Gruppendynamik in Politik und Pädagogik

Positive und negative Aspekte der Gruppendynamik unter besonderer Berücksichtigung des Groupthink Phänomens


Doktorarbeit / Dissertation, 2006

188 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG
Problemstellung
Methodik
Ziele und Gang der Arbeit

Theoretischer Teil
I. FEHLENTSCHEIDUNGEN IN GRUPPEN - Gruppen - ein Garant für gute Entscheidungen?
II. DAS GROUPTHINK-MODELL UND VERWANDTE MODELLE
A. DAS GROUPTHINK-MODELL VON IRVING JANIS -Kollektive Kritiklosigkeit und Harmoniestreben in Entscheidungsgremien
1 Definition
2 Zum Begriff
3 Allgemeines
4 Komponenten des Groupthink-Modells
4.1 Rahmenbedingungen (Antecendent Conditions)
4.1.1 Hohe Gruppenkohäsion (Decisionmakers constitute a Cohesive Group)
4.1.2 Strukturelle Mängel in der Organisation (Structural Faults of the Organization)
4.1.3 Provokativer situationaler Kontext (Provocative Situational Context)
4.2 Der vermittelnde Mechanismus (Concurrence Seeking Tendency)
4.3 Beobachtbare Konsequenzen (Observable Consequences)
4.3.1 Selbstüberschätzung der Gruppe
4.3.1.1 Die Illusion der Unverwundbarkeit (Illusion of Invulnerability)
4.3.1.2 Die Überzeugung, moralische Standards zu besitzen
4.3.2 Geschlossene Ansichten
4.3.2.1 Kollektive Rationalisierung (Collective Rationalizations)
4.3.2.2 Stereotypisierung der Outgroup (Stereotypes of Out-Groups)
4.3.3 Druck in Richtung Einheitlichkeit / Konformität
4.3.3.1 Selbstzensur bezüglich abweichender Meinungen (Self-Censorship)
4.3.3.2 Illusion einer völligen Meinungsübereinstimmung (Illusion of Unanimity)
4.3.3.3 Direkter Druck auf Gruppenmitglieder (Direct Pressure on Dissenters)
4.3.3.4 Selbsternannte Mindguards (Self-Appointed Mindguards)
4.4 Merkmale fehlerhafter Entscheidungsprozesse - (Symptoms of Defective Decisionmaking)
4.5 Geminderte Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Ergebnisse (Low Probability of Successful Outcome)
B. VERWANDTE MODELLE
1 Das Modell der suboptimalen Informationsnutzung - Informationsaustausch in Kleingruppen – ein oft verbesserungswürdiger Prozess
1.1 Einleitung
1.2 Vermittelnde Mechanismen und Einflussfaktoren für suboptimale
Informationsnutzung
2 Das Entrapment-Modell Entrapment in Gruppen: Die Unfähigkeit, eigene Verluste zu stoppen
2.1 Einleitung
2.2 Wie anfällig sind Gruppen für Entrapment?
3 Das Modell des Entscheidungsautismus Ein allgemeines Modell für Selbstbestätigungsprozesse bei Einzel- und Gruppenentscheidungen
3.1 Einleitung
3.2 Unter welchen Bedingungen tritt Entscheidungsautismus in Gruppen auf?
3.3 Empirische Erforschung und Anwendung des Modells
III. KRITIK / ANMERKUNGEN
1 Das Groupthink-Modell von Irving Janis
1.1 Theoretische Probleme und empirische Überprüfungen des Groupthink-Modells
2 Das Modell der suboptimalen Informationsnutzung
3 Das Entrapment–Modell
4 Das Modell des Entscheidungsautismus
IV. GRUPPENDYNAMIK IN DER POLITIK Die Rolle des Groupthink-Phänomens anhand von ausgewählten Beispielen der neueren Geschichte
1 Methodische Überlegungen
1.1 Die quantitative Analyse
1.1.1 Die Frequenzanalyse
1.1.2 Die Valenzanalyse
1.1.3 Die Intensitätsanalyse
1.1.4 Die Kontingenzanalyse
1.2 Die qualitative Analyse
1.3 Schema
2 Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
2.1 Einleitung
2.1.1 Quellenbasis
2.1.2 Quellenkritik
2.1.2.1 Alla Jaroshinskaja: Verschlußsache Tschernobyl
2.1.2.2 James T. Reason: The Chernobyl Errors
2.1.2.3 Dietrich Dörner:
2.1.2.4 Artikel im Spiegel:
2.1.2.5 Internetquellen
2.1.3 Leitfragen
2.1.4 Gliederung
2.2 Überblick
2.3 Wie kam es zum Super-Gau?
2.3.1 Das Experiment
2.3.2 Der Unfall
2.4 Groupthink in Tschernobyl
2.4.1 Hohe Gruppenkohäsion
2.4.2 Strukturelle Mängel in der Organisation
2.4.2.1 Isolation der Gruppe
2.4.2.2 Mangel an standardisierten Entscheidungsprozeduren
2.4.2.3 Homogenität der Gruppenmitglieder
2.4.3 Provokativer situationaler Kontext
2.5 Beobachtbare Konsequenzen
2.5.1 Selbstüberschätzung der Gruppe
2.5.2 Geschlossene Ansichten
2.5.3 Druck in Richtung Einheitlichkeit / Konformität
2.6 Merkmale fehlerhafter Entscheidungsprozesse
2.6.1 Keine umfassende Suche nach Alternativen
2.6.2 Keine umfassende Prüfung der Fakten
2.6.3 Risiken präferierter Entscheidungen werden nicht abgewogen und überprüft
2.6.4 Keine Neubewertung von bereits ausgewählten Alternativen
2.6.5 Lückenhafte Informationssuche
2.6.6 Neigung zur selektiven Informationssuche in Richtung der eigenen Meinung
2.6.7 Fehlende Ausarbeitung von stringenten Handlungsplänen
2.7 Geminderte Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Outcomes
2.8 Fazit
3 Der 11. September 2001
3.1 Einleitung
3.1.1 Quellenbasis
3.1.2 Quellenkritik
3.1.2.1 Zeitungs- bzw. Wissenschaftliche Zeitschriftenartikel:
3.1.2.2 Fernsehberichte im ZDF und in der ARD
3.1.2.3 Artikel aus dem Spiegel
3.1.3 Leitfragen
3.1.4 Gliederung
3.2 Der 11. September 2001 im Überblick
3.2.1 Beschreibung
3.2.2 Ursachen
3.3 Groupthink
3.3.1 Hohe Gruppenkohäsion
3.3.2 Strukturelle Mängel in der Organisation
3.3.2.1 Isolation der Gruppe
3.3.2.2 Direktive Gruppenführer
3.3.2.3 Homogenität der Gruppenmitglieder
3.3.3 Provokativer situationaler Kontext
3.4 Groupthink im engeren Sinn
3.4.1 Selbstüberschätzung der Gruppe
3.4.2 Geschlossene Ansichten
3.4.3 Druck in Richtung Einheitlichkeit und Konformität
3.5 Fehlerhafte Entscheidungsprozesse
3.5.1 Keine umfassende Suche nach Alternativen
3.5.2 Keine umfassende Prüfung der Fakten
3.5.3 Schlechte Informationssuche
3.6 Geringe Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Outcomes
3.7 Fazit
4 Der Irak-Krieg 2003
4.1 Einleitung
4.1.1 Quellenbasis
4.1.2 Quellenkritik
4.1.2.1 Zeitungs- bzw. Zeitschriftenartikel:
4.1.2.2 Fernsehrberichte im ZDF und der ARD
4.1.2.3 Peter Scholl-Latour: Kampf dem Terror - Kampf dem Islam.
4.1.2.4 Internetquellen
4.1.3 Leitfragen
4.1.4 Gliederung
4.2 Der Irak-Krieg im Überblick
4.2.1 Vorgeschichte
4.2.2 Eskalation des Konflikts
4.2.3 Verlauf des Krieges
4.3 Die Vorgeschichte des Irak-Krieges
4.4 Groupthink
4.4.1 Hohe Gruppenkohäsion
4.4.2 Strukturelle Mängel in der Organisation
4.4.2.1 Isolation der Gruppe
4.4.2.2 Direktiver Gruppenführer
4.4.2.3 Mangel an standardisierten Entscheidungsprozeduren
4.4.2.4 Homogenität der Gruppenmitglieder
4.4.3 Provokativer situationaler Kontext
4.4.4 Groupthink im engeren Sinn
4.4.4.1 Selbstüberschätzung der Gruppe
4.4.4.2 Geschlossene Ansichten
4.4.4.3 Druck in Richtung Einheitlichkeit und Konformität
4.4.5 Fehlerhafte Entscheidungsprozesse
4.4.5.1 Keine umfassende Suche nach Alternativen
4.4.5.2 Keine umfassende Prüfung der Fakten
4.4.5.3 Risiken der präferierten Entscheidung werden nicht abgewogen und überprüft
4.4.5.4 Keine Neubewertung von bereits ausgewählten Alternativen
4.4.5.5 Lückenhafte Informationssuche
4.4.5.6 Neigung zur selektiven Informationssuche in Richtung der eigenen Meinung
4.4.5.7 Fehlende Ausarbeitung von stringenten Handlungsplänen
4.5 Geringe Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Outcomes
4.6 Fazit
V. GRUPPENDYNAMIK IN DER POLITIK - Wo die Vermeidung von Groupthink zu positiven Ergebnissen führte
1 Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1989
1.1 Einleitung
1.1.1 Quellenbasis
1.1.2 Quellenkritik
1.1.2.1 Wissenschaftliche Artikel:
1.1.2.2 Artikel im Spiegel
1.1.2.3 Konrad Jarausch: Die unverhoffte Einheit Günther Glaeßner: Der lange Weg zur Einheit

1.1.3 Leitfragen
1.1.3.1 Die innenpolitische Analyseebene
1.1.3.2 Die außenpolitische Analyseebene
1.1.3.2.1 Die Dreiecksbeziehung Moskau – Ostberlin - Bonn
1.1.3.2.2 Die Konstellation der vier Siegermächte des 2. Weltkriegs
1.1.3.2.3 Die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
1.1.3.2.4 Die deutsch-amerikanischen Beziehungen
1.1.3.2.5 Der Umbruch in Ostmitteleuropa
1.1.3.2.6 Die Politik der westlichen Allianz
1.1.4 Gliederung
1.2 Der 2+4-Prozess im Überblick
1.2.1 Die Verhandlungsebenen
1.2.1.1 Die Gipfeltreffen von Michail Gorbatschow mit George Bush und Helmut Kohl
1.2.1.2 Die bilateralen Treffen von Hans-Dietrich Genscher und Eduard Schewardnadse
1.2.1.3 Die 2+4-Außenministertreffen in Bonn, Ostberlin, Paris und Moskau
1.2.1.4 Die Expertentreffen der 2+4-Partner
1.2.1.5 Die bilateralen Treffen auf Expertenebene
1.2.2 Die sowjetische Verhandlungsdelegation
1.3 Die interne sowjetische Entscheidungsfindung
1.4 Groupthink und Groupthink-Vermeidung im 2+4-Prozess
1.4.1 Die sowjetische Delegation
1.4.1.1 Hohe Gruppenkohäsion
1.4.1.2 Strukturelle Mängel in der Organisation
1.4.1.3 Provokativer situationaler Kontext
1.4.1.4 Beobachtbare Konsequenzen
1.4.2 Die deutsche Delegation
1.4.2.1 Hohe Gruppenkohäsion
1.4.2.2 Strukturelle Mängel in der Organisation
1.4.2.3 Provokativer situationaler Kontext
1.4.2.4 Beobachtbare Konsequenzen
1.5 Fazit
1.5.1 Welche Entscheidungsstrukturen und -träger waren bedeutsam?
1.5.2 Warum hat die Sowjetunion den Deutschen die Wiedervereinigung zu Bedingungen zugebilligt, die sie 40 Jahre lang strikt abgelehnt hat?
1.5.3 Worin liegt das persönliche Verdienst von Gorbatschow und Schewardnadse?
1.5.4 Wo und wann wurde Groupthink im 2+4-Prozess vermieden und wo herrschte Groupthink vor?
2 Zusammenfassung

Empirischer Teil
A. AKTENSTUDIUM Aktenstudium betreffend Groupthink in Lehrerkonferenzen
1 Einführung in die Fragestellung
2 Formulierung der zu untersuchenden Fragen
3 Forschungsfragen / Erläuterungen zu den Forschungsfragen
3.1 Forschungsfragen
3.1.1 Forschungsfrage 1
3.1.2 Forschungsfrage 2
3.1.3 Forschungsfrage 3
3.1.4 Forschungsfrage 4
3.1.5 Forschungsfrage 5
3.1.6 Forschungsfrage 6
3.1.7 Forschungsfrage 7
3.2 Erläuterungen zu den Forschungsfragen
3.2.1 Allgemeine Erläuterungen
3.2.2 Erläuterungen zu Forschungsfrage 1
3.2.3 Erläuterungen zu Forschungsfrage 2
3.2.4 Erläuterungen zu Forschungsfrage 3
3.2.5 Erläuterungen zu Forschungsfrage 4
3.2.6 Erläuterungen zu Forschungsfrage 5
3.2.7 Erläuterungen zu Forschungsfrage 6
3.2.8 Erläuterungen zu Forschungsfrage 7
4 Methode
4.1 Stichprobe
4.2 Design
4.2.1 Die Vortestung
4.2.2 Die Protokollanalyse
4.2.2.1 Allgemeine Vorgehensbeschreibung
4.2.2.2 Exemplarische Analyse
4.2.2.2.1 Exemplarisches Protokoll , in welchem Groupthink festgestellt wurde
4.2.2.2.2 Korrespondierendes Protokoll , in welchem klar wird, dass eine Fehlentscheidung getroffen wurde
4.2.2.3 Zu den Groupthink-Komponenten
4.2.2.4 Ergebnis
5 Auswertung
5.1 Verrechnung der Daten
5.2 Überlegungen zur Verwendung des Verfahrens
6 Ergebnisse
6.1 Allgemeines
6.2 Darstellung der Ergebnisse zu den Forschungsfragen
6.2.1 Forschungsfrage 1
6.2.2 Forschungsfrage 2
6.2.3 Forschungsfrage 3
6.2.4 Forschungsfrage 4
6.2.5 Forschungsfrage 5
6.2.6 Forschungsfrage 6
7 Zusammenfassung
8 Diskussion

Praktischer Teil
A. GROUPTHINK-VERMEIDUNG: LEHERFORTBILDUNG Fortbildungsprogramm
für Lehrer zur Vermeidung von Groupthink bei Klassenkonferenzen
1 Lehrerfortbildung zur Vermeidung von Groupthink – Warum?
2 Trainingsprogramm für LehrerInnen: Groupthink vermeiden & effiziente Entscheidungen in der Gruppe treffen
2.1 Einleitung
2.2 Teil 1 -Erkennen der unterschiedlichen Arbeitsweisen und Entscheidungsfindungsprozesse bei Einzelarbeit, Gruppenarbeit und Delegation
2.3 Teil 2 - Verdeutlichen der gruppendynamischen Prozesse bei Entscheidung unter Unsicherheit

2.3 Teil 3 - Kommunikation und Entscheidungsfindung in Gruppen
2.4 Teil 4 - Gruppenkonsens
B. Konferenzen effektiver gestalten – Fortbildung für SchulleiterInnen Ideen für eine SchulleiterInnenfortbildung betreffend Groupthink-Vermeidung in Lehrerkonferenzen

1 Einleitung
2 Die einzelnen Groupthink-Komponenten und deren Vermeidung
2.1 Direktive Leitung / Druck in Richtung Einheitlichkeit& Konformität/ Geschlossene Ansichten

2.2 Stress
2.3 Favorisierung derselben Alternative schon vorab
2.4 Diskursive Entscheidungsprozeduren/ Umfassende Suche nach Alternativen/ Umfassende Prüfung der Fakten/ Risiken der präferierten Entscheidung werden abgewogen und überprüft/ Schlechte Informationssuche/ Selektive
Informationssuche
2.5 Ausarbeitung von stringenten Handlungsplänen
2.6 Neubewertung von bereits ausgewählten Alternativen
3 Leitfaden für SchulleiterInnen zur Groupthink-Vermeidung bei Konferenzen
KRITISCHE WÜRDIGUNG
LITERATUR
INTERNETADRESSEN

ABBILDUNGEN

Abb. 1: Das Groupthink-Modell von I. Janis

Abb. 2: Randbedingungen des Entscheidungsautismus

Abb. 3: Symptomatik des Entscheidungsautismus

Abb. 4: Der Reaktor

Abb. 5: Haupt- und Nebenwirkungen

Abb. 6: Sitzungsarten

Abb. 7: geschlossene Ansichten / Lehrerkonferenzen

Abb. 8: Schlechte Informationssuche / Lehrerkonferenzen

Abb. 9: Ausarbeitung von stringenten Handlungsplänen / Lehrerkonferenzen

Abb. 10: Diskursive Entscheidungsprozeduren / Fachsitzungen

Abb. 11: Direktive Leitung / Fachsitzungen

Abb. 12: Favorisieren derselben Alternative / Fachsitzungen

Abb. 13: Selbstüberschätzung der Gruppe / Fachsitzungen

Abb. 14: Geschlossene ansichten / Fachsitzungen

Abb. 15: Umfassende Suche nach Alternativen / Fachsitzungen

Abb. 16: Prüfung der Fakten / Fachsitzungen

Abb. 17: Überprüfung von Risiken / Fachsitzungen

Abb. 18: Selektive Informationssuche / Fachsitzungen

EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG

„Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind“

(John F. Kennedy)

Problemstellung

Der Zusammenhang zwischen dem Gruppenprozess und seinem Ergebnis wird als Gruppensynergie bezeichnet.

Die darauf konzentrierte Forschungstradition ist unter der Bezeichnung Gruppendynamik bekannt geworden und hat sich in der Folge Kurt Lewins (1936) in verschiedene Richtungen weiterentwickelt.

Als gemeinsamen Nenner beinhalten alle gruppendynamischen Ansätze, dass sie das Geschehen in Gruppen als veränderlich betrachten und dass die Gruppensituation grundsätzlich auf das Individuum ebenso Einfluss ausüben wie umgekehrt das Individuum Einfluss auf Vorgänge in der Gruppe nehmen kann.

Seit dem Jahr 1991 gibt es keine wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Groupthink mehr, weshalb es – meiner Ansicht nach – von wissenschaftlichem Interesse ist, diese Forschungstradition fortzusetzen.

Generell soll auf Gefahrenquellen, die die Qualität von Gruppenentscheidungen beeinträchtigen und unter Umständen zu gefährlichen Fehlentscheidungen führen können, eingegangen werden.

Eines der bekanntesten Modelle der Gruppenforschung, das Groupthink -Modell von Irving Janis (1972), soll – in Fortsetzung zu Janis` bekanntesten Werk mit dem Titel Victims of Groupthink - auf politische Ereignisse der neueren Zeit angewendet werden.

Ein Aktenstudium soll empirische Ergebnisse zu gruppendynamischen Geschehnissen in Lehrersitzungen liefern um aus diesen Erkenntnissen am Ende dieser Dissertation schließlich ein Fortbildungsprogramm für Lehrer entwickeln zu können, das dazu beiträgt, die Gefahr von Fehlentscheidungen in Lehrerkonferenzen zu verringern.

Zusätzlich zur Lehrerfortbildung wird am Ende noch Ideen für eine Fortbildung für SchulleiterInnen präsentiert

Methodik

Der Quellenarbeit kommt in dieser Dissertation – insbesondere im Theoretischen Teil - eine übergeordnete Rolle zu.

Voranzustellen ist, dass in Anbetracht des universellen Charakters der Problemstellung, der Begriff Quelle in einem quasi „unhistorischen“ Sinn verwendet wird, da unter diesen Begriff nicht nur echte Quellen, wie sie jedem Historiker als originäre Dokumente bekannt sind, verwendet werden, sondern generell jede Art von Daten, wozu insbesondere auch Sekundär- und Fachliteratur und ähnliches, etwa Zeitungsberichte zur zeitgenössischen Geschichte oder multimediale Daten, subsumiert wird, weshalb die Bezeichnung „Quelle“ mit dem Begriff „Ressource“ gleichzusetzen ist.

Um methodisch korrekt vorzugehen, wurde Validität und Repräsentativität des verfügbaren Datenmaterials eingehend geprüft und eine hermeneutische Text- bzw. Inhaltsanalyse bei allen verwendeten Quellen durchgeführt.

Ziele und Gang der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist die Beleuchtung des Themas Gruppendynamik in Politik und Pädagogik - Positive und negative Aspekte der Gruppendynamik unter besonderer Berücksichtung des Groupthink-Phänomens.

In der gegenständlichen Arbeit werden zuerst vier Modelle, die gruppendynamische Geschehnisse analysieren, vorgestellt.

Im Anschluss werden - in Fortsetzung zu Irving Janis` Werk Groupthink (1982) - zeitgeschichtliche Ereignisse zwischen 1986 und 2004 im Hinblick auf das Groupthink-Phänomen untersucht.

Dass sich die Komponenten des Groupthink-Modells auch in der Pädagogik wiederfinden, soll im zweiten Teil der Arbeit anhand eines Aktenstudiums deutlich werden, welches Grundlage für ein im letzten Teil dieser Arbeit entwickeltes Fortbildungsprogramm betreffend Groupthink-Vermeidung in Lehrerkonferenzen ist.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsmaterie bildet den Abschluss dieser Dissertation.

Theoretischer Teil

I. FEHLENTSCHEIDUNGEN IN GRUPPEN - Gruppen - ein Garant für gute Entscheidungen?

Dass derjenige, der Entscheidungen trifft, auch Fehler macht, ist trivial.

Leider können Fehler, die bei bedeutsamen Entscheidungen auftreten, nicht minder bedeutsame (und nachteilige) Konsequenzen nach sich ziehen.

Dass eine Vielzahl von Fehlerquellen die Qualität menschlicher Entscheidungen beeinträchtigen kann, ist bekannt (vgl. u. a. Dörner, 1992; Jungermann, Pfister & Fischer, 1998; Ardelt-Gattinger, Lechner, & Schlögl, 1998).

Beispielsweise verwenden wir alle, wenn wir Entscheidungen treffen, sogenannte Urteilsheuristiken (verkürzte Denk- und Urteilsprozesse), die uns Aufwand ersparen und in den meisten Fällen gut „funktionieren“ jedoch unter Umständen zu Fehlurteilen führen können. Wir sind anfällig für Zeitdruck und Informationsüberlastung, ebenso können Stimmungen unser Entscheidungsverhalten beeinflussen (vgl. Jungermann, Pfister & Fischer, 1998).

Wir denken zumeist linear-kausal und haben daher Schwierigkeiten im Umgang mit komplexen, dynamischen Systemen. Unter bestimmten Umständen neigen wir zu Sorglosigkeit, Risikounterschätzung und gefährlichem Verhalten (vgl. Dörner, 1992).

Um solche und andere Unzulänglichkeiten zu kompensieren, greift man in der Wirtschaft, in der Politik und in gesellschaftlichen Institutionen häufig auf Gruppen als Entscheidungsträger zurück.

Man geht davon aus, dass individuelle Irrtümer und Fehleinschätzungen durch die Gruppe „aufgefangen“ werden können. Zudem erwartet man sich, dass – wenn mehrere Personen gemeinsam eine Entscheidung erarbeiten - eine größere Anzahl von Informationen und Ideen in den Entscheidungsprozess einfließen, als dies bei einer Einzelperson als Entscheidungsträger möglich wäre.

Die sozial- und wirtschaftspsychologische Forschung zeigt jedoch, dass sich ein Zugewinn an Entscheidungsqualität durch Gruppen nicht automatisch einstellt, sondern vielmehr durch gruppenspezifische Gefahrenquellen in Frage gestellt werden kann (vgl. u.a. Schulz-Hardt & Frey, 1997).

Beispielsweise können fruchtbare Synergieeffekte in Gruppen durch Phänomene wie das „soziale Faulenzen“ („social loafing“) zunichte gemacht werden, wenn sich einzelne Gruppenmitglieder auf Kosten der anderen Gruppenmitglieder ausruhen und die Verantwortung auf diese abschieben.

Dieselbe Wirkung haben Koordinierungsschwierigkeiten in Gruppen, die letztlich dazu führen, dass die Anstrengungen der einzelnen Mitglieder zum Teil wirkungslos verpuffen.

Interessenkonflikte zwischen den Gruppenmitgliedern können darüber hinaus verhindern, dass „alle an einem Strang ziehen“ und somit das Resultat der Zusammenarbeit verschlechtern (vgl. Witte & Engelhardt, 1996).

Die eben genannten Gefahrenquellen sind Beispiele für problematische Aspekte, die bei jeder Form von Gruppenarbeit auftreten können. Darüber hinaus existieren Mechanismen, die speziell bei Gruppenentscheidungen problematisch werden und die Qualität der Entscheidung bedrohen können.

Auf solche Mechanismen soll im Folgenden das Augenmerk gerichtet werden:

II. DAS GROUPTHINK-MODELL UND VERWANDTE MODELLE

Den wohl populärsten Ansatz zur Erklärung von Fehlentscheidungen stellt das Groupthink-Modell von Irving L. Janis (1972, 1982) dar.

Janis (1972, 1982) analysierte die klassischen Fiaskos der amerikanischen Außenpolitik - Pearl Harbour, Korea, Schweinebuchtinvasion und Vietnam - sowie das innenpolitische Desaster der Watergate-Affäre (Janis, 1982) und führte die dort getroffenen Fehlentscheidungen auf ein dysfunktionales Denk- und Interaktionsmuster in den entsprechenden Entscheidungsgremien zurück, das er als Groupthink bezeichnete.

Diesen Fiaskos stellte er zwei qualitativ hochwertige Entscheidungen - den Marshall-Plan und die Reaktion auf die kubanische Raketenkrise - gegenüber und zeigte dort ein Entscheidungsmuster auf, das Groupthink genau entgegengesetzt war.

Weitere Ansätze zur Erklärung derartiger Phänomene sind das Das Modell der suboptimalen Informationsnutzung in Gruppen (Steward & Strasser, 1992), das Entrapment-Modell (Rubin & Brockner, 1975) sowie das Modell des Entscheidungsautismus (Schulz-Hardt & Frey, 1996), auf welche im Folgenden – aus Gründen der Vollständigkeit - noch genauer eingegangen werden soll.

Anzumerken in diesem Zusammenhang ist, dass es neben den soeben genanten Modellen noch weitere Modelle zum Problem der Gruppenentscheidungen gibt:

Die Modelle von Hart (1990), Neck & Moorhead (1995) und Whyte (1989) erscheinen mir als schlichte Revisionen des Groupthink-Modells, die aber grundlegend nichts an den Thesen und Feststellungen von Janis (1982) ändern, weshalb sie im Rahmen dieser Arbeit nicht näher beleuchtet werden.

A. DAS GROUPTHINK-MODELL VON IRVING JANIS -Kollektive Kritiklosigkeit und Harmoniestreben in Entscheidungsgremien

1 Definition

Groupthink bezeichnet einen Denkvorgang, bei dem eine Gruppe von Personen schlechte oder realitätsferne Entscheidungen trifft, weil jede Person ihre eigene Meinung an die vermutete Gruppenmeinung anpasst. Daraus können Situationen entstehen, bei der die Gruppe Handlungen oder Kompromissen zustimmt, die jedes Gruppenmitglied einzeln unter normalen Umständen ablehnen würde (vgl. Janis, 1972).

2 Zum Begriff

Der Vorschlag, für „Gruppendenken“ im Deutschen die Übersetzung des englischen groupthink = „Gruppendenk“ zu benutzen, wurde allgemein angenommen, weshalb das Janis`Modell auch im deutschsprachigen Raum als Groupthink-Modell bekannt geworden ist.

Der Begriff wurde im Englischen 1972 in gewollter Ähnlichkeit zu George Orwells Wortneuschöpfungen wie beispielsweise „Doppeldenk“ und „Quaksprech“ der Sprache „Neusprech“ in seinem Roman 1984 von Irving Janis geprägt.

3 Allgemeines

Gruppendenken tritt gehäuft in Komitees oder großen Organisationen in Erscheinung.

Es wird als einflussreicher Faktor beim Vietnamkrieg, bei der Schweinebucht-Invasion, dem Challengerunglück und dem Columbiaunglück, der Korruption im Enronkonzern sowie 2003 bei der Entscheidung zum Irak-Krieg angesehen (vgl. Schwartz & Wald, 2003) .

4 Komponenten des Groupthink-Modells

In weiterer Folge sollen nun – im Anschluss an die graphische Darstellung des Modells (entnommen aus Irving Janis` Groupthink, 1982) - die einzelnen Komponenten des Groupthink, das heißt das Verhaltensmuster einer Beratergruppe oder einer Gruppe von Entscheidungsträgern, näher beschrieben werden.

In Klammern hinter den übersetzten deutschen Begriffen findet sich anfangs noch Janis`

Originalbezeichnung, in den folgenden Kapiteln werden nur noch die deutschen Begriffe in den Überschriften aufgeführt.

Abbildung 1: Das Groupthink-Modell von I. Janis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.1 Rahmenbedingungen (Antecendent Conditions)

4.1.1 Hohe Gruppenkohäsion (Decisionmakers constitute a Cohesive Group)

Die Gruppenkohäsion ist das bedeutendste Merkmal im Bereich des Groupthink-Phänomens, der Begriff ist im Sinne von Naheverhältnis bzw. Ähnlichkeit zu verstehen.

Hohe Gruppenkohäsion zeichnet sich – folgt man Janis` Definition - in erster Linie dadurch aus, dass zwischen den Mitgliedern ein stark ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl herrscht, woraus sich im Laufe der Zeit ein oft verhängnisvolles „Streben nach Einmütigkeit“ entwickelt, was bedeutet, dass das Wohlwollen der Gruppe von ihren Mitgliedern als Belohnung empfunden wird.

4.1.2 Strukturelle Mängel in der Organisation (Structural Faults of the Organization)

Eine Kategorie von Faktoren, die zu Groupthink führen, sind ungünstige strukturelle Bedingungen.

Solche liegen vor, wenn die Gruppe nach außen abgeschottet ist (Insolation of the Group), durch Erwartungshaltung hinsichtlich einer bestimmten akzeptablen Meinung bedingt oder verunsichert mangelhafte Entscheidungsprozeduren anwendet, also über keine diskursiven Entscheidungsprozeduren verfügt (Lack of Norms Requiring Methodical Procedures) und von ihrem Gruppenführer direktiv geleitet wird (Lack of Tradition of Impartial Leadership). Direktiv heißt, dass der Gruppenführer aktiv seine eigenen Ansichten durchsetzten möchte.

Nicht minder gefährlich ist es, wenn das Entscheidungsgremium homogen besetzt ist, also alle Personen schon vorab dieselbe Alternative favorisieren (Homogenity of Members` Social Background and Ideology).

All diese Faktoren bewirken, dass früh eine Festlegung auf eine Alternative erfolgt und wenig kritische Signale in den Entscheidungsprozess gelangen.

Weiters sind noch andere situative Faktoren bedeutsam wie Zeitdruck, Rechtfertigungsdruck oder vorangegangene Erfolge.

4.1.3 Provokativer situationaler Kontext (Provocative Situational Context)

Fühlt sich eine Gruppe von außen unter Stress gesetzt, so schließen sich die Gruppenmitglieder meist der Position des Gruppenführers an, denn würden sie ihre eigene, alternative Position vertreten, wäre dies in hohem Maße mit psychischem Stress verbunden (High Stress from External Threats with Low Hope of a Better Solution Than the Leaders`).

Dies wird meist nur in Kauf genommen, wenn sich das Gruppenmitglied sicher ist, sich gegen den Gruppenführer durchsetzten zu können da es andernfalls riskiert, seine soziale Akzeptanz zu verlieren.

Janis zählt weitere drei Punkte auf, die interner Herkunft sind (den Selbstwert betreffen) und sich auf die Gruppenentscheidung auswirken können:

Sollten einzelne Mitglieder oder aber die gesamte Gruppe zuvor Misserfolge erlitten haben, so wirkt sich dies negativ auf den Selbstwert der Betroffenen aus (Low Self-Esteem Temporarily Induced by Recent Failures) - manche Gruppenmitglieder sind oft auch nicht in der Lage, das Problem adäquat zu beurteilen (Difficulties on Current Decisionmaking, Moral Dilemmas); aus dieser Unsicherheit heraus, fällt es ihnen leichter, sich der Gruppenmeinung anzuschließen .

4.2 Der vermittelnde Mechanismus (Concurrence Seeking Tendency)

Nach Janis ist die Concurrence-Seeking Tendency - das Streben nach Einmütigkeit - der gruppenbedingte Mechanismus, der zum Ausgleich oder zumindest zur Annäherung verschiedener Meinungen innerhalb der Gruppe führt.

Das Wohlwollen der Gruppe wird von ihren Mitgliedern als Belohnung empfunden.

Die Gruppenkohäsion ist als notwenige Rahmenbedingung zu sehen. Das oberste Ziel der Gruppe lautet Loyalität, was bedeutet, dass sich der Einzelne in seiner Aussage zurückhalten muss, um den Gruppenkonsens nicht zu stören.

Eine objektive Entscheidungsfindung ist durch dieses Streben erschwert.

4.3 Beobachtbare Konsequenzen (Observable Consequences)

Janis teilt Groupthink in 3 Kategorien ein:

Kategorie 1: Selbstüberschätzung der Gruppe (Overestimation of the Group)

Kategorie 2: Geschlossene Ansichten (Closed-Mindedness)

Kategorie 3: Druck in Richtung Einheitlichkeit/Konformität (Pressure toward Uniformity)

Die Kategorien sollen im Nachfolgenden genauer betrachtet werden:

4.3.1 Selbstüberschätzung der Gruppe

Unter diesem Aspekt werden zwei Symptome zusammengefasst:

- Die Illusion der Unverwundbarkeit (Illusion of Invulnerability)
- Die Überzeugung, moralische Standards zu besitzen

(Belief in Inherent Morality of the Group).

4.3.1.1 Die Illusion der Unverwundbarkeit (Illusion of Invulnerability)

Diese zeigt sich in einem unrealistischen Optimismus und in dem Vertrauen, dass die Gruppe durch nichts von ihrem Erfolgsweg abzubringen ist. Dieser Überoptimismus führt schließlich zu einer gesteigerten Bereitschaft, höhere Risiken einzugehen (Janis, 1982).

4.3.1.2 Die Überzeugung, moralische Standards zu besitzen

(Belief in Inherent Morality of the Group)

Das zweite Symptom führt genauso wie das erste zu einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Die Überzeugung, hohe moralische Standards zu haben, führt fast zwangsläufig in einen Irrglauben an die eigene Unfehlbarkeit.

Die Gruppe ist davon überzeugt, die richtigen moralischen Grundsätze zu vertreten, was sie überzeugt, dass ihre eigenen Einschätzungen in jedem Fall richtig sind.

4.3.2 Geschlossene Ansichten

Auch hier gibt es wieder zwei Symptome:

- Kollektive Rationalisierung (Collective Rationalizations)
- Stereotypisierung der Outgroup (Stereotypes of Out-Groups)

4.3.2.1 Kollektive Rationalisierung (Collective Rationalizations)

Diese vermittelt den Gruppenmitgliedern unausgesprochen eine Gruppennorm, deren Ziel die Gleichschaltung des Denkens innerhalb der Gruppe ist. Warnungen und widersprüchliche Informationen werden abgewertet oder ignoriert.

4.3.2.2 Stereotypisierung der Outgroup (Stereotypes of Out-Groups)

Eine vorgefasste Meinung bezüglich der Outgroup hat zur Folge, dass andere Gruppen meist abgewertet werden. Tauchen negative Aspekte bei Entscheidungen auf, so werden sie meist der Outgroup zugeschrieben. Zweifel an der eigenen Position werden somit leicht ausgeräumt.

4.3.3 Druck in Richtung Einheitlichkeit / Konformität

Hier sind vier Symptome zu nennen:

- Selbstzensur bezüglich abweichender Meinungen (Self-Censorship)
- Illusion einer völligen Meinungsübereinstimmung (Illusion of Unanimity)
- Direkter Druck auf Andersdenkende (Direct Pressure on Dissenters)
- Selbsternannte Mindguards (sozusagen Wahrer des Gruppenzusammenhalts)

(Self-Appointed Mindguards)

4.3.3.1 Selbstzensur bezüglich abweichender Meinungen (Self-Censorship)

Um die Gruppenharmonie zu wahren, unterzieht sich die Gruppe einer Art Selbstzensur. Um die Zugehörigkeit zur Gruppe nicht zu gefährden und auch um sich zu profilieren, stellen die Mitglieder ihre eigene Meinung und ihre Zweifel in den Hintergrund.

4.3.3.2 Illusion einer völligen Meinungsübereinstimmung (Illusion of Unanimity)

Die Illusion einer völligen Meinungsübereinstimmung entsteht dadurch, dass Nichtäußerung von Kritik regelmäßig als Zustimmung gewertet wird.

4.3.3.3 Direkter Druck auf Gruppenmitglieder (Direct Pressure on Dissenters)

Kommt es doch einmal zu einer Äußerung von Kritik, so wird auf das entsprechende Gruppenmitglied direkter Druck von den anderen Mitgliedern ausgeübt. Das Ziel ist hier, die Gruppenharmonie wiederherzustellen. Somit zwingt man Mitglieder zur Konformität. Gelingt dies nicht, so folgt in den meisten Fällen ein Ausschluss aus der Gruppe.

4.3.3.4 Selbsternannte Mindguards (Self-Appointed Mindguards)

Dieser Druck muss nicht zwingend von allen anderen Gruppenmitgliedern ausgehen - oft gibt es einen selbsternannten Mindguard, der über die Gruppennorm wacht.

Mindguards haben die Aufgabe, Widerspruch aus den eigenen Reihen und auch von außen schon im Vorfeld abzuwehren (Lüthgens, 1996).

Treten eines oder mehrere dieser Symptome auf, so ist die Gefahr groß, dass die Entscheidungsfindung in der Gruppe verzerrt wird (Lüthgens, 1996, Janis, 1982).

4.4 Merkmale fehlerhafter Entscheidungsprozesse - (Symptoms of Defective Decisionmaking)

Je ausgeprägter das Gruppendenken ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gruppenentscheidungen fehlerhaft sind. Es müssen sich keineswegs alle der oben genannten Symptome zeigen, es reicht, wenn nur einige der oben genannten Symptome offensichtlich werden.

Janis (1972) nennt sieben verschiedene Fehler, die im Rahmen von Entscheidungs­prozessen gemacht werden können:

- Keine umfassende Suche nach Alternativen
(Gross Obmissions in Survey of Alternatives)

- Keine umfassende Prüfung der Fakten
(Gross Obmissions in Survey of Objectives)

- Risiken der präferierten Entscheidung werden nicht abgewogen und überprüft
(Failure to Examine Some Major Costs and Risks of Preferred Choice)

- Keine Neubewertung von bereits ausgewählten Alternativen
(Failure to Reconsider Originally Rejected Alternatives)

- Schlechte Informationssuche
(Poor Information Search)

- Neigung zur selektiven Informationssuche in Richtung der eigenen Meinung
(Selective Bias in Processing Information at Hand)

- Fehlende Ausarbeitung von stringenten Handlungsplänen
(Failure to Work Out Detailed Implementation, Monitoring, and Contingency Plans)
Die Gefahr, sich vorschnell auf eine mögliche Alternative festzulegen, ist bei Gruppen mit Groupthink-Symptomen besonders groß.

Durch das Bestreben, eine einheitliche Meinung zu generieren, besteht die Gefahr, nur in eine Richtung nach Fakten und Bestätigungen zu suchen. Andere Handlungsalternativen werden nicht mehr, bereits verworfene werden nicht noch einmal geprüft.

Meist werden die Risiken einer gewählten Alternative unzureichend abgeschätzt, da konträre Meinungen nicht mehr geäußert werden oder aufgrund der Mindguards nicht ins Plenum gelangen. Widersprechende Informationen werden als unbrauchbar abgewertet.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass „die Realisierung von Entscheidungen in der Gruppe nicht adäquat vorbereitet werden“ (Lüthgens, 1996).

4.5 Geminderte Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Ergebnisse (Low Probability of Successful Outcome)

Die oben beschriebenen Randbedingungen, Symptome und Konsequenzen machen eine Fehlentscheidung wahrscheinlicher.

Das Vorhandensein des Groupthink bedeutet eine Extremisierung der Gruppenmeinung in eine Richtung, die nicht zwangsläufig die falsche sein muss. Ein deterministischer Zusammenhang zwischen Groupthink und Fehlentscheidung liegt nach Janis nicht vor. Aufgrund dysfunktionaler Entscheidungsprozesse erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung nachhaltig.

Der Zusammenhang ist probabilistisch: Je mehr Groupthink, desto höher liegt die Fehlerquote; folglich steigt die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung.

B. VERWANDTE MODELLE

Wie oben schon erwähnt, sollen - um eine gewisse Vollständigkeit zu gewährleisten - im Folgenden einige verwandte Modelle bzw. Weiterentwicklungen des Groupthink-Modells näher beschrieben werden:

Ich möchte auf das Modell der suboptimalen Informationsnutzung in Gruppen (Strasser & Steward, 1992), das Entrapment-Modell (Rubin & Brockner, 1975) sowie das

Modell des Entscheidungsautismus (Schulz-Hardt & Frey, 1996) eingehen, da in diesen Modellen – im Vergleich zu denen von Hart (1990), Neck & Moorhead (1995) und Whyte (1989) - tatsächlich Weiterentwicklungen bzw. Unterschiede festzustellen sind, auf die ich im Teil IV dieses Abschnitts eingehen werde.

1 Das Modell der suboptimalen Informationsnutzung - Informationsaustausch in Kleingruppen – ein oft verbesserungswürdiger Prozess
1.1 Einleitung

Bereits Anfang der sechziger Jahre zeigten Shaw & Penrod (1962) in einer Serie von Experimenten, dass höhere Informationsmengen von Gruppen oftmals nicht adäquat genutzt werden. Die Nutzung wird schlechter, wenn es einzelne Gruppenmitglieder gibt, die besonders viele Informationen besitzen und den anderen Gruppenmitgliedern gegenüber nicht zwingend beweisen können, dass ihre Informationen valide sind.

Solche besonders gut informierten Mitglieder haben also Schwierigkeiten, ihre Glaubwürdigkeit zu belegen; die Gruppe ist ihnen gegenüber misstrauisch.

Unter diesen Bedingungen verbesserten zusätzliche Informationen in den Experimenten von Shaw & Penrod (1962) die Entscheidungsqualität nicht, sondern verschlechterten (!) sie sogar teilweise. Bedenkt man, dass die Validität vieler Informationen im Entscheidungsprozeß nicht unmittelbar zu belegen ist, so wird die Bedeutsamkeit dieses Mechanismus klar.

Das hier angesprochene Problem der suboptimalen Informationsnutzung in Gruppen ist seit Mitte der achtziger Jahre von Gerold Strasser und seinen Mitarbeitern intensiv aufgegriffen und erforscht worden (vgl. Strasser, Taylor & Hanna, 1989; Strasser & Titus, 1985; Strasser & Titus, 1987).

Diese Forschungen zeigen konsistent, dass Gruppen im Entscheidungsprozess vor allem solche Informationen diskutieren, die schon vorher allen Gruppenmitgliedern vorlagen. Solche Informationen, über die nur einzelne Gruppenmitglieder verfügen, werden stark vernachlässigt. Ein wesentlicher Zweck der Gruppendiskussion, nämlich der Austausch neuer Informationen, wird damit ad absurdum geführt.

Die Untersuchungen zeigen darüber hinaus die möglichen negativen Konsequenzen eines solchen Diskussionsmusters.

Strasser und seine Mitarbeiter griffen zu diesem Zweck auf ein Untersuchungsparadigma zurück, dass sie als hidden profile bezeichnen.

Dies lässt sich an einem Beispiel so verdeutlichen:

Die Versuchspersonen sollen in Gruppen eine Auswahlentscheidung zwischen mehreren Kandidaten treffen und verfügen hierzu zum Teil über unterschiedliche Anfangsinformationen.

Während jedes Gruppenmitglied aufgrund der ihm vorliegenden Informationen den Eindruck gewinnt, dass Kandidat A am geeignetsten ist, würde ein Austausch der Anfangsinformationen zeigen, dass tatsächlich Kandidat B besser geeignet ist.

Je stärker die Gruppe sich daher auf die allen bekannte Informationen fixiert und neue (das heißt nur jeweils einzelnen Mitgliedern vorliegende) Informationen ignoriert, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie den bestmöglichen Kandidaten findet.

Daran sieht man unmittelbar, dass ein solch mangelhafter Informationsaustausch Fehlentscheidungen Vorschub leisten kann.

1.2 Vermittelnde Mechanismen und Einflussfaktoren für suboptimale Informationsnutzung

Das oben kurz beschriebene Phänomen der suboptimalen Informationsnutzung in Gruppen kann sowohl durch kognitive als auch durch motivationale Mechanismen erklärt werden. Das hier beschriebene „biased information sampling“-Modell (Strasser & Steward, 1992) greift hauptsächlich auf kognitive Prozesse zurück: Damit eine Information in die Gruppendiskussion eingebracht werden kann, muss sie von mindestens einer Person vorgebracht und an der entsprechenden Stelle für relevant gehalten werden.

Je mehr Personen also im Besitz einer Information sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese zur Sprache kommt; umgekehrt hat eine Information, von der nur eine Person weiß, die vergleichsweise geringste Chance eingebracht und diskutiert zu werden.

Darüberhinaus können auch motivationale Prozesse beteiligt sein, wie Strasser & Titus (1985, 1987) anmerken: Gruppenmitglieder bringen bevorzugt solche Informationen in den Entscheidungsprozess ein, die die vorherrschende Gruppenmeinung bestätigen, und unterdrücken Informationen, die diese Meinung in Frage stellen.

Sollte sich die Informationsverteilung in der Gruppe nun - so wie im obigen Beispiel beschrieben - darstellen, so favorisieren höchstwahrscheinlich alle Gruppenmitglieder die falsche Alternative und erzielen einen schnellen Konsens. Die individuellen Informationen werden dann zurückgehalten, um diesen Konsens nicht zu gefährden.

Neben den vermittelnden Mechanismen hat die Forschung zu suboptimaler Informationsnutzung auch eine Reihe von Faktoren herausarbeiten können, die dieses Phänomen verstärken oder abschwächen.

Diese werden im Folgenden kurz zusammengefasst.

Unter folgenden Bedingungen ist die Fixierung auf bekannte Informationen besonders stark:

- Hohe Informationsmenge bis hin zu Informationsüberlastung, gleichzeitig hoher
Prozentsatz gemeinsamer Informationen (Strasser & Titus, 1987)

- Hohe Gruppengröße (Strasser, Taylor & Hanna, 1989)

Diese Faktoren haben keinen Einfluss auf die Güte der Informationsnutzung:

- Strukturierung des Entscheidungsprozesses, das heißt formale Festlegung verschiedener, voneinander abzugrenzender Phasen im Entscheidungsprozess (zum Beispiel: Informationen suchen, Informationen diskutieren, Entscheidung fällen) (Strasser, Taylor & Hanna, 1989)

- Training der Gruppenmitglieder, unter anderem im Hinblick auf Informationsnutzungs- und Entscheidungsstrategien (Larson, Foster, Fishman & Keys, 1994)

- Vorwarnung, dass unterschiedliche Informationen vorliegen

(Strasser, Taylor & Hanna, 1989)

- Hohe vs. niedrige Wichtigkeit des Entscheidungsproblems

(Larson, Foster, Fishman & Keys, 1994)

Die Fixierung auf bekannte Informationen wird abgeschwächt, wenn:

- die Gruppe weiß, dass es eine objektiv richtige Lösung gibt, die gefunden werden muss

(Strasser & Steward, 1992)

- der Gruppe bekannt ist, welches Gruppenmitglied für welches Gebiet Expertenwissen besitzt (Strasser, Steward & Wittenbaum, 1995).

Besondere Beachtung verdient, dass es zur Vermeidung suboptimaler Informationsnutzung nicht ausreicht, die Gruppe hinsichtlich der unterschiedlichen Anfangsinformationen ihrer Mitglieder vorzuwarnen, ebenso wie eine stärkere Strukturierung des Entscheidungsprozesses oder ein entsprechendes Entscheidungstraining den Effekt nicht beseitigen können. Um dies zu erreichen, muss vielmehr von vorneherein klar definiert werden, wer für welches Sachgebiet Experte ist und hier über zusätzliches Wissen verfügt.

2 Das Entrapment-Modell Entrapment in Gruppen: Die Unfähigkeit, eigene Verluste zu stoppen
2.1 Einleitung

Entrapment liegt vor, wenn eine Handlung, in die bereits Ressourcen in Form von Zeit, Geld, Aufwand, persönlicher Identifikation mit der Handlung etc. investiert wurden und die zunehmend zu Verlusten führt, fortgeführt und unter Umständen noch intensiviert wird.

Die internationale Forschung zu Entrapment-Prozessen hat eine Reihe von Faktoren herausgearbeitet, die eine solche Aufrechterhaltung von Fehlentscheidungen forcieren. Hierzu gehören zum Beispiel Verantwortlichkeit für die ursprüngliche Entscheidung (vgl. Whyte, 1991), Fehlen von expliziten Verlustlimits (vgl. Heath, 1995) und Rechtfertigungsdruck (vgl. Bobocel & Meyer, 1994).

Warum aber zeigen Menschen häufig dieses rigide Festhalten an fehlgehenden Handlungen? Hier haben sich in der Forschung zwei Haupterklärungsansätze herauskristallisiert, die sich evtl. gegenseitig ergänzen könnten:

- Selbstrechtfertigungsprozesse (vgl. Brockner, 1992; Staw, 1981):
Diese auf der Theorie der kognitiven Dissonanz (vgl. Festinger, 1978) basierende Erklärung geht davon aus, dass die Beendigung der verlustreichen Handlung zwar weitere Verluste stoppen würde, jedoch zugleich das Eingeständnis eines Fehlers wäre. Weil der Entscheider sich und anderen den Fehler nicht eingestehen will, korrigiert er die Entscheidung nicht.

- Zunehmende Risikobereitschaft im Verlustbereich (vgl. Whyte, 1989) :

Wie aus der Prospect Theory (vgl. Kahnemann & Tversky, 1979) bekannt ist, sind Menschen zwar im Gewinnbereich risikoscheu, jedoch im Verlustbereich risikofreudig. Infolge der Fehlentscheidung geraten sie in den Verlustbereich, in dem sie nun zwei Möglichkeiten haben: Entweder sie beenden die Handlung, realisieren damit die bisherigen und verhindern weitere Verluste (sichere Alternative) oder sie setzen die Handlung fort mit der Chance, die Verluste auszugleichen, laufen aber Gefahr, ein völliges Fiasko zu erleben. Infolge der Risikofreudigkeit im Verlustbereich entscheiden sie sich für die Fortsetzung ihres Handelns.

2.2 Wie anfällig sind Gruppen für Entrapment?

Man könnte aus der allgemeinen Lebenserfahrung heraus meinen, dass Gruppen weniger zu irrationalen Verlusteskalationen neigen sollten, da zumindest ein Gruppenmitglied die Gruppe zur Vernunft rufen müsste.

Die bisher nicht sehr umfangreiche Forschung zu Entrapment in Gruppen hat jedoch gezeigt, dass Gruppen zumindest in gleichem Ausmaß wie Einzelpersonen zu Entrapment neigen, evtl. sogar etwas stärker.

Um erklären zu können, warum dem so ist, kann man die Selbstrechtfertigungshypothese heranziehen:

Fehlentscheidungen werden ihr zufolge aufrechterhalten, um den bisher geleisteten Aufwand zu rechtfertigen. Bedenkt man, dass Gruppenentscheidungen häufig noch weitaus mehr Aufwand erfordern als Individualentscheidungen - eine Gruppe muss sich einigen, und das kann ein langwieriger Prozess sein -, so ist es möglich, dass die Gruppe diesen Aufwand nicht im Nachhinein als vergeblich erleben und wiederholen müssen will. Stattdessen erhält sie ihre Entscheidung aufrecht (vgl. Schulz-Hardt, Thurow-Kröning & Frey, 1999).

Im gleichen Ausmaß kann aber auch die Risikofreudigkeit im Verlustbereich hieran beteiligt sein. Gruppen neigen, wie aus der Forschung seit vielen Jahren bekannt ist, zu einem Phänomen, das man als „Gruppenpolarisierung“ bezeichnet: Sie extremisieren solche Tendenzen, die bei ihren Mitgliedern vorherrschen. Wenn also die Gruppe infolge einer Fehlentscheidung in den Verlustbereich kommt und bei ihren Mitgliedern daher Risikofreudigkeit vorherrscht, führt die Gruppenpolarisierung dazu, dass ein zusätzlicher „Risikoschub“ einsetzt. Die Folge kann wiederum die längere Aufrechterhaltung einer Fehlentscheidung in einer Gruppe sein (vgl. Jungermann, Pfister & Fischer, 1998).

3 Das Modell des Entscheidungsautismus Ein allgemeines Modell für Selbstbestätigungsprozesse bei Einzel- und Gruppenentscheidungen
3.1 Einleitung

Das Modell des Entscheidungsautismus (Schulz-Hardt, Frey & Luthgens, 1995) beschäftigt sich mit bestimmten Prozessen, die sowohl bei Einzel- als auch bei Gruppenentscheidungen auftreten und die Qualität von Entscheidungen nachhaltig beeinträchtigen können.

Hierbei handelt es sich um sogenannte „Selbstbestätigungsmechanismen“, also das aktive, unkritische Hinarbeiten auf die Bestätigung eigener Ansichten. Darüber hinaus vermag das Modell - und darum ist es hier relevant - zu erklären und vorherzusagen, unter welchen Umständen besonders Gruppen für solche Tendenzen anfällig sind.

Dieses Modell basiert - wie auch schon das Vorherige - auf der Theorie der kognitiven Dissonanz.

Von dieser Theorie wissen wir, dass Menschen häufig zu Selbstbestätigungstendenzen neigen, wenn sie eine Entscheidung treffen sollen. Sie setzen sich dann nicht unvoreingenommen mit dem Entscheidungsproblem auseinander, sondern lassen sich von voreiligen Präferenzen leiten und arbeiten sich sprichwörtlich „in die eigene Tasche“, das heißt, bestätigen sich selbst in ihrer Ansicht (vgl. Festinger, 1978).

Beispiele für solche Selbstbestätigungsmechanismen, die nachweislich auch bei Gruppen auftreten, sind:

- die verzerrte Bewertung der Entscheidungsalternativen, das heißt Aufwertung der favorisierten und Abwertung der nicht favorisierten Alternative(n) (Raffee, Sauter & Silberer, 1973; Russo, Medvec & Meloy, 1996),
- die selektive Suche nach bestätigenden bzw. Vermeidung von widersprechenden Informationen (Frey, 1994, 1995),
- die bevorzugte Kommunikation mit Personen, die derselben Ansicht sind wie man selbst (Festinger, Riecken & Schachter, 1956; Schönbach, 1966).

Entgegen früheren Annahmen treten solche Selbstbestätigungsmechanismen nicht nur nach, sondern bereits vor einer Entscheidung auf (Irle, 1971; Russo, Medvec & Meloy, 1996), und zwar umso ausgeprägter, je stärker sich der Entscheider (Einzelperson oder Gruppe) auf eine Alternative festgelegt hat - man sagt dazu auch: je änderungsresistenter seine Entscheidungspräferenz ist - und je stärker er erwartet, Bestätigung für seine favorisierte Alternative zu finden.

Ist eine Alternative hochgradig änderungsresistent und erwartet der Entscheider in sehr hohem Ausmaß, dass diese Alternative durch externe Informationen und Meinungen anderer Personen gestützt werden wird, so spricht man von einer „monopolistischen Präferenz“.

Eine monopolistische Präferenz löst extreme Selbstbestätigungsmechanismen aus, da jeglicher Zweifel an ihr als sehr unangenehm empfunden und daher vermieden wird. Diese massiven Selbstbestätigungstendenzen, die den Entscheider dann dominieren, bezeichnet man als Entscheidungsautismus. Man verwendet diesen Ausdruck aus dem Grund, weil sich der Entscheider hier in eine selbstkonstruierte Entscheidungswelt zurückzieht, in der nur das sein kann, was auch sein darf, und die sich gefährlich weit von der Wirklichkeit entfernen kann.

3.2 Unter welchen Bedingungen tritt Entscheidungsautismus in Gruppen auf?

Das Modell des Entscheidungsautismus umfasst – wie im Kritik-Teil IV näher beschrieben – die Komponenten des Groupthink-Modells in etwas anderer Konstellation.

Man könnte Groupthink in gewisser Hinsicht als Sonderfall des Entscheidungsautismus auffassen – die Komponenten finden sich zum größten Teil in diesem Modell wieder.

Folgende Abbildungen (2 und 3) veranschaulichen spezifiziert, unter welchen Bedingungen Entscheidungsautismus auftritt und in welchen Symptomen er sich äußert. Darüber hinaus ist dem Modell zu entnehmen, unter welchen Umständen Gruppen in besonderem Ausmaß für solche Prozesse anfällig sind. Dazu wäre kurz zu erwähnen:

Die strukturellen und situativen Faktoren korrespondieren zu B1 im Groupthink-Modell, die sozialen Faktoren entsprechen im Grunde genommen der Concurrence-Seeking-Tendency von Janis.

Zunächst sollen die Randbedingungen - also die auslösenden bzw. verschärfenden Faktoren – betrachtet werden, die sich in strukturelle, situative und soziale Faktoren unterteilen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Randbedingungen des Entscheidungsautismus

Eine Kategorie von Faktoren, die zu Entscheidungsautismus in Gruppen führen, sind – wie auch schon im Modell von Janis ausgeführt - ungünstige strukturelle Bedingungen.

Noch einmal wiederholt heißt das, wenn die Gruppe nach außen abgeschottet ist, über keine diskursiven Entscheidungsprozeduren (das heißt systematisierte Entscheidungs­abläufe, die automatisch zu einer (selbst)kritischen Auseinandersetzung mit dem Sachproblem führen) verfügt und von ihrem Gruppenführer direktiv geleitet wird, steigt die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Nicht minder gefährlich ist es, wenn das Entscheidungsgremium homogen besetzt ist, also nahezu alle Personen schon vorab dieselbe Alternative favorisieren, und zu Beginn der Beratungen bereits Probeabstimmungen durchführt, um einen schnellen Konsens zu erreichen (vgl. Schulz-Hardt & Frey, 1996).

Alle diese Faktoren bewirken, dass früh eine Festlegung auf eine Alternative erfolgt und wenig kritische Signale in den Entscheidungsprozess gelangen.

Für die Entstehung von Entscheidungsautismus in einer Gruppe sind aber auch situative Faktoren – siehe auch Janis` Modell (Janis, 1982) - bedeutsam:

Zeitdruck und Rechtfertigungsdruck forcieren Entscheidungsautismus, ebenso vorangegangene Erfolge, die innerhalb der Gruppe den trügerischen Glauben erzeugen können, auch zukünftig mit eigenen Einschätzungen der Sachlage richtig zu liegen.

Und schließlich sind auch soziale Faktoren - analog zum Streben nach Einmütigkeit bei Janis (1982) - für Entscheidungsautismus zu nennen:

Eine Norm, die Konsistenz betont („Alles muss stimmig sein“), birgt die Gefahr, dass man sich eben jene Stimmigkeit konstruiert, die normativ gefordert ist (vgl. Schulz-Hardt, Lüthgens & Frey, 1995).

Gefährlich ist auch ideologische Fixierung: Falls die Gruppe auf eine bestimmte Ideologie (Weltanschauung) fixiert ist, so immunisiert diese Ideologie jegliche aus ihr abgeleitete Entscheidung gegen Kritik und leistet Selbstbestätigungstendenzen Vorschub.

Schließlich neigt eine Gruppe besonders dann zu Entscheidungsautismus, wenn ihre Zusammenarbeit durch eine Harmonienorm geregelt wird, die den inneren Frieden zum höchsten Gut erklärt und Widerspruch gegen vorherrschende Ansichten sanktioniert.

Je stärker diese Randbedingungen vorliegen, desto mehr prägt sich gemäß dieser Theorie die oben beschriebene monopolistische Präferenz heraus: eine von der Gruppe mit hoher Festigkeit favorisierte Entscheidungsalternative, an deren Bestätigung die Gruppe glaubt.

Hieraus resultieren die Symptome des Entscheidungsautismus, die sich in selbstbezogene Symptome, soziale Symptome und Symptome im Entscheidungsprozess unterteilen:

Als selbstbezogene Symptome sind ein sich in der Gruppe ausbreitender Unfehlbarkeits­glaube, Selbstbeschwichtigungstendenzen und eine „Spaltung der Weltsicht“ zu nennen; letzteres meint eine starke Aufwertung der eigenen Gruppe bei gleichzeitiger Abwertung möglicher Opponenten.

Die sozialen Symptome lassen sich als „selektive Kommunikation“ zusammenfassen; die Gruppe diskutiert vorrangig oder sogar ausschließlich solche Aspekte, die die Entscheidungspräferenz der Gruppe stützen und übt Druck auf Abweichler aus. Die Symptomatik im Entscheidungsprozeß schließlich ist dadurch geprägt, dass die favorisierte Alternative aufgewertet, abgeschirmt und verteidigt wird. Dies äußert sich in allen Phasen des Entscheidungsprozesses, so zum Beispiel einer verzerrten Wahrnehmung der Problemsituation, einer mangelnden Generierung von Alternativen, einer verzerrten Bewertung der Alternativen, einer selektiven (das heißt selbstbestätigenden) Informationssuche und -bewertung sowie einer vorschnellen, nicht hinterfragten Entscheidung (vgl. Schulz-Hardt & Frey, 1996).

Abbildung 3 veranschaulicht die Symptomatik des Entscheidungsautismus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Symptomatik des Entscheidungsautismus

Zusammenfassend ist Folgendes festzuhalten:

Solange die Annahmen der Gruppe mit der Wirklichkeit übereinstimmen, wirkt sich Entscheidungsautismus nicht negativ aus, da das von der Gruppe gegen jeglichen Widerspruch verteidigte „Wissen“ richtig ist.

Man kann sogar unterstellen, dass Entscheidungsautismus in diesem Fall Vorteile bringt, da die notwendige Entscheidung sehr schnell getroffen wird.

Für den Fall jedoch, dass die Gruppe von falschen Annahmen ausgeht, verhindert Entscheidungsautismus, dass Warnsignale die Gruppe erreichen oder von ihr angemessen beachtet werden. Wo Widerspruch, Kritik und eine argumentative Auseinandersetzung mit dem Sachproblem unterbleiben oder verhindert werden, ist die Korrektur fehlerhafter Annahmen und Überlegungen in einem rechtzeitigen Stadium nahezu unmöglich (vgl. Russo, Medvec & Meloy, 1996).

Aus letzterem Sachverhalt ist zu ersehen, dass Entscheidungsautismus nicht nur die Entstehung, sondern auch die Aufrechterhaltung von Fehlentscheidungen - das heißt Entrapment - prädestiniert.

Wenn die Gruppe sich völlig gegen negative Informationen abschirmt bzw. diese „wegerklärt“ (zum Beispiel als kurzzeitige Durststrecke, die schnell beendet sein wird), erkennt sie eine bedrohliche Entwicklung nicht rechtzeitig und setzt die verlustreiche Handlung fort. Hier entsteht Entrapment dann nicht aus Selbstrechtfertigung oder gesteigerter Risikobereitschaft, sondern aus einer massiven „Schönfärbung“ der Wirklichkeit.

Daher spricht man insgesamt davon, dass Entscheidungsautismus die Wahrscheinlichkeit negativer Entscheidungsergebnisse erhöht; dies geschieht umso mehr, je komplexer und weniger vertraut die Entscheidungssituation für die Gruppe ist, das heißt je mehr Möglichkeiten es gibt, mit Selbstbestätigungstendenzen von einem guten Weg abzukommen.

3.3 Empirische Erforschung und Anwendung des Modells

In einer Vielzahl von Untersuchungen mit Einzelpersonen und Gruppen (vgl. u.a. Frey, Schulz-Hardt, Lüthgens & Moscovici, 1997; Frey, Schulz-Hardt & Stahlberg, 1996), deren Ergebnisse das Modell des Entscheidungsautismus zu stützen vermögen, zeigte sich konsistent, dass die Symptome des Entscheidungsautismus stärker werden, wenn die vom Modell spezifizierten Randbedingungen (zum Beispiel Homogenität der Gruppe, direktive Führung, Rechtfertigungsdruck etc.) vorliegen.

Dafür dass Entscheidungsautismus tatsächlich auch bei bedeutsamen Entscheidungen in der Praxis auftritt, gibt es starke Anhaltspunkte.

So offenbart zum Beispiel eine entsprechende Analyse des Fiaskos der Metallgesellschaft AG (Schulz & Frey, 1998), dass sowohl die Festlegung und Weiterverfolgung des den Konzern überfordernden Expansionskurses als auch die Entwicklung und Umsetzung der verhängnisvollen Ölstrategie deutliche entscheidungsautistische Züge trägt. Letzteres heißt, dass sich jeweils Randbedingungen und mutmaßlich dadurch hervorgerufene Symptome des Entscheidungsautismus während des Wegs der Metallgesellschaft in die Krise aufzeigen lassen.

III. KRITIK / ANMERKUNGEN

1 Das Groupthink-Modell von Irving Janis
1.1 Theoretische Probleme und empirische Überprüfungen des Groupthink-Modells

Trotz seiner großen Beliebtheit bei der Erklärung von Fehlentscheidungen in der Praxis muss man festhalten, dass das Groupthink-Modell gravierende theoretische Unschärfen und Unstimmigkeiten aufweist. Einige besonders zentrale Probleme seien hier kurz aufgeführt:

1. Die von Janis (1972, 1982) angenommene zentrale Rolle der Gruppenkohäsion wirkt fragwürdig. Zwar zeigt die klassische Forschung zur Gruppenkohäsion (vgl. Back, 1951; Festinger, Schachter & Back, 1950), dass hoch-kohäsive Gruppen im Vergleich zu niedrig-kohäsiven Gruppen mehr Druck auf ihre Mitglieder ausüben, sich an die Normen der Gruppe zu halten. Jedoch müssen diese Normen nicht kritiklose Zustimmung fordern, sondern können genauso einen kritischen Diskurs innerhalb der Gruppe favorisieren. Letztlich entscheiden also die „Spielregeln“, die in der Gruppe herrschen (vgl. Cartwright & Zander, 1968; Hart, 1991).
2. Die Interpretation von Groupthink als Stressreduktionsmechanismus ist problematisch: Liest man die von Janis (1972, 1982) durchgeführten Fallstudien genau, so fällt auf, dass zumindest zwei klassische Groupthink-Entscheidungen, nämlich die fehlende Vorbereitung auf Pearl Harbour und die Entscheidung zur Schweinebucht-Invasion, in einer weitgehend stressfreien Situation getroffen wurden, während die Reaktion auf die kubanische Raketenkrise, die laut Janis ja gerade ein Musterbeispiel für Nicht-Groupthink sein soll, unter hohem Stress erfolgte.
3. Die kausale Struktur des Modells (also die Verbindung von den Randbedingungen zum vermittelnden Mechanismus und vom vermittelnden Mechanismus zu den Symptomen) ist zum Teil fragwürdig. Bedenkt man, dass der vermittelnde Mechanismus das Streben nach Einmütigkeit sein soll, so ist für einen Teil der Randbedingungen (die sogenannten „strukturellen Fehler“) nur schwer zu begründen, wie sie dieses Einmütigkeitsstreben auslösen sollen. Ebenso ist das Einmütigkeitsstreben nur mit einem Teil der Groupthink-Symptome, nämlich dem Druck auf Andersdenkende, in Verbindung zu bringen, während für die anderen Symptome weitgehend unklar bleibt, wie sie durch das Streben nach Einmütigkeit hervorgerufen werden sollen.

Diese Probleme spiegeln sich in der empirischen Forschung zu Groupthink wider, die nur teilweise eine Stützung des Modells liefert. In einer Reihe von Studien (vgl. Frey, Schulz-Hardt & Stahlberg, 1996; Hart, 1991; Lüthgens, 1996; Park, 1990) hat man versucht, das Modell mit Hilfe von Laborexperimenten und von quantitativen Analysen historischer Fälle zu überprüfen. Die Ergebnisse dieser Studien lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die strukturellen Fehler - also „Abschottung nach außen“, „direktive Führung“, „Fehlen von Entscheidungsprozeduren“ und „Homogenität des sozialen und ideologischen Hintergrunds der Gruppenmitglieder“ - lösen in der Tat Groupthink aus.

Weder für die Gruppenkohäsion noch für den stressreichen situativen Kontext lässt sich nachweisen, dass diese an der Entstehung von Groupthink beteiligt sind.

Diese Feststellungen decken sich mit Befunden, die in einer Vielzahl eigener Untersuchungen zu Gruppenentscheidungen erzielt wurden. Zusammen mit anderen Ergebnissen, die die empirische Groupthink-Forschung erbracht hat, sowie den angesprochenen theoretischen Problemen, legen sie nahe, dass das Groupthink-Modell zumindest so, wie es von Janis (1972, 1982) formuliert wurde, einer Revision bedarf.

2 Das Modell der suboptimalen Informationsnutzung

Interessanterweise sind eine Reihe sehr zentraler Variablen der Gruppenforschung - so zum Beispiel Gruppenkohäsion, Führungsstil oder Stress - im Rahmen des hier beschriebenen „biased information sampling“-Modells (Strasser & Steward, 1992), bisher nicht untersucht worden. Solche Variablen stehen umso stärker bei den anderen thematisierten Modellen im Vordergrund.

3 Das Entrapment–Modell

Bisher fehlen in der Entrapment-Forschung Untersuchungen zum Einfluss gruppenspezifischer Parameter wie Kohäsion, Gruppengröße oder Gruppenzusammen­setzung auf Entrapment fast völlig. Rückschlüsse darauf, unter welchen Bedingungen Gruppen besonders stark zu Entrapment neigen, erlaubt aber das Modell des Entscheidungsautismus, das einen allgemeineren Rahmen sowohl für Groupthink als auch für Entrapment darstellt und weiter oben schon ausführlich beschrieben wurde.

4 Das Modell des Entscheidungsautismus

Weiter vorne wird die These vertreten, dass sich - je stärker bestimmte Randbedingungen vorliegen - umso mehr eine sogenannte „monopolistische Präferenz“ herausprägt, also eine von der Gruppe mit hoher Festigkeit favorisierte Entscheidungsalternative, an deren Bestätigung die Gruppe glaubt (vgl. Schulz-Hardt, Frey & Lüthgens, 1995) . Dazu ist zu sagen, dass es hier de facto keinen natürlichen Grenzwert gibt, ab dem Entscheidungs­autismus vorliegt; man müsste diesen Grenzwert willkürlich setzen. In der Realität kann man nur feststellen, dass Entscheidungsautismus in einem bestimmten Ausmaß vorliegt (vgl. Russo, Medvec & Meloy, 1996).

Groupthink kann meiner Meinung nach als Sonderfall des Entscheidungsautismus gewertet werden, die Groupthink-Ideen finden sich gesammelt in diesem Modell wieder.

Man kann daher von einer tatsächlichen Weiterentwicklung sprechen.

IV. GRUPPENDYNAMIK IN DER POLITIK Die Rolle des Groupthink-Phänomens anhand von ausgewählten Beispielen der neueren Geschichte

In den folgenden Kapiteln sollen nun nach einem Kapitel über die methodischen Überlegungen in Bezug auf die Quellenanalyse, ausgewählte politische Ereignisse im Hinblick auf Groupthink analysiert werden.

Ich habe vier politische Ereignisse im Zeitraum zwischen 1986 und 2004 ausgewählt, in welchen Groupthink eine wichtige Rolle spielte:

- Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986
- Der 11. September 2001
- Der Irakkrieg 2003
- Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1989

Bei den ersten drei Ereignissen führte Groupthink zu fatalen Fehlentscheidungen wie allgemein bekannt, das letzte Ereignis soll als sogenannter counterpoint – analog zu Janis (1972, 1982) – aufzeigen, wie Groupthink-Vermeidung zu positiven Ergebnissen führen kann.

1 Methodische Überlegungen

Die Analyse der oben genannten Ereignisse hinsichtlich des Groupthink-Phänomens setzt - um ein systematisches und überprüfbares Ergebnis zu erhalten, das der Interpretations-bedürftigkeit und Bedeutungsfülle des sprachlichen Materials gerecht wird – auf jeden Fall eine Text- bzw. Inhaltsanalyse sowie auch eine Kritik und Interpretation der verwendeten Quellen voraus.

Da es gerade bei dem von mir behandelten Thema sehr viel unterschiedlich zu bewertende Literatur gibt, soll sichergestellt werden, dass die vorliegenden Quellen auch einen für die Forschung informativen Inhalt darstellen. Validität und Repräsentativität des verfügbaren Datenmaterials ist zu prüfen (vgl. Gläser & Laudelt, 2004).

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen qualitativen Analysen, die versuchen, den Prozess des Verstehens bzw. der hermeneutischen Analyse und der Explikation vom Sinn möglichst umfassend nachzuvollziehen und quantitativen Analysen, welche eher versuchen, die erfassten Sinngehalte in Form von Häufigkeiten bzw. Assoziationsmustern auszuwerten, um so zu (u. U. statistisch analysierbaren) Vergleichen, Trendmustern etc. zu kommen.

Im Folgenden sollen - obwohl das bearbeitete Thema von Vornherein den Einsatz gewisser Methoden zur Bearbeitung vorgibt - beide gängigen Methoden der Inhalts- bzw. Quellenanalyse näher erläutert werden:

1.1 Die quantitative Analyse

Eine quantitative Inhaltsanalyse besteht aus folgenden Schritten:

Nach der Festlegung der Fragestellung ist zunächst das relevante Datenmaterial (z. B. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher) festzulegen (z. B.: welcher Zeitraum ist interessant? welche Textsorten?) und gegebenenfalls ein Verfahren zur Stichprobenziehung auszuwählen. Häufig sind noch die Analyseeinheiten zu definieren (z. B. Sätze, Abschnitte, Seiten, zusammengehörige Texte usw.).

Sodann ist ein Kodierschema zu entwickeln, welches definiert oder umschreibt, welche Worte (oder anderen Textmerkmale) wie „einzuordnen“ sind.

Dann werden die ausgewählten Texte nach diesem Schema verschlüsselt, die Daten aufbereitet und ausgewertet.

Die wichtigsten „klassischen“ Verfahren der quantitativen Inhaltsanalyse sind die Frequenzanalyse, die Valenzanalyse, die Intensitätsanalyse und die Kontingenzanalyse. (vgl. Faulstich & Ludwig, 1993)

1.1.1 Die Frequenzanalyse

Die Frequenzanalyse besteht darin, in den Untersuchungseinheiten (Texten etc.) die Häufigkeit des Auftretens (eben die „Frequenz“) bestimmter Merkmale festzustellen. Aus diesen Häufigkeiten wird im Allgemeinen auf die Intensität oder die Art geschlossen, mit der über bestimmte Themen kommuniziert wird.

1.1.2 Die Valenzanalyse

Im Gegensatz zu einer Frequenzanalyse, bei der „nur“ das Vorkommen von Begriffen, Themen oder anderen interessierenden Merkmalen gezählt wird, soll bei der Valenzanalyse auch erfasst werden, welche Bewertungen mit den betreffenden Untersuchungsgegenständen verbunden werden, ob also z.B. im untersuchten Material bestimmte Personen, Themen usw. eher positiv, neutral oder negativ beurteilt werden.

1.1.3 Die Intensitätsanalyse

Im Unterschied zu einer Frequenzanalyse wird hier nicht nur das Vorkommen von Begriffen , Themen oder anderen interessierenden Merkmalen gezählt, sondern es wird auch erfasst, wie stark im Analysematerial Wertungen zum Ausdruck kommen. Im Unterschied zu einer Valenzanalyse werden diese Wertungen also nicht nur nach ihrer Richtung (z.B. positiv oder negativ), sondern nach ihrer Intensität beurteilt.

1.1.4 Die Kontingenzanalyse

Hier wird - im Unterschied zu einer Frequenzanalyse - nicht nur das Vorkommen von Begriffen, Themen oder anderen interessierenden Merkmalen gezählt, sondern es wird erfasst, welche Merkmale zusammen vorkommen. Dabei interessiert man sich vor allem dafür, ob bestimmte Merkmale häufiger gemeinsam auftreten, als rein zufällig zu erwarten wäre.

Zu kritisieren ist an allen quantitativen Analysen, dass der Prozess des Verstehens bzw. der hermeneutischen Analyse vernachlässigt wird, was gerade bei historischen Quellen – wie sie in dieser Arbeit zu analysieren und kritisieren sind - nicht zu unterschätzen ist, weshalb in der gegenständlichen Dissertation eine qualitative Analyse bevorzugt wurde.

Die Entscheidung, die qualitative Analyse im vorliegenden Fall zu bevorzugen, wird auch durch die Aussagen Patzelts (2003) untermauert, nach dem die „…qualitative Methode dann angewandt wird, um durch Auswertung von Quellen Aussagen über die Vergangenheit angehörende Sachverhalte – über vergangene Wirklichkeit – zu erarbeiten […]“.

Die von mir aus oben genannten Gründen verwendete qualitative Analyse soll im Folgenden näher beleuchtet werden:

1.2 Die qualitative Analyse

In der qualitativen Inhaltsanalyse kann man nach Mayring (2000) grundsätzlich vier Formen unterscheiden:

(1) Die zusammenfassende Textanalyse, die das Textmaterial zu einem Kurztext unter Beibehaltung der wesentlichen Inhalte reduziert,
(2) die induktive Kategorienbildung, die Entwicklung von Kategorien (oder Codes) anhand des Textmaterials, unter die die Inhalte oder sonstigen Textmerkmale subsumiert werden können,
(3) die explizierende Inhaltsanalyse., die versucht, die untersuchten Inhalte so gut wie möglich – auch unter Hinzuziehung sonstigen Materials, Hintergrundwissens usw. – verständlich zu machen, und
(4) die strukturierende Inhaltsanalyse, die das Textmaterial unter bestimmten Kriterien analysiert, um spezifische Aspekte besonders herauszuheben.

Im Abschnitt Quellenbasis/Quellenkritik wird in den folgenden Kapiteln für jedes Ereignis genau angegeben, welche Quellen für die Analyse verwendet wurden, um die gewonnenen Informationen entsprechend deuten zu können.

Um beurteilen zu können inwieweit die verwendeten Quellen für eine Klärung der Forschungsfrage heranzuziehen sind, wurde für jede verwendete Quelle eine qualitative Analyse nach folgendem Schema (entnommen aus Mayring, 2000) durchgeführt:

1.3 Schema

Formale Kennzeichnung und Einordnung

- Textart (Liegt der Text vollständig oder gekürzt vor?)
- Verfasser (Welche Stellung? Augenzeuge?)
- Ort / Datum / Anlass
- Adressat

Analyse und Interpretation

Erfassen der inhaltlichen Aussage

- Aufbau und Gedankenführung
- Thesen – Argumente – Folgerungen

Kennzeichnung der sprachlichen Besonderheiten

- Satzbau
- Wortwahl (Schlüsselwörter? Reizwörter?)
- Rhetorische Mittel (z.B. Ironie, Metaphorik, Steigerung)

Erfassen der Absichten / Interessen und der Grundeinstellung des Autors (als Ergebnis aus a und b)

Kritische Reflexion

Wertung der Aussagen und Intentionen

- Ist die Darstellung logisch, widerspruchsfrei?
- Worin zeigt sich die Interessengebundenheit des Autors?
- Sind die Aussagen historisch / politisch / moralisch vertretbar? (Zustimmung / Gegenposition)

Beurteilung des Quellenwerts

- In welchem Verhältnis steht die Aussage zu der anderer Quellen? (Übereinstimmungen / Widersprüche)
- Welchen Stellenwert besitzt die Quelle für das hier interessierende Problem?

Nach oben stehenden methodischen Überlegungen möchte ich mich jetzt dem politischen Teil dieser Arbeit, welchem noch einige Anmerkungen vorausgehen sollen, widmen:

Das Groupthink-Modell wurde – neben Janis - auch von einigen anderen bekannten Gruppenforschern auf Ereignisse in der Geschichte angewendet (vgl. u.a. Hensley & Griffin, 1986, Raven, 1974, Ridgeway, 1983, Smith, 1984, Heller, 1983, Hart, 1990, Esser & Lindoerfer, 1989, Moorhead, Ference & Neck, 1991).

Nachfolgend sollen einige der wichtigsten Anwendungen und deren Autoren genannt werden:

- Die Verstrickung der Nixon-Administration in die Watergate-Affäre (Raven, 1974)
- Der missglückte Geiselbefreiungsversuch aus der US-Botschaft in Teheran (Ridgeway, 1983; Smith, 1984)
- Die britische Politik während der Falkland-Krise (Heller, 1983)
- Die Iran-Kontra-Affäre (Hart, 1990)
- Das Challenger-Unglück (Esser & Lindoerfer, 1989; Moorhead, Ference & Neck, 1991)

In den folgenden Kapiteln soll nun diese Tradition fortgesetzt und die Groupthink-Problematik anhand einiger – noch nicht im Hinblick auf das Groupthink-Phänomen erforschten - Ereignisse aus der neueren Geschichte aufgezeigt werden:

- Der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986)
- des 11. September 2001 und
- des Irak-Kriegs 2003 .

Als counterpoint (analog zu Janis (1972,1982), der den Marshall-Plan und die Reaktion auf die kubanische Raketenkrise beschrieb um ein Muster aufzuzeigen, das Groupthink genau entgegengesetzt war) analysiere ich die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten als Beispiel dafür, dass durch gezielte Groupthink-Vermeidung positive Ergebnisse entstehen können.

2 Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
2.1 Einleitung

Um den Hergang der Katastrophe von Tschernobyl und die gruppendynamischen Geschehnisse in diesem Zusammenhang analysieren zu können, habe ich die verwendeten Quellen nach den allgemeinen Maßstäben der Quellenkritik geprüft und mich ausschließlich auf Quellen gestützt, die aufgrund der sorgfältigen Überprüfung als Grundlage wissenschaftlicher Arbeit in Frage kommen.

2.1.1 Quellenbasis

An den Anfang möchte ich die in erster Linie von mir verwerteten Quellen stellen:

Im Fall Tschernobyl sind die Original-Protokolle aus dem Kreml bekannt, sie sind in Alla Jaroshinskajas Werk Verschlußsache Tschernobyl (1993) im Anhang abgedruckt.

Ein Bericht von James T. Reason, erschienen im Bulletin of the British Psychological Society, war Grundlage der Analyse des Geschehens im Reaktor.

Ein weiteres, sehr hilfreiches Werk war für mich die Abhandlung mit dem Titel Die Logik des Mißlingens-Strategisches Denken in komplexen Situationen von Dietrich Dörner (1992) , in welchem in Kapitel 2 das Tschernobyl-Unglück als komplexe Situation näher beleuchtet wird, was für die gruppendynamischen Aspekte nicht unwesentlich war.

Im Nachrichtenmagazin Der Spiegel waren insgesamt drei Artikel für mich interessant:

Für meine Dissertation konnte ich aus einem Artikel im Spiegel 19/1986 sehr viele aufschlussreiche Informationen bekommen; im Spiegel 22/1986 und 9/1989 waren noch einige Zusatzinformationen zum Ablauf des Super-Gaus zu finden.

Drei Quellen aus dem Internet untermauerten meine Recherchen aus Originaldokumenten und den anderen oben genannten Quellen:

www.tu-berlin.de/presse/tui/01apr/chronik.htm

www.rogachev.de/verein/tschernobyl /tschernobyl.htm

www.aussichten-online.de/tschernobyl.html

Zu erwähnen wäre an dieser Stelle noch, dass ich als Autorin dieser Arbeit selbst schon des öfteren – im Rahmen des Physikunterrichts Kernkraftwerke besichtigt habe, weshalb ich einige Grundkenntnisse betreffend die Wirkungsweise von derartigen Vorgängen in meine Arbeit mit einbringen kann.

2.1.2 Quellenkritik

2.1.2.1 Alla Jaroshinskaja: Verschlußsache Tschernobyl

Das Buch

Alla Jaroshinskaja klagt in ihrem Werk die Verantwortungslosigkeit der Politiker und Behörden in Tschernobyl an und veröffentlicht im Anhang ihres Buches ungekürzte Original-Protokolle aus dem Kreml. Sie stahl diese Dokumente und kopierte sie für ihre Abhandlung. Dafür wurde sie mit dem alternativen Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Alla Jaroshinskaja erzählt die Geschichte der Katastrophe von Tschernobyl aus der Sicht der Einheimischen. Die Dokumente liegen im 2. Teil des Buches im Original vor und wurden von Alla Jaroshinskaja professionell kommentiert.

Die Autorin

Alla Jaroshinskaja, geboren 1953 in Shitomir (Ukraine), ist Journalistin und Politikerin.

Ende 1986 begann sie, die Evakuierung der in Folge des Reaktorunfalls in Tschernobyl verseuchten Gebiete kritisch zu hinterfragen. Ihr Bericht über die wahren Folgen des Reaktorunfalls wurde weder von der Lokalzeitung, für die sie arbeitete, noch von anderen nationalen Zeitungen veröffentlicht. Während ihre Recherchen massiv behindert wurden, wuchs die öffentliche Unterstützung für ihre Aufklärungsarbeit. 1989 wurde sie mit 90% der Stimmen in den Obersten Sowjet der UDSSR gewählt. Hier setzte sie sich weiter für eine lückenlose Aufklärung der Tschernobylfolgen ein.

Alla Jaroshinskaja ist Autorin mehrerer Bücher und veröffentlichte über 700 Artikel in wissenschaftlichen Magazinen und Zeitungen. Das in dieser Arbeit verwendete Buch Verschlusssache Tschernobyl wurde in fünf Sprachen übersetzt.

Sie ist Initiatorin und Co-Autorin der Nuclear Encyclopaedia.

1993 wurde sie Beraterin von Boris Jelzin. Als Mitglied der russischen Delegation bei den Vereinten Nationen nahm Jaroshinskaja an den Verhandlungen über die Ausweitung des Nuclear Non-Proliferation Treaty (NPT) teil.

Heute setzt sie sich politisch und öffentlich für Menschenrechte, Pressefreiheit und die nukleare Problematik ein. 1992 wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. 1998 erhielt sie den Preis für eine von 100 Heldinnen des 20. Jahrhunderts.

Aufbau und Gedankenführung

Der Aufbau des Textes erscheint klar und die Gedankenführung logisch.

Die Darstellung in Alla Jaroshinskajas Werk ist – in meinen Augen – logisch und widerspruchsfrei; die Interessensgebundenheit zeigt sich in ihrem Engagement für die nukleare Problematik.

Die Aussagen, die sie in ihrem Buch trifft, sind historisch belegt, anspruchsvoll und politisch reformorientiert (sie war Beraterin von Boris Jelzin).

Wertung der Aussagen/ Beurteilung des Quellenwerts

Da Alla Jaroshinskaja sich auf die Originaldokumente aus dem Kreml stützt und zudem Journalistin und Politikerin ist, sind die Quellenangaben nicht anzuzweifeln.

Diese Quelle hat betreffend die Recherchen in dieser Arbeit einen nicht wegzudenkenden Stellenwert, da Originaldokumente regelmäßig als Primärquelle reliabel sind.

2.1.2.2 James T. Reason: The Chernobyl Errors

Der Artikel

Der Artikel von James T. Reason erschien 1987 in einer renommierten Zeitschrift für Psychologie, dem Bulletin of the British Psychological Society.

Er beschreibt detailliert die Vorgänge im Reaktor und stützt sich ausschließlich auf Originaldokumente.

Aussagen/Besonderheiten

Die Aussagen, die Reason in seiner Abhandlung trifft, sind allesamt wissenschaftlich fundiert und durch Quellen belegt.

Es gibt keinen Grund am Wahrheitsgehalt dieser Quelle zu zweifeln, zumal der Artikel – wie schon erwähnt – in einer der besten einschlägigen Zeitschriften erschienen ist.

Quellenwert

Der Stellenwert dieser Quelle war für meine Arbeit hoch; besonders im Verhältnis zu den Artikeln aus dem Spiegel und dem Internet. Lediglich die Originaldokumente hatten für mich einen höheren Stellenwert.

Würde man die Quellen nach ihrer Wichtigkeit reihen, dann stünden voran die Originaldokumente, an zweiter Stelle der Bericht von James T.Reason, an dritter Stelle das Buch von Dietrich Dörner (1982) und am Ende die Artikel aus dem Spiegel und die Internetquellen.

2.1.2.3 Dietrich Dörner:

Die Logik des Mißlingens- Strategisches Denken in komplexen Situationen

Das Buch

Im Buch von Dörner (1982) geht es um die Unsicherheit, die durch Komplexität erzeugt wird; um komplexe, vernetzte und dynamische Handlungssituationen und um den Umgang damit.

Der Autor

Dietrich Dörner ist als Professor für Psychologie mit dem Schwerpunkt Kognitive Psychologie, Denken und Handlungstheorie erfahren auf dem Gebiet des Problemlösens und wurde schon in mehreren Fachzeitschriften für seine Werke ausgezeichnet.

Aussagen

Hier liegt eine logische Abhandlung menschlicher Denkprozesse vor, die durch jahrzehntelange Forschung auf diesem Gebiet belegt wird.

Quellenwert

Die Wertigkeit der Quelle zu den anderen verwendeten Quellen wurde oben schon erörtert; für das vorliegende Problem und als Hintergrundwissen war es mir für diese Arbeit aber unverzichtbar und sehr hilfreich um Problemlöseprozesse besser verstehen zu können.

2.1.2.4 Artikel im Spiegel:

Du Perle im Sternbild des Atoms (aus: Der Spiegel 19/1986).

Geheimste Tiefen (aus: Der Spiegel 22/1986)

Nur ein Samowar (aus: Der Spiegel 9/1989)

Die Zeitschrift

Der Spiegel erscheint wöchentlich und ist das bekannteste und meistzitierte Nachrichtenmagazin Deutschlands (vgl. www.dooyoo.de/zeitung/spiegel/701281/).

Aufgrund hartnäckiger Recherchen von Spiegel-Reportern sind bereits mehrere größere Skandale an die Öffentlichkeit gelangt.

Thesen, Argumente und Folgerungen sind logisch nachvollziehbar und nicht – wie in einigen anderen Nachrichtenmagazinen – „reisserisch“ und „populistisch“ formuliert (dies geht auch aus einigen Kritiken zum Spiegel – abgedruckt in ebendieser Zeitschrift - hervor).

Zudem sind die Verfasser der Spiegel-Artikel allesamt ausgebildete Journalisten und Publizisten bzw. Politikwissenschaftler, was auf eine einigermaßen verlässliche Berichterstattung schließen lässt.

Beurteilung der Quelle

In meiner Arbeit waren die Spiegel-Artikel nur zu einem kleinen Teil als Quellen brauchbar, da zum Thema Gruppendynamik aus den Berichten nur wenig hervorgeht.

Lediglich einige Fakten, die auch in den anderen Quellen zu finden waren – wurden hier genauer ausgeführt, weshalb ich die Artikel miteinbeziehen konnte (z.B. wie viele Reaktorblöcke diesen Typs es noch gibt o.ä.).

Der Stellenwert der Spiegel-Artikel im Bezug auf das hier interessierende Problem ist also eher gering, weshalb auf eine nähere Kritik verzichtet werden kann.

2.1.2.5 Internetquellen

www.tu-berlin.de/presse/tui/01apr/chronik.htm

www.rogachev.de/verein/tschernobyl /tschernobyl.htm
www.aussichten-online.de/tschernobyl.html

Inhalt

Auf verschiedenen Internetseiten, verfasst von der Technischen Universität in Berlin und dem Arbeitskreis humanitäre Projekte e.V. wird die Tatsache, dass die Geigerzähler in allen Ländern ausschlugen und der weitere Hergang, genauso wie bei Alla Jaroshinskaja beschrieben.

Aus den Internet-Seiten geht zudem hervor, dass zum Beispiel im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark, an der Ostseeküste nördlich von Stockholm, nach dem Vorfall statt vier Zerfallseinheiten pro Sekunde plötzlich 100 gemessen wurden.

Als dann gleichlautende Meldungen über erhöhte Radioaktivität von praktisch allen schwedischen Messstationen und auch aus Finnland - mancherorts war die Strahlung zehnmal so stark wie die natürliche Radioaktivität – bekannt wurden, simulierten Meteorologen und Physiker die Windverhältnisse der zurückliegenden Tage und das Spektrum der radioaktiven Partikel. Man ortete die mutmaßliche Quelle des Übels im Großraum Kiew.

Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit und weil man glaubte, man würde zur Eindämmung des Reaktorbrandes ausländischer Hilfe bedürfen, gaben die Sowjets zu, es sei ein Unglück passiert, später sogar: es sei zu einer Katastrophe gekommen.

( www.tu-berlin.de/presse/tui/01apr/chronik.htm, www.rogachev.de/verein/tschernobyl /tschernobyl.htm).

Beurteilung der Internetquellen

Die zwei zuerst genannten Quellen aus dem Internet sind von der Technischen Universität in Berlin und dem Arbeitskreis humanitäre Projekte e.V. verfasst.

Unter der dritten Internet-Adresse (www.aussichten-online.de/tschernobyl.html) findet sich ein Text, der im „Aktuelles Zeitgeschehen Informationsdienst“ erschien, entstanden auf der Basis von Recherchen, die der Autor für einen Beitrag zur ARD-Sondersendung Tschernobyl – die Spur von Tod und Lüge im Februar 1996 in der „Verbotenen Zone“ anstellte.

Die Urheber der Seite respektive des Texts sind in allen Fällen angegeben, was für seriöse Quellen spricht.

Die Verfasser der ersten beiden Seiten sind zudem allgemein für ihre reliablen Quellen bekannt, was auf eine hohe Zuverlässigkeit schließen lässt.

Copyright-Infos sind auf der Seite der Technischen Universität Berlin angegeben, was ein weiteres Indiz für die Seriosität der Quelle bedeutet (Copyright vom April 2001).

Da zusätzlich erfahrungsgemäß offizielle Universitätsserver bessere Informationsquellen sind als private Veröffentlichungen, kann die Seite der TU Berlin als glaubwürdige Quelle für die Recherchen angesehen werden.

Die Seite vom Arbeitskreis humanitäre Projekte e.V repliziert die Angaben auf der vorher genannten Seite und diente daher als Zusatzinformation.

Der Bericht mit dem Titel „Tschernobyl lässt einen nicht mehr los“ basiert auf Recherchen des Autors, was darauf schließen lässt, dass hier zwar eigene Erfahrungen berichtet werden, jedoch nichts Verfälschtes abgeschrieben wurde.

2.1.3 Leitfragen

Der folgende Abschnitt soll ein umfassendes Bild von den Vorgängen am 26. April 1986 zeichnen, das die Rahmenbedingungen, die Motivation und die Ziele sowie die handelnden Akteure berücksichtigt um dann klären zu können, warum sich hier Groupthink zeigte und welche Fehlschlüsse schlussendlich zur Katastrophe führten.

Folgende Leitfragen stehen im Mittelpunkt dieser Betrachtung:

- Welche Entscheidungsträger waren in diesem Zusammenhang bedeutsam?
- Welche Fehlentscheidungen wurden getroffen?
- Wann und wo passierte am 26.4.1986 Groupthink und welche Faktoren waren dafür ausschlaggebend?

2.1.4 Gliederung

Zum besseren Verständnis möchte ich im Teil 2.2 einen Überblick bzw. eine Chronik der Ereignisse vor und nach der Katastrophe in Tschernobyl geben um dann – im Teil 2.3 – die auslösenden Faktoren beschreiben, die zum Super-Gau im Kernkraftwerk geführt haben.

In diesen Teilen werden die ersten beiden Leitfragen schon beantwortet werden. Um die dritte und wichtigste Frage zu klären, möchte ich das Ereignis hinsichtlich des Groupthink-Phänomens beschreiben und unter den verschiedenen Gesichtspunkten subsumieren.

Am Ende sollen die Erkenntnisse noch in einem kurzen Fazit zusammengefasst werden.

2.2 Überblick

Beim Atomkraftwerk Tschernobyl handelt es sich um Reaktoren vom Typ RBMK mit einer Leistung von jeweils rund 1.000 MW (vgl. Dörner, 1992).

RBMK-Reaktoren gehören zur ältesten kommerziellen Reaktorlinie sowjetischen Bautyps. Zahlreiche anerkannte Nuklearexperten stufen RBMK-Reaktoren als nicht auf westliches Sicherheitsniveau nachrüstbar ein. Spezielle Probleme sind u. a. die fehlende Schutzhülle („Containment“), die im Fall eines Lecks die Freisetzung von Radioaktivität verhindern soll und das Fehlen großer Mengen Graphit im Kernbereich. Da Graphit leicht brennbar ist, erhöht sich das Risiko, dass sich ein Unfall zu einer Katastrophe entwickeln kann.

Nach der Stilllegung von Tschernobyl gibt es weltweit immer noch 13 Reaktorblöcke gleichen Bautyps (vgl. Der Spiegel 9/1989):

Litauen: AKW Ignalina (2 Blöcke)

Russland: AKW Kursk (4 Blöcke)

AKW Leningrad (4 Blöcke)

AKW Smolensk (3 Blöcke)

Zum besseren Verständnis der Abfolge und auch der Vollständigkeit halber soll eine kleine Chronik aufgeführt werden, die auch die Ereignisse nach dem Unfall beschreibt

(vgl. www.tu-berlin.de/presse/tui/01apr/chronik.htm und www.rogachev.de/verein /tschernobyl/tschernobyl.htm):

26. April 1986 - Im ukrainischen „Lenin“-Atomkraftwerk Tschernobyl wird ein Experiment gestartet: Es soll geprüft werden, wie lange die Turbine mit der Restwärme des abgeschalteten Reaktors weiterläuft. Der Reaktor wird zuerst zur Leistungsspitze gebracht und soll dann heruntergefahren werden. Um den Probelauf des Reaktors nicht zu unterbrechen, werden im weiteren Verlauf die Sicherheitssysteme mit Absicht außer Funktion gesetzt.

26. April 1986, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden - Es kommt zum Turbinenstillstand. Der Kühlwasserzufluss ist eingeschränkt, die automatische Abschaltung unterbrochen. Es entwickelt sich ein Hitzestau. Innerhalb von Sekunden steigt die Leistung des Meilers um ein Vielfaches an. 6 Sekunden nach der Notabschaltung ereignet sich der größte anzunehmende Unfall (GAU). Der Block 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl explodiert. Die 256 Arbeiter der Nachtschicht dürfen das Kraftwerk nicht verlassen.

27. April 1986 - Die benachbarte Stadt Pripjat ist abgeriegelt, die Telefone funktionieren nicht, die Behörden informieren die Bewohner darüber, dass sie für 3 Tage in Zelten untergebracht werden. Die Löscharbeiten im Kraftwerk dauern an. Von Hubschraubern aus wird Sand, Stahl, Blei und Lehm auf den brennenden Reaktor geworfen.

28. April 1986 - In Schweden, Norwegen und Finnland wird erhöhte Radioaktivität gemessen. Eine schwedische Militärforschungsanstalt schließt einen Unfall in einem russischen Atomkraftwerk nicht aus. Die sowjetische Atomenergiebehörde bestreitet eine Reaktorkatastrophe.

28. April 1986, 21 Uhr - Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS teilt mit, dass es im Kernkraftwerk Tschernobyl einen Unfall gegeben habe. Es seien Menschen zu Schaden gekommen. Es werde eine Untersuchungskommission gebildet. Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen des Unglücks seien eingeleitet.

28. April 1986, 23 Uhr - Ein dänisches Laboratorium für Nuklearforschung gibt bekannt, dass im Atommeiler Tschernobyl ein GAU stattgefunden habe, wobei eine Reaktorstufe vollständig geschmolzen sei. Beim Durchschmelzen des Reaktorkerns werde die gesamte Radioaktivität an die Außenwelt abgegeben.

29. April 1986 - In Östereich und Deutschland erfolgt die erste offizielle Meldung darüber, dass sich in der Sowjetunion „offenbar ein ernster Atomunfall ereignet hat.“ Mehr als 60 Stunden sind seit dem GAU vergangen.

30. April 1986, 17 Uhr - Der Reaktorbrand ist angeblich gelöscht.

3. Mai 1986 - Die Behörden warnen erstmals vor den Auswirkungen der Reaktorkatastrophe. Bei der Explosion wurde etwa ein Viertel der radioaktiven Stoffe sofort aus dem Reaktor nach außen gestoßen, der Rest gelangte innerhalb der folgenden 14 Tage in die Atmosphäre. Die strahlende Wolke verteilte sich in drei Windrichtungen. Am 26. 4. über Skandinavien, am 27. und 28. 4. über Westeuropa, am 29. und 30. 4. über dem Balkan. Am stärksten betroffen sind weite Regionen von Weißrussland, Russland und der Ukraine.

21. Mai 1986 - Pripjat wird offiziell vollständig evakuiert.

Was zwei Jahre später passierte ist für meine Analyse des Groupthink zwar nicht mehr von Bedeutung, soll das Bild des Reaktorunfalls aber vervollständigen und wichtige Nebeninformationen bieten:

22. Dezember 1988 - Sowjetische Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Sicherheit des Sarkophags, der den Reaktor mittlerweile umhüllt, nur für 20 bis 30 Jahre berechnet sei.

1989 - Die zweite Umsiedlungsphase beginnt. Nachdem in der ersten Phase 1986 nur die Bevölkerung aus der 30-km-Sperrzone evakuiert wurde, müssen jetzt über 100.000 weitere Menschen aus Gebieten mit einer Belastung über 15 Curie umsiedeln.

20. April 1989 - Die sowjetische Regierung beschließt einen Baustopp für den fünften und sechsten Reaktorblock im Kraftwerk Tschernobyl.

19. August 1990 - Die Internationale Atomenergiebehörde erklärt, dass der Sarkophag des Reaktors möglicherweise den Belastungen durch die hohen Temperaturen und den Strahlenbeschuss im Inneren nicht standhalten wird. Eine neue Katastrophe sei nicht auszuschließen.

15. April 1991 - Der Katastropheneinsatzleiter und ukrainische Kernphysiker Tschernousenko gibt in einem Zeitungsinterview Auskunft über die Zahlen der Todesopfer von Strahlenschäden. Die Katastrophe habe bereits sieben- bis zehntausend Menschenleben gefordert. Offiziell wird weiterhin von 31 Toten gesprochen.

21. Mai 1991 - Die IAEA legt einen Bericht einer internationalen Studienkommission vor, in dem behauptet wird, dass es zwar signifikante, aber nicht mit Radioaktivität in Verbindung zu bringende Gesundheitsstörungen gegeben habe. Der Unfall habe zu Stress und Unruhe geführt.

12. Oktober 1991 - In Block 2 des Kernkraftwerkes Tschernobyl bricht ein Feuer aus. Es wird nach wenigen Stunden gelöscht, der radioaktive Ausfall liegt angeblich in den normalen Grenzen. Nachdem auch der Block 2 für immer abgeschaltet werden muss, beschließt das ukrainische Parlament die endgültige Stilllegung des AKW bis Ende 1993.

Ende 1993 - Die ukrainische Regierung und das Parlament beschließen mit Verweis auf die Energiekrise des Landes, dass Tschernobyl am Netz bleibt. Das Moratorium für die Inbetriebnahme weiterer Kraftwerksblöcke wird aufgehoben.

Februar 1995 - Die erste Phase der EG-Machbarkeitsstudie zur Stabilität des Sarkophags wird abgeschlossen. Die Ruine sei „eine riesige offene Strahlenquelle mit unzureichend bekannter Auslegung, Zusammensetzung und Eigenschaften“, so ein Bericht. Das Konsortium verweist auf die Einsturzgefahr der ersten Hülle und auf die Atommüllsprobleme bei der Errichtung des zweiten Sarkophags. Als Baubeginn wird der April 1996 angepeilt.

16. Mai 1995 - Die ukrainische Regierung legt neue Stilllegungspläne vor. Der erste Reaktor von Tschernobyl soll 1997, der Reaktor 3 im Jahr 1999 endgültig abgeschaltet werden. Für die Schließung von Tschernobyl fordert die Ukraine 4 Milliarden Mark von den G7-Staaten. Der Ersatzstrom soll aus einem Gaskraftwerk kommen.

20. Dezember 1995 - Die G7-Staaten und der Präsident der Ukraine einigen sich in einem „Memorandum of Understanding“ auf die Schließung von Tschernobyl im Jahre 2000. Das Abkommen sieht finanzielle Mittel für die Schließung der letzten Blöcke und für die Ersetzung ihrer Kraftwerksleistung vor. Die G7-Länder verpflichten sich, mit multilateralen Banken wie der European Bank for Reconstruction and Development (EBRD) eine Kreditfinanzierung für die zwei Atomreaktoren Chmelnizki-2 und Rowno-4 (K2R4) vorzubereiten, sofern dies die wirtschaftlichste („least-cost“) Option einer Investition in den ukrainischen Stromsektor darstellt. Andere nicht-atomare Optionen sollen ebenso geprüft werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 188 Seiten

Details

Titel
Gruppendynamik in Politik und Pädagogik
Untertitel
Positive und negative Aspekte der Gruppendynamik unter besonderer Berücksichtigung des Groupthink Phänomens
Hochschule
Universität Salzburg  (Erziehungswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
188
Katalognummer
V78801
ISBN (eBook)
9783638838696
ISBN (Buch)
9783638876797
Dateigröße
1269 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppendynamik, Politik, Pädagogik, Groupthink
Arbeit zitieren
MMag. DDr. B.Sc. Ulrike Kipman (Autor), 2006, Gruppendynamik in Politik und Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78801

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