Mit der Globalisierung zusammenhängende (verfassungsrechtliche) Problemkreise haben Eingang in die verfassungstheoretische Diskussion gefunden: Das traditionelle Verfassungsverständnis muss infolge verschiedener globalisierungsbedingter Phänomene neu diskutiert werden. Die stetig zunehmende Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen hat Einfluss auf das traditionelle Rechtsverständnis. Es entstehen neue „Akteure“ und „Institutionengefüge“.
Deshalb bestehen Bedenken, die ursprünglich territorial gebundene und begründete parlamentarisch-repräsentative Demokratie könne an Substanz verlieren, die Gestaltungsmacht transnationaler Politik hingegen ohne direkte demokratische Legitimation anwachsen.
Diese Untersuchung stellt zunächst verschiedene Diskussionsansätze zur Metaebene dar (Weltordnung und Globalisierung, B.) und zeigt sodann konkrete Bezüge der Diskussionsansätze zur (Verfassungs-) Rechtswirklichkeit auf (C.). Die Arbeit betrachtet somit die verschiedenen Ebenen der Diskussion, nämlich sowohl die verfassungstheoretische als auch die konkrete verfassungsrechtliche Ebene.
Gliederung
Die Globalisierung in der verfassungstheoretischen Diskussion
A. Begriff der Globalisierung und Problemstellung der Arbeit
I. Begriff der Globalisierung
II. Rechtliche Problemstellung der Globalisierung
B. Weltordnung und Globalisierung
I. Konkrete Beispiele „genuinen Weltrechts“
1. Lex Mercatoria
2. Lex Digitalis
II. Diskussionsansätze: globales oder plurales Recht
1. Globales Recht
a) Einheit des Völkerrechts
b) Weltrepublik nach Höffe (in Anlehnung an Kant)
2. Rechtspluralismus
a) Rechtsquellenlehre (Eugen Ehrlich)
b) Systemtheorie (Niklas Luhmann)
c) „Globale Bukowina“ (Gunther Teubner)
d) Die Weltordnung als „Netzwerk“ (Anne-Marie Slaughter)
3. Stellungnahme
C. Verfassungstheoretische Probleme der Globalisierung
I. nationalstaatliche Souveränität und NGOs
1. Neue Akteure
2. innere und äußere Souveränität des Nationalstaates
3. Übertragung von Hoheitsrechten
a) nichtstaatliche Akteure als Verfassungssubjekte
b) Grundrechtsbindung nichtstaatlicher Akteure
4. Fazit
II. Legitimation im Blickwinkel der Globalisierung (insb. NGOs)
1. traditioneller Legitimationsbegriff
2. Legitimationsdimension der Europäischen Union
a) „Mittelbarkeitslehre“
b) Stellungnahme
3. Input- / Output-Legitimation
4. Fazit
III. Weitere verfassungstheoretische Konflikte
1. Rechtssicherheit
a. Normenhierarchie / Kollisionsregeln
b. prozedurale Rechtssicherheit
c. Sanktionierung und Durchsetzung von Entscheidungen
2. Demokratisches Prinzip: Minderheiten / Mehrheiten
3. Ordnungsfunktion: Völkerrecht
4. Kritik: eindimensionale Sicht der rechtlichen Metaebene
IV. Zusammenfassung
D. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen, die der Prozess der Globalisierung für das traditionelle Verfassungsverständnis des Nationalstaates mit sich bringt. Ziel ist es, den Wandel von Rechtsstrukturen zu analysieren und zu hinterfragen, ob die klassischen verfassungsrechtlichen Prinzipien wie Ordnung, Legitimation und Freiheitsförderung unter den Bedingungen eines sich entwickelnden globalen Rechtsraums aufrechterhalten werden können.
- Wandel des traditionellen Verfassungsbegriffs durch transnationale Akteure
- Rechtspluralismus versus globale Rechtseinheit
- Legitimitätsdefizite von Nichtregierungsorganisationen (NGOs)
- Konflikte in der prozeduralen und materiellen Rechtssicherheit
- Das Spannungsfeld zwischen staatlicher Souveränität und globalen Rechtsregimes
Auszug aus dem Buch
1. Lex Mercatoria
Das wohl bekannteste Flagschiff globalisierten Rechts ist die Lex Mercatoria. Dieses internationale Handelsrecht geht auf mittelalterliche Praktiken zurück. Lex Mercatoria bezeichnet das spezifische Recht der privaten internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Es stellt einen paradigmatischen Fall für neue staatsunabhängige Bereiche des Weltrechts dar. Dieses Welthandelsrecht speist sich aus den allen Handel treibenden Nationen gemeinsamen Rechtsprinzipien, dem Völkerrecht, dem Recht internationaler Organisationen, internationalen Handelsbräuchen, Formularen und Klauseln für Außenhandelsgeschäfte, nationalen Normen zum Überseehandel, Formularverträgen und Geschäftsbedingungen der nationalen Handelskammern, schiedsrichterlicher Praxis, internationalen Staatsverträge, einheitlichen Richtlinien, der Rechtsprechung staatlicher Gerichte sowie gewissen „Codes of Conduct“. Indizien, die für den Charakter als eigenständige Rechtsordnung sprechen, sind hohe Standards der Publizität und Transparenz, die Einhaltung völkerrechtlicher Grundwerte, durch Präzedenzfälle, geregelte Rechtsgrundsätze der Entscheidungsfindung, sowie eine effiziente Schiedsgerichtspraxis, die ihre Entscheidungen in der Regel auch durchsetzen kann.
Es lässt sich nur mutmaßen, weshalb die Lex Mercatoria häufig als Paradebeispiel genannt wird: Zum einen wahrscheinlich wegen ihrer langen Tradition. Zum anderen, weil sie unmittelbar mit den ökonomischen Prozessen verknüpft und die Ökonomie als Motor der Globalisierung gesehen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Begriff der Globalisierung und Problemstellung der Arbeit: Einführung in die Begrifflichkeiten und Darstellung der rechtlichen Problemfelder im Kontext der Globalisierung.
B. Weltordnung und Globalisierung: Analyse verschiedener Modelle wie Lex Mercatoria und Lex Digitalis sowie Vergleich zwischen Ansätzen eines globalen Rechts und des Rechtspluralismus.
C. Verfassungstheoretische Probleme der Globalisierung: Untersuchung konkreter Konflikte bezüglich Souveränität, demokratischer Legitimation und der Rolle nichtstaatlicher Akteure wie NGOs.
D. Schluss: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Plädoyer für eine aktive Weiterentwicklung der Verfassungstheorie.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Verfassungstheorie, Nationalstaat, Rechtspluralismus, Lex Mercatoria, Lex Digitalis, NGOs, Demokratiedefizit, Legitimation, Souveränität, Weltrecht, Rechtssicherheit, Normenkollision, Governance, Weltgesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der Globalisierung auf den Nationalstaat und sein traditionelles Verfassungsverständnis.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Souveränität, der demokratischen Legitimation und der Entstehung von globalen Rechtsregimes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung der verfassungstheoretischen Konflikte, die durch den Übergang von nationalen Strukturen hin zu einer global vernetzten Rechtswirklichkeit entstehen.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Es werden verschiedene Theorien wie der Rechtspluralismus (Teubner, Luhmann) und Ansätze zur globalen Ordnung (Slaughter, Höffe) kritisch gegenübergestellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Weltordnungskonzepten, die Analyse der Souveränitätsfragen im Bezug auf NGOs und die Erörterung von Rechtssicherheit und Legitimität.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen gehören Verfassungstheorie, Globalisierung, Souveränität, Rechtssicherheit und Weltrecht.
Wie unterscheidet sich die Lex Digitalis von der Lex Mercatoria?
Während die Lex Mercatoria auf traditionellen Handelsbräuchen basiert, ist die Lex Digitalis durch technische Protokolle und die Selbstregulierung des Internets, etwa durch ICANN, geprägt.
Warum wird NGOs ein Legitimationsdefizit zugeschrieben?
Da NGOs keine demokratisch gewählten Repräsentanten der Bevölkerung sind, fehlt ihnen die institutionelle und personelle Legitimation nach den Kriterien des Grundgesetzes, auch wenn sie faktisch politische Prozesse mitgestalten.
Was bedeutet das "Globalization Paradox" bei Slaughter?
Es beschreibt den Widerspruch, dass für die Bewältigung globaler Probleme zwar globales Regieren notwendig ist, eine zentrale Weltregierung jedoch von der Bevölkerung abgelehnt wird.
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- Ass. iur. Christian Laschet (Author), 2007, Die Globalisierung in der verfassungstheoretischen Diskussion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78826