Jugendkultur in den siebziger Jahren - Die Musik der Ton Steine Scherben in der Zeit des Wertewandels


Hausarbeit, 2003

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE KULTUR ALS AUSDRUCKSFORM SOZIALER HALTUNG
2.1. DEFINITION KULTUR
2.2. DIE ROLLE DER KULTUR IN DEN 70ER JAHREN
2.3. JUGENDLICHE LEBENSEINSTELLUNG IN DER BRD DER 70ER JAHRE

3. DIE ERFAHRUNGEN DES JUNGEN RIO REISER

4. DIE WURZELN DER TON STEINE SCHERBEN - DAS HOFFMANNS COMIC TEATER (HCT)
4.1. ERSTE ERFOLGE
4.2. DIE IDEE DES STRAßENTHEATERS

5. WILDE JAHRE - DIE TON STEINE SCHERBEN UND IHRE AKTIONEN BIS 1975
5.1. ERSTE ERFOLGE
5.2. EIN LEGENDÄRER FERNSEHAUFTRITT
5.3. DIE ERSTE HAUSBESETZUNG
5.4. BEKANNTSCHAFT MIT DER POLIZEI
5.5. KONFLIKTE IN DER EIGENEN SZENE

6. FAZIT

7. ANHANG 1 - BILDER

8. ANHANG 2 - AUSGEWÄHLTE SONGTEXTE

9. LITERATURVERZEICHNIS
9.1. BÜCHER
9.2. MULTIMEDIA
9.2. MUSIK

„Musik ist eine Waffe!

Musik kann zur gemeinsamen Waffe werden, wenn du auf der Seite der Leute stehst, für die du Musik machst! Wenn du mit deinen Texten etwas sagst und eine Situation nennst, die zwar alle kennen, die aber jeder vereinzelt in sich hineingefressen hat, dann werden alle hören, dass sie nicht die einzigen sind, die damit noch nicht fertig geworden sind und du kannst ihnen eine Möglichkeit zu Veränderung zeigen.

Musik kann also zur Waffe werden, wenn du mit ihr die Ursachen deiner Aggressionen erkennst.

Wir wollen, dass du deine Wut nicht verinnerlichst, dass du dir darüber klar wirst, woher deine Unzufriedenheit und deine Verzweiflung kommen. (...) Unsere Musik soll ein Gefühl der Stärke vermitteln. Unser Publikum sind Leute unserer Generation: Lehrlinge, Rocker, Jugendarbeiter, `Kriminelle`, Leute in und aus Heimen. Von ihrer Situation handeln unsere Songs. (...)

Unsere Lieder sind einfach, damit viele sie mitsingen können. Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. (...)

Wir sind in keiner Partei und in keiner Fraktion. Wir unterstützen jede Aktion, die dem Klassenkampf dient. (...)

Wir werden in Berlin und Westdeutschland vor und in Betrieben und in den Jugendheimen der Arbeiterviertel spielen. Dazu zeigen wir Dias, die eine Ergänzung zur Musik und zum Text bilden. (...)“[1]

Aufruf der Ton Steine Scherben am 24.12. 1970 in der linken Untergrundzeitung „Agit883“

1. Einleitung

Kulturgeschichte befasst sich mit den kulturellen Entwicklungen und Veränderungen in einer Gesellschaft und wirkt zusammen mit anderen Teilbereichen der Geschichtswissenschaft (Religions-, Literatur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte) ergänzend zur traditionellen politischen Geschichtsforschung. Ziel ist es, durch direkt wahrnehmbare Kultur in Form von Kleidung, Malerei, Musik, Literatur etc., Bewegungen in einer Gesellschaft besser erklären und vergleichen zu können. Die Verwendung von Farben, Formen, Texten und Tönen ermöglicht dem Menschen individuelle Äußerungen innerhalb einer Gemeinschaft. Dies ist in einer Vielzahl von Stilen möglich und wird je nach Einstellung und Anforderung von einem bestimmten Publikum konsumiert. Jeder einzelne in der Gesellschaft hat einen eigenen Geschmack, der die Vorliebe für spezielle Filme, Musiker, Dichter oder Designs bestimmt. Es fühlen sich jeweils die Teile der Bevölkerung angesprochen, die ihre Lebenseinstellung in den entsprechenden Werken wieder finden. So kann man an den Erfolgen verschiedener Interpreten und den Reaktionen der Konsumenten den Anspruch ihrer Zeit bestimmen und im Zusammenhang mit politischen und wirtschaftlichen Geschehnissen interpretieren.

Ende der 60er Jahre zeichnet sich ein Umbruch im kulturellen Verständnis in der BRD ab, wobei besonders die junge Bevölkerung und vor allem die Studenten den neuen Stil bestimmen werden. Sie sind der Meinung, dass die Kunst zu kommerziell geworden ist und die Interpreten nur noch Werke produzieren, die ohne Widerspruch von der Gesellschaft angenommen werden. Umgekehrt wird nur noch Kunst konsumiert, die als salonfähig gilt, um sich auch damit der Mehrheit anzupassen. Ein neuer Stil muss her, provozierend, frech, unverblümt und trotzdem einfach, und er soll zum Denken oder sogar Handeln anregen.

So entsteht Anfang der 70er Jahre aus den Wurzeln des Hoffmann Comic Teaters[2] die Rockgruppe Ton Steine Scherben, die mit ihrer Musik und insbesondere den Texten genau den Zahn ihrer Zeit trifft.

In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit den Erfahrungen des jungen Rio Reiser und den daraus entstandenen Texten für die Gruppe Ton Steine Scherben sowie mit dem Lebensstil ihrer Mitglieder befassen. Sie symbolisieren die Lebenseinstellung der jungen Menschen jener Tage und spiegeln ihre Gedanken, Probleme und Träume wieder. Aus dieser Perspektive lassen sich die Bedürfnisse der Jugend der 70er Jahre kulturgeschichtlich vertiefen.

2. Die Kultur als Ausdrucksform sozialer Haltung

2.1. Definition Kultur

Der Begriff Kultur im ursprünglichen Sinne bezieht sich auf die Pflege und Bebauung des Bodens und ist zurückzuführen auf das lateinische Wort cultura (Bebauung, Ausbildung)[3]. In der heutigen Zeit hat sich der Kulturbegriff erweitert und schließt „die Gesamtheit der einer Kulturgemeinschaft eigenen Lebens- und Organisationsformen sowie den Inhalt und die Ausdrucksformen der vorherrschenden Wert- und Geisteshaltung, auf die diese sozialen Ordnungsmuster gründen“[4] ein. Dieser kann sich in vielfältiger Art und Weise äußern: in besonderen Sitten und Bräuchen, Schwerpunkten der Bildung, Sprache, Schrift, Kunst, Kleidung, Bauwesen und Rechtssystem.

In diesem Zusammenhang bildete sich im 18. Jahrhundert im Rahmen der Aufklärung in der Geschichtswissenschaft der Zweig der Kulturgeschichte heraus mit dem Bemühen, „nicht nur politische Geschichte zu erfassen, sondern die Gesamtheit menschlicher Aktivität einschließlich Literatur, Kunst, Musik, intellektueller Errungenschaften usw.“[5]. Damit wurde ein Gegenpol zur reinen politischen Geschichte geschaffen, der im 19. Jahrhundert mit scharfen Antithesen provozierend wirkte. Heute wird sie als Ergänzung der traditionellen, auf Politik basierenden Geschichte geschätzt.

2.2. Die Rolle der Kultur in den 70er Jahren

Bereits Ende der 60er Jahre lässt sich ein Umbruch im kulturellen Verständnis der westdeutschen Bevölkerung erkennen. In dieser Zeit entsteht eine jugendliche Protestbewegung, welche einen Aufstand gegen die kommerzialisierte Massenkultur beginnt. Sie kritisieren das Verhalten der Konsumenten und bezeichnen dies als Kulturheuchelei. Sie sind der Ansicht, „Die Frage, was man denken solle, werde wie die Frage, was man anziehen solle, behandelt“[6]. Die aus dem Protest entstehende neue Kultur setzt auf natürliche, einfache und realistische Formen, zudem sollen radikale und anarchistische Züge nun auch den Nerv der bisher kulturell desinteressierten Gesellschaft treffen. So werden zum Beispiel beim Film einfache, harmlose Storys ohne viel Aufwand produziert, wobei die Charaktere der Hauptrollen bizarr und skurril gestaltet werden.

„Der Film wurde begriffen als Lebensform, die `direkt` und auch mit obszöner Brutalität kulinarischen Filmkonsum verhindern sollte. Das Bekenntnis zur Kunstlosigkeit ermöglichte freilich auch extensiven künstlerischen Dilettantismus, der durch Überheblichkeit kaschiert wurde.“[7]

Auch beim Theater wird versucht, neue Strukturen zu schaffen, wobei das Publikum in das Schauspiel einbezogen werden sollen. So wird das Straßentheater geboren, bei dem die Zuschauer das Stück aktiv mitgestalten können, indem sie zum Beispiel eine Rolle aus ihrem Alltagsleben übernehmen und dadurch wiederum andere Zuschauer animieren, ihren Teil eigener Erfahrungen beizusteuern.

Dieser kulturelle Wandel basiert auf einem Wertewandlungsschub, hervorgerufen durch den Wirtschaftsaufschwung in den westdeutschen Bundesländern der 50er Jahre und die daraus entstehende „Steigerung des Massenwohlstandes“[8]. Man spricht von einer „Wohlstandsexplosion“[9]. Die wirtschaftliche Integration der Bundesrepublik in den Westen erhält mit der in den Römischen Verträgen (1957) beschlossenen Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) neuen Auftrieb.[10] Das Volkseinkommen wächst in dreißig Jahren (1950 - 1980) circa 15mal mehr als in den fünfzig Jahren zuvor und auch das verfügbare Einkommen steigt erheblich an[11] (Anhang 1, Abb.1). Viele Wertgehalte werden nun bedeutungslos, während andere, bisher ausgeklammerte Werte wieder ans Tageslicht rücken[12]. R. Inglehard bezeichnet dies ein paar Jahre später als einen Übergang vom Materialismus zum Postmaterialismus[13]. Seinen Ausführungen zufolge rücken Pflicht- und Ordnungswerte in den Hintergrund, während Faktoren wie Selbstentfaltung immer stärker reflektiert werden. Es ist nun nicht mehr wichtig, einen Notgroschen für harte Tage zurückzulegen, vielmehr spart man nun für kostspielige Gebrauchsgüter wie einen Kühlschrank oder ein neues Auto[14].

Aktive Beteiligung an diesem Wertewandlungsschub ist besonders den jungen Menschen zuzuschreiben. Zwar äußert sich die Veränderung in der gesamten Gesellschaft, jedoch stellt die ältere Generation eher den passiven Teil dar, der sich von dem Geschehen treiben lässt und allenfalls Sympathie bekundet, ohne selbst in Aktion zu treten. Es ist „ein Aufstand der Jungen“[15], vornehmlich der Studenten, die den Werten wie Disziplin, Gehorsam, Pflichterfüllung, Treue, Unterordnung, Fleiß, Bescheidenheit, Anpassungsbereitschaft, Fügsamkeit und Enthaltsamkeit den Rücken kehren. Dass sich gerade die gebildete Jugend für die Selbstentfaltung einsetzt, lässt sich nicht zuletzt auch auf das entsprechende Sozialklima und den Strukturzusammenhang an den Universitäten zurückführen.

2.3. Jugendliche Lebenseinstellung in der BRD der 70er Jahre

Das Denken der jungen Menschen in den 70er Jahren ist gekennzeichnet durch eine Aufbruchstimmung. Sie möchten etwas Neues schaffen und Zeichen setzen und nehmen so eine Gegenhaltung zum bisher existierenden Kulturverständnis ein. Die Haltung einer jungen Generation gegenüber bestehenden Werten ist nicht ungewöhnlich. Denn „Jugendkultur meint im Hinblick auf den allgemeinen Kulturbegriff, dass hier spezifische Inhalte und Formender materiellen, vor allem aber der geistigen Kultur ausgebildet werden: als Ausdruck von Eigenständigkeit, einem eigenen Lebensgefühl und eigenen Werthaltungen.“[16] Sie wird daher als Teilkultur angesehen, die oftmals als Gegenkultur in Erscheinung tritt und bewusst und gezielt in eine andere Richtung als die offizielle Kultur geht.

In den 70er Jahren entsteht solch ein neuer Schwerpunkt mit der Einstellung gegen jegliche Theorien und Definitionen. Man möchte nicht mehr in Schemata gezwängt werden und nimmt Abstand von strukturellem und prinzipiellem Denken[17], denn man empfindet „gesellschaftliche Anforderungsgehalte nicht nur trivial, sondern auch als `falsch`, `vorgespiegelt` oder - zum Zweck der Kaschierung fremder Interessen - `inszeniert`“[18]. Diese Meinung äußert sich auch im Lebensstil der Jugendlichen. Sie bilden Wohngemeinschaften, um Geborgenheit bei Gleichgesinnten, mit denen intensive Kommunikation möglich ist, zu finden. Es entsteht ein neues Nachbarschaftsgefühl, denn als Nachbar gilt derjenige, der dieselben Ansichten vertritt. Diese beinhalten mehr Entpolitisierung, Einfachheit und Anarchie. Die neue Generation will sich vom durchschnittlichen Bundesbürger abheben und befasst sich nur mit ihnen, wenn es wirklich notwendig ist, wie zum Beispiel bei einer Razzia[19]. Diese nehmen in jener Zeit beständig zu, denn Unmut wird nun nicht mehr nur verbal geäußert, sondern es wird gehandelt. So verschmelzen Kultur und Alltagsleben miteinander und die Freizeitgestaltung wird neu definiert[20]. Man besprüht Häuserwände mit Graffiti, besetzt Häuser und lässt in trauter Runde Joints kreisen.

[...]


[1] zit. n. Sichtermann, K./ Johler, J./ Stahl, C.: Keine Macht für niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben; 2.Auflage; Berlin 2000; Seite 41

[2] Es sei angemerkt, dass die Schreibweise „Teater“ bewusst gewählt wurde.

[3] Meyers Jugendlexikon; Mannheim 1989; Stichwort „Kultur“; Seite 331.

[4] Microsoft Encarta Professional 2003; Stichwort „Kultur“.

[5] Microsoft Encarta Professional 2003; Stichwort „Kulturgeschichte“.

[6] Glaser, H.: Deutsche Kultur 1945 - 2000; Berlin 1999; Seite 417.

[7] ebd.; Seite 422.

[8] Klages, H.: Wertedynamik. Über die Wandelbarkeit des Selbstverständlichen; Osnabrück 1988; Seite 51.

[9] Geißler, R.: Die Sozialstruktur Deutschlands. Ein Studienbuch zur sozialstrukturellen Entwicklung im geteilten und vereinten Deutschland; Opladen 1992; Seite 38.

[10] Vgl. Microsoft Encarta Professional 2003; Stichwort „Deutschland“, Kapitel 7.1. „Die Westintegration“.

[11] Vgl.Geißler, R.; Opladen 1992; Seite 39.

[12] Vgl. Klages, H.; Osnabrück 1988; Seite 48.

[13] Nachzulesen in Inglehart, R.: Modernisierung und Postmodernisierung; Frankfurt/ M. 1998.

[14] Vgl. Klages, H.; Osnabrück 1988; Seite 51.

[15] ebd.; Seite 54.

[16] Schäfers, B.: Gesellschaftlicher Wandel in Deutschland. Ein Studienbuch zur Sozialstruktur und Sozialgeschichte; 6. Auflage; Stuttgart 1995; Seite 145.

[17] Vgl. Glaser, H.; Berlin 1999; Seite 469.

[18] Klages, H.; Osnabrück 1988; Seite 64.

[19] Vgl. Glaser, H.; Berlin 1999; Seite 469.

[20] Vgl. Klages, H.; Osnabrück 1988; Seite 64.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Jugendkultur in den siebziger Jahren - Die Musik der Ton Steine Scherben in der Zeit des Wertewandels
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Wirtschaftsbezogene Kulturgeschichte Deutschlands
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V78585
ISBN (eBook)
9783638846448
ISBN (Buch)
9783638845311
Dateigröße
1042 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendkultur, Jahren, Musik, Steine, Scherben, Zeit, Wertewandels, Wirtschaftsbezogene, Kulturgeschichte, Deutschlands
Arbeit zitieren
Anita Weißflog (Autor), 2003, Jugendkultur in den siebziger Jahren - Die Musik der Ton Steine Scherben in der Zeit des Wertewandels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78585

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