Diese Arbeit ist im Anschluss an ein Sachunterrichtseminar entstanden, indem der Konstruktivismus thematisiert und einige Lernwege von Kindern vorgestellt wurden. Dieses Seminar regte mich an, darüber nachzudenken, ob und wieweit der Konstruktivismus eine Perspektive für den Sachunterricht sein kann und wie die Umsetzung des Konstruktivismus konkret aussehen kann. Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, habe ich mich entschlossen, im Rahmen meiner Examensarbeit die Theorie des Konstruktivismus und - in Anlehnung an diese Theorie - Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung zu einem Sachunterrichtsthema zu erarbeiten.
Der Konstruktivismus ist ein erkenntnistheoretischer Ansatz, der davon ausgeht, dass jeder Mensch seine eigene Welt mit Hilfe seiner Erfahrungen konstruiert. Damit lautet die grundlegende These des Konstruktivismus "Die Welt, die wir erleben, bauen wir unwillkürlich auf" . Das bedeutet, dass es keine wahre Wirklichkeit gibt, mit der man seine eigenen Konstruktionen vergleichen kann, da das Erkennen im konstruktivistischen Sinn kein Abbilden der Umwelt ist. Der Konstruktivismus lehnt nicht ab, dass es eine wahre Wirklichkeit gibt, sondern nur, dass man sein konstruiertes Wissen überprüfen kann. Das Problem der Überprüfbarkeit ist ein Problem, das seit langem in der Philosophie besteht.
Im Konstruktivismus wird die Tätigkeit, die das Individuum auf dem Weg zur Erkenntnis ausführt, in den Vordergrund gestellt. Dies ist vor allem ein Grund dafür, dass es Überlegungen im Bereich der Didaktik gibt, inwieweit der Konstruktivismus eine Perspektive für den Unterricht darstellt.
Horst Siebert fasst das Wesentliche des Konstruktivismus in den folgenden Grundannahmen zusammen:
- Zugänglich ist uns nicht die äußere Realität, sondern die Wirklichkeit, das, was in uns etwas bewirkt.
- Wir entdecken nicht eine vorhandene Welt, sondern wir erfinden Welten.
- Objektivität der Erkenntnis ist nicht möglich, wohl aber Intersubjektivität, d.h. Verständigung mit anderen.
- Lernen heißt nicht, Vorgegebenes abbilden, sondern Eigenes gestalten.
- Nicht lineare Kausalität bestimmt unsere Welt, sondern Wechselwirkung.
An Hand dieser Grundannahmen zeigt sich, dass das Wesentliche des Konstruktivismus im eigenständigen Konstruieren von Wissen besteht.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Radikaler Konstruktivismus
2.1.1 Von Glasersfelds Weg zum Konstruktivismus
2.1.2 Der Radikale Konstruktivismus
2.1.3 Erkennen aus radikal-konstruktivistischer Sicht
2.2 Social constructionism
3 Lernen aus konstruktivistischer Sicht
3.1 Wie gewinnt der Mensch Erkenntnis?
3.1.1 Erkenntnistheoretische Sichtweisen
3.1.2 Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung
3.1.3 Wissenserwerb im Grundschulalter
3.1.3.1 Geschichtlicher Abriss des Wissenserwerbs in der Entwicklungspsychologie
3.1.3.2 Vorhandenes Wissen und Veränderung des Wissens
3.1.3.3 Inwieweit erschließen Grundschüler die Wirklichkeit anders als Erwachsene?
3.1.3.4 Wie kann der Wissenserwerb und das Wirklichkeitsverstehen von Grundschulkindern unterstützt werden?
3.2 Lernwege im konstruktivistisch gestalteten Unterricht
3.2.1 Was heißt Lernen?
3.2.2 Situatives Lernen
3.2.2.1 Veränderte Lebenswelt von Kindern
3.2.2.2 Lernen am authentischen Ort / in authentischen Situationen
3.2.3 Aktiv-entdeckendes Lernen
3.2.3.1 Problemorientiertes Lernen
3.2.3.2 Lernen durch Entdecken
3.2.3.3 Lernen durch Erkunden
3.2.3.4 Lernen durch Experimentieren
3.2.3.5 Handlungsorientiertes Lernen
3.2.4 Individuell-konstruktives Lernen
3.2.4.1 Lernen durch Staunen
3.2.4.2 Lernen durch Fragen
3.2.5 Dialogisch-kooperatives Lernen
3.2.5.1 Lernen durch Kooperieren
3.2.5.2 Lernen im Gespräch
3.2.5.3 Kinder lernen von Kindern
3.2.5.4 Kinder lernen aus Verschiedenheit
3.2.6 Reflexives Lernen
3.2.6.1 Lernen durch Dokumentieren
3.2.6.2 Lernen durch Präsentieren
3.2.7 Vielperspektivisches Lernen
4 Konstruktivismus im Sachunterricht
4.1 Konstruktivistische Didaktik
4.1.1 Kennzeichen einer konstruktivistischen Didaktik
4.1.2 Veränderte Lehrerrolle als Voraussetzung der konstruktivistischen Unterrichtsgestaltung
4.1.3 Merkmale der konstruktivistischen Unterrichtsgestaltung
4.1.4 Inhalte und Ziele des konstruktivistisch gestalteten Unterrichts
4.2 Konstruktivistische Unterrichtsgestaltung zum Sachunterrichtsthema „Elektrizität/ Strom“
4.2.1 Wesentliche Aspekte zur Umsetzung des Themas
4.2.2 Allgemeine Ziele
4.2.3 Vorüberlegung
4.2.4 Tätigkeit der Lehrerin
4.2.5 Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung zum Thema „Elektrizität: Umgang mit Strom“
4.2.5.1 Zugänge zum Thema
4.2.5.2 Bearbeitung des Themas
4.2.5.3 Abschluss des Themas
5 Fazit
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht, ob und inwieweit der Konstruktivismus als erkenntnistheoretischer Ansatz eine tragfähige Perspektive für den Sachunterricht in der Grundschule darstellen kann und wie eine entsprechende konstruktivistische Unterrichtsgestaltung konkret in die Praxis umgesetzt werden kann.
- Theoretische Grundlagen des Konstruktivismus (Radikaler Konstruktivismus, Social constructionism)
- Lernen aus konstruktivistischer Perspektive und kognitive Entwicklung (Piaget)
- Methodische Ansätze für konstruktivistisch gestalteten Unterricht
- Konstruktivistische Didaktik im Sachunterricht
- Praxisbeispiel: Unterrichtsgestaltung zum Thema „Elektrizität/ Strom“
Auszug aus dem Buch
Der Radikale Konstruktivismus
Der Radikale Konstruktivismus als eine Variante des Konstruktivismus ist nicht eindeutig zu charakterisieren, da die Wege der einzelnen Vertreter unterschiedlich sind. So orientiert sich Ernst von Glasersfeld vor allem an der Kybernetik und der Entwicklungspsychologie. Der chilenische Konstruktivist Maturana orientiert sich dagegen hauptsächlich an biologisch-evolutionären Konzepten. Gemeinsam ist den Arbeiten der radikalen Konstruktivisten, dass sie als Grundannahme formulieren, dass die Welt, in wir leben, unsere Erfindung ist.
Die Radikalität dieser Konstruktivismus-Variante wird durch das Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit bestimmt. Die traditionelle Auffassung geht davon aus, dass zwischen Wissen und Wirklichkeit eine bildhafte Übereinstimmung besteht; der Radikale Konstruktivismus aber sieht dieses Verhältnis als Anpassung.
Der Radikale Konstruktivismus ist eine Theorie des Wissens, ohne ontologische Ansprüche und ohne die Annahme einer unabhängigen Realität. Diese Theorie schließt aus, dass eine ontologische Realität erkannt werden kann, leugnet ihre Existenz aber nicht. Ontologie ist die Lehre vom Sein, in der davon ausgegangen wird, dass die Möglichkeit besteht, die Seinshaftigkeit eines Objekts zu erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Entstehung der Arbeit aus einem Seminar heraus und stellt die zentrale Fragestellung zur konstruktivistischen Perspektive im Sachunterricht dar.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Fundierung des Konstruktivismus, insbesondere des Radikalen Konstruktivismus von Ernst von Glasersfeld sowie des Social constructionism.
3 Lernen aus konstruktivistischer Sicht: Dieser Abschnitt analysiert Erkenntnisprozesse, die kognitive Entwicklung nach Piaget sowie verschiedene konstruktivistische Lernmethoden für die Grundschule.
4 Konstruktivismus im Sachunterricht: Das Kapitel überträgt die konstruktivistischen Theorien auf die Didaktik des Sachunterrichts und entwickelt beispielhaft Konzepte für das Thema „Elektrizität/ Strom“.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Eignung des konstruktivistischen Ansatzes als Perspektive für den Sachunterricht.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Radikaler Konstruktivismus, Sachunterricht, Unterrichtsgestaltung, Wissen, Erkenntnistheorie, Piaget, kognitive Entwicklung, Lernumgebung, Viabilität, Selbststeuerung, Handeln, Kooperatives Lernen, Elektrizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz des Konstruktivismus für den Sachunterricht und erarbeitet Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung konstruktivistischer Unterrichtsgestaltung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, die Theorie der kognitiven Entwicklung bei Kindern sowie die didaktische Übertragung auf Unterrichtsmethoden im Sachunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu ergründen, ob der Konstruktivismus eine tragfähige Perspektive für den Unterricht an Grundschulen bietet und wie Lehrkräfte dies konkret gestalten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die philosophische und lernpsychologische Ansätze (insb. Radikaler Konstruktivismus, Piaget) mit didaktischen Modellen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Analyse von Lernwegen aus konstruktivistischer Sicht und eine praktische Anwendung am Thema „Elektrizität“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Konstruktivismus, Sachunterricht, Viabilität, Selbststeuerung und kooperatives Lernen.
Wie unterscheidet sich die konstruktivistische Didaktik von konventionellem Unterricht?
Im Gegensatz zur konventionellen Wissensvermittlung wird das Wissen im konstruktivistischen Unterricht vom Schüler selbst aktiv aufgebaut und die Lehrerrolle verändert sich hin zum Coach und Begleiter.
Was bedeutet "Viabilität" im Kontext des Radikalen Konstruktivismus?
Viabilität bezeichnet die Brauchbarkeit von Wissen in der Erfahrungswelt, wobei sie den traditionellen Wahrheitsbegriff ersetzt; Wissen wird als viabel angesehen, wenn es zur Bewältigung der Umwelt dient.
- Quote paper
- Bettina Anders (Author), 2002, Konstruktivismus als Perspektive für den Sachunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7863