Einleitung
Die Großstadt ist der genuine Lebensraum des 20. Jahrhunderts.(3) Vorbei sind die Zeiten des „Zurück zur Natur“, bereits in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts entdecken die Naturalisten das Stadtmilieu als Stoff für ihre Literatur und spätestens mit dem Expressionismus wird Urbanität zum Schlagwort für eine ganze Dichtergeneration.(4) Die Inspiration durch rauschende Verkehrsströme, durch die Kakophonie der Großstadt und durch die Vermischung verschiedenster Schichten, Milieus und Nationalitäten hat bis heute nicht an Wirkung verloren. Auch wenn immer wieder die Provinz als einziger Raum der Kontemplation und der wahren Erkenntnismöglichkeit ins Feld geführt wird und so eine Stadt – Land Dichotomie immer wieder aufscheint, ohne die tausendfachen
Reize von Metropolis ist moderne Literatur nicht denk- und schreibbar.
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(3) Vgl.: Rolf Grimminger: Aufstand der Dinge und der Schreibweisen. Über Literatur und Kultur der Moderne. In: Rolf Grimminger, u.A. (Hrsg.): Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Reinbeck bei Hamburg 1985, S. 12-40. Hier: S. 18f.
(4) Vgl.: Walter Fähnders: Avantgarde und Moderne 1890-1933. S. 147f.
Inhaltsverzeichnis
1. Berlin Alexanderplatz – Agon Stadt
1.1 „Das ist die Berliner Luft“
1.1.2 Berlin: Das Paris des 20. Jahrhunderts
1.1.3 Berlin: Das Dublin Deutschlands
1.1.4 Die Ankunft der Weltliteratur auf dem Alex
1.2 Leben im Rhythmus der Dampframme
1.3 Das Personal der Großstadt
1.3.1 Masse – Mensch/ Massenmensch: Bewältigungsformen zwischen den Weltkriegen
1.3.2 Ausweg Wahnsinn: Biberkopf kommt unter die Räder
1.4 Veränderte Wahrnehmung = Verändertes Schreiben
1.4.1 Die Stadt als Organismus (Döblin und der Expressionismus)
1.4.2 Döblins „steinerner Stil“ (Döblin als Kronzeuge der Neuen Sachlichkeit)
1.4.3 Erzähltechnik: Montagestil
2. Herr Lehmann – Soziotop Stadt
2.1 „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“
2.1.1 Kreuzberger Nächte sind lang
2.1.2 Frank Lehmann: Von der Provinz in die Enklave
2.2 Von Strategen und Kudamm-Idioten. Oder: Frank Lehmann fährt Bus und Bahn
2.3 Protagonist oder Heiliger? Zur Personenkonstellation in „Herr Lehmann“
2.3.1 Provinzialität in der Großstadt: „Das ist doch in 61!“
2.3.2 Geteilte Stadt, Gebrochenes Herz: Ausgerechnet Fanta-Rainer
2.3.3 Die Kunst des Insiderseins ohne Insider zu sein: Zur Freundschaft von Frank und Karl
2.4 Erzähltechnik: Die Rückkehr des Erzählers?
2.4.1 Ennui versus Ostalgie
2.4.2 Schreibender Sänger oder singender Schreiber?
2.4.3 Montagestil revisited, wie erzählt die Postmoderne?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Berlinroman des 20. Jahrhunderts anhand der zwei ausgewählten Eckpfeiler "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin und "Herr Lehmann" von Sven Regener. Ziel ist es, die Themen, Motive, Personenkonstellationen und die spezifische "Machart" (Erzähltechnik) der Texte zu analysieren und dabei die Tradition des Berlinromans als Phänomen zu beleuchten, wobei insbesondere die Darstellung der Stadt und des Lebens in ihr im Vordergrund steht.
- Die Topographie der Stadt Berlin in der Literatur
- Massenphänomene und Bewältigungsformen in der Großstadt
- Erzähltechniken: Von der Montage zum Post-Pop-Roman
- Vergleich der zeitgenössischen Wahrnehmung von Urbanität
- Die Rolle des Protagonisten und seine Beziehung zur Stadt
Auszug aus dem Buch
1.4.3 Erzähltechnik: Montagestil
Der Begriff „Montage“ taucht nicht durch Zufall verstärkt im Zusammenhang mit der Literatur der Zwanzigerjahre auf, wird er doch aus der Filmtechnik übernommen, die spätestens im selben Zeitraum zu einer Revolutionierung der Erzähltechnik führt. Noch treffender, speziell auf Döblin bezogen, erscheint das Synonym „Collage“, denn es entspricht wörtlich übersetzt der Arbeitsweise des Autors. Besonders deutlich tritt diese im Manuskript zu „Berlin Alexanderplatz“ zu Tage, denn das Zusammenkleben von Zeitungsausschnitten, Annoncen, wissenschaftlichen Abhandlungen (das „Njutensche Gesetz“), ja von ganzen Textblöcken durchzieht die Arbeit Döblins in der ersten Entstehungsphase des Romans. Die Collage ist im Roman derart gelungen, dass man beim Lesen die „Kleberänder“ der einzelnen Textfragmente kaum mehr erkennen kann, sosehr greifen die Textsorten ineinander und ergeben als Ganzes gesehen ein lebhaftes Bild Berlins. Ohne Punkt und Komma wird dabei erzählt, wörtliche Rede fließt in vielen Fällen ohne die kennzeichnenden Anführungszeichen in den Textstrom und rückt die Erzählweise in die Nähe des „stream of consciousness“ eines James Joyce. Der innere Monolog ist die zentrale Erzählperspektive des Romans, schon gleich zu Beginn des Romans überschlägt sich die Schilderung während der ersten Fahrt Biberkopfs mit der 41 in die Stadt:
„Der Wagen machte eine Biegung, Bäume, Häuser traten dazwischen. Lebhafte Straßen tauchten auf, die Seestraße, Leute stiegen ein und aus. In ihm schrie es entsetzt: Achtung, Achtung, es geht los. Seine Nasenspitze vereiste, über seine Backe schwirrte es. ,Zwölf Uhr Mittagszeitung´, ,B.Z.´, ,Die neueste Illustrierte´, ,Die Funkstunde neu´, ,Noch jemand zugestiegen?´ Die Schupos haben jetzt blaue Uniformen. Er stieg unbeachtet wieder aus dem Wagen, war unter Menschen. Was war denn? Nichts. Haltung, ausgehungertes Schwein, reiß dich zusammen, kriegst meine Faust zu riechen. Gewimmel, welch Gewimmel. Wie sich das bewegte. Mein Brägen hat wohl kein Schmalz mehr, der ist wohl ganz ausgetrocknet. Was war das alles. Schuhgeschäfte, Hutgeschäfte, Glühlampen, Destillen. Die Menschen müssen doch Schuhe haben, wenn sie soviel rumlaufen, wir hatten ja auch eine Schusterei, wollen das mal festhalten. Hundert blanke Scheiben, laß die doch blitzen, die werden dir doch nicht bange machen, kannst sie ja kaputt schlagen, was ist denn mit die, sind eben blank geputzt“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Berlin Alexanderplatz – Agon Stadt: Dieses Kapitel analysiert das Berlin-Epos von Alfred Döblin als Gründungswerk der deutschen Großstadtliteratur, wobei besonderes Augenmerk auf die Montagetechnik und die Darstellung des urbanen Raumes gelegt wird.
2. Herr Lehmann – Soziotop Stadt: Der zweite Teil untersucht Sven Regeners Debütroman, der das Lebensgefühl im geteilten Berlin der 80er Jahre einfängt und mit den Mitteln der Postmoderne die spezifische Kreuzberger Atmosphäre sowie das Scheitern von Lebensentwürfen darstellt.
Schlüsselwörter
Berlinroman, Alfred Döblin, Sven Regener, Großstadtliteratur, Montagestil, Moderne, Postmoderne, Urbanität, Neue Sachlichkeit, Berlin Alexanderplatz, Herr Lehmann, Literaturwissenschaft, Narratologie, Massenphänomen, Kontingenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Charakteristika des Berliner Großstadtromans im 20. Jahrhundert anhand eines Vergleichs zwischen Alfred Döblins Klassiker „Berlin Alexanderplatz“ und Sven Regeners "Herr Lehmann".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Darstellung der Großstadt als erzählerischen Raum, die Rolle der Masse, das psychologische und soziologische Verhalten der Protagonisten sowie die literarische Erzähltechnik.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, die spezifische "Machart" (Erzähltechnik) beider Romane zu erarbeiten und zu zeigen, wie die Autoren jeweils auf die Herausforderungen der Großstadt und der Moderne bzw. Postmoderne reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit orientiert sich methodisch an der „kognitiven Hermeneutik“, um Thesen an den Texten zu prüfen, und setzt sich mit literaturwissenschaftlichen Konzepten wie der „erzählten Stadt“ nach Volker Klotz auseinander.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Großkapitel, die jeweils die Orte des Romans, die Personenkonstellationen (insbesondere die Protagonisten) und die spezifischen Erzählkonzepte der Autoren detailliert analysieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Berlinroman, Montagestil, Moderne, Postmoderne, Urbanität, Massenkultur und Erzähltechnik sind die prägenden Begriffe dieser Untersuchung.
Inwiefern ist der Montagestil in „Berlin Alexanderplatz“ für die Analyse relevant?
Der Montagestil ist für Döblin das Mittel, um die Kakophonie und Unübersichtlichkeit der Großstadt abzubilden. Die Montage von Zeitungsfragmenten und Alltagssprache ist entscheidend für das moderne Erscheinungsbild des Romans.
Warum wird Sven Regeners „Herr Lehmann“ als Untersuchungsobjekt gewählt?
Der Roman wird als moderner Kontrastpunkt gewählt, um aufzuzeigen, wie sich die Darstellung Berlins und der Lebensstil der Bewohner über das Jahrhundert hinweg (vom Berlin der 20er Jahre zum Berlin der 80er Jahre) verändert haben.
- Quote paper
- Jan Beckers (Author), 2007, Berlin-Romane des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78525