus dem sie gemeinsam als “Kunst” im abstrakten Sinne definiert werden können; 2. gerade dieses Gemeinsame “in der Kunstpraxis” zu etwa der Zeit überholt war, als es uns ins Bewusstsein trat; 3. wir infolgedessen nun vor der Entscheidung stehen, entweder unsere “fortschrittlichsten” Kunstprodukte nicht mehr mit dem Namen “Kunst” zu bennen, oder aber unseren Kunstbegriff neu zu fassen.- Dabei laufen wir allerdings Gefahr, ihn bis zur Unbrauchbarkeit zu erweitern.

Es geht mir also nicht darum, zur Kunstproduktion unserer Zeit Stellung zu nehmen, sondern nur darum, ihr Verhältnis zu unserem -ewig nachhinkenden- Kunstbegriff zu klären. Genau genommen, gibt es sogar zwei Kunstbegriffe (und Übergänge zwischen diesen). Der weitere umfasst alle dekorativen Gestaltungen, z.B. die Tätowierungen, Trachten und Moden bestimmter Völker, sowie Gebrauchsgegenstände (Keramik, Möbel etc.) soweit sie ästhetische Ansprüche befriedigen, außerdem Folklore (Tänze, Lieder etc.) und sogar besonders ausdrucksstarke Gestaltungen von Kindern. Der engere Kunstbegriff beschränkt sich auf Werke von “Spezialisten”, die bewusst und vorwiegend ihres ästhetischen Impakts wegen geschaffen wurden (Bilder, Statuen, Musikwerke, Literatur etc.), also solche, die nicht durch Zufall oder ein archivarisches Interesse in die Museen und auf Bühnen gelangen, sondern von vornherein für die Ausstellung und Aufführung geschaffen wurden.

Wie anfangs angedeutet, wird diese Unterscheidung immer problematischer, je weiter wir historisch zurückgehen und uns damit von unserer modernen Kunstauffassung entfernen. Wer will heute noch entscheiden, ob eine Maske oder Höhlenzeichnung nur magischen oder auch “künstlerischen” Absichten diente? Auch in der Gegenwart gibt es genügend Grenzfälle. Das Programm des Bauhauses z.B., strebte ja geradezu eine neue Verbindung des “Schönen” mit dem “Zweckmäßigen” an. In der folgenden Betrachtung denken wir nur an den engeren Kunstbegriff, d.h. an Werke, die sich vorwiegend als ästhetische Erlebnisquellen verstehen. Unsere “synchrone” Unterscheidung deckt sich mit der “diachronischen” insofern, als “absolute” (d.h. von religiösen und gesellschaftlichen Belangen weitgehend abgelöste) Kunst zugleich auch die zeitlich spätere ist. Nur sie konnte sich soweit emanzipieren, dass sie möglicherweise einen anderen Namen verdient.

Worin liegt nun das Gemeinsame, aus dem die Kunst bis vor Kurzem (genauer: bis zum Beginn unseres Jahrhunderts) hätte definiert werden können? Die Literatur über das Problem, was “Kunst” (als Verallgemeinerung der “Künste”) ist und wie sie definiert werden kann, ist umfangreich und kann hier nicht definiert werden. Immer wieder sind allgemeine Kriterien, die für alle Kunstarten anwendbar sein sollen, aufgestellt und wieder verworfen worden, wie z.B. “exemplarischer Ausdruck”, “Intuition”, “bedeutende Form”, “objektivierter Genuss”, “imaginierte Wunscherfüllung”, “Erlebnis”, “soziale Mitteilung”, “Harmonie”, “Einheit in der Vielheit”, “Organismus”. Keiner dieser Begriffe kann die Grundlage für eine allgemeine und umfassende Definition abgeben. Allenfalls weisen sie auf bestimmte hervorstechende Eigenschaften spezifischer Kunstarten hin.

[...]


[i] Dieser Aufsatz ist die deutsche Version von “Our Concept of Art in Light of the Strata Theory” in: Acta Humanistica et Scientifica Universitatis Sangio Kyotiensis, Vol. XXVI, No. 3, Foreign Languages Series No. 23 (March 1996) 50-61.

[ii] Über Originalität und andere (westliche) Wertbegriffe vergl. meine Aufsätze: „Gibt es allgemeingültige Werte für die Beurteilung von Literatur?“ in: Acta Humanistica 29/1, Foreign Languages and Literatures Series No. 25 (1998) 20-86; sowie: „Noch einmal: Ästhetik, Kunstbegriff und Wertfrage“ebenda, Humanities Series No. 25 (1998) 147-167.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Wandel unseres Kunstbegriffs
Hochschule
Kyoto Sangyo University  (German Department)
Autor
Jahr
1996
Seiten
13
Katalognummer
V7850
ISBN (eBook)
9783638149730
ISBN (Buch)
9783638798938
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieser Aufsatz ist die deutsche Version von 'Our Concept of Art in Light of the Strata Theory' in: Acta Humanistica et Scientifica Universitatis Sangio Kyotiensis, Vol. XXVI, No. 3, Foreign Languages Series No. 23 (March 1996) 50-61.
Schlagworte
Ästhetik, Kunstbegriff, Schichtentheorie, Nicolai Hartmann, Roman Ingarden
Arbeit zitieren
Dr. Wolfgang Ruttkowski (Autor), 1996, Der Wandel unseres Kunstbegriffs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7850

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