Respekteinflößende Belesenheit - Richard Sennetts Werke zur Stadtkultur


Seminararbeit, 2004

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität

III. Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds

IV. Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation

V. Zur Person

VI. Eine Art Fazit

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Seit der ‚modernen’ Urbanisierung am Ende des 19. Jahrhunderts haben sich für die menschliche Interaktion in den Metropolen Bezeichnungen wie distanziert, gleichgültig, kalt oder reserviert in der kollektiven Empfindung eingenistet. Die Schuld hierfür wurde und wird in der Regel den Auswüchsen des fortgeschrittenen Kapitalismus und der Geldwirtschaft, der Ökonomisierung und Verdinglichung unserer Lebenswelt zugeschrieben. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett jedoch bietet hierfür einige darüber hinausgehende Erklärungen an. In seinen Werken zum Thema Stadt erweitert er die Ursachenforschung um die Aspekte der sich mit der Urbanisierung verändernden städtischen Architektur sowie der gesellschaftlichen Ansichten und deren entsprechenden Ausdrucks- und Umgangsformen während der letzten drei Jahrhunderte.

In seinem 1977 erschienen Buch Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität 1 stellt er zum Beispiel die recht ungewöhliche These auf, unserer Gesellschaft würde es eher an Distanz als an Nähe mangeln, sie sei geprägt von einer „intimen Sichtweise“2. Der Fokus liegt hierbei auf der Ergründung der zunehmenden Trennung zwischen privatem und öffentlichem Leben seit dem 18. Jahrhundert und ihren Auswüchsen bis in die Gegenwart. Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds 3 greift diese Trennung erneut auf, konzentriert sich dabei jedoch vor allem auf die Erscheinungsformen der Stadt selbst und erläutert deren Einfluss auf die Aufmerksamkeit ihrer Bewohner. Das groß angelegte Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation 4 verfolgt diese Entwicklung gar von der Antike bis zur Gegenwart und rundet mit dieser speziellen „Geschichte der Stadt“5 Sennetts Untersuchungen zum Thema äußerst anschaulich ab.

Die einführende Darstellung der wesentlichen Inhalte dieser drei Werke soll im Folgenden mein Anliegen sein. Die Tyrannei der Intimität werde ich hierbei am ausführlichsten vorstellen, da es nach einigen Einzelstudien sein erstes größeres und auch einflussreichstes ist. Zudem legt es, wie oben aufgezeigt, zu einem großen Teil den thematischen Grundstein, auf dem auch die anderen beiden Bücher aufbauen.

II. Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität

Die allgemein eher positiv assoziierte Intimität bezeichnet Sennett als tyrannisch, weil sie zu einem bestimmenden Element in jedem Bereich unseres Lebens geworden sei. Die „psychologischen Wohltaten“ der Intimität wie „Wärme, Vertrauen [oder] die Möglichkeit zu offenem Ausdruck von Gefühlen“6 seien heute der Bedeutungsmaßstab von jeglichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Stichwort hierbei heißt ‚Authentizität’. Als Folge der im 19. Jahrhundert in Mode gekommenen Suche nach dem ‚eigenen Selbst’ und der daraus resultierenden Etablierung der ‚Persönlichkeit’ als Unterscheidungsmerkmal zu (jedem) anderen, werfe sie bei einer Interaktion zwangsläufig auch die Frage nach der Persönlichkeit des Gegenübers oder dem Motiv seiner Handlungen auf. Versteht dieser überhaupt, was ich meine, und handelt jener aus der richtigen, also entsprechend meiner Überzeugung?

Da der Umgang mit anderen und vor allem fremden Menschen in der Öffentlichkeit diesem Anspruch nicht gerecht werden könne, wirke diese nunmehr „schal und leer“7, sei sie als Ort der Erfahrung und des sozialen Engagements gleichsam unattraktiv. Die angestrebten, ausschließlich authentischen Erfahrungen werden somit allein und in der Regel vorübergehend in einem stark limitierten Kreis ‚Gleichgesinnter’ oder durch medial inszenierte Übereinstimmung möglich.

Wie der Buchtitel andeutet, sieht Sennett diese Entwicklung eng mit dem Verfall des öffentlichen Lebens verknüpft, gleichzeitig als dessen Ursache und Resultat. Seine Analyse unterscheidet hierbei den öffentlichen Raum, dessen Veränderung er an dieser Stelle nur kurz umreißt, und die öffentliche Sphäre, dem Schwerpunkt dieser Untersuchung.

Den größten öffentlichen Raum, in dem sich die meisten einander fremden Menschen begegnen, bot und bietet zweifellos die Metropole. Seine Form erhält er durch die Architektur, einem für Sennett maßgeblichen Faktor für den Rückgang des ‚Lebens’ in der Öffentlichkeit. So etwa zielten die mit dem fortschreitenden Wachstum von Metropolen wie London oder Paris einhergehenden architektonischen Veränderungen seit dem Ende des 17. Jahrhunderts vornehmlich auf die Möglichkeit der ungehinderten Bewegung. Das bis dahin vorherrschende Stadtbild war von einer relativ wilden Bauweise geprägt; neue Häuser wurden errichtet, wo Platz war, und eine Straße konnte sich plötzlich soweit verengen, dass sie mit einem Fuhrwerk nicht mehr passiert werden konnte. Darüber hinaus fand entlang dieser Straßen nicht selten der Handel mit den in den angrenzenden Häusern produzierten Waren statt. Es herrschte ein fröhliches Durcheinander von Anwohnern, Handwerkern, Händlern, Passanten, Lieferanten, Bettlern und Dieben. Die Straßen hatten einen multifunktionalen Charakter wie die (Markt-)Plätze, die als Zentrum der Begegnung, des Verweilens oder Beobachtens „sämtliche Aktivitäten der umliegenden Straßen konzentrierten“8 und neben Händlern auch von Akrobaten und Blumenverkäufern belebt wurden. Die baulichen Maßnahmen im Zuge des massiven Bevölkerungszuwachses und der zunehmenden Industrialisierung veränderten diese Erscheinungen grundlegend. Die zentralen Plätze zum Beispiel wurden zu monofunktionalen Flächen umgestaltet; sei es zu einem durch den Abriss alter Gebäude räumlich erweiterten „Denkmal (ihrer) selbst“, wie in Paris, oder einem mit Sträuchern und Bäumen bepflanzten „Naturmuseum“, wie in London9. In beiden Fällen sollten diese Plätze nun eher zum raschen Überqueren animieren als zum Verweilen einladen. Ebenso die daran anschließenden Straßen mit großzügigem Bürgersteig, die nunmehr breit und gleichmäßig angelegt wurden. Die Häuser entlang dieser (Haupt-) Straßen waren in erster Linie als Wohnraum für das an Zahl und Wohlstand wachsende Bürgertum gedacht und erstmals in Blöcken gebaut worden. Durch die allmähliche Auflösung der räumlichen Einheit von Wohnen, Arbeit und Geselligkeit hieß es nun Wege durch die Stadt zurückzulegen, um zu einem bestimmten Ort zu gelangen. Die Aktivitäten der Stadtbewohner wurden somit „zerstückelt und zerstreut“10, der öffentliche Raum zu einer „Funktion der Fortbewegung“11. Diese Veränderung war eine der beiden Grundlagen für die Herausbildung (oder Wahrnehmung) einer Öffentlichkeit.

Seine heutige Bedeutung erlangte der Begriff ‚Öffentlichkeit’ im frühen 18.Jahrhundert, als das Bürgertum, die ‚Kaufmannsklasse’, sich zu etablieren begann und die Bevölkerung der Metropolen weiter zu wachsen fortfuhr. Neben den räumlichen ergaben sich daraus vor allem ökonomische Konsequenzen, namentlich die Konkurrenz. Die bisher in Zünften organisierten Handwerker und die hauptsächlich nach dem Monopol auf eine bestimmte Ware strebenden Kaufleute, beide mit abgestecktem Terrain und festem Kundenstamm, sahen sich nun einem Heer motivierter Mitstreiter gegenüber. Die Folge war eine Irritation der stark durch den Beruf geprägten Identität, da sich die ökonomischen Bedingungen und damit die Grundlage für ein (vor-)bestimmtes Leben nun bereits innerhalb einer Generation ändern konnte - in positiver wie in negativer Richtung. Das weit über die Nachfrage angestiegene Aufkommen an Dienstboten zum Beispiel beendete die traditionelle Versorgung der gesamten Familie des Angestellten durch den ‚Brotherrn’ und die spätere Übernahme der Kinder in seine Dienste. Je nach Bedarf wurde nun erwachsenes Personal eingestellt, so dass viele von ihnen sich neu orientieren und ein anderes Tätigkeitsfeld suchen mussten. Ehemals stabile gewerbliche Familienbetriebe mit Stammkundschaft boten ebenfalls keine Garantie mehr für eine gesicherte Zukunft des Nachwuchses; durch das Wachstum der Stadt entstanden jedoch neue Stellen im Finanz- und Handelssektor und in der Bürokratie. Handwerker verließen ihre Zunft und nahmen Arbeit in der neu entstehenden Industrie an. Die territoriale Abgrenzung bestimmter Gewerbe oder Handwerke begann sich aufzulösen. Eine soziale Ordnung, basierend auf dem Wissen um den Beruf oder der gesellschaftlichen Stellung des Einzelnen, war somit nur schwerlich auszumachen, und auch das Kriterium der Herkunft verlor durch den Zuzug hauptsächlich junger, alleinstehender Menschen an Aussagekraft.

Diese Umstände machten den öffentlichen Raum der Metropole des 18. Jahrhunderts zu einem Ort, wo man einer „relativ großen Vielfalt an Menschen“12 Menschen begegnete und bildeten die zweite Grundlage für die Wahrnehmung einer Öffentlichkeit; einer öffentlichen Sphäre im Gegensatz zu einer sich parallel entwickelnden privaten. Das Verlassen der eigenen vier Wände bedeutete somit, sich einem Publikum zu stellen. Die Verunsicherung, die diese Situation hervorrief, brachte Regeln hervor, die es ermöglichen sollten, „miteinander auf einer allgemeinen Grundlage zu verkehren“ und in erster Linie auf einer um Glaubhaftigkeit bemühten Darstellung beruhten. Dabei ging es jedoch nicht um die Offenbarung der Identität, deren Bestimmung aus oben genannten Gründen ohnehin schwierig gewesen ist; vielmehr hatten bestimmte „Glaubhaftigkeitskodes“ die Aufgabe, eine „emotionale Ordnung“ herzustellen, dem „Leben auf der Straße eine Form“ zu verleihen13. Die Begriffe ‚Publikum’ und ‚Darstellung’ verweisen hierbei auf eine auf die Antike zurückgehende Vorstellung von der Welt als „theatrum mundi“14, nach der Bühne und Straße zwei wesensverwandte Bereiche sind und nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Respekteinflößende Belesenheit - Richard Sennetts Werke zur Stadtkultur
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
SE: Von Simmel bis Zukin, Klassische Essays über die Kultur der Stadt (Rolf Lindner)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V78527
ISBN (eBook)
9783638840941
ISBN (Buch)
9783638840934
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Respekteinflößende, Belesenheit, Richard, Sennetts, Werke, Stadtkultur, Simmel, Zukin, Klassische, Essays, Kultur, Stadt, Lindner)
Arbeit zitieren
Mike Schmidt (Autor), 2004, Respekteinflößende Belesenheit - Richard Sennetts Werke zur Stadtkultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78527

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