Brutalität, Maskerade und Dominanz - über das unterschiedliche Verhalten der Frauen in Petronius' Satyricon reliquiae


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Quartilla - bizarr und vulgär

Fortunata - Schein und Sein

Circe - bezaubernd und dominant

Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

In folgender Arbeit befasse ich mich mit den Rollen der Frauen in Petronius’ Werk Satyricon reliquiae. Dieses zur Zeit Neros entstandene Schriftstück ist nur noch fragmentarisch erhalten. Die Unvollständigkeit und Lückenhaftigkeit des Satyricon forderten immer wieder dazu auf, die fehlenden Teile zu ergänzen. Bekannt sind vor allem die Ergänzungen von Pierre Lignage de Vaucienne (um 1610 bis ca. 1681), die unter dem Namen seines Herausgebers Nodot (Rotterdam 1692) sofort große Aufmerksamkeit erlangten, weil Nodot sie als „echte Petroniusfragmente“ verkaufte. Der „Nodot-Text“ wird jedenfalls noch heute gern verwendet, um im Deutschen eine flüssig lesbare Handlung zu reichen. Ich werde diesen bei meiner Arbeit jedoch nicht verwenden und als Grundlage nur die im Proseminar verwendete von Konrad Müller herausgegebene Ausgabe berücksichtigen, um sicher zu gehen, dass nur tatsächlich aus Petronius’ Hand stammende Textquellen berücksichtigt werden. Aus diesem Grund habe ich auch von einer Interpretation von Tryphaenas Verhalten abgesehen. Dieses ist ohne die Nodot- Fragmente schwer zu fassen oder gar zu erörtern und ich möchte der Gefahr entgehen, Tryphaena aufgrund eines „falschen“ Petronius-Textes zu interpretieren.

Petronius lässt den jungen Mann Encolpius die Reiseabenteuer, die er mit seinen zwei Gefährten Giton und Ascyltos erlebt aus der Ich-Perspektive schildern. Diese Rahmenhandlung wird durch die Erlebnisse während des Gastmahls bei Trimalchio unterbrochen. Schließlich stellt Petronius den drei jungen Männern einen weiteren Gefährten, den alten Dichter Eumolpus zur Seite, mit dem sie ihre Reise fortsetzen.

Die männlichen Figuren oder Rollen stehen in diesem Werk zum großen Teil im Vordergrund. Sie übernehmen weitgehend den aktiven Part und beherrschen bis auf wenige Ausnahmen die Handlung.

Aus diesem Grund möchte ich in der folgenden Arbeit drei der verschiedenen Frauenrollen, nämlich Quartilla, Fortunata und Circe in chronologischer Reihenfolge vorstellen. Dabei werde ich einen Überblick über die Szene liefern und anhand des dargestellten Verhaltens die Frauen beschreiben und ihre Charaktereigenschaften hervorheben. Ich werde auch nach möglichen Ursachen und Beweggründen für ihr jeweiliges Verhalten suchen. Im Anschluss an jedes Kapitel folgt eine kurze Zusammenfassung des beschriebenen Charakters und eine Darstellung, die in knappen Zügen das Wesentliche und Auffälligste nochmals auf den Punkt bringt.

Am Ende der Arbeit werde ich auf die Frage eingehen, inwieweit sich die Frauen charakterlich ähneln und wo es Unterschiede in ihrem Verhalten gibt. Außerdem möchte ich hier auch auf die Namen der Personen eingehen und inwiefern die Bedeutung des jeweiligen Namens schon von vornherein eine Interpretation der so Bezeichneten liefert.

Beginnend möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Sinneswahrnehmungen und Eindrücke keinesfalls von einem neutralen Beobachter oder Erzähler stammen. Die Person, die uns die Erlebnisse erzählt, ist Encolpius. Daher sind alle vorgestellten Frauentypen schon subjektiv bewertet.

Quartilla - bizarr und vulgär

Ich beginne meine Interpretation mit der Vorstellung von Quartilla, der Priesterin des Priapus-Kultes.

Das Eintreffen ihrer Zofe in der Herberge versetzt die drei jungen Männer in Panik, da sie davon ausgehen, dass ihre Verfolger vor der Tür stehen. Quartillas Zofe betritt unter magischen und mysteriösen Umständen das Zimmer.[1] Auch ihre Ankündigung von Quartilla klingt merkwürdig[2], und Quartillas Erscheinen ist noch eigenartiger: sie kommt herein, setzt sich auf das Bett und weint. Diese kurze Szene ruft bei den Männern sehr unterschiedliche Gefühle hervor: die anfängliche Panik hat sich in Erstaunen verwandelt und nun warten alle gespannt, was nach dem Tränenausbruch kommen wird. Quartilla ringt die Hände und knackt mit den Fingerknöcheln. Ob sie aus Verzweiflung die Hände ringt, oder ob sie mit dieser Geste ihren Zuschauern droht, wird dem Leser nicht verdeutlicht. Quartilla ist nicht einzuschätzen und dies verleiht der Situation eine gewisse Gefährlichkeit. Ihre Gesten sind nicht eindeutig und auch ihre folgende Ansprache ist seltsam: Ascyltos und Encolpius sind angeklagt, eine verwegene Tat begangen zu haben. Worin diese Tat besteht und die Art der Strafe, die jeder zu erwarten hat, bleibt noch im Dunkeln. Quartilla fügt hinzu, dass sie Mitleid mit ihnen habe. Dass sich Quartilla milde gestimmt gibt und eine gütige Fassade zeigt, lässt die Strafe nicht minder bedrohlich erscheinen. Vielmehr drängt sich das Gefühl eines unabwendbaren Schicksals auf, das die Übeltäter auf sich nehmen müssen, auch wenn die Überbringerin der Botschaft angeblich gerne anders handeln würde.

Quartilla befürchtet, dass sie einen Malariaschub durch die Aufregung bekommen werde und teilt mit, dass ihr eine raffinierte Methode offenbart worden sei, dieses Unheil abzuwenden.[3] Als Encolpius bewusst wird, dass sie das Sakrileg des Gottes Priapus verletzt haben, ergreift er hastig das Wort und versichert ihr, alles für ihre Heilung tun zu wollen. Es scheint, als sähe Encolpius in dieser Hilfeleistung die einzige Rettung und die Möglichkeit der Abwendung einer durch Quartilla vollzogenen, göttlichen Strafe. Dem aufgeklärten Leser kommen diese Zeilen sehr ironisch vor, denn er weiß, dass Encolpius in seiner Naivität die Metapher, die Quartilla benutzt hat, nicht verstanden hat. Und dadurch rennt dieser geradezu in sein Unglück. Man darf davon ausgehen, dass auch Quartilla über des Encolpius’ naives Angebot erheitert ist, denn sie zeigt eine völlige Gemütswandlung: Vom andauernden Weinen und flehentlichen Bitten schlägt ihre Stimmung plötzlich ins Heitere um. Die folgenden Küsse, mit denen sie Encolpius bedeckt, sind keinesfalls von tiefer Dankbarkeit geprägt. Vielmehr sind sie erotischer Natur, wie auch die Tatsache, dass sie ihm zärtlich die Haare im Nacken zupft.[4] Diese Gesten kann man schon als ersten Hinweis auf das, was den dreien bevorsteht, werten. Als Quartilla erreicht hat, was sie will und sie ihr Ziel in greifbarer Nähe sieht, zeigt sie ihr wahres, kriegerisches Gesicht. Mit juristischen und militärischen Ausdrücken[5] gibt sie zu verstehen, dass Encolpius und den anderen keine andere Wahl bleibe, als sich um ihre Heilung zu bemühen. Damit wird ihrem anfänglichem Bitten und Flehen die Ehrlichkeit genommen: Quartilla hat die Männer getäuscht, sie ist keineswegs schwach und kann nicht nur durch Weinen und Flehen ihre Wünsche durchsetzen. Ihre Vorliebe für dramatische Selbstdarstellung zeigt Quartilla, indem sie ein zweizeiliges elegisches Distichon[6] rezitiert. Sie selbst gibt Auskunft über ihre Einstellung zum Leben und ihren Charakter: Sie liebt es, anderen ihre Regeln aufzuzwingen. Sie schert sich nicht um moralische oder gesellschaftliche Vorgaben, sondern will ihren eigenen Weg gehen. Nach dieser kleinen poetischen Einlage klatscht sie in die Hände und bricht in schallendes Gelächter aus. Encolpius und seine Gefährten sind entsetzt und bestürzt, denn dieser hysterische Gefühlsausbruch kam unerwartet. Quartilla offenbart sich in der folgenden Szene als Gebieterin. Sie hat dafür gesorgt, dass keine Gäste in die Herberge kommen. Encolpius empfindet eine eisige Angst, da er begreift, dass Quartilla vorgesorgt hat, um eventuelle Zwischenfälle zu vermeiden. Nun versteht er auch, dass Quartilla schon alles geplant hatte. Nach wie vor weiß er nicht, was ihn erwartet, aber er sieht, dass sein Geschick nun unausweichlich ist. Auch das Hoffen auf einen Retter in der Not ist somit erstickt. Gleich darauf beruhigt er sich, indem er sich vor Augen führt, dass die Besucher weiblichen Geschlechts und somit im Nachteil sind. Er stellt schon die Paare für einen möglichen Kampf zusammen. Dem informierten Leser kommt diese Textpassage wieder ironisch vor, denn später zeigt sich, wie das vermeintlich starke Geschlecht durch die Frauen zu Fall gebracht wird.

Für die folgenden Szenen werde ich mich Cicus Bezeichnung bedienen: Er stellt sie als den ersten Akt der orgiastischen Nachtwache für Priapus vor[7]. Quartilla zwingt den Gegnern ihre sadistische Rache auf, da nützt Encolpius auch kein Jammern. Quartilla lebt ihren hervorstechendsten Charakterzug, die Dominanz aus, indem sie das „starke Geschlecht“ gewaltsam an ihrem Ritus teilhaben lässt. Ganz deutlich zeigt sich ihre demütigende Grausamkeit an Encolpius’ Fesselung. Die zwei jungen Männer werden mit einem Liebestrunk gefügig gemacht, dennoch vernebelt er ihnen nicht derart die Sinne, dass sie ihre missliche Lage ergeben hinnehmen würden. Quartilla lässt ihren Widerstand unnachgiebig mit der Folter brechen.[8] Schließlich werden die beiden Männer noch durch homosexuelle Handlungen gequält. Hier zeigt Quartilla nun Mitleid: Sie lässt die Männer massieren und durch ein wahres Festmahl wieder zu Kräften kommen. Dieser Mitleidsbeweis geschieht allerdings aus egoistischer Gesinnung: Wie Quartilla später erläutert, ist die Nachtwache für den Gott Priapus noch lange nicht zu Ende. Sie weiß also: wenn sie noch etwas von den Männern erwartet, muss sie diese erst wieder zu Kräften kommen lassen.

Im zweiten Akt[9] tritt sie wieder in der Rolle der peinigenden Zeremonienmeisterin auf. Jetzt bleibt sie allerdings im Hintergrund. Stattdessen wird Encolpius von einem Homosexuellen bis zum Äußersten gepeinigt. Als Encolpius Quartilla fragt, warum sie ihm keinen Embasicoetas gegeben habe, als er ihn verlangte, ergötzt sie sich an ihrem eigenen Wortwitz und an Encolpius’ Naivität. Der Doppelsinn besteht darin, dass dieses Wort sowohl ein Trinkgefäß als auch einen Lustknaben bezeichnet.

Quartilla wird auf den lachenden Giton aufmerksam und tritt wieder in Aktion. Sie befiehlt ihn zu sich, betastet ihn wie ein Stück Fleisch und beschließt, ihn am nächsten Tag zu „konsumieren“. Hier wird wieder Quartillas absoluter Herrschaftsanspruch deutlich: sie dominiert alle und nimmt sich, was und wen sie will.

Von ihrer Zofe Psyche zu einer neuen Perversion angeheizt beschließt sie, Giton mit dem siebenjährigen Mädchen Pannychis zu vermählen. Encolpius ist von dieser Idee gar nicht angetan. Quartilla aber legt ihrer Gier keine Grenzen auf und gibt ihm zu verstehen, dass sie selbst recht früh sexuelle Kontakte hatte und sich nicht mehr daran erinnern kann, jemals Jungfrau gewesen zu sein. Ihren Ausführungen schließt sie ein besonders vulgäres Sprichwort an, das gut zu ihrem derben Wesen passt.[10] Die Kinder werden in ein Schlafzimmer geführt, in dessen Wand ein Schlitz ist, der absichtlich angebracht wurde.[11] Somit drängt sich dem Leser der Gedanke auf, dass dies nicht das erste Mal ist, dass Quartilla und ihre Helferinnen eine derartige Zusammenkunft beobachten. Quartilla wird durch diesen Voyeurismus erregt und drängt Encolpius Küsse auf. Bemerkenswert ist, dass die Brutalität, mit der Quartilla vorgeht und anderen ihren Willen aufzwingt, auch beim Küssen beschrieben wird.[12] Wie die Geschichte für Encolpius weitergeht, ist nicht mehr überliefert. Die Quartilla-Szenerie schließt mit der Information, dass die drei Männer entkommen und den Rest der Nacht frei von Angst in ihren Betten verbringen.

[...]


[1] Sat. 16, 2: dumque loquimur, sera sua sponte delapsa cecidit reclusaeque subito fores admiserunt intrantem.

[2] Sat. 16, 4: ecce ipsa venit ad stabulum petitque ut vobiscum loqui liceat. [...] nec accusat [...] nec punit[...].

[3] Sat. 17, 7: [...] iussaque sum vos perquirere atque impetum morbi monstrata subtilitate lenire.

[4] Sat.18, 4: hilarior post hanc pollicitationem facta mulier basiavit me spissus et ex lacrimis in risum mota descendentes ab aure capillos meos lenta manu duxit[...].

[5] Vgl.: Sat. 18, 5: Indutias facere, a constituta lite dimittere, iniuriam meam vindicaret et dignitatem

[6] Sat. 18,6: contemni turpe est, legem donare superbum:

hoc amo, quod possum qua libet ire via.

nam sane et sapiens contemptus iurgia nectit,

et qui non iugulat, victor abire solet.

[7] Vgl.: Cicu, Luciano. Donne petroniane. Personaggi femminili e tecniche di racconto nel Satyricon di Petronio. S. 21 ff

[8] Sat. 21, 1: volebamus miseri exclamare […] Psyche acu mihi pungebat […] puella penicillo Ascylton opprimebat

[9] Siehe: Cicu, L.: S. 24

[10] Sat. 25, 6: [...][ut dicatur] posse taurum tollere, qui vitulum sustulerit.

[11] Sat. 26, 4: […]per rimam improbe diductam […]

[12] Sat. 26, 5: […]me […]osculis verberabat

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Brutalität, Maskerade und Dominanz - über das unterschiedliche Verhalten der Frauen in Petronius' Satyricon reliquiae
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Petronius, Satyricon
Note
2,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V78783
ISBN (eBook)
9783638852456
ISBN (Buch)
9783638852128
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brutalität, Maskerade, Dominanz, Verhalten, Frauen, Petronius, Satyricon
Arbeit zitieren
Julia Braun (Autor), 2007, Brutalität, Maskerade und Dominanz - über das unterschiedliche Verhalten der Frauen in Petronius' Satyricon reliquiae, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78783

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