Und die Moral von der Satir'. Der moralische Standpunktes des Satirikers in der achten Satire Juvenals


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

19 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Übersetzung Iuven., sat. 8,236–275
2. Kommentar
3. Interpretation

III. Fazit

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Hilfsmittel

I. Einleitung

„Adel verpflichtet“ oder wie Highet[1] schreibt „noblesse oblige“, so lautet der Tenor der achten Satire Juvenals, auf deren letzten 40 Verse (V. 236–275) sich die in dieser Arbeit dargelegten Ausarbeitungen bezüglich Übersetzung, Kommentar und Interpretation beschränken werden, wobei der Textarbeit die Teubnerausgabe von Willis[2] zugrunde liegt.

Über Juvenals Leben liegen keine wissenschaftlich fundierten Kenntnisse vor und auch die Satiren des Juvenal sind von einer solchen autobiographischen Schweigsamkeit gekennzeichnet, dass eine Rekonstruktion seiner näheren Lebensumstände nicht möglich ist. Es wird vermutet, dass „der letzte herausragende Satirendichter Roms“[3] aus Aquinum stammte und im Jahr 67 n. Chr. geboren wurde. Die Veröffentlichung seiner ersten beiden Bücher ereignete sich wohl erst in den letzten Jahren der Regierungszeit Trajans, während seine Hauptschaffensperiode in die des Hadrian fiel. Über seinen Tod ist ebenfalls wenig bekannt; man schließt nicht aus, dass Juvenal vielleicht erst unter Antonius Pius gestorben ist.[4]

Die achte Satire ist von moralischen Zügen, die an ein Verhalten gemäß der virtus appellieren, und gleichzeitig zynischen Beschreibungen adeliger, untugendhafter Lebensweisen geprägt, so dass die Interpretation dieser Arbeit die Frage nach dem moralischen Standpunkt des Satirikers thematisiert: Beabsichtigt der Autor die Darlegung adeligen Fehlverhaltens oder erhebt er sich zum Moralapostel gegenüber den degenerierten Adeligen seiner Zeit, indem er ernstgemeinte moralische Ratschläge erteilt?[5]

II. Hauptteil

1. Übersetzung Iuven., sat. 8,236–275

Aber der Konsul wacht und hält eure Banden in den Schranken, dieser Emporkömmling aus Arpinum, unadlig und in Rom nur ein Ritter aus einer Municipialstadt; er stellt überall behelmte Schutztruppen für die verschreckten Bürger auf und müht sich auf jedem Berg. Die Toga brachte jenem also innerhalb der Mauern soviel an Namen und Titel ein, wie viel Octavius für sich bei Leucas, wie viel er auf den Feldern von Thessalien mit dem vom dauernden Morden feuchten Schwert errang; aber Rom nannte ihn Vater, Rom nannte als freie Stadt Cicero den Vater des Heimatlandes.

(Paraphrase der Verse 245–260) Marius, der ebenfalls aus Arpinum stammte, arbeitete zunächst nur als Tagelöhner auf dem Berg der Volsker. Nachdem er sich im römischen Heer hochgedient hatte, beschützte er allein das völlig verschreckte Rom in höchster Gefahrenlage für das Gemeinwesen vor dem Ansturm der Kimbern. Nach Abwendung der Gefahr konnten sich die Raben, die zu der Wallstatt der Schlacht geflogen waren, an den unzähligen Leichen der niedergemetzelten Kimbern laben und Marius’ Amtskollegen, dem Konsul Catulus Lutatius, wurde nur der zweite Lorbeer als Triumphator überreicht.

Die Decier, die der plebs entstammten und ebenfalls plebejische Namen trugen, genügten den Göttern der Unterwelt und der Erdenmutter in so ausreichendem Maße, dass sie sich stellvertretend für alle Legionen, für sämtliche Hilfstruppen und für die ganze Jugend Latiums opfern konnten. [Denn die Decier sind mehr wert als was von ihnen gerettet wurde.] Servius Tullius verdiente sich als letzter der guten Könige Roms das Diadem und das Rutenbündel des Quirinus, obwohl er von einer Sklavin geboren worden war.

Die verratenen Riegel der Stadttore versuchten die Jünglinge des Konsuls selbst den Tyrannen im Exil zu öffnen und diesen hätte irgendwas Bedeutendes, was sie für die (noch) unsichere Freiheit hätten tun können, geziemt, was Mucius zusammen mit Cocles und die, die als Jungfrau die Grenzen des Reiches, den Tiber, durchschwamm, bewundern hätten können. Ein Sklave, der es wert war, von den Müttern betrauert zu werden, legte den Senatoren das geheime Verbrechen dar; aber auf jene treffen mit gerechter Strafe die Schläge ein und zum ersten Mal das Beil der Gesetze. Ich möchte lieber, dass Thersites dein Vater ist, wenn du doch nur dem Enkel des Aeacus ähnlich bist und die Waffen des Vulcanus ergreifst, als dass dich Achill erzeugt und du dem Thersites ähnelst. Und dennoch, wenn du auch deinen Namen weit herholst und weit zurückverfolgst, führst du dein Geschlecht auf das ruchlose Asyl zurück; der erste deiner Vorfahren, wer auch immer er war, war entweder ein Hirte oder irgendwas, was ich nicht aussprechen möchte.

2. Kommentar

Die achte Satire Juvenals aus dem dritten Buch der Satiren thematisiert schwerpunktmäßig den Nutzen der Ahnenforschung[6] (V. 1: Stemmata quid faciunt?) für die römischen Nobilität. Anhand zahlreicher Beispiele belegt der Satiriker dabei seine These, dass nobilitas nicht ererbt, sondern mit virtus verdient wird[7], was er in Vers 20 postuliert (nobilitas sola est atque unica virtus). Bezüglich dieser Fragestellung begeben sich sowohl Braund[8] als auch Highet[9] auf die Suche nach der „true nobility“, die der Satiriker von den römischen Adeligen einzufordern scheint. Ironisch[10] hebt der Satiriker an einigen Beispielen hervor, dass diese nicht von den degenerierten Adeligen seiner Zeit erreicht wird, sondern – im Gegenteil – von römischen Bürgern niedrigerer Herkunft. Zugleich liegt in dem fundamentalen Kontrast zwischen adeligem Anspruchdenken und Realität eine indignatio des Satirikers verborgen.[11] Die vorliegende Satire ist an einen Ponticus[12], einen jungen römischen Adeligen, adressiert und erweckt beim Leser den Anschein eines im genus deliberatiuum gehaltenen Briefes, der dem Adressaten moralische Ratschläge in Bezug auf die Verwaltung einer Provinz gibt.[13] Diese Ratschläge werden jedoch nicht einfach nur erteilt, sondern eine Vielzahl von Verfehlungen römischer Adeliger dargestellt, um so Ponticus darzulegen, wie er sich eben nicht verhalten solle.[14] Die in Rom konventionelle moralische Erziehung, an ein Verhalten gemäß der Prämisse noblesse oblige zu appellieren, wird dergestalt ersetzt, dass die positiven Ratschläge des Satirikers aus den beschriebenen negativen Beispielen hervortreten.[15]

Die in dieser Arbeit untersuchten Verse 236–275 bilden den Epilog (V. 231–268) und die coda (V. 269–275) dieser Satire. Nachdem der Satiriker zu Beginn der Satire im exordium die Sinnfrage von Ahnentafeln stellt (V. 1–38), fährt er in Form eines fiktiven Gespräches mit Rubellius Blandus fort (V. 40–70), in dem er zum Teil anhand von Beispielen aus der Tierwelt aufzeigt, wie sinnlos der Stolz auf die Ahnen ist, wenn man selbst keine Leistung erbringt. Nach einem kurzen Übergang (V. 71–74) wendet sich der Satiriker mit Anweisungen, die auf das richtige Verhalten eines Feldherren, Provinzverwalters und Richters (V. 79: esto bonus miles, tutor bonus, arbiter idem) abzielen, direkt an Ponticus (V. 74–141). In den Versen 142–230 werden in einem Katalog eine Reihe von Beispielen adeligen Fehlverhaltens thematisiert, die – von Beispiel zu Beispiel gesteigert – ihrem Höhepunkt in der Person von Nero (V. 211–230) entgegensteuern[16] und schließlich bei Catilina (V. 231–235) enden. Zugleich bildet das Beispiel Catilinas den Übergang zum epilogue, denn ab V. 236 wird sein politischer Gegenspieler M. Tullius Cicero vorgestellt.[17] Dies leitet den Beginn einer Auflistung von tugendhaften, nicht dem patrizischen Stand entstammenden römischen Männern ein. Die Satire endet mit der coda[18], in der der Satiriker Ponticus zur tugendhaften Lebensführung ermahnt und den Ahnenstolz der Patrizier ad absurdum führt.[19]

Mit Catilina endet die Reihe der schlechten exempla römischer Adeliger und der Übergang zu der Reihe der guten exempla römischer Bürger niedrigerer Herkunft setzt adservativ mit sed vigilat consul (V. 236) und der Anspielung auf Cicero abrupt ein.[20] Dieser Passus besitzt aufgrund des Kontrastes zwischen den beiden politischen Gegenspielern antithetischen Charakter.[21] Vigilat[22] ist zudem nicht negativ konnotiert, sondern die positive Wortbedeutung hebt auch semantisch den Wendepunkt hervor: Cicero durchzecht nicht die Nächte wie Lateranus (V. 172–178), sondern „hält Wache“. Stilistisch wird dies zum einen emphatischt durch die Alliteration vigilat ... vexillaque vestra, zum anderen durch die Zuwendung an Catilina (vestra) untermalt. Coercet (V. 236) in der Bedeutung „jn. zurückhalten“[23] ist hier als Resultat von vigilat zu sehen.

[...]


[1] Vgl. Highet (1954) 114.

[2] Vgl. Willis (1997) 121f.

[3] Zitat nach: Schmidt: DNP 6 (1999) s.v. Iuvenalis, D. Iunius.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Braund (1988) 121.

[6] Vgl. Braund (1988) 77: Juvenal ist nicht der erste antike Autor, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Stobaeus (5. Jh. n. Chr.) fasst Exzerpte griechischer Autoren wie Homer und Plutarch, die über dieses Thema berichten, zusammen. In der lateinischen Literatur findet das Thema Anklang bei Cato, Lucilius, Cicero und Sallust, wobei der individuelle Wert eines Menschen hervorgehoben wird: moribus non maioribus (Cic. Pis. 2).

[7] Vgl. Fredericks (1971) 132.

[8] Vgl. Braund (1988) 77.

[9] Vgl. Highet (1954) 113: Der Autor überschreibt das Kapitel über die achte Satire mit „True Nobility“.

[10] Vgl. Romano (1979) 150.

[11] Vgl. Fredericks (1971) 115.

[12] Ebd.: Der Name Ponticus impliziert, dass sein Träger von einem Feldherren abstammt, der in der Region um Pontus einen militärischen Erfolg gefeiert hat. Fredericks dagegen verweist auf die fiktionale Rolle des Ponticus und auf die Tatsache, dass Ponticus keine historisch bekannte Person ist.

[13] Ebd. 113: Ponticus durchläuft den cursum honorum und steht nun dicht davor, zum Verwalter einer Provinz ernannt zu werden.

[14] Ebd. 112f: Indem der Satiriker keine tugendhafte Tat des Ponticus erwähnt, benutzt er ihn als ein Objekt, das es zu belehren und zu ermahnen gilt. Ponticus steht demnach stellvertretend für alle zeitgenössischen Adeligen. Dagegen Highet (1954) 113: In den Satiren 1–7 ist die Einstellung des Satirikers gegenüber den römischen Adeligen von Hass und Verachtung geprägt. Allerdings spricht er den adeligen Ponticus in dieser Satire freundschaftlich an, weil er ein Mensch ist „who has good in his soul, who can listen to advice.“ Der Satiriker erweckt hiermit zum ersten Mal den Eindruck, dass die Adeligen im Hinblick auf ihr Fehlverhalten heilbar sind.

[15] Vgl. Highet (1954) 114.

[16] Vgl. Braund (1988) 120; Fredericks (1971) 128f: Der princeps Nero ist der geringste Römer von allen, vereinigt alle vorher genannten Verbrechen auf sich und wird daher nicht mehr als ein Römer, sondern als ein Grieche dargestellt. Dagegen Highet (1954) 115: Highet ist der Meinung, die Klimax erreiche ihren Höhepunkt erst mit Catilina.

[17] Vgl. Weidner (1889) 186: Juvenal versucht über die Gegensätze zu wirken. Adeligen Männern werden tugendhafte Nichtadelige gegenübergestellt.

[18] Vgl. Braund (1988) 70–77: Braund hebt in ihrer Beschreibung des Satirenaufbaues zusätzlich die einzelnen schlechten exempla namentlich hervor.

[19] Ebd. 121: Braund bezeichnet diesen Passus als reductio ad absurdum

[20] Ebd. 75: Es ist zwar aufgrund der direkten Rede sowohl an Nero (V. 228: tu pone; V. 230 suspende) als auch an Catilina (V. 231: Catilina, tuis natalibus ...; V. 232f: vos | ... paratis) eine Weiterführung des Kataloges bis Catilina denkbar. Letztendlich kommt dem Passus über Catilina allerdings eine Verbindungsfunktion zwischen „both the preceding and the following sections“ zu.

[21] Vgl. Braund (1988) 76; 120.

[22] Vgl. Mayor (1888) 55: In der Nacht zum 1.11.63 v. Chr. plante Catilina ein Attentat auf Cicero, was dieser jedoch verhindern konnte (Cic. Catil. 1,8).

[23] Vgl. ThLL III, 1436, 18f s.v. coerceo.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Und die Moral von der Satir'. Der moralische Standpunktes des Satirikers in der achten Satire Juvenals
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V78820
ISBN (eBook)
9783638846813
ISBN (Buch)
9783668241404
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moral, Satir, Eine, Erörterung, Standpunktes, Satirikers, Satire, Juvenals, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Thorben Knake (Autor), 2007, Und die Moral von der Satir'. Der moralische Standpunktes des Satirikers in der achten Satire Juvenals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78820

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