Ob der freie Wille des Menschen in unserem physikalischen Weltbild noch Platz hat, ist eine vieldiskutierte Frage. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Donald Davidsons Anomalem Monismus, welcher diese Frage in einem gewissen Sinne transzendiert:
Solange man geistige Vorgänge den Gesetzen der Physik unterwerfen will, mag jede Forderung nach mentaler Autonomie und freiem Willen aussichtslos erscheinen. Daher geht Davidson davon aus, dass es für mentale Ereignisse keine „strengen“ Gesetze geben kann. Um aber dennoch zu garantieren, dass das Mentale auf die physikalische Welt Einfluss haben oder von dieser beeinflusst werden kann, sind für
Davidson mentale Ereignisse identisch mit physikalischen Ereignissen.
Dies macht den Anomalen Monismus zu einem möglichen Lösungsansatz für das Leib-Seele-Problem der Philosophie des Geistes, welches als erstes kurz vorgestellt werden soll. In der anschließenden Beschäftigung mit dem Anomalen Monismus werde ich versuchen, einige Schwächen in Davidsons Annahmen aufzuzeigen, um im Anschluss daran näher auf die Kritik, vor allem von Jaegwon Kim, einzugehen.
Die Titelfrage wird sich im Rahmen dieser Arbeit sicher nicht abschließend zu beantworten lassen, aber es wird sich zeigen, dass der Anomale Monismus in sich stimmig und mit dem aktuellen Stand der empirischen Forschung verträglich ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Leib-Seele-Problem
2.1 Das Bieri-Trilemma
2.2 Epiphänomenalismus
2.3 Typenidentitätstheorie
3 Anomaler Monismus
3.1 Die drei Prinzipien
3.1.1 Das Prinzip der kausalen Interaktion
3.1.2 Das Prinzip des nomologischen Charakters der Kausalität
3.1.3 Das Prinzip der Anomalie des Mentalen
4 Kritik
4.1 Vereinbarkeit der drei Prinzipien
4.2 Beziehung zwischen Mentalem und Physischem – Supervenienz
4.3 Epiphänomenalismus
4.4 Strenge Gesetze
5 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Donald Davidsons Konzept des Anomalen Monismus als einen Lösungsansatz für das klassische Leib-Seele-Problem der Philosophie des Geistes, mit dem Ziel zu klären, ob mentale Zustände trotz ihrer physischen Identität kausal wirksam bleiben können, ohne sich in strikte physikalische Gesetze einordnen zu lassen.
- Analyse des Bieri-Trilemmas als Ausgangspunkt der Leib-Seele-Problematik.
- Diskussion der drei Kernprinzipien des Anomalen Monismus.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Position von Jaegwon Kim.
- Untersuchung der Supervenienzbeziehung zwischen mentalen und physischen Ereignissen.
- Evaluation der empirischen Relevanz und wissenschaftstheoretischen Stimmigkeit von Davidsons Modell.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das Prinzip der kausalen Interaktion
Wenigstens einige mentale Ereignisse interagieren kausal mit physikalischen Ereignissen.
Unter Ereignissen versteht Davidson hier und im folgenden „nichtwiederholbare, zeitlich bestimmte Individuen“ (Davidson, 1970a, S.75), wobei über (mentale oder physikalische) Prozesse, Zustände und Attribute keine Aussage gemacht wird, sofern diese sich von Ereignissen unterscheiden.
Die zur weiteren Betrachtung notwendige Einteilung von Ereignissen in mentale und physikalische nimmt Davidson anhand des zu ihrer Beschreibung verwendeten Vokabulars vor: Mentale Ereignisse zeichnen sich dadurch aus, dass zu ihrer Beschreibung mentales Vokabular notwendig ist, insbesondere erfordert eine mentale Beschreibung mindestens ein Verb, welches propositionale Einstellungen zum Ausdruck bringt, „wie glauben, beabsichtigen, wünschen, hoffen, wahrnehmen, bemerken, sich erinnern und dergleichen“ (Davidson, 1970a, S.75).
Diese Einteilung gibt aber kein Kriterium dafür an, wann ein Ereignis als physikalisch anzusehen ist, die Physikalität ist somit nur nach dem Ausschlussprinzip festgestellbar: Alles was nicht mental ist, ist nur physikalisch beschreibbar. Davidson selbst sieht hierin keine Schwierigkeit: „Vermutlich kann man mit Hilfe dieser Strategie alle Ereignisse als mentale Ereignisse auffassen. [...] Wir werden uns diese spinozistische Extravaganz leisten, da wahllose Inklusionen die Hypothese [...] nur stärken können. Fatal wäre einzig, wenn irgendwelche bona fide mentalen Ereignisse ausgeschlossen wären, hierin besteht jedoch keine Gefahr.“ (Davidson, 1970a, S.77) Ob diese „Strategie“ wirklich alle mentalen Ereignisse als solche identifiziert, ist aber keinesfalls sichergestellt: Ereignisse des phänomenalen Bewusstseins, wie Schmerzerfahrungen, bedürfen zu ihrer Beschreibung keinerlei Verben mit propositionalem Gehalt. Davidson jedoch scheint dieses Problem zu umgehen, indem er sich in seiner Argumentation auf rationale oder intentionale Ereignisse konzentriert und nicht-intentionale, mentale Ereignisse, „falls es solche Entitäten überhaupt gibt“ (Davidson, 1970a, S.77), implizit ausschließt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie freier Wille in einem physikalisch determinierten Weltbild existieren kann, und stellt Davidsons Anomalen Monismus als Lösungsansatz vor.
2 Das Leib-Seele-Problem: Dieses Kapitel erläutert das Bieri-Trilemma sowie die klassischen Lösungsansätze Epiphänomenalismus und Typenidentitätstheorie.
3 Anomaler Monismus: Hier werden die drei Kernprinzipien des Anomalen Monismus detailliert hergeleitet: die kausale Interaktion, der nomologische Charakter der Kausalität und die Anomalie des Mentalen.
4 Kritik: Das Kapitel setzt sich kritisch mit Einwänden auseinander, insbesondere durch die Auseinandersetzung mit Jaegwon Kim zur Supervenienz und der Kausalwirksamkeit des Mentalen.
5 Fazit: Das Fazit bewertet die Stärken und Schwächen der Theorie, insbesondere hinsichtlich ihrer empirischen Belegbarkeit, und ordnet ihre historische Bedeutung für die Philosophie des Geistes ein.
Schlüsselwörter
Anomaler Monismus, Leib-Seele-Problem, Donald Davidson, Jaegwon Kim, Kausalität, Mentale Ereignisse, Supervenienz, Physikalismus, Mentale Autonomie, Holismus des Mentalen, Rationalität, Identitätstheorie, Epiphänomenalismus, Nomologischer Charakter, Naturphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das philosophische Problem der mentalen Verursachung und ob menschlicher freier Wille in einer Welt, die den Gesetzen der Physik unterliegt, Bestand haben kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Philosophie des Geistes, die Struktur physikalischer Gesetze und die Frage der Reduzierbarkeit mentaler Zustände auf physische Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es wird geprüft, ob Donald Davidsons Anomaler Monismus eine logisch stimmige Antwort auf das Leib-Seele-Problem liefert, die sowohl die mentale Identität mit der physischen Welt als auch die Irreduzibilität des Geistes wahrt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine analytische Methode, bei der Davidsons Thesen in drei Prinzipien unterteilt, argumentativ hinterfragt und anhand externer Kritik (insbesondere von Jaegwon Kim) geprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei Prinzipien des Anomalen Monismus, diskutiert das Konzept der Supervenienz und setzt sich intensiv mit dem Vorwurf der kausalen Wirkungslosigkeit des Mentalen auseinander.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe sind Anomaler Monismus, Kausalität, mentale Ereignisse, Supervenienz, Physikalismus und mentale Autonomie.
Wie begegnet Davidson dem Problem der kausalen Wirkungslosigkeit des Mentalen?
Davidson argumentiert, dass mentale Ereignisse physisch identisch mit physikalischen Ereignissen sind; da physikalische Ereignisse kausal wirksam sind, sind es auch die mentalen, auch wenn die Beschreibung als "mental" keinen Zugang zu strengen Gesetzen bietet.
Warum hält der Autor die empirische Belegbarkeit für den entscheidenden Schwachpunkt?
Der Autor argumentiert, dass die Anomalie des Mentalen schwer zu beweisen ist und die Theorie stark darauf angewiesen ist, dass die Naturwissenschaften bisher keine "Weltformel" gefunden haben, was die praktische Relevanz einschränkt.
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- Peter Baumann (Author), 2007, Anomaler Monismus als Lösung für das Leib-Seele-Problem?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78654