Immer wieder sind allgemeine Kriterien, die für alle Kunstarten anwendbar sein sollen, aufgestellt und wieder verworfen worden, wie z.B. “exemplarischer Ausdruck”, “Intuition”, “bedeutende Form”, “objektivierter Genuss”, “imaginierte Wunscherfüllung”, “Erlebnis”, “soziale Mitteilung”, “Harmonie”, “Einheit in der Vielheit”, “Organismus”. Keiner dieser Begriffe kann die Grundlage für eine allgemeine und umfassende Definition abgeben. Allenfalls weisen sie auf bestimmte hervorstechende Eigenschaften spezifischer Kunstarten hin.
Nachdem die Ästhetik endlich die fruchtlose Diskussion historisch bedingter und zudem vager Begriffe (wie “das Schöne”, “das Erhabene” etc.) und einseitig gewonnener Verallgemeinerungen wie der zuvor genannten aufgegeben hatte und sich der ontologischen und phänomenologischen Analyse des Kunstwerks und seiner Beziehung zum Menschen zuwandte, stellte sich heraus, dass nur die Schichtenanalyse geeignet war, die Besonderheit von Kunst im Vergleich zu anderen menschlichen Gestaltungen befriedigend zu definieren.
Inhaltsverzeichnis
Der Wandel unseres Kunstbegriffs
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Verhältnis zeitgenössischer Kunst zu unserem traditionellen Kunstbegriff mittels einer ontologisch-phänomenologischen Schichtenanalyse zu klären. Dabei steht die Untersuchung der Frage im Zentrum, ob eine Schichtung im Kunstwerk reduziert werden kann, ohne dessen Anspruch auf tiefergehende ästhetische Wirkung und Transparenz zu verlieren.
- Ontologische Untersuchung der Schichtenstruktur von Kunstwerken
- Vergleich der Schichtentheorien von Nicolai Hartmann und Roman Ingarden
- Analyse der Trage- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen einzelnen Schichten
- Kritische Betrachtung zeitgenössischer Kunstformen wie konkrete Poesie und elektronische Musik
- Diskussion zur Notwendigkeit einer Neudefinition des Kunstbegriffs
Auszug aus dem Buch
Die Realisation der Schichten in verschiedenartigen Gegenständen
Alle vier sind auf Material angewiesen, mit dem sie (im Unterschied zu abstrakten Konzepten) sozusagen „in der konkreten Welt verankert“ sind bzw. erscheinen können. Das Material der ersten beiden Gegenstände (Holz bzw. Ton) ist auf einfache Weise gegeben. Das gleiche gilt für die Töne der Musik. Das Material des Romans sind jedoch die Worte mit ihrem Sinngehalt (nicht Papier, Tinte, Schriftzeichen oder die menschliche Stimme in der Rezitation). Die Sprache ist bereits selbst „objektivierter Geist“ (Scheler). Das Erscheinungsverhältnis ist also in Literatur komplexer als in allen anderen Künsten und Gegenständen.
Alles Material aber treffen wir nur in einer bestimmten Ordnung an, besonders in geformten Gegenständen. In den letzteren ist es immer auf das Erscheinen der nächsten Schicht hin geformt. Diese Ordnung des Materials darf nicht mit der Formung jeder einzelnen Schicht verwechselt werden, auf die wir noch zurückkommen. Jedoch hängt diese Ordnung von beiden benachbarten Schichten ab: den Möglichkeiten des Materials (mit Eisen kann man z.B. keine Transparenzeffekte erzielen) und der Intention der nächsten Schicht. Da diese dritte Schicht nur in einer bestimmten Geordnetheit des Materials erscheinen kann, müssen wir diese Ordnung selbst als zweite Schicht ansehen, und nicht nur als eine Qualität der ersten (des Materials).
Zusammenfassung der Kapitel
Der Wandel unseres Kunstbegriffs: Der Autor erläutert den historischen Wandel von der zweckgebundenen Kunst zur autonomen Kunst und führt das Konzept der Schichtenanalyse ein, um den heutigen, durch experimentelle Kunstformen unter Druck geratenen Kunstbegriff philosophisch neu zu fassen.
Schlüsselwörter
Schichtenästhetik, Kunstbegriff, Ontologie, Phänomenologie, Originalität, Ästhetik, Schichtenmodell, Roman, Musik, Gestaltung, Ausdruck, Struktur, Transparenz, Kunstwerk, Material
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zeitgenössischer Kunst zu unserem traditionellen Kunstbegriff und analysiert die ontologische Beschaffenheit des Kunstwerks.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Schichtenlehre nach Hartmann und Ingarden, die Abgrenzung von Gebrauchs- und Kunstgegenständen sowie die Problematik moderner Kunstformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine schichtenanalytische Betrachtung zu klären, ob zeitgenössische Werke, die bewusst auf bestimmte Schichten verzichten, noch den Anspruch auf den Titel "Kunst" erheben können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die ontologisch-phänomenologische Schichtenanalyse verwendet, um die verschiedenen Ebenen (Material, Ordnung, Gegenstand, Bewegung, Ausdruck etc.) eines Kunstwerks zu differenzieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung der Schichtenstruktur, dem Vergleich verschiedener Kunstarten und der kritischen Würdigung experimenteller Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Schichtenästhetik, Ontologie, Transparenz und der Wandel des Kunstbegriffs.
Wie unterscheidet sich die Schichtung eines Romans von der eines Musikwerks?
Während der Roman auf der sprachlichen Schicht als Bedeutungsträger basiert und komplexe psychologische Schicksalsschichten aufbaut, ist die Musik durch eine unmittelbare akustisch-motorische Wirkung geprägt, die ohne eine explizite Gegenstandsschicht auskommen kann.
Warum wird die zeitgenössische Kunst kritisch hinterfragt?
Der Autor hinterfragt sie, weil sie oft den Anspruch auf tiefgründige gehaltliche Vermittlung erhebt, gleichzeitig aber durch die bewusste Auslassung notwendiger Schichten die Grundlage für diese Vermittlung zerstört.
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- Dr. Wolfgang Ruttkowski (Author), 1996, Der Wandel unseres Kunstbegriffs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7850