Der Aufbau der Siegfried-Figur in den ersten Aventiuren des Nibelungenliedes


Seminararbeit, 2001

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Die zwei grundverschiedenen Geschichten von Sîvrits Jugend und ihre narratologischen Eigenheiten
1.1 Der Bericht des Erzählers in der 2. Aventiure: behütete Erziehung in der ´höfischen` Welt zu Xanten
1.2 Hagens ´niuwemære` - Sîvrits Heldentaten in der ´archaischen` Welt der Nibelungen
1.2.1 Die narrativen Eigenheiten
1.2.2 Zur ´mythischen Kausalität` in Hagens Jugendbericht

2 Die Dichotomien ´Mündlichkeit – Schriftlichkeit`, ´höfisch – archaisch`, ´literarische Mode – literarisches Erbe`

3 Exkurs: Zu den Heldenbezeichnungen im Nibelungenlied

4 Sîvrits Ankunft am Burgundenhof
4.1 Sîvrits übermüete und die Folgen
4.2 Beilegung des Konflikts
4.3 Das ´Spiel` mit literarischen Modellen: Höfischer Roman und Minnesang

5 Resümee

6 Bibliographie
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Bibliographien, Lexika

0 Einleitung

Der was der selbe valke, den si in ir troume sach,

den ir besciet ir muoter. wie sêre si daz rach

an ir næhsten mâgen, die in sluogen sint!

durch sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint.[1]

Mit diesen Versen endet die erste Aventiure des Nibelungenlieds, nachdem die Protagonisten am Burgundenhof vorgestellt worden sind und der Erzähler mit dem Kriemhildschen Falkentraum die Katastrophe des Untergangs bereits sehr früh andeutet. Da man das Motiv der Rache als für das ganze Epos handlungskonstitutiv bezeichnen kann, nimmt die Figur des Sîvrit darin eine zentrale Stellung ein, ja ist sogar der ganze erste Abschnitt des Lieds[2] engstens mit Sîvrit verbunden, denn ohne seine Ermordung wären die Rache Kriemhilds und der Untergang der Nibelungen nicht möglich: „Die Exposition präsentiert das thematische Material, aber sie öffnet […] auch zeitlich den Blick auf das folgende Geschehen und macht die Gefährdung der vorgestellten Personen und der höfischen Welt bewusst“.[3]

In dieser Arbeit möchte der Verfasser den Aufbau der Sîvrit-Figur in den ersten Aventiuren untersuchen, wobei der Fokus in erster Linie auf die beiden Jugendgeschichten in der zweiten bzw. dritten Aventiure gerichtet werden soll. Der Befund (soweit es dabei überhaupt möglich ist, zu objektivierbaren Erkenntnissen zu gelangen) wird sich in erster Linie auf narratologische Beobachtungen stützen; zusätzlich soll auf die teilweise konträren Positionen der Forschung zu diesem Thema zurückgegriffen werden. Es gilt herauszuarbeiten, welche Bedeutung der Gestaltung der Sîvrit-Figur für den Aufbau des Nibelungenlieds zukommt und dabei auch die Eigenheiten dieses schwierigen Werks angemessen zu würdigen.

1 Die zwei grundverschiedenen Geschichten von Sîvrits Jugend und ihre narratologischen Eigenheiten

Dô wuohs in Niderlanden eins edelen küneges kint,

des Vater der hiez Sigemunt, sîn muoter Sigelint,

in einer rîchen bürge wîten wol bekannt,

nidene bî dem Rîne: diu was ze Santen genant.[4]

Nachdem die erste Aventiure die Hauptpersonen am Königshof zu Worms eingeführt hat, wechselt der Schauplatz im folgenden Kapitel nach Xanten an den Niederrhein und der Erzähler stellt die Angehörigen der dortigen Königsfamilie vor. Während dort neben König Gunther und seinen Blutsverwandten auch die Inhaber der wichtigsten Hofämter vorgestellt werden, die als Protagonisten wichtige handlungstragende Elemente des NL[5] darstellen, bleibt die Sphäre des niederländischen Königreichs im weiteren Handlungsverlauf weitgehend unberührt. Sîvrit wird gleichsam aus jener herausgehoben, seine Person dominiert den ersten Abschnitt des NL bis zu seiner Ermordung in der 16. Aventiure und m.E. auch darüber hinaus.

1.1 Der Bericht des Erzählers in der 2. Aventiure: behütete Erziehung in der ´höfischen` Welt zu Xanten

Sîvrit, Sohn König Sigemunts und Königin Sigelints, wird als junger Adeliger eingeführt; er genießt eine höfische Erziehung („Man zôch in mit dem vlîze, als im daz wol gezam[6]) und zeichnet sich aus durch königliche Abkunft, Tüchtigkeit im Kampf („der snelle degen guot[7]), körperliche Kraft („durch sînes lîbes sterke[8]), erotische Anziehungskraft („wie scœne was sîn lîp, sît heten in ze minne diu vil wætlîchen wîp[9]), gesellschaftliches Ansehen („êren[10]) sowie Erziehung zur „tugende[11], all dies „zentrale Begriffe des höfischen Vorstellungskomplexes.“[12]

Die Schilderung einer hôhgezît, Sîvrits Schwertleite, schließt sich daran an; sie entspricht bis in Details hinein den Bestandteilen der Zeremonie, wie sie auch in der deutschen Geschichtsschreibung bezeugt ist; als Beleg hierfür führt Ursula Schulze die Historia Gaufredi (um 1180) sowie das historiographisch mehrfach bezeugte Mainzer Hoffest von Kaiser Friedrich Barbarossa aus dem Jahr 1184 an[13]. Schulze bezeichnet diese Vermischung von Bezügen auf die reale mittelalterliche Kultur mit einem seit etwa dem 12. Jahrhundert durch die höfische Literatur propagierten Ideal einer fiktiven adeligen Gesellschaft seitens der Erzählers als „adaptation courtoise“[14].

Mit der abschließenden Strophe 43 schafft der Erzähler Freiraum für weitere Taten Sîvrits, indem er ihn zunächst auf die Übernahme der Krone von seinem Vater verzichten lässt:

Sît daz noch beide lebten, Sigmunt und Siglint,

niht wolde tragen krône ir beider liebez kint.“[15]

1.2 Hagens ´niuwemære` - Sîvrits Heldentaten in der ´archaischen` Welt der Nibelungen

Bei Sîvrits Ankunft am Hofe der Burgunden von König Gunther befragt, wer die fremden Recken seien, weiß Hagen, „dem sint kunt diu rîche und ouch diu vremden lant[16], von „niuwemære[17] zu berichten, die Sîvrit mitbringe.

Der Rezipient des NL wird nun mit einer völlig anderen Version von Sîvrits Jugend konfrontiert: dies geschieht, indem der Verfasser die Rolle des Erzählers auf Hagen, einen seiner Protagonisten überträgt, es findet also ein Wechsel der Erzählinstanzen statt. Hagens „Sagenwissen“[18] steht in scharfem Kontrast zu dem Wissen des Erzählers: war dessen Bericht noch in einer ´höfischen` Welt verortet, so findet nun ein „Übergang in eine andere Welt“[19] statt, eine mythische Welt, in der Sîvrit übermenschliche Kräfte hat, Fabelwesen wie Zwerge und Riesen besiegen muss und in den Besitz einer Tarnkappe kommt, die ihn unsichtbar macht.

Nur an einer Stelle in der 2. Aventiure schien das Bild von ´dem anderen` Sîvrit bereits durchzuschimmern, wo es heißt:

Sîvrit was geheizen der snelle degen guot.

er versuochte vil der rîche durch ellenthaften muot.

durch sînes lîbes sterke er reit in menegiu lant.

hey waz er sneller degene sît zen Burgonden vant !

In sînen besten zîten, bî sînen jungen tagen

man mohte michel wunder von Sîvrite sagen.“[20]

Die Andeutung bleibt dort jedoch stehen, es wird nicht auserzählt, um welche „michel wunder“ es sich dabei handelt; ebenso wenig ordnet sie der Erzähler zeitlich in Sîvrits Jugendzeit ein.

1.2.1 Die narrativen Eigenheiten

Die Erzählstruktur in Hagens Bericht ist eine völlig andere; das Publikum wird über sagenhafte Abenteuer Sîvrits unterrichtet, die er in seiner Jugend im Land der Nibelungenkönige erlebt haben soll. Hatte sich der höfische Ritter Sîvrit „…stets im Kreis der Hofleute […befunden], muss der Heros im Nibelungenland gemäß den Regeln der Sagenwelt allein handeln“:[21]

Dâ der helt al eine ân` alle helfe reit“.[22]

In dieser Erzählung bleibt offen, wo sich das Land Nibeluncs befindet: der Hort der Nibelungen, welchen Sîvrit teilen soll, wird aus „ einem holen berge[23] getragen! Diese „räumliche Unbestimmtheit“[24] kann als typisches Merkmal von Heldenepik gelten, denn „es kommt auf die Bedeutung derartiger Raumsegmente und Requisiten an, […] nicht auf ihren Platz in einem raumzeitlichen Kontinuum.“[25] Als Sîvrit, während „vil maneger küener man[26] sich um den Hort herum versammelt hat, die Bühne betritt, kennt er diese Menschen nicht („die wâren im ê vremde, unz er ir künde dâ gewan[27]). Da verwundert es den kritischen Hörer - bzw. heute Leser - doch sehr, wenn ihn einer der „Nibelungen“ offensichtlich bereits kennt: „Ir einer drunder sprach: ´hie kumt der starke Sîvrit, der helt von Niderlant.`“[28] Als Dank dafür, dass er ihrer Bitte, für sie den Schatz zu teilen, nachkommt, bekommt er ein Schwert „ze miete“;[29] ob es sich dabei jedoch um das sagenhafte Schwert balmunc, mit dem er sogleich seine Feinde bezwingt, handelt, wird nicht klar. Die beiden Nibelungenkönige Nibelunc und Schilbunc,[30] die über die misslungene Teilung des Hortes ärgerlich sind, bieten nämlich sogleich „zwelf küene man, daz starke risen wâren“,[31] sowie „recken siben hundert […] von Nibelunge lant[32] als Gegner auf, die Sîvrit jedoch, gleichsam als übermenschlicher Vorzeitheld, ganz auf sich gestellt eigenhändig erschlägt; außerdem tötet er die beiden Könige und erhält die Herrschaft über das Land sowie den Schatz. Des Weiteren besiegt und unterwirft er Alberich, „daz starke getwerc“,[33] und erhält von ihm die Tarnkappe, die später noch (bei dem so genannten ´Brautnachtbetrug` nach Gunthers Hochzeit mit Brünhild) eine wichtige Rolle spielen soll. Den Zwerg macht er sogleich zu seinem Kämmerer, um den Schatz zu bewachen.

[...]


[1] Strophe 19.

[2] Bis zur 16. Aventiure; Anm. d. Verf.

[3] Schulze: Das Nibelungenlied, S. 143.

[4] Str. 20.

[5] Meint im Folgenden das Nibelungenlied; Anm. d. Verf.

[6] Str. 23,1.

[7] Str. 21,1.

[8] Str. 21, 3.

[9] Str. 22,3 f.

[10] Str. 22,3.

[11] Str. 23,2.

[12] Schulze: Das Nibelungenlied, S. 247.

[13] Loc. cit., S. 148 f.

[14] Loc. cit., S. 142.

[15] Str. 43,1 f.

[16] Str. 82,1.

[17] Str. 87,1.

[18] Müller: Spielregeln für den Untergang, S. 126.

[19] Ebd., S. 125.

[20] Str. 21,1 – 22,2.

[21] Müller: Spielregeln für den Untergang, S. 127.

[22] Str. 88,1.

[23] Str. 89,2.

[24] Müller: Spielregeln für den Untergang, S. 131.

[25] Ebd.

[26] Str. 88,3.

[27] Str. 88,4.

[28] Str. 90,1 f.

[29] Str. 93,1.

[30] Str. 87,3.

[31] Str. 94,1-2.

[32] Str. 94,4.

[33] Str. 97,1.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Aufbau der Siegfried-Figur in den ersten Aventiuren des Nibelungenliedes
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie, Lehrstuhl für Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters)
Veranstaltung
Das Nibelungenlied
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V78819
ISBN (eBook)
9783638846806
ISBN (Buch)
9783638888431
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kompetente Darstellung wesentlicher Forschungsergebnisse zur Fragestellung.
Schlagworte
Aufbau, Siegfried-Figur, Aventiuren, Nibelungenliedes, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
M.A. Matthias Reim (Autor), 2001, Der Aufbau der Siegfried-Figur in den ersten Aventiuren des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78819

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