Soziale Differenzierung und Individuation in den Gesellschaftstheorien Georg Simmels und Niklas Luhmanns


Diplomarbeit, 1993

76 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der gesellschaftstheoretische Ansatz Georg Simmels
2.1 Wechselwirkung
2.2 Soziale Differenzierung
2.3 Geld und Individualisierung
2.4 Vergesellschaftete Subjekte
2.5 Die Tragödie der Kultur
2.6 Qualitativer und quantitativer Individualismus

3. Zur Gesellschaftstheorie Niklas Luhmanns
3.1 Systemdifferenzierung
3.2 Differenzierungsformen
3.3 Evolution und Transformation
3.4 Individuation
3.4.1 Inklusion und Exklusion
3.4.2 Die Überleitungssemantik
3.4.3 Vollendete Exklusion: Das Subjekt und sein Reflexionszirkel
3.4.4 Die Gegenwart: Karriere und Anspruchsindividualismus

4. Simmel und Luhmann - wie wird Gesellschaftstheorie möglich?
4.1 Luhmanns Exkurs über Simmels Exkurs
4.2 Die Differenzierungskonzepte
4.3 Individualisierung und Individuation

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Whether it be in the development of the Earth, in the development of Life upon its surface, in the development of Society, of Government, of manufactures, of Commerce, of Language, Literature, Science, Art, this same evolution of the simple into the complex, through successive diffe­rentiations, holds throughout. From the earliest traceable cosmical changes down to the latest results of civilisation, we shall find that the transformation of the homogeneous into the heterogeneous, is that in which Progress essentially consists" (Spencer 1857: 40).

Mit seinem universellen Evolutionsgesetz von der Transformation einer "unzusammenhängenden Homogeni­tät" in eine "zusammenhängende Heterogenität" (vgl. auch Spencer 1971: 92) führte Herbert Spencer "das Kernstück einer spezifisch soziologischen Entwick­lungstheorie" (Tyrell 1978: 175) ein - die Theorie sozialer Differenzierung.

Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen evolutionäre Prozesse des Auseinandertretens zuvor "strukturell 'fusionierter'" Funktionsbereiche der Gesellschaft - etwa Religion, Politik, Wirtschaft, Recht, Wissen­schaft -, in deren Folge sich

"tendenziell ein Nebeneinander funktional spezialisierter Teilbereiche ausbildet, das gleichwohl die 'Einheit' des Gesellschaftssystems nicht sprengt. Ausschlaggebendes Krite­rium für spezifisch evolutionären gesellschaftlichen Wandel ist nach dieser Auffassung die innere Pluralisierung und damit Komplexitätssteigerung der Gesellschaft" (ebd.).

Am Anfang dieser spezifisch soziologischen Entwick­lungstheorie stehen um die Jahrhundertwende die 'modernen Klassiker' wie Durkheim, Simmel und Weber, in deren Soziologie mit unterschiedlicher Akzentu­ierung - Arbeitsteilung / Individualisierung / Ratio­nalisierung - die im Zuge der Auseinandersetzung mit Spencers und Darwins Evolutionstheorien bewußt gewordene Eigengesetzlichkeit und -funktionalität sozialer Entwicklung auf den Begriff gebracht wurde. Hatte die Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts noch eine Harmonie zwischen individuellen, Handeln und der sozialen Ordnung gesehen, wird nun das Auseinanderfallen beider Ebenen bewußt und in der Soziologie als Strukturproblem und kulturelle Wert­krise der Moderne[1] reflektiert (vgl. Dahme/Ramm­stedt 1984: 462). Der utopische Glauben an die Zukunft und den Fortschritt, der die Theorien von Comte über Marx bis hin zu Spencer noch leitete, zerbrach am Ende des 19. Jahrhunderts, und Differen­zierung als Strukturmerkmal und Resultat sozialer Entwicklung bestimmt die Sicht der Geschichte und Gegenwart (vgl. Luhmann 1990b: 413).

Das heißt, daß die Theorie der gesellschaftlichen Differenzierung von Beginn an sowohl eine Entwick­lungstheorie als auch"Strukturtheorie der modernen, nämlich 'hochdifferenzierten' Gesellschaft" (Tyrell 1978: 176) sein wollte.

In diesem Übergangsstadium zur modernen Soziologie "mit der Überwindung der alten binären Schemati­sierung von Individuum und Gesellschaft" (Dahme/ Rammstedt 1984: 467) nimmt Georg Simmel[2] eine be­sondere Position ein. Denn die alte Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft kehrt auf neue Weise in seine Theorie zurück: bringt doch der Prozeß, sozialer Differenzierung die Indi­vidualität der modernen Menschen erst hervor. Simmel leitet die modernen Individualität gesell­schaftstheoretisch her und ist damit "wohl der ein­zige 'Gründungsvater' der modernen Soziologie, bei dem das Individualitätsproblem in zunehmend kom­plexer werdender Gesellschaft in Mittelpunkt des soziologischen Interesses steht" (Dahme/kammste(it 1984: 464). In der Soziologie der Individuation und der Philosophie der Individualität laufen die Fäden seines Denkens zusammen[3].

In Simmels erster soziologischer Publikation "Über sociale Differenzierung" (1890), die in einer Phase entstand, in der er von "Pragmatismus, Sozialdarwi­nismus, Spencerschem Evolutionismus" (Landmann 1976: 3) beeinflußt war, weist er das Soziale des Individuellen nach, d.h. die durch gesellschaft­liche Differenzierung bedingte Individualität, indem "das Band, welches eine große Anzahl von Individuen schema­tisch zusammengefaßt hat, durchgeschnitten wird und statt der gleichen Kollektiveigenschaften die Individualität des Wesens den Inhalt seines Vorgestelltwerdens ausmacht." (Simmel 1890: 259 f.).

Hier findet sich auch durch Simmels Bestimmung sozialer Entwicklung als Entstehung "assoziativer Verhältnisse homogener Bestandteile aus heterogenen Kreisen" (ebd.: 237) Spencers Evolutionsgesetz wieder. In enger Beziehung zu seiner Differenzierungsschrift stehen seine geldtheoretischen Arbeiten, die er in den Jahren zwischen 1889 und 1900 vorlegt.

Im Geld sieht er das zentrale Symbol der seit der Neuzeit einsetzenden Funktionalisierung und Ent­substanzialisierung der Gesellschaft und ihrer 'Auf­lösung' in Beziehungen[4]. Differenzierungs- und Geldtheorie können daher als genuin gesellschafts­theoretischer Beitrag Simmels bewertet werden (vgl. Dahme/Rammstedt 1983: 27; Tenbruck 1958: 592). Simmels 'Große' und 'Kleine Soziologie' (1908, 1917) sind primär weitere Ausarbeitungen früher bereits formulierter Grundgedanken: Die Bestimmung des Gegenstandsbereiches der Soziologie als Wechsel­wirkung und Vergesellschaftung von Individuen steht hier im Vordergrund. Seine seit etwa 1905 voll­zogene erkenntnistheoretische - kantianische - Wende[5] führt ihn im berühmten Exkurs "Wie ist Ge­sellschaft möglich" (1908: 42-61) zur Bestimmung soziologischer Aprioris und läßt ihn die Subjekt­qualität der Individuen in den Fluchtpunkt der Betrachtung rücken.

Er kehrt gleichwohl nicht zu einer Dichotomisierung von 'Individuum und Gesellschaft' zurück, sondern leitet das Soziale weiterhin relational her. Georg Simmels Soziologie steht im Rahmen einer Relativi­tätstheorie, nach der "die logisch-begriffliche Welt aus lauter Gegensatzpaaren besteht, die als regulative Begriffe 'in der Form der Heuristik' und des Alsob auf einander angewiesen seien: Mittel/ Zweck, Funktion/Substanz, Individualisierung/Ver­allgemeinerung, Monismus/Pluralismus usw." (Böhringer 1976: 113; vgl. Simmel 1900: 93 ff.).

Dieser Relationismus führt ihn zu einer kontra­stierenden, dualistischen Denkweise (vgl. Nedelmann 1980), die gegenläufige und konträre Tendenzen und Gegebenheiten als konstitutiv für gesellschaftliche Wechselwirkung bestimmt: "Eintracht, Harmonie, Zu­sammenwirksamkeit, die als die schlechthin sozia­lisierenden Kräfte gelten, müssen von Distanz, Kon­kurrenz, Repulsion durchbrochen werden, um die wirk­liche Konfiguration von Gesellschaft zu ergeben" (Simmel 1908: 391). Im Ergebnis bedeutet dies:

"Das soziologische Konzept steht bei ihm im weiteren Rahmen einer Philosophie, für die, wie für die moderne Systemtheo­rie, das einzelne Seiende durch Wechselwirkung polarer Kräf­te zustande kommt und jedes Gesetz in Relation zum Gegen­satz steht." (Landmann 1976: 9).

"Am Anfang steht also nicht Identität, sondern Diffe­renz" (Luhmann 1984: 112), formuliert Niklas Luhmann daher folgerichtig[6] den Ausgangspunkt nicht nur seiner Theorie, sondern jeder Erkenntnisleistung. Die relativistische Sichtweise teilt Luhmann mit Simmel, und noch radikaler stehen die Begriffe 'Diffe­renz' und 'Differenzierung' in mehrfacher Hinsicht im Zentrum des Luhmannschen Theorieunternehmens.

Die Differenz zwischen System und Umwelt ist als erste, grundlegende Prämisse der Beginn jeder seiner systemtheoretischen Analysen. Systeme konstituieren und reproduzieren sich selbst "durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt" (Luhmann 1984a: 35). Sie 'existieren' nur in der unauflös­lichen Bezogenheit und Grenzziehung zur Umwelt, so daß die Umwelt "ihre Einheit erst durch das System und nur relativ zum System (erhält)" (ebd.: 36). Für jede Beobachtung - auch Selbstbeobachtung und wissenschaftliche Analyse - bildet die Unterscheidung zwischen System und Umwelt die Basis. Luhmann er­setzt das traditionelle erkenntnistheoretische Modell von der Einheit eines Ganzen, das aus seinen Teilen besteht, in einem weiteren Schritt durch eine Theorie der Systemdifferenzierung: "Systemdifferenzierung ist nichts weiter als Wiederholung der Systembildung in Systemen. Innerhalb von Systemen kann es zur Ausdifferenzierung weiterer System/Umwelt-Differenzen kommen" (ebd.: 37) - d.h. zur Ausbildung von Sub­systemen.

An dieser Stelle setzt Luhmanns Theorie sozialer Differenzierung an: Über interne Differenzierung, verstanden als Bildung von Teilsystemen im System selbst, multipliziert dieses sich in vielfache System/Umwelt-Differenzen; bezieht man diese Aussage auf das Gesellschaftssystem, bildet jedes Teilsystem der Gesellschaft zusammen mit seiner internen sozia­len Umwelt die ganze Gesellschaft, vom jeweiligen Teilsystem aus gesehen in unterschiedlicher Perspek­tive. Daraus folgt nicht nur, daß die Einheit der Gesellschaft eine "unitas multiplex" ist (vgl. Luhmann 1990b), sondern durch Systemdifferenzierung wird sie auch komplexer: "In diesem Sinne ist System­differenzierung Promotor von Komplexität und Anstoß für den Aufbau emergenter Ordnungen" (Luhmann 1980: 21). Doch anders als die ältere Soziologie faßt Luhmann den Zusammenhang zwischen Komplexität und Systemdifferenzierung nicht als einen konti­nuierlichen, unilinearen Steigerungszusammenhang auf. Für ihn hängt vielmehr das Komplexitätsniveau, das eine Gesellschaft erreichen kann, ab von der "Form seiner Differenzierung. Je nach dem, unter welchem Leitgesichtspunkt die primäre Differenzie­rung des Gesellschaftssystems, die Bildung einer ersten Schicht von Teilsystemen eingerichtet ist, gibt es innerhalb des Gesellschaftssystems mehr oder weniger Anlaß zu verschiedenartigem Handeln." (ebd.: 22). Luhmann nennt vier Differenzierungs­formen der Gesellschaft, die sich evolutionär ausgebildet und bewährt haben: Segmentäre Diffe­renzierung, Differenzierung von Zentrum und Peri­pherie, stratifikatorische Differenzierung und funktionale Differenzierung (vgl. z.B. Luhmann 1990b: 423).

Luhmanns Theorie der Systemdifferenzierung steht im Rahmen einer von Darwin ausgehenden Evolutions­theorie, die jedoch soziokulturelle Evolution nicht als Kausalprozeß begreift, sondern als Struktur­änderung von Systemen, die wiederum als Differen­zierung aufzufassen ist und "darin besteht, daß Funktionen der Variation, der Selektion und der Stabilisierung differenziert, das heißt durch ver­schiedene Mechanismen wahrgenommen, und dann wieder kombiniert werden" (Luhmann 1975a: 151). Die je­weilige primäre Differenzierungsform der Gesell­schaft ist dabei als Stabilisierungsmechanismus zu sehen[7], auf den sich Variationen stützen.

Je nach primärer Differenzierungsform unterscheidet Luhmann Globaltypen bzw. Epochen gesellschaftlicher Entwicklung und beobachtet die Transformation eines Gesellschaftstyps in einen anderen als Geschichte. Die Basis seiner historisch-semantischen Unter­suchungen bildet daher die These, daß der entscheidende "Zug zur Moderne nicht einfach in zunehmender Differenzierung, sondern in einem Wandel der pri­mären Form gesellschaftlicher Differenzierung, im Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung" (Luhmann 1989: 155) zu sehen ist. Davon ausgehend, sieht er eine wichtige Folge der seit der Neuzeit einsetzenden funktionalen Diffe­renzierung in einer Neufassung der Individualität: "Der Einzelne kann seine 'Identität' (so formuliert man seit dem 18. Jahrhundert) nicht mehr aus der Angabe seines Geburtsstandes gewinnen, er muß sie erwerben" (Luhmann 1987b: 125).

In einer stratifizierten Gesellschaft gibt die Sozialstruktur selbst die Individualität der einzel­nen durch Inklusion der ganzen Person in einen gesell­schaftlichen Kontext vor. In einer primär funktio­nal differenzierten Gesellschaft kann jedoch niemand mehr nur einem Teilsystem angehören - die Inklusion in die Gesellschaft wird zum Problem. Die Gesell­schaft wird zur Umwelt der Individuen, so daß diese nur noch durch Exklusion definiert werden können: "Das ist der strukturelle Grund für die neuartige (post-naturrechtliche) Dramatik von 'Individuum und Gesellschaft'" (Luhmann 1989: 158).

In Luhmanns historisch-semantischer Analyse der Individuation laufen schnittpunktartig die wesent­lichen Stränge seiner Theorie zusammen. Systemtheoretisch faßt er Individuen nicht als Teile der Gesellschaft auf, sondern verortet sie in der Umwelt des sozialen Systems. Historisch-differenzierungstheoretisch versteht er die moderne Auffassung von Individualität als Korre­lat evolutionärer gesellschaftsstruktureller Ver­änderungen und bewertet daher philosophisch-indivi­dualistische Selbststeigerungs- und Selbstbestimmungs­thesen als Begleitsemantik des ohnehin stattfindenden gesellschaftlichen Wandels.

Auf eine transzendentalphilosophisch oder anthro­pologisch begründete Subjekt-Auffassung von Indivi­duen verzichtet er und erklärt statt dessen sowohl die Individualität psychischer Systeme als auch die 'Eigenrationalität' sozialer Systeme mit dem Konzept der Autopoiesis. Seine Theorie autopoietischer Systeme führt Luhmann "zwingend zu erkenntnistheoretischen Positionen, die heute unter dem Titel 'Konstruktivismus' erör­tert werden" (Luhmann 1987c: 311).

Das legt die Frage nahe, ob von dieser Position aus überhaupt noch eine Verbindungslinie zum 'Klassi­ker' Georg Simmel gezogen werden kann. Luhmann selbst erspart sich in seiner Intention, eine fach­universale Theorie mit einem neuen Begriffssystem zu konstituieren, lange Auseinandersetzungen mit soziologischen Fachtraditionen, und das "verschafft ihm enorme Beweglichkeit und Originalitätsgewinne" (Reese-Schäfer 1992: 174). Diese Gewinne könnten aber - gerade bei einem für die Gesellschaftstheorie so zentralen und konstitutiven Thema wie der sozialen Differenzierung - in einer Gegenüberstellung mit einem klassischen Autor umso deutlicher hervorteten. Umgekehrt kann die Gegenüberstellung der vor 80 bis 100 Jahren entstandenen Arbeiten Georg Simmels, die in vielem eben doch nicht so weit von dem "gegen­wärtig höchsten und interessantesten philosophischen Reflexionsniveau"(ebd.: 175) entfernt sind, Simmels hohe sozialwissenschaftliche Sensibilität und Grün­dungsleistung verdeutlichen.

Die Schriften Georg Simmels bilden einen geeigneten 'Abstützungspunkt'[8] außerhalb des spezifisch Luhmann­schen Theorie- und Begriffssystems. Von ihnen aus­gehend ist zu beurteilen, wie weit einerseits die Erkenntniskapazität der "in der Sprache von 'Individuum und Gesellschaft'" (Luhmann 1981a: 252) geschriebenen Soziologie Simmels reicht und in welchem Umfang andererseits durch Luhmanns weit­reichende Abstraktionen "traditionelles Theoriegut der Soziologie übernommen, reformuliert oder aufge­geben werden muß und was dabei eventuell verloren geht" (Luhmann 1987c: 309).

In den folgenden Kapiteln werde ich daher zunächst auf Georg Simmels Konzeption der Wechselwirkung, der sozialen Differenzierung und Individuation ein­gehen und auch seine kulturphilosophischen Ausfüh­rungen zum Problem der Entfremdung einbeziehen. Danach werde ich Luhmanns Theorie der Systemdifferen­zierung und soziokulturellen Evolution nachvollziehen und dabei seine historisch-semantische Aufarbeitung der Individuation sowie seine Überlegungen zum Identitätsproblem des modernen Individuums berück­sichtigen.

Einige wichtige Grundüberlegungen beider Autoren habe ich in dieser Einleitung bereits skizziert. Sie sollen den Leitfaden für den Hauptteil der Arbeit darstellen; leiten wird mich aber auch das "alte Verstehensprinzip, eine Theorie nicht an ihren Schwachstellen zu zerpflücken, sondern sich gerade auf ihre Vorzüge und ihre Leistungsfähigkeit zu konzentrieren (und dennoch die Fehler zu be­nennen)", das Reese-Schäfer (1992: 13) für Luhmann einfordert und das auch für Simmel einzuklagen ist - denn seinem vielseitigen Denken wurde und wird mit ähnlichen Vorurteilen[9] begegnet, wie sie heute gegenüber Luhmanns Soziologie oft anzutreffen sind.

2. Der gesellschaftstheoretische Ansatz Georg Simmels

2.1 Wechselwirkung

Als "Dialektik ohne Versöhnung" bezeichnet Landmann (1987: 16) die fundamentale Denkweise Georg Simmels, die nicht mit einer metaphysischen Einheit beginnt, "sondern er macht Ernst mit dem 'pluralistischen Universum'. Am Anfang steht das Einzelne, und höhere Ganzheiten kommen - Leibnizisch - erst zustande durch die Beziehungen des Einzelnen aufeinander" (ebd.: 16f.). Anders als "frühe Denkweisen", die von einem absoluten Schöpfungsgedanken ausgehen, so erklärt Simmel sein relativistisches Weltbild in der "Philosophie des Geldes",

"kann man es als eine Grundrichtung der modernen Wissen­schaft bezeichnen, daß sie die Erscheinungen nicht mehr durch und als besondere Substanzen, sondern als Bewegungen versteht, deren Träger gleichsam immer weiter und weiter ins Eigenschaftslose abrücken; daß sie die den Dingen an­hängenden Qualitäten als quantitative, als relative Be­stimmungen auszudrücken sucht; daß sie statt der absoluten Stabilität organischer, psychischer, ethischer, sozialer Formationen eine rastlose Entwicklung lehrt, in der jedes Element eine begrenzte, nur durch das Verhältnis zu seinem Vorher und Nachher festzulegende Stelle einnimmt; daß sie auf das an sich seiende Wesen der Dinge verzichtet und sich mit der Feststellung der Beziehungen begnügt, die sich zwischen den Dingen und unserem Geiste, von dem Stand­punkte dieses aus gesehen, ergeben." (1900: 95).

Seinen erkenntnistheoretischen Relativismus formu­liert Simmel soziologisch als Kategorie der Wechsel­wirkung, die Forschungsgegenstand der neuen Wissen­schaft von der Gesellschaft sein soll: "Soll es nun eine Soziologie als besondere Wissenschaft geben, so muß demnach der Begriff der Gesellschaft als solcher ( ...)die gesellschaftlich-geschichtlichen Gegebenheiten einer neuen Abstraktion und Zusammen­ordnung unterwerfen" (Simmel 1908: 17).

Ausgehend von der Unterscheidung zwischen Form und Inhalt der Gesellschaft bestimmt er ihre Form so, daß sie da existiert, wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten" (ebd.).

Inhalte sind den Individuen innewohnende Triebe, Zwecke, Interessen, Neigungen, psychische Zustände und Bewegungen, die "noch nicht sozialen Wesens" (ebd.: 18) sind: "vielmehr, sie bilden diese erst, indem sie das isolierte Nebeneinander der Indivi­duen zu bestimmten Formen des Miteinander und Für­einander gestalten, die unter den allgemeinen Be­griff der Wechselwirkung gehören" (ebd.: 19).

Der Begriff der Wechselwirkung soll zwar die "Be­ziehungen zwischen Personen" (1890: 133) umfassen, doch sind für Simmel weder die konkreten Individuen noch eine metaphysische Letzteinheit 'Gesellschaft' erkenntnistheoretischer Gegenstandsbereich der So­ziologie, sondern sie kann nur "diese Wechselwir­kungen, diese Arten und Formen der Vergesellschaf­tung untersuchen wollen" (1908: 19).

Indem Simmel die Gesellschaft in Beziehungen auf­löst, scheinen Rollentheorie und Meadsche Intersub­jektivität (vgl. Tenbruck 1958) und auch Handlungs­theorie (vgl. Dahme/Rammstedt 1984) vorweggenommen und vorbereitet, aber Simmel scheint Abstrakteres zu meinen. Denn "die Grenze des eigentlichen sozia­len Wesens" kristallisiert sich für ihn da heraus, "wo die Wechselwirkung der Personen untereinander nicht nur in einem subjektiven Zustand oder Handeln derselben besteht, sondern ein objektives Gebilde zustande bringt, das eine gewisse Unabhängigkeit von den einzelnen daran teilhabenden Persönlich­keiten besitzt" (1890: 133). Überall da ist für ihn Gesellschaft, wo "die Wechselwirkung sich zu einem Körper verdichtet, der sie eben als gesell­schaftliche von derjenigen unterscheidet, die mit den unmittelbar ins Spiel kommenden Subjekten und ihrem augenblicklichen Verhalten verschwindet" (ebd.).

Der Begriff der Wechselwirkung scheint zunächst auf bloße Austauschbeziehungen von Akteuren hinzudeuten. Simmel hat mit ihm jedoch physikalische Erkenntnisse für die Soziologie zu nutzen versucht, um Gesell­schaft als raumzeitlich strukturierte, dynamische Form zu bestimmen (vgl. Dahme 1981: 470).

Simmel selbst deutet dies an, wenn er erklärt, daß es auch für die physikalischen und chemische Analyse von Atomen darauf ankäme, ob diese als Einheit wirkten, und nicht, ob sie theoretisch noch weiter zerlegbar seien (vgl. 1890: 131). Trotz der Dynamik, die der Begriff der Wechselwirkung impliziert, kann er Simmel daher zur Analyse der Einheit 'Gesellschaft' dienen: "Denn Einheit im empirischen Sinn ist nichts anderes als Wechselwirkung von Elementen." (1908: 18). So wie die Zustände wechselwirkender Moleküle in der Thermodynamik untersucht werden, soll auch die Sozio­logie Substanzen in Bewegungen auflösen und Quali­täten als relative Beziehungen quantifizieren. Wechselwirkung als Prozeß der Vergesellschaftung wird dann "die unmittelbarste Veranschaulichung der Relativität an dem Material der Menschheit" (Simmel 1900: 91), und die Gesellschaft verläuft nicht ent­weder an "bloßen Individuen oder in abstrakten All­gemeinheiten", sondern sie "ist das übersinguläre Gebilde, das doch nicht abstrakt ist" (ebd.). Gesellschaft ist damit für Simmel die Sphäre, die sich zwischen die "großen Systeme und überindividu­ellen Organisationen, an die man bei dem Begriff von Gesellschaften zu denken pflegt" (1917a: 13), und die Motive der einzelnen Individuen schiebt - denn auch jene großen Systeme sind nur "Verfestigungen - zu dauernden Rahmen und selbständigen Gebilden von unmittelbaren, zwischen Individuum und Indivi­duum stündlich und lebenslang hin und her gehenden Wechselwirkungen" (ebd.).

Die Gesellschaft wird dadurch einerseits zu einer funktionellen Einheit (vgl. Hübner-Funk 1982: 74ff.); sie ist kein feststehender, "sondern ein gradueller Begriff" (Simmel 1890: 131) für Verknüpfungen zwischen Personen. Andererseits wird sie zur ideellen Sphäre eines "tiefgründigen Zirkels", in dem sich "die Verhältnisse auf der Basis eines gegenseitigen Wissens voneinander und dieses Wissen auf der Basis der tat­sächlichen Verhältnisse" (Simmel 1900: 385) entwickeln. Die Wechselwirkung erweist sich so als ein Punkt, "an dem das Sein und das Vorstellen ihre geheimnis­volle Einheit empirisch fühlbar machen" (ebd.).

Georg Simmel leitet seine explizit soziologischen Arbeiten (1890, 1908, 1917a) jeweils mit einem er­kenntnistheoretischen Kapitel ein, in dessen Mittel­punkt der Begriff Wechselwirkung steht. Dabei os­zilliert der Begriff zwischen einer theoretisch­relativistischen, physikalischen Grundlegung der Soziologie und einer konkreten, alltagssoziolo­gischen Ausrichtung: Vom gegenseitigen Anblicken, vom gemeinsamen Mittagessen bis zur Sympathie und Antipathie "liegen die Wechselwirkungen zwischen den Elementen, die die ganze Zähigkeit und Elastizi­tät, die ganze Buntheit und Einheitlichkeit dieses so deutlichen und so rätselhaften Lebens der Gesell­schaft tragen" (Simmel 1917a: 13)[10].

Er hat mit diesem Konzept versucht, eine spezifisch soziologische Sichtweise zu entwickeln und damit das Forschungsprogramm einer Disziplin vorzugeben, die zu seiner Zeit noch zu konstituieren war.

Eine konsistente Theorie der Gesellschaft hat Simmel jedoch nicht vorgelegt. Daran hinderte ihn zum einen gerade sein 'pluralistisches Universum': "Aus dem richtigen Satz, daß nur Formen, aber keine Form an sich existiere, hat er fälschlich gefolgert, daß es keine Theorie der Form geben kann" (Tenbruck 1958: 604).

Zum anderen dürfte dem auch Simmels Hinwendung zur Lebensphilosophie entgegengestanden haben, die seine Aufmerksamkeit von funktionalen Aspekten der Gesellschaft zum Idealismus und dem 'nicht-vergesell­schafteten' individuellen Bewußtsein lenkte.

Simmels relativistisches Weltbild allein verbunden mit seinem sensiblen analytischen Potential haben jedoch dazu geführt, daß er nahezu alle Begriffe und Konzepte, die für die spätere Soziologie wichtig werden sollten, eingeführt oder zumindest berührt hat - darunter ein Konzept, das den Mittelpunkt einer Gesellschaftstheorie hätte bilden können: die soziale Differenzierung.

2.2 Soziale Differenzierung

Nach seinem Kapitel zur 'Wechselwirkung' beginnt Georg Simmel die inhaltliche Ausarbeitung des Themas 'soziale Differenzierung' (1890: 139-291) mit einem Abschnitt zur "Kollektivverantwortlichkeit", um an diesem Aspekt den Unterschied zwischen "roheren Epochen" mit deren "primitiver Gruppe" (139) und einem "höheren, ausgebildeteren und feineren Ge­bilde"(142) zu verdeutlichen: in jener 'primitiven Gruppe' verschmilzt das Individuum mit der Gesamt­heit: "Je kleiner aber die Gruppe ist, die dem Einzelnen die Gesamtheit der ihm nötigen Anlehnungen bietet, und je weniger er außerhalb gerade dieser die Möglichkeit einer Existenz findet, desto mehr muß er mit ihr verschmelzen"(140).

Unvollkommen ist in der kleinen Gruppe "die Diffe­renzierung auch der individuellen Kräfte und Tätig­keiten" (144), und darüber hinaus nutzt auch das "subjektive Urteil" (145) Differenzierungsmöglich­keiten nicht, vielmehr sei bezeichnend für ein unausgebildetes Bewußtsein, daß dieses "ganz besonders von der Association durch äußere Gleichheit beherrscht wird" (147) - mit der Folge, daß eine Tat nicht dem einzelnen Individuum, sondern einer ganzen Gruppe oder Familie zugerechnet wird.

Das höhere Gebilde, der "Kulturstaat" (143) dagegen scheint "von einer ihm eigentümlichen, nur dem Ganzen als Ganzem geltenden Kraft dirigiert zu werden" (142). Das 'vielgliedrige', also differen­zierte Ganze würde durch eine solche Fülle von Beziehungen gebildet, daß es selbst, aber auch jedes Element, unabhängiger und selbständiger werde. Je höher und differenzierter die "innerliche Ver­knüpftheit", desto mehr wird das Ganze "selbständi­ger den Teilen gegenüber erscheinen und sein, der Teil immer weniger sich dem Ganzen hinzugeben brau­chen" (143). Das ist die erste ganz allgemeine "Norm" (ebd.), die Simmel für soziale Differenzierung feststellt: das Auseinandertreten individueller und sozialer Entwicklung.

Das geschieht durch die "Ausdehnung der Gruppe", und ihr folgt "die Ausbildung der Individualität", womit sich sein folgendes Kapitel befaßt.

Der Grad der Ausbildung von Individualität ist für Simmel gleichzusetzen mit der Erweiterung des Kreises sozialer Interessen (vgl. 169). Die Entwicklung jeder homogenen Gruppe sei von "steigender Diffe­renzierung" (ebd.) gekennzeichnet; die Unterschiede zwischen den Individuen, so stellt Simmel in etwas naiver Anwendung des Darwinismus fest, "verschärfen sich durch die Notwendigkeit, den umkämpften Lebens­unterhalt durch immer eigenartigere Mittel zu gewin­nen; die Konkurrenz bildet bekanntlich die Specia­lität des Individuums aus"(ebd.).

Dieser Differenzierungsprozeß sei von der wachsenden Nötigung und Neigung der sozialen Gruppe gekenn­zeichnet, "über ihre ursprünglichen Grenzen in räumlicher, ökonomischer und geistiger Beziehung hinauszugreifen und neben die anfängliche Centri­petalität der einzelnen Gruppe bei wachsender Indi­vidualisierung und dadurch eintretender Repulsion ihrer Elemente eine centrifugale Tendenz als Brücke zu anderen Gruppen zu setzen" (170). Dies ist das zweite Prinzip, das Simmel für soziale Evolution feststellt: "die individualisierende Differenzierung" wird begleitet durch "die an die Ferne anknüpfende Ausbreitung" (171).

Stehen sich in "roheren Zeiten" gesamte Stämme fremd und feindlich gegenüber, so steigt bei wach­sender Individualisierung "mit fortschreitender Kultur" (173) die Annäherung an bisher Fremde.

In diesem Kapitel wird sehr deutlich, daß Simmel soziale Differenzierung primär als Kultivierungs- ­und Individualisierungsprozeß auffaßt: löst doch die Ausbildung der Individualität den einzelnen aus provinzieller "Hingabe an eine engbegrenzte sociale Gruppe" und führt statt dessen zu "kosmo­politischer Gesinnung" (178; vgl. dazu auch Helle 1988: 49ff.), wofür er die italienische Renaissance als Beispiel anführt, deren Lebensformen "von der ganzen gebildeten Welt angenommen worden sind und zwar gerade, weil sie der Individualität, welcher Art sie auch immer sei, einen vorher ungeahnten Spielraum gaben" (178f.).

Ethisch gesehen bewirkt für Simmel die Individuali­sierung die Förderung des Gleichheitsideals der Menschheit, denn "je mehr statt des Menschen als Socialelementes der Mensch als Individuum und damit diejenigen Eigenschaften, die ihm bloß als Menschen zukommen, in den Vordergrund des Interesses treten, desto enger muß die Verbindung sein, die ihn gleich­sam über den Kopf seiner socialen Gruppe hinweg zu allem, was überhaupt Mensch ist, hinzieht und ihm den Gedanken einer idealen Einheit der Menschenwelt nahe legt" (181).

Da auch umgekehrt eine (erzwungene) Vereinheitlichung sozialer Gruppen durch "gegenseitige Reibung der Elemente" (194) - Simmels physikalische Analogie wird hier deutlich - die Individualisierung fördere, kann Simmel sein zweites Evolutionsprinzip noch allgemeiner fassen: Er sieht ein "Reziprozitätsver­hältnis zwischen Individualisierung und Verallgemei­nerung" (ebd.).

Eines der hervorragendsten Beispiele für das Eintreten dieses Prinzips in das wissenschaftliche Denken ist für Simmel "die Umwandlung der Artenlehre in die Descendenztheorie" (195). Diese "neuere Erkenntnis" - d.h. die darwinistische - liefere eine Verallgemei­nerung durch den Gedanken der allgemeinen Einheit alles Lebenden und komme der "Differenzierung und Spezification" dadurch entgegen, daß jedes Indivi­duum als besondere Stufe der Entwicklung aufgefaßt werde; im Ergebnis "faßt sie das Allgemeine allge­meiner und das Individuelle individueller, als die frühere Theorie es konnte. Und dies eben ist das Komplementärverhältnis, das sich auch in den realen socialen Entwicklungen geltend macht" (196).

Im Denken wirken also für Simmel dieselben Ent­wicklungsprinzipien wie im empirischen sozialen Leben.

Der Gedanke der Gleichheit führt Simmel auch im folgenden Kapitel, das sich mit dem "socialen Niveau" beschäftigt, unter anderen Vorzeichen zu einer dritten 'Formel' für soziale Entwicklung. Hatte er vorher festgestellt, daß die Wertschätzung und Ausbildung der Individualität die Idee der allgemeinen Gleich­heit fördere - "gerade wenn jeder etwas Besonderes ist, ist er insoweit jedem anderen gleich" (183) - so bringt er jetzt "die aufsteigende Entwicklung" in die Formel, "daß der Umfang der socialen Niveaus im Sinne der Gleichheit abnimmt zu gunsten des socialen Niveaus im Sinne des Kollektivbesitzes" (226f.).

Hier meint er mit Gleichheit die Homogenität der Gruppe und, bezogen auf das soziale Niveau, den gleich verteilten geistigen Besitz der einzelnen Personen oder Gruppen. Als Kollektivbesitz definiert er dagegen denjenigen, "der keinem Einzelnen als solchem eigen ist" (226). Die Vergrößerung dieses Kollektivbesitzes, d.h. die Zunahme sozialer Insti­tutionen und Kenntnisse, die nicht mehr an konkrete Personen gebunden sind, kennzeichnet Simmel als funktionale Differenzierung des sozialen Niveaus: denn mit der Ausbildung des Kollektivbesitzes muß "seine Einheitlichkeit im strengeren Sinne leiden und sich in vielspältige Teile zerlegen, deren Einheit statt der substantiellen mehr und mehr eine bloß dynamische wird, d.h. sich nur noch in einem funktionellen Ineinandergreifen von inhaltlich sehr getrennten Bestandteilen zerlegt, welche nun auch entsprechend verschiedenartigen Individualitäten die Teilnahme an dem gemeinsamen öffentlichen Besitz er­möglichen" (227).

Simmels Betrachtungen zur sozialen Differenzierung erreichen im vorletzten Kapitel "Über die Kreuzung socialer Kreise" einen ersten Höhepunkt, indem er die bisher gewonnenen Prinzipien der sozialen Ent­wicklung zu einer Gesetzmäßigkeit zusammenfaßt. Wie sich für ihn das vorgeschrittene vom "roheren Denken" dadurch unterscheide, daß es aus den ver­schiedenartigsten Wirklichkeiten durch "höhere Begriffsbildung", die über das aktuell und zufällig Wahrnehmbare hinausgreift, Zusammenhänge herstellt, so stellt sich die soziale Entwicklung analog dar:

"Der einzelne sieht sich zunächst in einer Umgebung, die, gegen seine Individualität relativ gleichgültig, ihn an ihr Schicksal fesselt und ihm ein enges Zusammensein mit den­jenigen auferlegt, neben die der Zufall der Geburt ihn ge­stellt hat; und zwar bedeutet dies zunächst die Anfangszu­stände phylogenetischer wie ontogenetischer Entwicklung.

Der Fortgang derselben aber zielt nun auf associative Ver­hältnisse homogener Bestandteile aus heterogenen Kreisen" (237).

Hier geht Simmel auf Spencers Evolutionsgesetz zurück: Die Anfangszustände phylo- und ontogene­tischer Entwicklung sind durch 'unzusammenhängende Homogenität' gekennzeichnet, die alles Verschiedene umfaßt, während die Weiterentwicklung aus unter­schiedlichen Gruppen und Individuen eine 'zusammen­hängende Heterogenität' konstituiert - einen neuen Zusammenschluß nach inhaltlichen Kriterien.

Dies ist für Simmel der Kulturfortschritt, der die äußere Zusammenfassung der einzelnen in nur eine Gruppe ersetzt durch verschiedene "Berührungs­kreise" (238), die ihren Zusammenhalt durch sachlich übereinstimmende Beziehungen erhalten, und: "die Zahl der verschiedenen Kreise nun, in denen der Einzelne darin steht, ist einer der Gradmesser der Kultur" (239).

Er gewinnt aus Spencers Evolutionstheorie einerseits die Erklärung für die Ausbildung von Individualität. Denn die verschiedenen Gruppen, denen ein Individuum angehört, sieht er als Koordinatensystem, aus dem jede neue Gruppe die Person genauer definiert, "so daß jedes Ding, platonisch zu reden, an so vielen Ideen teil hat, wie es vielerlei Qualitäten besitzt, und dadurch seine individuelle Bestimmtheit erlangt. Gerade so verhält sich die Persönlichkeit gegenüber den Kreisen, denen sie angehört" (240). Andererseits erhält Spencers Prinzip bei Simmel eine kantia­nische Ergänzung: Die 'Association homogener Bestand­teile aus heterogenen Kreisen' sei das durch be­ständige Wiederholung subjektiver Eindrücke syn­thetisierte Objektive, dessen erneute Synthese wiederum die Individualität hervorbringt:

"Nachdem die Synthese des Subjektiven das Objektive hervor­gebracht, erzeugt nun die Synthese des Objektiven ein neueres und höheres Subjektives - wie die Persönlichkeit sich an den socialen Kreis hingiebt und sich in ihm verliert, um dann durch die individuelle Kreuzung der socialen Kreise in ihr wieder ihre Eigenart zurückzugewinnen" (241).

Simmels viertes Individuations-Prinzip der sozialen Entwicklung enthält in dieser idealistischen Fassung ein Motiv "des Außersichgeratens zum Zwecke der be­reicherten Rückkehr" (Böhringer 1976: 113), dessen Uneinlösbarkeit in Simmels späterer Kulturphilosophie eine tragische Interpretation erfahren wird. In seiner Schrift von 1890 sieht Simmel in der Her­stellung inhaltlich integrierter Kreise und Genossen­schaften dagegen positiv einen Ausgleich "jener Vereinsamung der Persönlichkeit, die aus dem Bruch mit der engen Umschränktheit früherer Zustände her­vorgeht" (245). Die Differenzierung unterschiedlicher sozialer Kreise, an denen teilzuhaben den Individuen freigestellt ist, löse vielmehr "die Aufgabe der Socialisierung in viel vollkommenerer Weise"(246) als die frühere Vereinigung, die die Individualität nicht kannte. Denn "Freiheit und Bindung verteilen sich gleichmäßiger, wenn die Socialisierung, statt die heterogenen Bestandteile der Persönlichkeit in einen Kreis zu zwingen, vielmehr die Möglichkeit gewährt, daß das Homogene aus heterogenen Kreisen sich zusammenschließt" (247).

Ihre endgültige teleologische Abrundung erhält die soziale Differenzierung im letzten Kapitel der Ab­handlung, und zwar durch das "Prinzip der Krafter­sparnis".

In der Physik ist es schon lange bekannt: Durch Reibung entstehen Energieverluste, die bei dem Ver­such, Energie in Arbeit umzusetzen, berücksichtigt werden müssen. Simmel betrachtet soziale Wechsel­wirkung auch als Prozeß, in dem Energie eingesetzt wird und bewertet sie als umso effizienter, je weniger Energie dabei verlorengeht, je mehr Kraft also gespart wird[11].

Sowohl "alle aufsteigende Entwicklung in der Reihe der Organismen" sieht er "beherrscht von der Tendenz zur Kraftersparnis" (258) als auch die Kultur gehe dahin, alle Zwecke "auf immer kraftsparenderem Wege durchzusetzen" (ebd.). Kraftersparnis ist für Simmel das Telos der Evolution, und Differenzierung ist das beste Mittel, um dieses Ziel durchzusetzen: "Der evolutionistische Vorteil der Differenzierung läßt sich nun als Kraftersparnis fast nach allen hier angezeigten Richtungen deuten" (259).

Die Kraftersparnis - "zunächst im Sinne der Reibungs­minderung" (267) - ist das Prinzip, das das organi­sche und kulturelle Geschehen zur aufsteigenden Ent­wicklung bringt; diesem "höchsten Ziele" (271) sei die Differenzierung unterzuordnen: Entelechie also. Aber durch die Funktionalisierung der gesellschaft­lichen und individuellen Existenz auf dieses höchste Ziel hin scheint sich ein "fundamentaler Wider­spruch" (283) zu ziehen: "Die Differenzierung der socialen Gruppe steht nämlich offenbar zu der des Individuums in direktem Gegensatz" (ebd.). Denn die Differenzierung der sozialen Gruppe fordere die Ein­seitigkeit des Individuums; "so bannt der Zwang der öffentlich wirtschaftlichen Verhältnisse den Einzel­nen sein Leben lang in die einförmigste Arbeit" (284). Die soziale Differenzierung setzt Individualität frei, die jedoch nicht zu den "gesonderten" gesell­schaftlichen Funktionsbereichen paßt:

"Dem gegenüber bedeutet die Differenzierung des Individuums gerade das Aufheben der Einseitigkeit; sie löst das Inein­ander der Willens- und Denkfähigkeiten auf und bildet jede derselben zu einer für sich bestehenden Eigenschaft aus. Gerade indem der Einzelne das Schicksal der Gattung in sich wiederholt, setzt er sich in Gegensatz zu diesem selbst; das Glied, das sich nach der Norm des Ganzen entwickeln will, negiert damit in diesem Falle seine Rolle als Teil derselben. Die Mannichfaltigkeit scharf gesonderter Inhalte, die das Ganze verlangt, ist nur herstellbar, wenn der Ein­zelne auf eben dieselbe verzichtet: man kann kein Haus aus Häusern bauen" (284).

Die Evolution der Ontogenese produziert so statt schöpferischer Individualität typische "problema­tische Naturen" (286) der Moderne.

Bei fortschreitender Differenzierung wird "schließ­lich jeder Einzelne eine Reihe unerfüllbarer Forde­rungen in sich fühlen" (ebd.). Der "sociale Makrokos­mos" droht, seinen "Mikrokosmos" (ebd.) aufzureiben. Es bleibt nur eine zweifelnde Hoffnung auf den zu künftigen Kulturfortschritt, dessen Aufgabe es sei, "die socialen wie die individuellen Aufgaben immer mehr so zu gestalten, daß der gleiche Grad von Diffe­renzierung für beide erforderlich ist" (285).

In der Gegenwart "muß uns Simmel derweil symbolisch trösten" (Böhringer 1976: 114). Denn im Geld scheint bereits jene Balance und Gleichzeitigkeit der Diffe­renzierungen in einem Symbol verwirklicht:

"In sich vollkommen einheitlichen Charakters, weil als bloßes Tauschmittel vollkommen ohne Charakter, strahlt er doch in die Mannichfaltigkeit alles Handelns und Genießens aus, und, in der Form der Potentialität, vereinigt er in sich den ganzen Farbenreichtum des wirtschaftlichen Lebens, wie das farblos erscheinende Weiß alle Farben des Spektrums in sich enthält; es konzentriert gleichsam in einem Punkt sowohl die Resultate, wie die Möglichkeit unzähliger Funk­tionen.(...) Das Geld ist demnach das vollständigste Neben­einander der Differenzierungen im Sinne der Potentialität" (Simmel 1890: 291f.).

Das Geld wird somit für Simmel nicht nur Medium für eine symbolische Vermittlung im Konflikt zwischen individueller und sozialer Differenzierung, sondern es ist vor allem das Signum der Gegenwart, es ist Ausdruck der Dynamik der Moderne und Wechselwirkung schlechthin - es ist "Weltformel" (Simmel 1900: 93) der geistigen und sozialen Kultur der Neuzeit.

2.3 Geld und Individualisierung

In welch engem Zusammenhang Simmels Geldtheorie mit seinem Konzept der sozialen Differenzierung steht, wird zu Beginn seines Aufsatzes "Das Geld in der modernen Kultur" (1896) deutlich, in dem er die soziale Differenzierung im Unterschied zwischen Mittelalter und Neuzeit charakterisiert, um dann die Moderne vom Geld her auf den Begriff zu bringen:

"Im Mittelalter findet sich der Mensch in bindender Zuge­hörigkeit zu einer Gemeinde oder einem Landbesitz, zum Feudalverband oder zur Korporation; seine Persönlichkeit war eingeschmolzen in sachliche oder soziale Interessen­kreise, und die letzteren wiederum empfingen ihren Charakter von den Personen, die sie unmittelbar trugen. Diese Einheit­lichkeit hat die neuere Zeit zerstört. Sie hat einerseits die Persönlichkeit auf sich selbst gestellt und ihr eine unvergleichliche innere und äußere Bewegungsfreiheit gegeben; sie hat dafür andererseits den sachlichen Lebensinhalten eine ebenso unvergleichliche Objektivität verliehen (...). So hat die Neuzeit Subjekt und Objekt gegeneinander verselb­ständigt, damit jedes die ihm eigene Entwicklung reiner und voller fände. Wie beide Seiten dieses Differenzierungs­Prozesses von der Geldwirtschaft getroffen werden, haben wir darzustellen" (Simmel 1896: 78).

Simmels erklärte Absicht ist es, mit seiner Analyse der Geldwirtschaft den historischen Materialismus zu überwinden[12], ihm "ein Stockwerk unterzubauen, derart, daß der Einbeziehung des wirtschaftlichen Lebens in die Ursachen der geistigen Kultur ihr Erklärungswert gewahrt wird, aber eben jene wirt­schaftlichen Formen selbst als das Ergebnis tieferer Wertungen und Strömungen, psychologischer, ja, metaphysischer Voraussetzungen erkannt werden" (1900: 13). Diese tieferliegenden Strömungen sind geprägt von einer kulturellen Entwicklung, "die auf jedem Gebiet und in jedem Sinn das Substanzielle in frei­schwebende Prozesse aufzulösen strebt" (ebd.: 199), deren Bestandteil und Symbol das Geld für ihn zu­gleich ist[13].

Die Entwicklung der Geldwirtschaft ist für Simmel Ausdruck des teleologischen Prozesses der Reibungsverminderung in der aufsteigenden Kultur. Durch das 'farblose' Tauschmittel werden die Dinge "abgeschliffen und geglättet" und in eine beschleu­nigte Zirkulation, "in seinen rastlosen Fluß hin­abgezogen (...). Derselbe Übergang der Stabilität zur Labilität, der das gesamte moderne Weltbild charakterisiert, hat mit der Geldwirtschaft auch den ökonomischen Kosmos ergriffen, dessen Schicksale, wie sie einen Teil jener Bewegung bilden, zugleich ein Symbol und Spiegel der ganzen sind" (1896: 93). Die Moderne, die einerseits nach "Nivellierung" strebe, indem sie immer umfassendere soziale Kreise herstellt, andererseits hingeht auf die "Herausar­beitung des Individuellsten" (ebd.: 83), habe das Geld als Vermittlungsinstanz dieser entgegengesetzten 'Ströme der Kultur' geschaffen: "Beide Richtungen werden durch die Geldwirtschaft getragen, die einer­seits ein ganz allgemeines, überall gleichmäßig wirksames Interesse, Verknüpfungs- und Verständi­gungsmittel, andererseits der Persönlichkeit die gesteigertste Reserviertheit, Individualisierung und Freiheit ermöglicht" (ebd.).

Das "ideale Bindemittel" (ebd.: 81) Geld stellt damit für Simmel eine Lösung für den Konflikt zwischen sozialer und individueller Differenzierung dar - zumindest auf wirtschaftlichem Gebiet.

Die Geldwirtschaft habe einerseits die Loslösung der Person von dinglichem und lokalem Besitz ermög­licht, andererseits durch die Notwendigkeit, das Geld wieder in dingliche Werte umzusetzen, "eine äußerst starke Bindung zwischen den Mitgliedern desselben Wirtschaftskreises" (ebd.) geschaffen. Dieses sollten nach Simmels Auffassung diejenigen bedenken, die die "trennende und entfremdende Wirkung" (1896: 81) des Geldes beklagten. Als allen ge­meinsames Wertmaß, durch seine "Unpersönlichkeit und Farblosigkeit" (ebd.: 80) rufe es gemeinsame Aktionen von solchen Individuen und Gruppen hervor, "die ihre Getrenntheit und Reserviertheit in allen sonstigen Punkten scharf betonen"(ebd.), denn es hat z.B. den Zweckverband entwickelt. Die Geldwirt­schaft fördere darüber hinaus die Arbeitsteilung, weil nur die einseitige, objektive, von der Persön­lichkeit gelöste Leistung mit dem "abstrakten Äqui­valent" des Geldes entlohnt wird:

"so ist es schließlich das Geld, das unvergleichlich mehr Verknüpfungen zwischen den Menschen stiftet, als sie je in den von den Assoziations-Romantikern gerühmtesten Zeiten des Feudalverbandes oder der gewillkürten Einung bestanden" (ebd.: 82).

Aber die Erhöhung der Verknüpfungen ist rein quanti­tativer Natur. Das Geld, das "Vehikel jener Erwei­terung der Wirtschaft, jenes Hineinbeziehens unbe­grenzt vieler Kontrahenten durch das Hin und Her des Tausches" (1900: 474), wehrt sich eben "gegen gewisse kollektivistische Verfügungen, die sich innerhalb der Naturalwirtschaft von selbst ergeben" (ebd.). Zwischen "Mobilisierung des Besitzes und Individualisierung" (ebd.: 479) und "Naturalwirt­schaft und Kollektivität" sieht Simmel jeweils eine historische Korrelation. Die Menschen "jener früheren Wirtschaftsepochen" (1896: 82f.) waren von wenigen Menschen abhängig, die bleibend und persönlich be­stimmt waren. Die Abhängigkeit des modernen Menschen von einer Vielzahl von Dienstleistungen und Lie­feranten ist demgegenüber größer. Der entscheidende Unterschied liegt für Simmel in den Möglichkeiten der wechselnden und unpersönlichen Beziehungen:

"wir sind von jedem bestimmten sehr viel unabhängiger. Gerade ein solches Verhältnis muß einen starken Individua­lismus erzeugen, denn nicht die Isolierung anderen gegen­über, sondern die Beziehung zu ihnen, aber ohne Rücksicht darauf, wer es gerade ist, ihre Anonymität, die Gleich­gültigkeit gegen ihre Individualität - das ist es, was die Menschen gegeneinander entfremdet und jeden auf sich selbst zurückweist"(1896: 83).

Durch die in der Neuzeit wirkende soziale Differen­zierung geschieht "eine reinliche Scheidung zwischen dem objektiven ökonomischen Tun des Menschen und seiner individuellen Färbung, seinem eigentlichen Ich, das jetzt ganz aus jenen Beziehungen zurücktritt und sich aus ihnen mehr als je gleichsam auf seine innersten Schichten zurückziehen kann"(ebd.).

Es gibt kein Zurück zum Kollektiv der Naturalwirt­schaft, zur Verschmelzung zwischen Individuum und Gruppe der Sippen- oder Ständegesellschaft.

Das Geld ermöglicht es den Individuen, trotz der 'reinlichen Scheidung der individuellen Färbung' vom objektiven Bereich soziale Verknüpfungen herzu­stellen; der fundamentale Gegensatz in Schema einer Doppelstellung des Individuums aber ist unaufhebbar:

"Es stammt daher, daß das Individuum einerseits ein bloßes Element und Glied der sozialen Einheit ist, andrerseits aber doch selbst ein Ganzes, dessen Elemente eine relativ geschlossene Einheit bilden"(1900: 475).

Diese Feststellung bleibt die Schlüsselaussage für Simmels gesamtes soziologisches Werk. Sie legte es ihm nahe, nach den in den Individuen liegenden prinzipiellen Voraussetzungen der Gesellschaft zu fragen, danach, wie Gesellschaft überhaupt "als eine objektive Form subjektiver Seelen" (1908: 41) möglich ist.

2.4 Vergesellschaftete Subjekte

Simmels "Exkurs über das Problem: Wie ist Gesell­schaft möglich?" in seiner 'Großen Soziologie' (1908: 42 - 61) kann als sein am meisten beachtetes Theorie­teil angesehen werden (vgl. Dahme 1981: 446). Er legt damit seine wohl abstrakteste und dichteste sozialontologische Argumentation vor. Interessant ist der Exkurs vor allem durch seine Verbindung von erkenntnistheoretischen und empirisch-soziologischen Analysen. Dabei gerät ihm allerdings seine Theorie der sozialen Differenzierung gegenüber den Bewußt­seinsvorgängen des Individuums aus dem Blick.

Nutzte er die soziale Differenzierung noch als Ausgangspunkt und Erklärung für die Entwicklung und Auswirkungen der Geldwirtschaft, so werden seine Betrachtungen hier geradezu unhistorisch und 'un­evolutionistisch'. Denn jetzt geht es ihm um einen "Typus philosophischer Probleme, die (...) nach den Voraussetzungen der Gesellschaft selbst fragen - nicht in dem historischen Sinne, als sollte das Zustandekommen irgend einer einzelnen Gesellschaft oder die physikalischen und anthropologischen Be­dingungen, auf Grund deren Gesellschaft entstehen kann, beschrieben werden"(1908: 41).

In Simmels Schrift zur sozialen Differenzierung waren dagegen gerade physikalische Bedingungen - Reibungsverminderung und Kraftersparnis - Ziel und Motor der Individuation gewesen. Sein Erkenntis­interesse kehrt sich nun um, und er fragt metaphy­sisch nach den a priori wirkenden Voraussetzungen des subjektiven "Bewußtseins, ein Gesellschafts­wesen zu sein"(ebd.) - bei offenbar bereits voll­endeter Individuation. Der Positivismus seiner frühen Schriften weicht nun einer Besinnung auf existentielle Kategorien, denn er fragt danach, "welche spezifische Kategorien der Mensch gleichsam mitbringen muß, damit dieses Bewußtsein entstehe, und welches deshalb die Formen sind, die das ent­standene Bewußtsein - die Gesellschaft als eine Wissenstatsache - tragen muß" (47).

Simmel gewinnt seine Problemstellung auf der Grund­lage von Kants philosophischer Ausgangsfrage: Wie ist Natur möglich? Kants Antwort auf diese Frage war die Leistung des subjektiven Bewußtseins, das durch Synthese der räumlichen Erscheinungen Objekte herstellt. Simmel folgert daraus: da die Gesell­schaft selbst aus den zu dieser Leistung fähigen Subjekten bestehe, könne ihre Erkenntnis nicht nach demselben Prinzip des Objektivierens stattfinden. Das Zustandekommen der Gesellschaft bedürfe keines außerhalb ihrer stehenden Betrachters; dagegen liegt die Verbindung zwischen den 'Dingen' nach Kant nicht in ihnen selbst, sondern kann nur vom Subjekt vorgenommen werden. Für die Gesellschaft konstatiert Simmel daher: "Das Bewußtsein, mit den anderen eine Einheit zu bilden, ist hier tatsächlich die ganze zur Frage stehende Einheit" (43).

Die Gesellschaft kann also nicht nach Kant durch 'Vorstellung' konstituiert werden. Sie existiert ausschließlich als bereits realisierte Synthese. Ein "beobachtender Dritter" könne zwar zwischen den Personen eine eigene, nur von ihm begründete Synthese vollziehen, "die Gesellschaft aber ist die objektive, des in ihr nicht mitbegriffenen Beschauers unbedürftige Einheit" (44).

[...]

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Soziale Differenzierung und Individuation in den Gesellschaftstheorien Georg Simmels und Niklas Luhmanns
Hochschule
Freie Universität Berlin  (FB Politische Wissenschaft)
Note
1,1
Autor
Jahr
1993
Seiten
76
Katalognummer
V78614
ISBN (eBook)
9783638799973
ISBN (Buch)
9783638803625
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Differenzierung, Individuation, Gesellschaftstheorien, Georg, Simmels, Niklas, Luhmanns
Arbeit zitieren
Heike Obermanns (Autor), 1993, Soziale Differenzierung und Individuation in den Gesellschaftstheorien Georg Simmels und Niklas Luhmanns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78614

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