Im Rahmen dieser Hausarbeit stehen zwei Teil-Eliten im Zentrum der Betrachtung, welche die Geschichte Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten so bestimmt und geprägt haben wie keine andere: die politische und die militärische Elite. Allerdings gestaltet sich die Verwendung des Elite-Begriffs in Deutschland schwieriger als in anderen Ländern. Dies daran, dass während des Dritten Reiches, im Rahmen von Führerkult und Herrenrasse, der Begriff der Elite eine negative Prägung erfahren hat.
Der Elite-Begriff ist in der Literatur nicht einheitlich definiert worden. Diese Hausarbeit orientiert sich am Positionsansatz, also an den jeweiligen Führungskräften der einzelnen Sektoren, da diesen der größte Einfluss auf wichtige gesellschaftliche Entscheidungen zukommt. „Das heißt, dass zu den Eliten fast ausschließlich die Inhaber von Führungspositionen in den gesellschaftlich wichtigsten Institutionen und Organisationen gehören“ (Hoffmann-Lange 1991, S. 7). Dabei kann die Grenze zwischen Eliten und Nicht-Eliten allerdings nicht klar gezogen werden. Des Weiteren dürfen auch Machtunterschiede innerhalb der Elitegruppen nicht außer Acht gelassen werden.
Die Bedeutung der Eliten liegt vor allem darin, dass von ihren Merkmalen und Verhaltensweisen auf die der ganzen Gesellschaft geschlossen wird. Allerdings können bei näherer Betrachtung durchaus auch Abweichungen zwischen Eliten und Bevölkerung festgestellt werden.
Der politischen Elite kommt eine zentrale Bedeutung zu, da sie die Hauptverantwortung für die politischen Entscheidungen trägt. Die politische Elite im engeren Sinn umfasst all jene Personen, die unmittelbar an den politischen Entscheidungen mitwirken. Sie beschränkt sich daher im Wesentlichen auf die führenden Politiker. Aber auch die Führungsgremien der Parteien sind aufgrund ihres personalpolitischen Einflusses auf die Politik dazuzurechnen. Die politische Elite im weiteren Sinn beinhaltet außerdem „alle Organisationen, deren Repräsentanten aktiv an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt sind, also neben den Repräsentanten politischer Institutionen und Organisationen auch Vertreter der öffentlichen Verwaltung und der Interessengruppen“ (Hoffmann-Lange 1992, S. 86f). Dabei ergibt sich die Bedeutung der öffentlichen Verwaltung aus ihrer zentralen Stellung bei der Vorbereitung und dem Vollzug der Gesetze.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918
2.1 Die politische Elite des Kaiserreiches
2.2 Dominierender Einfluss des Militärstaates Preußen
3 Die Weimarer Republik 1918 – 1933
3.1 Vom Versagen der politischen Elite
3.2 Revisionistische Zielsetzungen der Militär-Elite
4 Das Dritte Reich 1933 – 1945
4.1 Machtverlust der alten Eliten und Aufstieg einer neuen Elite
4.2 Das Dilemma der Diplomatie
4.3 Die Entmachtung der Militär-Elite
4.4 Die Etablierung einer neuen Macht-Elite
5 Die Bundesrepublik Deutschland seit 1945
5.1 Kontinuität oder Neuanfang?
5.2 Die neue politische Elite
5.3 Die Bundeswehr als reine Verteidigungsarmee
5.4 Einschneidende Veränderungen durch die Wiedervereinigung?
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historischen Wandel der politischen und militärischen Eliten in Deutschland vom Kaiserreich bis in die Gegenwart der Bundesrepublik. Dabei wird insbesondere analysiert, wie sich Machtverhältnisse innerhalb der Eliten verschoben haben, inwiefern Kontinuitäten trotz politischer Umbrüche bestehen blieben und welche Rolle die Eliten bei der Stabilisierung oder dem Scheitern demokratischer Institutionen spielten.
- Rolle und Zusammensetzung der politischen und militärischen Elite im Wandel der Zeit.
- Analyse der Elitenrekrutierung und ihrer sozialen Hintergründe.
- Theorie des deutschen "Sonderwegs" und deren Einfluss auf Elitenentscheidungen.
- Verhältnis zwischen den Eliten und der Demokratie in verschiedenen Epochen.
- Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die Elitenstruktur in Ost- und Westdeutschland.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die politische Elite des Kaiserreiches
Die politische Elite des wilhelminischen Deutschland umfasste den Kaiser als stärkste politische Kraft, den Reichskanzler, der sich für die praktische Umsetzung der Politik verantwortlich zeichnete und nur dem Kaiser verantwortlich war, sowie den Reichstag in seiner Funktion als Parlament.
Zu der Zeit des Kaiserreiches erlebte Deutschland eine Phase der schnellen und erfolgreichen Industrialisierung, die von Seiten der Regierung tatkräftig gefördert wurde. Die politische Machtverteilung im Deutschen Reich, das sich von einem überwiegenden Agrarstaat noch zum Zeitpunkt der Reichsgründung innerhalb kürzester Zeit zu einer Industrienation entwickelt hatte, passte sich der wirtschaftlichen Veränderung nicht in demselben Maße an. „Das Bismarck-Reich war ein sich dynamisch entwickelnder Industriestaat, der gegründet und geführt wurde von einer überwiegend agrarisch-vorindustriellen Elite, welcher sich das Wirtschafts- und Bildungsbürgertum anschloss, in dem aber andere soziale Schichten und nationale Minderheiten von den grundlegenden Entscheidungen in Politik und Gesellschaft weitgehend ausgeschlossen blieben“ (Broszat 1989, S. 230).
Die auch nach der Reichsgründung 1871 weiterhin dominierende Rolle des Adels in Politik, Verwaltung und Militär zeigt, dass diese gravierende politische Veränderung keinen Bruch mit der bisherigen sozialen und politischen Ordnung zur Folge hatte.
Allerdings muss dabei auch beachtet werden, dass sich politische Veränderungen, sofern sie nicht im Zuge eines gewaltsamen Umsturzes erfolgen, erst nach einer gewissen Zeit in der Elitenstruktur niederschlagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den Elite-Begriff durch den Positionsansatz und stellt die politische und militärische Elite als zentrale Akteure der deutschen Geschichte in den Fokus der Untersuchung.
2 Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918: Dieses Kapitel beleuchtet die Symbiose aus agrarisch-aristokratischen und industriellen Eliten sowie die dominierende, autoritäre Stellung des preußisch geprägten Militärs.
3 Die Weimarer Republik 1918 – 1933: Es wird analysiert, wie trotz politischer Umbrüche eine personelle Kontinuität in den konservativen Führungsschichten die Instabilität der jungen Demokratie verschärfte.
4 Das Dritte Reich 1933 – 1945: Dieses Kapitel beschreibt den schrittweisen Machtverlust der traditionellen Eliten an die nationalsozialistische Führung und die instrumentelle Rolle der alten Eliten bei der Etablierung des NS-Regimes.
5 Die Bundesrepublik Deutschland seit 1945: Es wird untersucht, wie nach 1945 demokratische Strukturen etabliert wurden, wobei trotz eines sozialen Wandels eine bemerkenswerte personelle und strukturelle Kontinuität in vielen Elitenbereichen bestehen blieb.
6 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung bilanziert den Machtgewinn der politischen Elite bei gleichzeitiger Unterordnung des Militärs und stellt fest, dass die deutsche Elite trotz häufiger Umbrüche ein hohes Maß an Kontinuität aufweist.
Schlüsselwörter
Eliten, Kaiserreich, Weimarer Republik, Dritte Reich, Bundesrepublik Deutschland, Elite-Begriff, politische Elite, militärische Elite, Sonderweg, Machtstruktur, Rekrutierung, Demokratisierung, Kontinuität, Preußen, Sozialstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Wandel der politischen und militärischen Führungseliten in Deutschland über den Zeitraum vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit untersucht die Rekrutierung von Eliten, deren soziale Herkunft, die Auswirkungen politischer Systemwechsel auf diese Führungsgruppen sowie das Verhältnis zwischen Eliten und demokratischen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich Machtverhältnisse verschoben haben, inwiefern Kontinuitäten trotz radikaler politischer Umbrüche existierten und welche Verantwortung die Eliten für den Erfolg oder das Scheitern politischer Systeme trugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin orientiert sich methodisch am "Positionsansatz", der Eliten als Inhaber von Führungspositionen in gesellschaftlich bedeutenden Institutionen definiert und ihren Einfluss auf zentrale gesellschaftliche Entscheidungsprozesse betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch vier Epochen: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das Dritte Reich und die Bundesrepublik, wobei jeweils die spezifischen Elitenkonstellationen und ihr Einfluss auf die Politik untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Elitenrekrutierung, Machtstrukturen, Kontinuität, Demokratiefeindlichkeit versus demokratische Identifikation und das Verhältnis von militärischer und ziviler Macht.
Warum war die militärische Elite in der Weimarer Republik problematisch für die Demokratie?
Das Offizierskorps der Reichswehr war stark in der monarchischen Tradition verwurzelt, lehnte die demokratische Staatsform innerlich ab und verhielt sich gegenüber der Republik distanziert, was die junge Demokratie destabilisierte.
Wie gelang es alten Eliten, auch nach 1945 ihre Positionen zu behaupten?
Aufgrund des Mangels an qualifiziertem Personal in der unmittelbaren Nachkriegszeit war der Staat auf erfahrene Kräfte angewiesen, was zu einem Rückgriff auf Personen führte, die ähnliche Funktionen bereits in der Weimarer Republik oder später innehatten.
Was bedeutet der Begriff "Kartell der Angst" im Kontext der Bundesrepublik?
Der Begriff wurde verwendet, um eine unmittelbare Nachkriegsphase zu beschreiben, in der Eliten versuchten, durch verstärkte Konsensbildung und Vermeidung offener Konflikte die Stabilität der neuen demokratischen Ordnung zu wahren.
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- Chris Lehn (Author), 2005, Der Wandel der Eliten in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78653