Wie lässt sich Handeln begründen? Überlegungen zu ethischen Forderungen Webers und Bonhoeffers - Dargestellt an Max Weber "Politik als Beruf" und Dietrich Bonhoefer "Ethik"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
28 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Definition von Ethik und Hinführung zum Thema der Hausarbeit

2. Kurzbiographie Max Weber

3. Verantwortungs- und Gesinnungsethik
3. 1 Herkunft und Gebrauch der Begriffe
3. 2 Begriffserklärung
3. 2.1 Gesinnungsethik
3. 2. 2 Verantwortungsethik
3. 2. 3 Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Webers „Politik als Beruf“
3.2.3.1 Gesinnung
3.2.3.2 Legitimität
3.2.3.3 Wahl der Mittel
3.2.3.4 Folgen und Verantwortung des Handelns
3.2.3.5 Spannungsfeld der beiden Ethiken

4. Bonhoeffers „Ethik“
4.1 Allgemeines
4. 2 „Die Struktur des Verantwortlichen Lebens“
4. 2. 1 Einleitung und Gliederung
4. 2. 2 Stellvertretung
4. 2. 3 Wirklichkeitsgemäßheit
4. 2. 4 Sachgemäßheit
4. 2. 5 Schuldübernahme
4. 2. 6 Das Gewissen

5. Auswertung/Beurteilung „Die Struktur des Verantwortlichen Lebens“

6. Vergleich und Beurteilung der Positionen Webers und Bonhoeffers

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Klare und deutliche gesellschaftliche Vorschriften für das Handeln haben immer mehr an Bedeutung verloren. Die gesellschaftlichen Strukturen sind offener, der normative Druck auf den einzelnen Menschen ist geringer geworden. BENDER stellt zu Beginn seines Sammelbandes „Ethische Urteilsbildung“ fest, dass sich das Lebensumfeld des Einzelnen heute am „Ausgang der Moderne“ so geändert hat, dass die herkömmliche Moral in Zweifel gezogen werden muss. Daher ist eine Auseinandersetzung mit der Verantwortungsethik unerlässlich, da strukturelle Schwierigkeiten der Gesellschaft, durch die Arbeitslosigkeit, durch die Konsum- Freizeit-, Informations- und Kommunikationsgesellschaft sowie durch das wachsende Ansehen oder den Wegfall von Sinnvermittelnden Instanzen, wie zum Beispiel religiösen oder politischen Sinnvermittelnden Institutionen, immer mehr zugenommen haben[1].

JONAS beschreibt die Entstehung eines ethischen Vakuums und damit die Entstehung des Werterealitivismus vor allem durch die neuartigen Möglichkeiten der modernen Technik. Die dadurch erweiterte Handlungsmächtigkeit fordert auch nach Hans Jonas eine Auseinandersetzung mit einer Ethik der Verantwortung[2]. Diese von BENDER und JONAS beschriebene Entwicklung unterstützt das Bestreben des Menschen nach Freiheit. In dieser wachsenden Freiheit wird es für den einzelnen Menschen immer schwieriger zwischen „guten“ und „schlechten“ Handlungen zu unterscheiden, da explizite Sinn und Werte in der Gesellschaft nicht mehr klar und eindeutig vorgeschrieben sind. Vielmehr muss der einzelne Mensch fast absolut alleine über seine Handlungen und Entscheidungen urteilen. Damit trägt er ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortung.

Im täglichen Leben denken wir beispielsweise an Ethik, wenn wir an den Appell von PolitikerInnen denken, unser Handeln an ethischen Grundsätzen zu orientieren. Diese Ethik ist etwas konkretes, direkt Handlungsleitendes. In diesem Sinne wird Ethik gleichbedeutend mit Moral verwendet.

Die Ethik versteht sich als ein Teilgebiet der praktischen Philosophie, das die Frage nach dem guten und nach dem richtigen Leben als Grundlage hat.

Um noch ein wenig auf den Ethikbegriff einzugehen, werde ich mich im Folgenden an die Überlegungen von PIEPER anlehnen:

Sie unterscheidet in ihrer „Einführung in die Ethik“ zwischen Moral und Moralität. Moral ist ein Ordnungsbegriff, „der allererst noch der Begründung bedarf“[3].

„Der Begriff der Moral bezieht sich auf etwas, das seinem Inhalt nachveränderlich, seinem Anspruch nach aber unveränderlich ist“[4].

Man könnte somit sagen, dass Moral der Begriff ist, der die Inhalte, bzw. Ergebnisse einer moralischen Debatte bezeichnet. Moralität hingegen ist der zugrunde liegende Prinzipienbegriff:

„Durch ihn wird eine Mannigfaltigkeit von Phänomenen nicht als Einheit begriffen, sondern in ihrem Sinnanspruch begründet“[5]

„Im Begriff der Moralität wird Freiheit als das Unbedingte gedacht, als der unbedingte Anspruch, Freiheit um der Freiheit willen als das höchste menschliche Gut zu interpretieren“[6].

Moralität ist also der Begriff für die hinter der Begründung stehenden Prinzipien. Ethik reflektiert nach Pieper das Verhältnis von Moral und Moralität. Ethik will demnach Begründungsmöglichkeiten für Moral zu suchen – manche Ansätze, die, die den Anspruch der Letztbegründung haben, meinen, auch Moralität aus sich heraus begründen zu können.

Eine immer wiederkehrende Frage in der Ethik ist die nach dem Objekt der ethischen Bewertung. Geht es um die Handlungen an sich oder um deren Folgen? Prominentester Vertreter einer Gesinnungsethik (auch Pflichtenethik) ist Kant, für den einzig und allein die Handlung relevant ist, die man danach zu untersuchen hat, ob man wollen kann, dass ihre Maxime allgemeines Gesetz würde.

Verantwortungsethik (auch teleologische Ethik – von Telos: Ziel) beurteilt eine Handlung hingegen ausschließlich nach ihren Folgen. Ist das Ergebnis wünschenswert, ist auch die Handlung positiv zu bewerten.

Diese beiden Begriffe – Gesinnungsethik und Verantwortungsethik – und deren Unterscheidung stammen aus dem Vortrag Webers „Politik als Beruf“, den er im Winter 1918/1919 vor dem „Freistudentischen Bund“ in München hielt.

Darin beschreibt er Gesinnungsethik und Verantwortungsethik als zwei unaustragbare, gegensätzliche Maximen.

In der vorliegenden Arbeit werde ich nun auf die Definition der Begriffe Gesinnungs- und Verantwortungsethik nach Weber und deren Unterscheidung, sowie auf das Verantwortungsethische Denken bei Bonhoeffer eingehen. Grundlage für die Überlegungen, wie Handeln begründet werden kann, sollen der Aufsatz „Politik als Beruf“ (Weber) und Bonhoeffers „Ethik – Die Struktur des verantwortlichen Lebens“ sein. Als Ziel der Arbeit soll ein Vergleich zwischen der Position Webers und der Position Bonhoeffers gezogen werden.

2. Kurzbiographie Max Weber

Max Weber, geboren in Erfurt (1864), gestorben in München (1920), zählt bis heute zu den einflussreichsten Soziologen. Seine Bedeutung für die Religionssoziologie und Theologie ergibt sich nach KNIFFKA[7] v. a. aus zwei Dingen:

Zum einen führt Weber in seiner Arbeit Untersuchungen über die Wechselwirkungen zwischen Religion und den sozialökonomischen Verhältnissen einer Gesellschaft durch. Die These, dass provanclavinistisches Gedankengut (Prädestinationslehre, puritanische Ethik: “innerweltliche Askese“) wesentlich die Ausbreitung des Kapitalismus gefördert hätte, ist dabei am bekanntesten geworden.

Zum anderen führt Weber den so genannten Idealtyp ein. In ihm werden bestimmte Elemente der Wirklichkeit zu einem einheitlichen Bild gesteigert. Es handelt sich um eine gedankliche Konstruktionsmethode gesellschaftliche Wirklichkeiten zu erfassen.

So „kann Weber den geradezu sakrosankten Platz eines internationalen Säulenheiligen der Soziologie für sich reklamieren“[8]

Ein Verhältnis zum christlichen Glauben hatte Weber nicht. Er begrüßte hingegen den schwindenden Einfluss der Kirchen und bezeichnet dies als „Entzauberung der Welt“.

Weber war Jurist und Professor für Nationalökonomie. Er war publizistisch tätig und veröffentlicht bedeutende Schriften wie "Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" sowie "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Überdies gab er das "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" mit heraus. Er trug maßgeblich zur Konstituierung der Soziologie als eigenständiger Disziplin bei und treibt ihre Professionalisierung voran. Im Jahre 1909 ist er Mitbegründer der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie". 1919 erscheint seine Schrift „Politik als Beruf“, aus der die Begriffe Verantwortungs- und Gesinnungsethik stammen.[9]

3. Verantwortungs- und Gesinnungsethik

3.1 Herkunft und Gebrauch der Begriffe

Die Begriffe Gesinnungs- und Verantwortungsethik waren bis in die 1970er Jahre nur in der akademischen Welt gebräuchlich. In dieser Zeit flammte die Diskussion um Frieden und Militär und die so genannte Nachrüstung auf, was zur Folge hatte, dass die beiden Begriffe in das öffentliche Leben zurückkehrten.

Politiker hielten ihren Gegner im Zuge der Nachrüstungsdebatte vor, sie pflegten eine reine Gesinnungsethik. Gesinnungsethik populär verstanden heißt: Wer sich nur an seiner Gesinnung orientiert, kümmert sich nicht um harte Fakten. Er entscheidet verantwortungslos, weil er nicht bereit ist politische Verantwortung zu tragen. Verantwortungsethik würde sich jedoch um die Folgen kümmern, um den Menschen im eigenen Verantwortungsbereich zu helfen.

Die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik wurde von dem Soziologen Max Weber 1919 nach Ende des 1. WK eingeführt.

Nach dem verlorenen Krieg war der nationale Stolz der Deutschen gekränkt und über Krieg und Frieden wurde soviel diskutiert wie nie vorher. Viele gaben dem Krieg dem Vorzug und der Pazifismus hatte das Nachsehen und der neuen Staatsform, der Demokratie, begegneten viele mit Vorbehalten. Die Studenten in Webers Wirkungskreis forderten vom Katheder Predigten, die sie emotional berührten. Weber schloss aus der Stimmung die er spürte, das Versagen des gesinnungsethischen Ansatzes.

Eine Antwort auf die Frage nach dem Versagen des gesinnungsethischen Ansatzes lässt sich finden, wenn man sich mit dem Werk „Politik als Beruf“ Webers beschäftigt. Webers Lebensziel war es, die Neuzeit zu verstehen. Er fragte sich, wie in einem kleinen Teil der Welt - er meint Deutschland nach dem 1. WK - solche gravierenden Veränderungen eintreten konnten, und wie die Menschen sich darauf einstellen sollten. Für Weber müssen starke Politiker in dieser unbekannten Lage dem Volk neue Werte setzen; dem Volk Ziele setzen und diese Ziele verfolgen helfen, denn eine allgemeine Vernunftform für alle Lebensformen gebe es nicht mehr.

Weber neigte in dieser Zeit zu einem deutschen Imperialismus und zum Nationalismus. Jedoch fand er sein Anliegen auch schon vor 1918 nicht in der Gestalt Willhelm des II. gesichert. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges befürwortete er eine Mischung aus englischer Demokratie und amerikanischem Präsidialsystem.

Aus diesem Hintergrund rührt Webers Vortrag: "Politik als Beruf". Weber befasst sich darin mit den drei Qualitäten der Politiker, ist auf der Suche nach Antworten auf die Frage nach der Kriegsschuld und trifft die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik.

Folgendes sind nun die leitenden Gesichtspunkte für Weber: „Der moderne Staat“, sagt er, „hat die in der Gesellschaft präsente Gewalt monopolisiert, er sei zum Betrieb geworden, wo auf der einen Seite öffentliche Funktionäre als Fachbeamte einerseits, politische Beamte anderseits walteten.“[10] „Der echte Beamte solle jedoch unparteiisch seines Amtes walten“,[11] „nicht hingegen wie der Politiker um die Gefolgschaft der Massen erst zu kämpfen gezwungen sein.“[12] „Der Führer einer Massenpartei jedoch müsse kämpfen; führen könne er nur, wenn er die Parteimaschinerie in die Hand bekomme [...]. Um das leisten zu können, brauche er Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.“[13]

[...]


[1] vgl. Bender 1988, S. 15 ff.

[2] vgl. Jonas 1979, S. 7f.

[3] Pieper. S. 42.

[4] Pieper: S. 43.

[5] Pieper: S. 44.

[6] Pieper: S. 44.

[7] vgl. Kniffka: S. 2132.

[8] Kaessler: S. 190.

[9] vgl. www.bautz.de/bbk/w/weber_m.shtl 10.09.2006

[10] Weber: S. 507.

[11] Weber: S. 512.

[12] Weber: S. 512.

[13] Weber: S. 533.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Wie lässt sich Handeln begründen? Überlegungen zu ethischen Forderungen Webers und Bonhoeffers - Dargestellt an Max Weber "Politik als Beruf" und Dietrich Bonhoefer "Ethik"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Dietrich Bonhoeffer
Note
2,1
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V78511
ISBN (eBook)
9783638840651
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handeln, Forderungen, Webers, Bonhoeffers, Dargestellt, Weber, Politik, Beruf, Dietrich, Bonhoefer, Ethik, Bonhoeffer
Arbeit zitieren
Gunnar Schulze (Autor), 2005, Wie lässt sich Handeln begründen? Überlegungen zu ethischen Forderungen Webers und Bonhoeffers - Dargestellt an Max Weber "Politik als Beruf" und Dietrich Bonhoefer "Ethik", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78511

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