"Lehrerdeutsch: Eltern verstehen die Zeugnisse nicht" lautete im Juli 2000 eine Schlagzeile in der Berliner Zeitung. In dem Artikel ging es darum, dass viele Eltern Probleme haben, die Formulierungen in den Schülerbeurteilungen zu interpretieren. "Der Grund dafür sind nicht zuletzt Erfahrungen mit ähnlichen doppeldeutigen Formulierungen in Beurteilungen durch Arbeitgeber" (Dressler 2000). Der Satz "Er bemüht sich" bedeutet, der Betroffene habe die Erwartungen nicht erfüllt. Eine Sprecherin der Verwaltung versicherte in dem Artikel jedoch, dass in der Schule nicht mit "doppeltem Boden" gearbeitet werde (vgl. ebd.). Allerdings gebe es keine Formulierungsvorgaben für Lehrer (vgl. ebd.).
Seit August 2000 gibt es für Brandenburgs Schulen Vorgaben zur Einschätzung des Arbeits- und Sozialverhaltens in den Klassen 3 bis 10. Dazu gibt es vorformulierte Kriterien, die fachbezogen und fächerübergreifend "Aussagen zum Stand des Kompetenzerwerbs" treffen und die Eltern informieren sollen (vgl. VVArbSoz 2000, Abs. 1). Weiter geben die Verwaltungsvorschriften dem Lehrer Hinweise zur Vorgehensweise: "Die im Formular aufgeführten Kategorien sind an Hand der jeweils zugehörigen Beurteilungskriterien auszufüllen. Jeweils ein Beurteilungskriterium wird ausgewählt und in das Formular [...] übertragen [...]" (ebd., Abs. 2).
Für mich stellt sich die Frage, wie aussagekräftig die Formulierungen sind, was Schüler und Eltern dieser hochstandardisierten Einschätzung entnehmen können und ob solch ein Verfahren eine Erleichterung für den Lehrer darstellt. In dem Zeitungsartikel wird deutlich, wie problembehaftet das Beurteilen ist. Deshalb möchte ich in der vorliegenden Arbeit versuchen, die Fragen zu beantworten und die "Informationen über das Arbeits- und Sozialverhalten" hinsichtlich ihrer Aussagefähigkeit und Nützlichkeit im Schulbetrieb prüfen.
Anregung gibt Elisabeth Gülichs Aufsatz zu "Routineformeln und Formulierungsroutinen", der die Charakteristika "formelhafter Texte" darstellt und nach der Funktion solcher Texte in der Interaktion fragt (Gülich 1997). Gunter Presch hat sich mit den Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben von Arbeitszeugnissen auseinandergesetzt (Presch, o.J.) und Christine Keßler hat sich mit Mustern personenbeurteilender Texte in der DDR beschäftigt (Keßler 1997).
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beschreibung des Sprechaktes „Beurteilen“
3. Beschreibung der Textsorte „Beurteilung“
4. Beschreibung des empirischen Datenmaterials
5. Zur semantischen Analyse der Beurteilungskriterien
5.1. Die Bedeutung der Beurteilungskategorien
5.2. Das Konzept formelhafter Texte nach Elisabeth Gülich
5.3. Untersuchungen zur Aussagefähigkeit von Arbeitszeugnissen nach Gunter Presch
6. Diskussion zur Aussagefähigkeit der „Informationen über das Arbeits- und Sozialverhalten“
6.1. Eine Lehrerbefragung zur praktischen Umsetzung der Beurteilungsvorschriften
6.2. Objektivität versus Individualität
6.3. Alternativen
7. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Aussagefähigkeit und Nützlichkeit der standardisierten „Informationen über das Arbeits- und Sozialverhalten“ in Schulzeugnissen des Landes Brandenburg. Ziel ist es, kritisch zu prüfen, ob die verwendeten Formulierungsvorgaben eine objektive Einschätzung ermöglichen oder ob sie die individuelle Persönlichkeit des Schülers durch starre Schemata verdecken.
- Semantische Analyse der Beurteilungskriterien
- Diskussion der Objektivität standardisierter Sprachmuster
- Vergleich der Brandenburger Regelung mit alternativen Beurteilungsansätzen
- Analyse der praktischen Umsetzung und Lehrermeinungen
Auszug aus dem Buch
2. Beschreibung des Sprechaktes „Beurteilen“
Beurteilen heißt, jemand gibt ein Urteil über jemanden oder etwas ab. „[...] ich beurtheile dich nach deinen Handlungen“ steht im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm an erster Stelle des Eintrags (Grimm 1854, Sp. 1749) und im DUDEN Bedeutungswörterbuch heißt es: „ ein Urteil (über jmdn./etwas) abgeben, jmdn. nach seinem Äußeren beurteilen, von jmdn. Arbeit, Leistung beurteilen [...]“ (Duden 1985, S. 141).
Ein Lehrer oder eine Lehrerin verfasst eine Beurteilung mit dem Ziel, einem Schüler/ einer Schülerin und seinen/ ihren Eltern Informationen über die Entwicklung des Lern-, Arbeits und Sozialverhaltens zu geben (vgl. GEW 1999, S. 3).
Janowski, Fittkau und Rauer verstehen unter einer Schülerbeurteilung „in der Regel“ einen „Wahrnehmungs- und Bewertungsprozess (meist von Lehrern)“, der anhand „vorgegebener (oder nur unbewußt wirkender) Merkmale (Eigenschafts- oder Verhaltensbegriffe der Umgangssprache) die persönliche Eigenart der einzelnen Schüler mit bestimmten Zielsetzungen“ charakterisiert. „Einen Schüler charakterisieren heißt, ihn mit solchen Begriffen kennzeichnen, daß er für Dritte in seiner Eigenart wieder erkennbar wird“ (Janowski u.a. 1981, S. 5)
Aber wie aussagefähig sind standardisierten Beurteilungskriterien und -formulierungen wirklich? Janowski u.a. gehen davon aus, dass Beurteilungen “zielgerichtet, bewertend” sind und “über Eigenschaftszuweisungen” und auch “unbewußt” erfolgen und „der Verständigung über Schüler“ dienen (Janowski/Fittkau/Rauer..., S. 5). Es wird also zu prüfen sein, welcher Art die Formulierungen in den „Informationen zum Arbeits- und Sozialverhalten“ sind und wie verständlich sie Gemeintes ausdrücken. Bevor ich das mir vorliegende Datenmaterial beschreibe und analysiere, möchte ich noch auf die Beurteilung als Textsorte eingehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik unverständlicher Zeugnisformulierungen und stellt die Forschungsfrage zur Aussagefähigkeit der Brandenburger Vorgaben.
2. Beschreibung des Sprechaktes „Beurteilen“: Dieses Kapitel definiert das Beurteilen als Wahrnehmungs- und Bewertungsprozess und hinterfragt die Eignung standardisierter Kriterien für diese Aufgabe.
3. Beschreibung der Textsorte „Beurteilung“: Hier wird die Schülerbeurteilung in das linguistische Textsortenrepertoire eingeordnet und der formale Rahmen der Brandenburger Zeugnispraxis analysiert.
4. Beschreibung des empirischen Datenmaterials: Es werden die offiziellen Kategorien (Lerneinstellung, Zuverlässigkeit etc.) und deren definitorische Hintergründe sowie die Vergleichsbeispiele aus Hamburg vorgestellt.
5. Zur semantischen Analyse der Beurteilungskriterien: Dieses Kapitel untersucht die Begriffsdefinitionen, das Konzept der Routineformeln nach Gülich und die Problematik zweideutiger Formulierungen nach Presch.
6. Diskussion zur Aussagefähigkeit der „Informationen über das Arbeits- und Sozialverhalten“: Basierend auf einer Lehrerbefragung werden die praktische Umsetzung, das Spannungsfeld zwischen Objektivität und Individualität sowie mögliche Alternativen diskutiert.
7. Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Arbeit werden resümiert, wobei das Fazit zieht, dass die aktuellen Vorgaben das Ziel einer objektiven und individuellen Beurteilung nur unzureichend erfüllen.
Schlüsselwörter
Schülerbeurteilung, Arbeitsverhalten, Sozialverhalten, Zeugnissprache, Routineformeln, Schulrecht, Lehrerbefragung, Textsortenanalyse, Pädagogik, Bildungsstandards, Objektivität, Individualität, Kompetenzentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung der standardisierten „Informationen über das Arbeits- und Sozialverhalten“ in brandenburgischen Schulzeugnissen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Qualität der Beurteilungskriterien, die Funktion formelhafter Sprache in der Schule sowie der Vergleich von hochstandardisierten Bewertungen mit individuelleren Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Aussagefähigkeit und Nützlichkeit der offiziellen Beurteilungs-Kategorien im Schulalltag zu bewerten und zu prüfen, ob die angestrebte Objektivität tatsächlich erreicht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse zu linguistischen und pädagogischen Theorien sowie eine empirische Lehrerbefragung an einem Gymnasium zur praktischen Evaluation.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine semantische Analyse der Begriffe, die Untersuchung von Routineformeln und eine kritische Diskussion der Lehrererfahrungen hinsichtlich Messbarkeit und Objektivität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Zentrale Begriffe sind Schülerbeurteilung, Zeugnissprache, Objektivität, Routineformeln und pädagogische Kommunikation.
Welche Rolle spielen die Lehrerkonferenzen bei der Zeugniserstellung?
Lehrerkonferenzen dienen dem Austausch, wobei jedoch oft demokratisch über die meistgenannte Kategorie abgestimmt wird, was die individuelle Entwicklung des Schülers nur bedingt abbildet.
Warum hält die Autorin die aktuellen Beurteilungsformulare für fast überflüssig?
Die Autorin argumentiert, dass die Formulierungen weder die individuelle Persönlichkeit eines Schülers hinreichend erfassen, noch eine echte Objektivität garantieren, wodurch Noten oft informativer wirken.
- Quote paper
- Nicole Schulz (Author), 2002, Schülerbeurteilung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7858