Die USA als anti-koloniale Supermacht und die französischen Kolonialkriege in Indochina und Algerien


Hausarbeit, 2004

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der internationale Faktor in der Dekolonisationstheorie
2.1 Der Kalte Krieg als internationaler Faktor
2.2 Der Anti-Kolonialismus der USA

3 Die Metropole Frankreich: Warum 16 Jahre Kolonialkriege?
3.1 Moralischer Wiederaufbau
3.2 1954: Das Jahr von Pierre Mendès France
3.3 L’Algérie Française, de Gaulle und die V. Republik

4 Vom Indochinakrieg zum Kalten Krieg
4.1 Die Situation in Indochina nach dem 2. Weltkrieg
4.2 Vom klassischen Kolonialkrieg zum „Bollwerk gegen den Kommunismus“
4.3 Schlussfolgerungen zur Rolle der USA im Dekolonisationsprozess Indochinas

5 Der Algerienkrieg: die USA im Dilemma
5.1 „Algérie Française“ gegen die algerische Nationalbewegung
5.2 Vom Scheitern der IV. Republik bis zu den „Accords d’Evian“
5.3 Die Rolle der USA im Algerienkrieg

6 Schlussfolgerungen

Literaturnachweis

1 Einleitung

Frankreich ist es zuweilen besonders schwer gefallen, sein Kolonialreich nach dem 2. Weltkrieg in die Unabhängigkeit zu entlassen. Dies verdeutlichen vor allem die beiden kostspieligen und langjährigen Kriege in Indochina (1946-1954) und Algerien (1954-1962), die hier im Mittelpunkt stehen werden. Das soll jedoch nicht zu dem Eindruck führen, Frankreich habe immer mit aller Macht versucht, ihre Kolonien zu halten – tatsächlich verliefen die Dekolonisationsprozesse sehr unterschiedlich und in Teilen auch relativ „friedlich“, so in Tunesien und den Kolonien der Sub-Sahara.[1] Es soll hier jedoch nicht Aufgabe sein, über die französische Dekolonisation, weder im Allgemeinen noch im Speziellen, zu urteilen. Vielmehr werfen die beiden Kriege eine ganz andere Frage auf: die nach der „indépendance“ Frankreichs zu Zeiten des Kalten Krieges. Diese wird grundsätzlich eher angezweifelt, mit Verweis auf das Erstarken der USA und UdSSR zu Supermächten, das Entstehen einer bipolaren Welt und die damit notwendige Westbindung der ehemaligen Kolonialmächte, unter ihnen die beiden „Großen“, Großbritannien und Frankreich. Tatsächlich hat Großbritannien in Dekolonisationsfragen verstärkt auf Diplomatie gesetzt und die Zustimmung der USA gesucht, mit Verweis auf die eigene wirtschaftliche Abhängigkeit. Dies wird am Beispiel Palästina deutlich: Der damalige Außenminister Bevin hat nach dem 2. Weltkrieg ein anglo-amerikanisches Komitee zur Palästinafrage berufen, in der Hoffnung, dies würde einen Konsens zwischen den USA und Großbritannien schaffen, der von ihm als notwendig für die finanzielle Restauration Großbritanniens betrachtet wurde.[2] Nun waren die ökonomischen Unterstützungen im Rahmen des Marshall-Plans sowohl für Großbritannien als auch für Frankreich von großer Bedeutung, das Verhältnis zu dem großen Partner USA ganz anders.[3]

Daher stellt sich die Frage, wie abhängig und schwach Frankreich im internationalen System nach 1945 wirklich war, wenn es sich 16 Jahre Kolonialkrieg leisten konnte, und dies nicht nur im finanziellen Sinne. Schließlich gaben sich die USA offenkundig als anti-koloniale Macht, die mit der Atlantik-Charta auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ pochte. Auf den ersten Blick zeugen diese beiden Kolonialkriege von einer relativen Unabhängigkeit Frankreichs gegenüber dieser anti-kolonialen Macht. Zwei Möglichkeiten bleiben, um diesen Widerspruch zwischen anti-kolonialer Großmacht und französischen Kolonialkriegen zu lösen: Entweder waren die antikolonialen USA nur bedingt antikolonial; oder das geschwächte Frankreich nur bedingt von den USA abhängig. Die beiden Kolonialkriege in Indochina und Algerien stellen offensichtlich die Bedeutung dieses internationalen Faktors, Supermacht USA und Kalter Krieg, der Dekolonisationstheorie in Frage. Auf diese Theorie wird im ersten Teil eingegangen. Danach steht die Metropole, die Situation im Nachkriegsfrankreich im Vordergrund. Schließlich werden die Situationen in der Peripherie, in Indochina und Algerien, sowie die Ursachen für den Dekolonisationsprozess vorgestellt. Besonders wird dabei auf die Rolle der USA eingegangen, ihre Einflussmöglichkeiten und Interessen in den jeweiligen Gebieten. Letztlich stellt sich die Frage nach der Relevanz der USA als internationaler Faktor für die Dekolonisationsprozesse Frankreichs.

2 Der internationale Faktor in der Dekolonisationstheorie

Verschiedene Autoren unterstreichen die Zusammensetzung der Dekolonisation als einen Prozess, der von drei Ebenen beeinflusst wird, so auch Raymond Betts:

„Decolonization might therefore be visually presented as an equilateral triangle, an arrangement of three parts of similar significance: national politics, international developments, and colonial protest movements.“[4]

Mommsen verdeutlicht zudem, dass es die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen waren, die die Dekolonisationsprozesse ausgelöst haben. Die Gewährung der Unabhängigkeit binnen weniger als zwei Jahrzehnten wurde jedoch nur auf Grund zusätzlicher exogener Faktoren erreicht.

„Insbesondere zu nennen sind hier der Zusammenbruch des japanischen Imperialismus, der zeitweilig in Südostasien ein bemerkenswert effektives Kolonialsystem hatte etablieren können […], sowie der Aufstieg der USA und der UdSSR zu Supermächten, die jede für sich eine hegemoniale Vormachtstellung über weite Gebiete des Erdballs begründeten. Schließlich wurde der Ablauf des Dekolonisationsprozesses von dem beginnenden »Kalten Krieg« […] sowohl positiv wie negativ in hohem Maße beeinflusst.“[5]

„Der“ internationale Faktor ist also nicht ein einziger, monolithischer Faktor, sondern setzt sich aus verschiedenen internationalen Entwicklungen zusammen, die während des und nach dem 2. Weltkrieg eingesetzt haben. Es wird sich zeigen, dass für den Fall Indochina besonders die Machtergreifung Maos 1949 sowie der einsetzende Korea-Krieg 1950 die Situation verändert haben.

2.1 Der Kalte Krieg als internationaler Faktor

Wenn Mommsen die Rolle des Kalten Krieges als „sowohl positiv wie negativ“ bezeichnet, deutet dies an, dass der internationale Faktor „Kalter Krieg“ den Dekolonisationsprozess auch verkomplizieren und verlängern konnte:

„The United States supported the continuation of European Rule where it seemed to assure a bulwark against communism (as in Indochina after the outbreak of the Korean War in 1950)…”[6]

Es zeigt sich also, dass die Dekolonisation der europäischen Kolonialreiche und der beginnende Kalte Krieg in dieselbe Epoche fallen und sich in ihrer Entwicklung beeinflussen. Auch dies wird am Beispiel Indochina gezeigt. Für jeden Dekolonisationsprozess, aber auch zum Beispiel für die Suez-Krise 1956, war die Frage nach dem Einfluss der UdSSR bedeutend. Für den Fall Frankreich fasst Höhne die internationalen Veränderungen wie folgt zusammen:

„Weiter eingeengt wurden die kolonialpolitischen Handlungsmöglichkeiten durch den Ausbruch des Ost-West-Konflikts 1946/47. Dieser zwang Frankreich, sich außen- und sicherheitspolitisch noch enger an die Vereinigten Staaten anzulehnen, und führte innenpolitisch zum Bruch der Kommunisten mit den demokratischen Parteien. Kolonialpolitik konnte nun außenpolitisch nur noch mit amerikanischer Rückendeckung bzw. Tolerierung, innenpolitisch nur noch gegen den Widerstand der Kommunisten betrieben werden.“[7]

Eben diese Schlussfolgerungen gilt es in Frage zu stellen, denn der Forschungsstand zur Rolle und Bedeutung der USA im Dekolonisierungsprozess lässt Generalisierungen eigentlich nur sehr begrenzt zu. Nach Marc Frey gibt es in diesem Zusammenhang nur wenige Thesen, deren „Akzeptanz mittlerweile unumstritten scheint“. Unter ihnen sind folgende für diese Arbeit relevant:

Die amerikanische Dekolonisierungspolitik hing von den Vorgaben des Kalten Krieges ab, ob die Nationalbewegung freundlich gesinnt war oder nicht. Vorstellungen zur nationalen Sicherheit spielten also eine dominierende Rolle.[8]

Die Frage nach der „nationalen Sicherheit“ wird also hier eine besondere Rolle spielen.

2.2 Der Anti-Kolonialismus der USA

Grundsätzlich folgte die pax americana zwei außenpolitischen Prinzipien: dem Anti-Kommunismus und der Containment-Politik. Der amerikanische Anti-Kolonialismus ordnete sich unter diese Prinzipien. Auch muss bedacht werden, dass die einzelnen amerikanischen Präsidenten die Prinzipien unterschiedlich gewichtet haben. Roosevelt, der mit Churchill 1941 die Atlantic Charta verabschiedete, war der festen Überzeugung, nur Demokratie und freie Marktwirtschaft könnten gewähren, dass der 2. Weltkrieg auch der letzte sein würde. Dazu zählte er auch Selbstverantwortlichkeit und Selbstregierung aller staatlichen Akteure. Roosevelt setzte sich in besonders starkem Maße dafür ein, dass die Europäer ihre Kolonialreiche aufgaben.[9] Als der Zeitpunkt dafür gekommen war, nach dem Ende des 2. Weltkrieges, lag dies jedoch in den Händen der Truman-Administration, für die „der Anti-Kolonialismus keine bedeutende politische Größe darstellte“[10]. Eisenhower und sein Außenminister Dulles waren hingegen vom Anachronismus des Kolonialismus überzeugt, unter ihrer Führung kam es zum Truppenrückzug am Suezkanal:

„Er (Eisenhower, Anm.d.A.) wollte in keiner Weise mit dem überholten System des britischen und französischen „Kolonialismus“ in Verbindung gebracht werden, dem sich die Vereinigten Staaten, seiner Meinung nach, aus historischen Gründen widersetzen mussten.“[11]

Sein Nachfolger Kennedy kritisierte zu Zeiten der Eisenhower-Administration nicht nur die Regierung für ihre Untätigkeit in der Dekolonisationsfrage, sondern auch Frankreich öffentlich für seinen Algerienkrieg.[12] Es zeigt sich also, dass die einzelnen amerikanischen Präsidenten der Frage der Dekolonisation unterschiedliche Nuancen gaben, jedoch alle, wohl bis auf Truman, der Idee des Anti-Kolonialismus verbunden waren.

3 Die Metropole Frankreich: Warum 16 Jahre Kolonialkriege?

„Although nominally a Great Power in 1945, with a seat on the United Nations Security Council and the second-largest empire in the world, France emerged from the Second World War as a much weakened nation.“[13]

3.1 Moralischer Wiederaufbau

Tatsächliche Schwäche und ebenso gewollte Stärke beschreiben wohl die politische Nachkriegssituation in Frankreich am besten. Das Land hatte die Niederlage vor Nazideutschland ebenso zu verkraften wie die Kollaboration mit demselben. Dass Frankreich dennoch „ein bisschen stolz“ aus dem Krieg kam hatte sie der Résistance zu verdanken, die von General de Gaulle verkörpert wurde. Dieser ignorierte die tatsächliche Schwäche Frankreichs und handelte, zuweilen mit Erfolg, den Großmachtstatus unter den „Big Three“ aus. So wurde Frankreich zu einer der Besatzungsmächte in Deutschland und erhielt den Sitz im UN-Sicherheitsrat. Auch wenn Frankreich die Nachkriegsordnung nicht geschrieben hat, so hat sie diese doch beeinflusst. Denn trotz militärischer und wirtschaftlicher Schwäche sowie politischer Teilung hatte Frankreich für die Großmächte vor allem eine wichtige strategische Bedeutung:

„European economic recovery and Western defences depended on her and she had a major impact on the exact shape of post-war Europe, not least in laying the basis for European political and economic co-operation.“[14]

De Gaulle versuchte aus dieser strategischen Bedeutung die tatsächliche Unabhängigkeit für Frankreich zu schöpfen und wollte ihr die Rolle einer „Brücke“ zwischen West und Ost zukommen lassen:

„The ‚bridge’ idea was attractive for a number of reasons: it suggested that France could play a significant role in the world; it would allow links to both America and Britain (vital for military and economic supplies) and Russia (vital to hold down Germany in future); and it would help to unite the three major political parties at home.”[15]

[...]


[1] Vgl. Wesseling (1997), S. 120f.

[2] Vgl. Sela (1998), S.227f.

[3] An Großbritannien gingen von 1948 bis 1952 insgesamt 3,126 Milliarden US-Dollar, an Frankreich 2,629 Milliarden US-Dollar. Vgl. Grosser (1980), S.79.

[4] Betts (1998), S.36.

[5] Mommsen (1990), S.7f.

[6] Betts (1998), S.35.

[7] Höhne (2000), S.213.

[8] vgl. Frey (1999), S.188f.

[9] vgl. ebd., S.193f.

[10] ebd., S.207.

[11] Louis (1990), S.170.

[12] vgl. Lefebvre (1999), S.61.

[13] Young (1996), S.96.

[14] Young (1994), Preface.

[15] Ebd., S.29.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die USA als anti-koloniale Supermacht und die französischen Kolonialkriege in Indochina und Algerien
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V78827
ISBN (eBook)
9783638846875
ISBN (Buch)
9783640204229
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Supermacht, Kolonialkriege, Indochina, Algerien, USA, Dekolonisierung
Arbeit zitieren
M.A. Mareike Bibow (Autor), 2004, Die USA als anti-koloniale Supermacht und die französischen Kolonialkriege in Indochina und Algerien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78827

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