Der Wandel der Eliten in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik


Hausarbeit, 2005

55 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918
2.1 Die politische Elite des Kaiserreiches
2.2 Dominierender Einfluss des Militärstaates Preußen

3 Die Weimarer Republik 1918 – 1933
3.1 Vom Versagen der politischen Elite
3.2 Revisionistische Zielsetzungen der Militär-Elite

4 Das Dritte Reich 1933 – 1945
4.1 Machtverlust der alten Eliten und Aufstieg einer neuen Elite
4.2 Das Dilemma der Diplomatie
4.3 Die Entmachtung der Militär-Elite
4.4 Die Etablierung einer neuen Macht-Elite

5 Die Bundesrepublik Deutschland seit 1945
5.1 Kontinuität oder Neuanfang?
5.2 Die neue politische Elite
5.3 Die Bundeswehr als reine Verteidigungsarmee
5.4 Einschneidende Veränderungen durch die Wiedervereinigung?

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Rahmen dieser Hausarbeit stehen zwei Teil-Eliten im Zentrum der Betrachtung, welche die Geschichte Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten so bestimmt und geprägt haben wie keine andere: die politische und die militärische Elite. Allerdings gestaltet sich die Verwendung des Elite-Begriffs in Deutschland schwieriger als in anderen Ländern. Dies daran, dass während des Dritten Reiches, im Rahmen von Führerkult und Herrenrasse, der Begriff der Elite eine negative Prägung erfahren hat.

Der Elite-Begriff ist in der Literatur nicht einheitlich definiert worden. Diese Hausarbeit orientiert sich am Positionsansatz, also an den jeweiligen Führungskräften der einzelnen Sektoren, da diesen der größte Einfluss auf wichtige gesellschaftliche Entscheidungen zukommt. „Das heißt, dass zu den Eliten fast ausschließlich die Inhaber von Führungspositionen in den gesellschaftlich wichtigsten Institutionen und Organisationen gehören“ (Hoffmann-Lange 1991, S. 7). Dabei kann die Grenze zwischen Eliten und Nicht-Eliten allerdings nicht klar gezogen werden. Des Weiteren dürfen auch Machtunterschiede innerhalb der Elitegruppen nicht außer Acht gelassen werden.

Die Bedeutung der Eliten liegt vor allem darin, dass von ihren Merkmalen und Verhaltensweisen auf die der ganzen Gesellschaft geschlossen wird. Allerdings können bei näherer Betrachtung durchaus auch Abweichungen zwischen Eliten und Bevölkerung festgestellt werden.

Der politischen Elite kommt eine zentrale Bedeutung zu, da sie die Hauptverantwortung für die politischen Entscheidungen trägt. Die politische Elite im engeren Sinn umfasst all jene Personen, die unmittelbar an den politischen Entscheidungen mitwirken. Sie beschränkt sich daher im Wesentlichen auf die führenden Politiker. Aber auch die Führungsgremien der Parteien sind aufgrund ihres personalpolitischen Einflusses auf die Politik dazuzurechnen. Die politische Elite im weiteren Sinn beinhaltet außerdem „alle Organisationen, deren Repräsentanten aktiv an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt sind, also neben den Repräsentanten politischer Institutionen und Organisationen auch Vertreter der öffentlichen Verwaltung und der Interessengruppen“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 86f). Dabei ergibt sich die Bedeutung der öffentlichen Verwaltung aus ihrer zentralen Stellung bei der Vorbereitung und dem Vollzug der Gesetze.

Die Wertvorstellungen der Personen, die die politische Macht innehaben oder kontrollieren, sind somit entscheidend für das Funktionieren einer Demokratie, da diese die Entwicklung der politischen Institutionen beeinflussen können.

Die militärische Elite besitzt das bedeutendste Gewaltmonopol des Staates und stellt somit einen nicht zu unterschätzenden Machtfaktor dar. Gerade in Deutschland ist die Bindung zwischen Politik und Militär traditionell sehr stark, auch wenn es infolge der historischen Entwicklung diesbezüglich zu einer erheblichen Wandlung gekommen ist. Herrschte während des Kaiserreiches noch eine enge Symbiose von politischer und militärischer Macht, so ist heute die militärische Führung der politischen ganz klar untergeordnet.

Generell erfolgt die Rekrutierung der Eliten in hohem Maße aus den gesellschaftlich privilegierten Gruppen. Als Rekrutierungskriterien sind dabei regionale, religiöse oder auch ethnische Zugehörigkeiten sowie natürlich gesellschaftliche Herkunft zu nennen.

Allerdings muss man trotz der überproportionalen Rekrutierung aus gehobenen sozialen Milieus beachten, dass inzwischen nur ein kleiner Teil der deutschen Elite aus den Oberschichtfamilien im engeren Sinn stammt. Zudem ist, bedingt vor allem durch die beiden Weltkriege und deren wirtschaftliche und soziale Folgen, dabei durchaus eine Veränderung festzustellen. So stellt die individuelle Leistung mittlerweile einen entscheidenden Faktor dar, wogegen die soziale Herkunft etwas an Bedeutung verloren hat. „Heute sind vormals gültige soziale Zugangsbeschränkungen, die Nichtadelige oder Angehörige bestimmter religiöser oder politischer Minderheiten grundsätzlich von Herrschaftspositionen ausschlossen, offenen Rekrutierungsbedingungen gewichen, bei denen die fachliche Qualifikation die ausschlaggebende Rolle für den Aufstieg in Führungspositionen spielt“ (Hoffmann-Lange 1991, S. 12).

Juristen nehmen nach wie vor eine dominierende Position in der deutschen Elite ein, auch wenn ihr prozentualer Anteil mittlerweile rückläufig ist. Dabei sind die Aufstiegschancen für Frauen durch Diskriminierung und geringere Karriereorientierung immer noch tendenziell geringer. Trotz dieser marginalen Veränderungen ist im Großen und Ganzen bei der soziodemographischen Zusammensetzung der Eliten ein hohes Maß an Kontinuität auszumachen.

Die deutsche Elite ist im Vergleich zu der anderer Staaten durch eine sehr heterogene Zusammensetzung gekennzeichnet. Während es in anderen Staaten beispielsweise vorgegebene Rekrutierungsmuster für die Eliten gibt, ist dies in Deutschland nicht der Fall. Somit steht im Grunde jedem der Zugang zu den Eliten offen, da diese nicht so in sich geschlossen sind, wie dies in Frankreich, England oder auch den USA der Fall ist. Darin besteht einer der größten Vorzüge der deutschen Elitenbildung. Andererseits würde eine einheitliche Elitenrekrutierung zu einem höheren Grad der Integration und Kommunikation zwischen den einzelnen Teil-Eliten beitragen. Dies könnte beispielsweise durch die in letzter Zeit stark diskutierte Errichtung von Elite-Universitäten erreicht werden.

Die These vom ‚Versagen der deutschen Eliten’, insbesondere in der Weimarer Republik, ist auf den Verlauf der demokratischen Entwicklung in Deutschland und die bedeutende Rolle, die den Eliten bei der Etablierung demokratischer Institutionen zugeschrieben wird, zurückzuführen.

In diesem Zusammenhang ist die Theorie vom ‚Sonderweg Deutschlands’ entstanden. Dieser wird auf die deutschen Besonderheiten in der Sozialstruktur und der politischen Kultur zurückgeführt. Als Hauptursache für diese abweichende Entwicklung wird dabei allgemein das Scheitern der Märzrevolution 1948/49 angesehen, da daraufhin die nationale Einheit 1871 nicht durch das liberale Bürgertum herbeigeführt, sondern vielmehr dem Volk von oben verordnet wurde. Das Bürgertum im Kaiserreich beschränkte sich auf die Wirtschaft und überließ den alten Eliten, also dem Adel und den Großgrundbesitzern, die politische Macht. Infolgedessen „beschränkte sich die Modernisierung in Deutschland auf die wirtschaftlichen Strukturen, während die traditionellen sozialen und politischen Strukturen unangetastet blieben“ (Hoffmann-Lange 1992, S.45).

Die Sozialstruktur in Deutschland war lange Zeit durch die konfessionelle Spaltung bestimmt. Diese findet bis heute ihren Niederschlag in der – inzwischen geringeren – Unterrepräsentation der Katholiken in den deutschen Eliten. Begründet wird dies nicht nur mit der calvinistischen Leistungsethik sondern auch mit der politischen Dominanz des protestantischen Preußen. Allerdings lässt sich beobachten, dass „von der Jahrhundertwende an die Katholiken zumindest im parlamentarischen Bereich (…) in steigendem Maß an Einfluss gewannen“ (Zapf 1965, S. 173).

Allerdings ist die Sonderwegthese in ihrer genauen Definition alles andere als unumstritten. Zum einen stellt sich die Frage, ob überhaupt von einem Normalmodell demokratischer Entwicklung ausgegangen werden kann. Zum anderen erfordert der Übergang von einer feudalen zu einer industrialisierten Gesellschaft zwar durchaus rechtliche und soziale Veränderungen; diese müssen sich jedoch nicht unbedingt auf die Demokratisierung politischer Einrichtungen beziehen. Vielmehr sind für eine erfolgreiche Industrialisierung Rahmenbedingungen wie Rechtsstaatlichkeit und Sicherung der Eigentumsrechte ausschlaggebend. Und diese Kriterien wurden in Deutschland durch schrittweise Anpassungen im Laufe des 19. Jahrhunderts durchaus erfüllt.

2 Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918

Eine Besonderheit des Deutschen Reiches von 1871 stellte der im Vergleich zu anderen Staaten hohe Anteil des Militärs und der Beamten an der Gesamtbevölkerung dar.

Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass der Militärstaat Preußen, dessen führende Schicht der grundbesitzende Adel darstellte, im Deutschen Reich eine beherrschend Stellung einnahm. Die liberalen Elemente der Reichsverfassung dienten in erster Linie dazu, dessen überragende Position, gestützt auf Armee und Bürokratie, zu verschleiern. Durch genau festgelegte Rekrutierungs- und Beförderungskriterien wurde die Loyalität der Beamten gegenüber der Obrigkeit sichergestellt. So wurde der Zugang zum Beamtentum „demokratisch gesinnten Personen“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 57) von vornherein verwehrt.

Damit blieb eine überkommene Elite Inhaber der politischen Macht und deren wichtigsten Machtmittel, der Armee.

In der Literatur wird die Führungsschicht des Kaiserreiches übereinstimmend als eine „Verbindung agrarisch-aristokratischer und industriell-großbürgerlicher Machteliten“ (Fischer 1979, S. 7f) charakterisiert, deren Gemeinsamkeit vor allem in der Bekämpfung der heraufdrängenden Sozialdemokratie bestanden hat. Allerdings habe diese lediglich über einen geringen Rückhalt in der Bevölkerung verfügt, da die relativ geschlossene Elite des Kaiserreiches vor allem aus dessen Militär und Beamtenschaft bestand.

In den Eliten des Kaiserreiches waren Preußen, Protestanten, Adelige, Gebildete und Personen, deren Familien bereits aus der Oberschicht stammten, überrepräsentiert. Dies zeigt sich unter anderem in der „Dominanz des Adels in Politik, Verwaltung und Militär“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 51). Zudem stieg der Anteil der Personen, die aus bereits privilegierten Gruppen stammten, mit der Positionshöhe an. Aber obwohl die Klasseneinteilung eindeutig war, „gab es ein gewisses Maß an Mobilität“ (Zapf 1965, S. 43). Allerdings konnte diese nur durch vollständige Anpassung an die bestehenden Normen auch tatsächlich realisiert werden.

Die kaiserliche Elite stellte also eine autoritäre, nach wie vor durch den preußischen Adel dominierte Führungsschicht dar, in der das wirtschaftlich maßgebende Bürgertum politisch relativ bedeutungslos blieb. Diese Entwicklungen werden theoretisch im Rahmen der Sonderwegthese, die für das Kaiserreich die unverändert maßgebende Rolle der vorindustriellen Eliten in allen politischen Bereichen behauptet, begründet und belegt.

Bedingt durch die allgegenwärtige Repräsentanz des Militärs erfolgte zu dieser Zeit eine regelrechte Militarisierung aller Lebensbereiche. Vor allem durch die allgemeine Wehrpflicht und die Einrichtung des Ranges des ‚Reserveoffiziers’ wurde diese Entwicklung vorangetrieben. Aus diesem Zusammenhang heraus sind auch die hohe Bedeutung des „Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, die im Bürgertum verbreitete Ansicht, das Politik ein schmutziges Geschäft sei, sowie das unpolitische deutsche Bildungsideal“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 53) zu verstehen.

2.1 Die politische Elite des Kaiserreiches

Die politische Elite des wilhelminischen Deutschland umfasste den Kaiser als stärkste politische Kraft, den Reichskanzler, der sich für die praktische Umsetzung der Politik verantwortlich zeichnete und nur dem Kaiser verantwortlich war, sowie den Reichstag in seiner Funktion als Parlament.

Zu der Zeit des Kaiserreiches erlebte Deutschland eine Phase der schnellen und erfolgreichen Industrialisierung, die von Seiten der Regierung tatkräftig gefördert wurde. Die politische Machtverteilung im Deutschen Reich, das sich von einem überwiegenden Agrarstaat noch zum Zeitpunkt der Reichsgründung innerhalb kürzester Zeit zu einer Industrienation entwickelt hatte, passte sich der wirtschaftlichen Veränderung nicht in demselben Maße an. „Das Bismarck-Reich war ein sich dynamisch entwickelnder Industriestaat, der gegründet und geführt wurde von einer überwiegend agrarisch-vorindustriellen Elite, welcher sich das Wirtschafts- und Bildungsbürgertum anschloss, in dem aber andere soziale Schichten und nationale Minderheiten von den grundlegenden Entscheidungen in Politik und Gesellschaft weitgehend ausgeschlossen blieben“ (Broszat 1989, S. 230).

Die auch nach der Reichsgründung 1871 weiterhin dominierende Rolle des Adels in Politik, Verwaltung und Militär zeigt, dass diese gravierende politische Veränderung keinen Bruch mit der bisherigen sozialen und politischen Ordnung zur Folge hatte.

Allerdings muss dabei auch beachtet werden, dass sich politische Veränderungen, sofern sie nicht im Zuge eines gewaltsamen Umsturzes erfolgen, erst nach einer gewissen Zeit in der Elitenstruktur niederschlagen.

Das Bürgertum hatte sich zwar im Laufe der Zeit zur stärksten wirtschaftlichen Macht entwickelt, konnte aber nicht annähernd eine entsprechende Stellung im politischen Leben erreichen. Es ist auf die konservative Gesellschaftspolitik Bismarcks[1] zurückzuführen, dass sich die beiden Eliten – Bürgertum und adelige Großgrundbesitzer – nicht feindselig gegenüberstanden, sondern einander annäherten. Die anhaltende politische Dominanz des Adels führte somit zu einer regelrechten Feudalisierung des Bürgertums. Dies lässt sich an dem „deutlichen Wandel in den Einstellungen des Bürgertums gegenüber dem Adel“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 50) erkennen, die nach der Reichsgründung von Ablehnung der Monarchie in Bewunderung und Imitation adeliger Gepflogenheiten umschlug. So war eine regelrechte Anpassung an den Lebensstil der traditionellen Eliten von Seiten des Bürgertums zu beobachten, was sich unter anderem in dem Erwerb von Adelstiteln zeigte.

Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob man diese Anpassung des Bürgertums tatsächlich als politische Kapitulation vor den traditionellen Eliten auffassen kann. Oder ob es nicht auch vielmehr den Interessen des Bürgertums entgegenkam, da sich dieses somit vollkommen auf seine wirtschaftlichen Anliegen konzentrieren konnte. Diese Auslegung wird dadurch gestützt, dass das Bürgertum „im Austausch für staatliche Protektion [bereit war,] den Fortbestand der politischen Herrschaft der traditionellen Eliten zu akzeptieren“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 46), da sie sich vor der im Zuge der Industrialisierung entstandenen organisierten Arbeiterschaft, deren Interessen ihren eigenen entgegenstanden, schützen wollte. Aufgrund dessen erfolgte die ‚bürgerliche Revolution’ lediglich in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft.

Außerdem führten die durch die fortschreitende Industrialisierung entstandenen Interessenkonflikte zwischen der Großindustrie und dem Kleinbürgertum zu einer politischen Zersplitterung und damit Schwächung des Bürgertums.

Die starke Stellung Preußens schlug sich auch in der Reichsverfassung nieder, die den preußischen Abgeordneten des Reichstages im Rahmen des Mehrheitswahlrechtes das größte Gewicht einräumte. Die Verfassung des Kaiserreiches lässt sich als eine Mischung moderner und traditioneller Elemente charakterisieren, die jede Menge gesellschaftlichen Sprengstoff bot. So waren rechtsstaatliche Prinzipien weitgehend realisiert worden, was sich beispielsweise in der Einführung des allgemeinen Wahlrechts niederschlug. Da sich aber die Exekutive weiterhin unter monarchischer Befehlsgewalt befand, konnte darin lediglich ein „partielles Zugeständnis an den demokratischen Zeitgeist“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 47) gesehen werden.

Zudem erzeugte gerade das allgemeine Wahlrecht in seiner Umsetzung auch eher negative Effekte bezüglich einer weiteren Parlamentarisierung, da es eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung zur Folge hatte. Dies wiederum trug dazu bei, dass wirtschaftliche und soziale Probleme zunehmend auf die politische Ebene verlagert wurden. „Da die Parteien aber von realer politischer Macht und Verantwortung weitgehend ausgeschlossen waren, begünstigte dies eine Zersplitterung des Parteiensystems und war zugleich eine wichtige Quelle für die Politisierung der Sozialstruktur, d.h. es leistete einem Selbstverständnis der Parteien als Repräsentanten der ökonomischen Interessen spezifischer gesellschaftlicher Gruppierungen Vorschub“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 47).

Dies schlug sich auch in dem Stil der parteipolitischen Auseinandersetzungen nieder, der sich fortan durch demagogische Ausdrucksweise und Unfähigkeit zur Kompromissfindung auszeichnete. An dieser Art des politischen Umgangs änderte sich auch in der Weimarer Republik nichts, was verhängnisvolle Auswirkungen auf die Regierungsstabilität der jungen Demokratie haben sollte.

Allerdings stand es um die politische Ordnung nicht so schlecht, wie man jetzt vielleicht annehmen könnte. „Trotz aller Beharrungselemente war der politische Einfluss moderner Elemente im Kaiserreich zudem sehr viel größer, die Verfassung des Reiches sehr viel flexibler und reaktionäre Elemente isolierter als vielfach angenommen“ (Hoffmann-Lange 1992, S.49).

Darüber hinaus konnte im Laufe der Zeit ein innenpolitischer Demokratisierungsprozess zugunsten des Reichstages verzeichnet werden. So versuchten die beiden letzten Kanzler des Kaiserreiches verstärkt, parlamentarische Mehrheiten für ihre Politik zu gewinnen. Verantwortlich für diese Kompromissbereitschaft war dabei das dem Parlament von der Verfassung zugesprochene Budget-recht, das neben dem Reichs- auch den Militärhaushalt umfasste.

Außerdem lassen sich einige säkulare Trends erkennen, die das Parlament als Ganzes betrafen. Dazu gehörten der Rückgang des Adelsanteils und die Entstehung des Berufspolitikertums.

Des Weiteren lässt sich eine „Entflechtung der Ebenen des politischen Systems“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 54) feststellen, die sich an dem rückläufigen Anteil der Beamten in allen politischen Parteien ablesen lässt. Dies ist vor allem insofern erstaunlich, als es sich bei den Beamten um die einzige Gruppe handelt, die sich für die Wahrnehmung ihres Reichstagsmandats beurlauben lassen konnten. Eine mögliche Erklärung hierfür liefert die Öffnung der Politik als neues Betätigungsfeld für den Mittelstand als Folge der Demokratisierung.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich auch zwischen Wirtschaft und Politik, so dass es zu einer rückläufigen parlamentarischen Vertretung der Unternehmer zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam. Dieser Rückgang wird vielfach auf mangelndes Selbstbewusstsein der Unternehmer und deren fehlende Bereitschaft, eine neue politische Klasse zu bilden, zurückgeführt. Allerdings kann das Ganze auch dadurch erklärt werden, dass die Unternehmer zunehmend dazu übergingen, die Wahrung ihrer Interessen den verschiedenen Interessensgruppen zu übertragen. Außerdem schienen sie mehr vom Erfolg „einer direkten Zusammenarbeit mit der Exekutive als von einer Mitarbeit im Parlament“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 55) überzeugt zu sein.

Hoffmann-Lange verweist auf die Untersuchungen Bests, nach denen für die Rolle des Reichstages vor allem zwei strukturelle Veränderungen von Bedeutung waren. Zum einen nahm die Ähnlichkeit der politischen Konfliktgruppen bezüglich ihrer soziodemographischen Merkmale immer weiter ab, was in erster Linie auf den Anstieg von SPD-Mandaten um die Jahrhundertwende zurückzuführen war. Diese Zunahme ist insofern erstaunlich, als der Staat „noch immer mit Repression in Verwaltung und Justiz“ (Fischer 1979, S. 14) gegen die Sozialdemokratie vorging. Zum anderen wurde die Kluft zwischen den traditionellen administrativen Eliten und der sich modernisierenden Führungsgruppe des Parlamentes immer größer.

Aber nicht nur bezüglich der politischen Einstellung, sondern auch bei Betrachtung ihrer soziodemographischen Merkmale, nahm die SPD eine Außenseiterrolle im Reichstag ein. Ihre Mitglieder gehörten in der Regel keiner Konfession an oder waren Juden. Zudem waren sie „im Hauptberuf Partei- oder Gewerkschaftsfunktionäre“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 54) und es befanden sich kaum Akademiker, Adelige oder- „als Folge der Rekrutierungspolitik im öffentlichen Dienst“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 54) - Beamte unter ihnen.

Somit fehlten dem Reichstag eine gemeinsame Identität und verbindende Ziele. Dies alles verdeutlicht „die schwache Stellung des Reichstages im Kaiserreich gegenüber den etablierten Machtgruppen“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 56).

Allerdings stellt sich dabei nun die Frage, ob die Veränderungen in der Zusammensetzung des Reichstages die Ursache oder vielmehr das Ergebnis seiner institutionellen Schwäche waren. Eine eindeutige Antwort hierauf ist allerdings schwierig, da es für beide Sichtweisen überzeugende Argumente gibt.

In der Politik des Kaiserreiches - und seiner Vorläufer – galt Krieg als legitimes Mittel der Zielerreichung, so dass zumindest grundsätzlich nichts gegen eine gewaltsame Expansion, wie sie von großen Teilen der Wirtschaft und des Militärs gewünscht wurde, einzuwenden war. So wurde die Kriegserklärung an Russland im Zuge der Julikrise 1914, die letztendlich in den Ersten Weltkrieg führte, von der politischen Führung durchaus befürwortet.

Von einem schnellen Sieg versprachen sich die alten Eliten eine Stabilisierung ihrer Herrschaft. Sie richteten ihre „Hoffnungen auf die heilsamen innenpolitischen Wirkungen eines Krieges“ (Fischer 1979, S. 23), da man sich dadurch die Zurückdrängung der als Bedrohung empfundenen Sozialdemokratie beziehungsweise deren Anpassung an das bestehende System versprach. Außerdem sahen die traditionellen Eliten durch einen Krieg die Möglichkeit gegeben, die Wünsche des Volkes nach einer Reform der Verfassung zurückzudrängen und dessen Einheit zu stärken, wenn sich das bestehende System erst einmal als militärisch erfolgreich erwiesen hatte.

2.2 Dominierender Einfluss des Militärstaates Preußen

Die politische Führungsschicht bestimmte im Kaiserreich aber nicht alleine, welche Entscheidungen getroffen wurden. So darf der politische Einfluss des Militärs nicht unterschätzt werden, der seinen Ursprung vor allem in der direkten Verbindung zwischen Armee und Kaiser hatte.

In der Realität war also durchaus ein Zusammenwirken von politischer und militärischer Elite bei der Führung des Reiches zu erkennen. Bezüglich der Sicherung und Ausdehnung der territorialen Grenzen, einschließlich der finanziellen und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung, herrschte damals somit ein breiter Konsens.

1871 brachte Preußen seine militärstaatliche Tradition in das neu gegründete Deutsche Reich mit ein. Diese überdauerte alle politischen Umbrüche und blieb letztendlich – wenn auch in leicht abgewandelter Form - bis 1945 dominierend, was sich vor allem an den beiden Weltkriegen gut erkennen lässt.

Die enge Verbindung von Militär, Beamtentum und preußischem Adel dürfte als deutsche Besonderheit angesehen werden können. „Insbesondere im Militär war dabei der Adel tonangebend“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 51). So gehörten die wichtigsten Entscheidungsträger dem Adel an und die Wertvorstellungen des Adels fanden Eingang in den militärischen Ehrenkodex. Allerdings lässt sich über die Jahre eine Verschiebung vom Adel hin zum Bildungsbürgertum beobachten. „Da der Adel jedoch nicht bereit war, die für ihn vorteilhaften, althergebrachten Strukturen aufzugeben, begann man (…) mit der Nobilitierung von Bürgerlichen“ (Online im Internet unter http://www.sicherheitspolitik.bundeswehr.de/14/38/3/1.php [Stand 05.09.2005]), d.h. es kam zu einer verstärkten Vergabe von Adelstiteln an Bürgerliche.

Die kaiserliche Armee war zwar durch die allgemeine Wehrpflicht gekennzeichnet, „ihr Offizierskorps aber verkörperte die vorindustrielle junkerliche Führungselite und die Traditionen des preußisch-deutschen Militärstaates in ausgeprägter Weise“ (Broszat 1989, S. 230f). Dies wurde durch die damaligen Rekrutierungskriterien sichergestellt, die dafür sorgten, dass das Offizierskorps eine konservative und protestantische Hochburg blieb. Dieses Offizierskorps sah sich nicht nur als professionelle Elite, sondern auch vornehmlich als politisch-soziale Elite. „Dadurch war das Offizierskorps aber auch all jenen Spannungen ausgesetzt, die sich aus dem Integrationsproblem[2] des deutschen Nationalstaates ergaben“ (Broszat 1989, S. 231).

In der militärischen Elite war die Ansicht weit verbreitet, dass sich die Aufteilung der Erde den neuen innereuropäischen Machtverhältnissen anpassen müsse. Diese Anpassung war aber de facto nur durch einen Krieg zu erreichen, da die anderen europäischen Staaten nicht bereit waren, die deutsche Position noch weiter zu stärken.

In der militärischen Führung war man damals der Überzeugung, einen möglichen Expansionskrieg gewinnen zu können. Diese Zuversicht beruhte auf der Moltke-Schlieffenschen Doktrin vom kurzen Krieg, die die Kriege vom 1864, 1866 und 1870 als Grundlage hatte. Man ging 1914 davon aus, dass das Deutsche Reich durch „1. die überlegene Strategie (…); 2. die überlegene Führung, Ausbildung, Taktik und Bewaffnung; [sowie] 3. die höhere Moral der Truppe“ (Fischer 1979, S. 33) auch gegen eine militärische Übermacht den Sieg davon tragen könnte.

Bereits 1914 musste die Armee aber so starke Verluste hinnehmen, dass ein innerer Wandel zur Milizarmee unumgänglich wurde. Um die Kriegsmoral der Bevölkerung nicht zu gefährden, wurde der Öffentlichkeit die tatsächliche Kriegsentwicklung mit Hilfe manipulierter Heeresberichte gezielt vorenthalten. In der Tat hätte das Eingeständnis, dass der Krieg schon so gut wie verloren war, wohl einen Zusammenbruch der innenpolitischen Ordnung bedeutet.

[...]


[1] Bismarck, Otto von: deutscher Reichskanzler von 1871 bis 1890

[2] das Integrationsproblem war das zentrale Problem des Kaiserreiches, das in erster Linie auf die

Reichsgründung und die zeitgleich erfolgende Hochindustrialisierung zurückzuführen war

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der Eliten in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik
Hochschule
Universität Hohenheim  (Lehrstuhl für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Theorien: Elitetheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
55
Katalognummer
V78653
ISBN (eBook)
9783638841344
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bezieht sich nur auf die politische und militärische Elite in Deutschland.
Schlagworte
Wandel, Eliten, Deutschland, Kaiserreich, Bundesrepublik, Soziologische, Theorien, Elitetheorien
Arbeit zitieren
Chris Lehn (Autor), 2005, Der Wandel der Eliten in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78653

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